Briefspiel:Spiel der Füchse/Nachtschwärmer
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Im Ballsaal nach dem Boltan-Spiel
Dettmarahja blickte ihre Großtante verwundert an: “Du bist doch eine Illusionsmaga, wie kann es sein, dass du so früh ausgeschieden bist?” Die Tulamidin lächelte verständnisvoll: “Nun siehst du, meine liebe Dettmarahja, es wäre wie mit gezinkten Karten zu spielen, es wäre schlicht Betrug! Ich hätte bereits beim Tanz Magie wirken können und das ein oder andere Paar eine falsche Melodie hören lassen können, auf dass sie gänzlich aus dem Rhythmus sind und disqualifiziert werden oder Carolus und meine Bänder verschleiern und stattdessen Illusionen der Bänder an anderer Stelle erscheinen lassen können, so dass die Griffe unserer Gegenspieler ins Leere gegangen wären, aber das wäre dann kein richtiger Wettstreit mehr. Entweder ich gewinne, weil ich wirklich besser in einer Disziplin bin als meine Kontrahenten oder ich verliere, aber gewinnen, weil ich die anderen hereingelegt habe, wäre sehr ehrlos und würde zudem ein schlechtes Licht auf die Familie Gerber werfen!”
Die junge Frau nickte nachdenklich: “Ich verstehe und mir gefällt deine Einstellung!”
Die drei Damen genossen die Zeit, Yoline wurde zweimal zum Tanz aufgefordert und Avedane tanzte einmal mit Dettmarahja. Groß war die Freude, als Carolus verkündete, dass er ins Finale eingezogen war. Auch wenn es am Ende nur für den dritten Platz gereicht hatte, war man zufrieden.
Nach dem Desaster beim Tanzwettbewerb könnte man nun doch endlich einige Punkte verzeichnen.
Angetrunken
Mit Sorge beobachtete Phÿllis ya Pirras das Spiel ihrer Schwester, die sich gar merkwürdig verhielt. Diese Nervosität und dieses seltsame Kichern, um diese zu kaschieren. Diese Wesenszüge kannte sie bisher gar nicht von ihr. Ebenso besorgt schaute sie auch auf ihre Mutter Feodora neben ihr, der dieses auch aufgefallen war und ihr deutlich die Stimmung vermieste.
Als Ancalita ihr letztes Blatt verlor und sie damit ausgeschieden war, stand sie auf und erblickte ihre Mutter. Mit einem Schlag wurde sie wieder klar im Kopf und wusste genau, was sie nun erwartete. Niedergeschlagen wie ein geprügelter Hund kam sie auf die beiden zu. Phÿllis trat ihr entgegen und nahm sie in den Arm. Dabei stieg ihr ein Geruch in die Nase. Sie atmete noch einmal ein und fragte leise: “Schwesterherz, hast du getrunken?” “Etwas.”, flüsterte Ancalita als Antwort. “Grundgütiger. Das riecht nicht nach etwas.”, erwiderte die Adepta weiterhin flüsternd. Deswegen auch dieses seltsame Verhalten. Flugs drehte sie sich zu ihrer Mutter um. “Verzeih Mutter, Ancalita fühlt sich nicht, was auch ihr schlechtes Abschneiden beim Boltan erklärt. Ihre Stirn ist warm und ihre Wangen sind schon gerötet. Wir ziehen uns besser zurück. Schau, Cousine Terantina wird gleich Platz nehmen. Die Heitere wird bestimmt ihre schützende Hand über sie halten und ihr mehr Glück bescheren.”
Ohne ihrer Mutter auch nur die Möglichkeit einer Erwiderung zu geben, zog sie ihre Schwester zu den Treppen nach oben. “Meiner Treu, du warst doch nur mit dem jungen von Schreyen zusammen. Wie konnte das passieren. Du weißt doch, dass du….” “Ich weiß, ich weiß. Hör auf mich zu tadeln wie Mutter.” “Ich bin nicht wie Mutter.”
Schweigend gingen die beiden Schwestern zu ihrem Zimmer. Dort angekommen, ließ sich Ancalita schwer auf ihr Bett fallen. “Du hast recht. Erst waren nur wir beide zusammen, aber auf der Suche nach dir und deiner Begleitung trafen wir auf eine junge Dame und ihren Galan. Ollantur hieß sie, glaube ich, so elegant und wunderschön. Wir hatten eine interessante Konversation und ich dieser Runde, nun ja.” Phÿllis lächelte. Schon lange hatte sie ihre Schwester nicht mehr so losgelöst von jeglichen Verpflichtungen gesehen. “Du bist mir keinerlei Rechenschaft schuldig, Schwesterherz. Nun komm, bereiten wir uns auf die Nacht vor. Ich befürchte, morgen wird es genauso weitergehen.”
Glück im Spiel…
Grangorion wirkte recht zufrieden, als er vom Boltantisch in den Ballsaal zurückkehrte. Seine Mutter begrüßte ihn mit einem strahlenden Lächeln. “Du hast dich gut geschlagen, Grangorion! Hervorragend!” Tsabellas Ältester lächelte vielsagend. “Vielleicht hat es ja sein Gutes, dass mir die Karten im Finale nicht den Sieg beschert haben. Heißt es nicht Glück im Spiel, Pech in der Liebe? Wenn das umgekehrt genauso gilt, wäre mir das nicht unrecht.” Er ließ seinen Blick über die Tanzfläche schweifen. “Hast du zufällig meine geheimnisvolle Tanzpartnerin von vorhin irgendwo gesehen?”
Die pfauengefederte Carenio schüttelte bedauernd den Kopf. “Nein, sie scheint eine Phexdienerin oder Magierin zu sein… einfach verschwunden!” Mit einem Schulterzucken ließ sich Grangorion ein Glas Ragazzo reichen. Er würde schon eine neue Tanzpartnerin finden.
Tanzen bis zum Morgengrauen
Mit einem galanten Handkuss beendete Horakles Kanbassa den Tanz mit Terantina ya Pirras. Die Rahjageweihte hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und bedankte sich mit einem Lächeln.
Nachdem sie beim Fuchsband aus ihrer Sicht sehr früh ausgeschieden war und auch die Boltanrunde ein jähes Ende gefunden hatte, hatte sie sich dazu entschieden zu Tanzen bis die Gesellschaft sich auflöste. Danach sah es aber noch nicht aus und so warf sie einen Blick in die Runde der Tanzenden.
Kurz erhaschte sie einen Blick auf Dartan di Camaro, der gerade mit Maica Leccare, einer alten Bekannten aus Belhanka, auf der Tanzfläche war. Kurz traf sie die Sehnsucht wie ein Pfeil durchs Herz, aber es würde in den nächsten Tagen noch genug Gelegenheiten geben.
Dann traf ihr Blick Tsabella della Carenio, die Siegerin des Fuchsbands nebst Begleitung. Ein interessanter junger Mann mit markanten Gesichtszügen. Der Höflichkeit halber, sollte sie noch ihre Glückwünsche aussprechen und wer weiss was sich sonst noch ergibt. Geschickt nahm sie einem livrierten Diener ein Glas Wein vom Tablett und ging auf die beiden della Carenios zu.
Grangorion hatte die schöne Rahjageweihte vor seiner Mutter erspäht. Die folgte dem offensichtlich faszinierten Blick ihres Sohnes und ahnte sofort, dass Grangorion einen Ersatz für die verschwundene Tanzpartnerin von vorher gefunden hatte. Der Esquirio verneigte sich galant vor der Blondine, die sich zu ihnen gesellte. Mit einem gehauchten Handkuss begrüßte er sie. “Rahja persönlich erweist uns die Ehre! Irre ich mich, oder habt Ihr vorhin auch am Boltanturnier teilgenommen? Wie war gleich Euer Name?” Nachdem er sich von der behandschuhten Rechten Terantias gelöst hatte, drehte sich Grangorion zu seiner Mutter. “Darf ich Euch meine Mutter, Tsabella della Carenio vorstellen? Mein Name ist übrigens Grangorion.”
Die Geweihte zeigte sich geschmeichelt von diesem Kompliment. Sie verbeugte sich vor der Sewamunderin. “Terantina ya Pirras, Lehrerin der Leidenschaft aus dem Tempel der heiligen Svelinya-Horas zu Shenilo. Sehr erfreut Signora Tsabella und Gratulation zum Gewinn des Fuchsbands. Eine wunderbare Darbietung von Anmut und Eleganz. Beneidenswert.” Damit wandte sie sich wieder dem jungen Krieger zu. ‘Ihr habt recht Signor Grangorion, auch ich nahm am Boltanturnier teil. Leider war der Herr Phex mir nicht hold und setzte mich an den Tisch der späteren Siegerin. Aber ihr, ihr hattet euren Platz am Tisch der Besten. Auch dazu meinen Glückwunsch.” Sie erhob ihr Glas und prostete beiden zu.
Die beiden Carenios erwiderten das Zuprosten. Tsabella betrachtete Terantina mit großem Interesse. Ja, sie konnte sich gut vorstellen, dass die schöne ya Pirras eine gute Lehrerin im Namen Rahjas für ihren Spross sein konnte. “Nun, Grangorion, du solltest Terantina eine Revanche auf der Tanzfläche anbieten!” Der Angesprochene verschluckte sich fast an seinem Ragazzo. Hüstelnd drückte er seiner Mutter das Glas in die Hand. “Richtig! Entschuldigt bitte, schöne Terantina! Wie nachlässig von mir! Würdet Ihr mir den Gefallen tun und mir auf der Tanzfläche beweisen, dass ihr Eure Stärken in anderen Künsten habt? Ich brenne darauf, die Albernande mit Euch tanzen zu dürfen!” Galant verneigte sich Grangorion und hielt ihr die Hand hin, um sie auf die Tanzfläche zu geleiten.
Terantina legte ihre Hand unter die Grangorions. “Mit Vergnügen; Signor Grangorion. Ihr habt euch dafür aber einen ungewöhnlichen Tanz ausgesucht. Ich bin wahrhaftig gespannt, wie ihr diesen meistert.” Ihr Lächeln wurde herausfordernd, fast schon spitzbübisch.
Als beide die Tanzfläche erreichten, stellte sich Grangorion schräg hinter Terantina und beide fassten sich an die Unterarme. Die Musik begann zu spielen und beide bewegten sich mit würdevoll eleganten Schritten über das Parkett. Danach drehte sich Terantina unter Grangorions verschränkten Arm hindurch, um ihm in die Augen zu blicken. “Ihr seht mich angenehm überrascht Signor und eure Ausstrahlung hat mich nicht getäuscht.” Wieder vollführte Terantina eine Drehung, so dass sie mit dem Rücken zu Grangorion stand. Fast beiläufig berührte sie dabei seinen Oberkörper einen kurzen Moment länger als notwendig, war aber behände genug, um dies wie einen Zufall aussehen zu lassen.
Grangorion genoss den Tanz mit Terantina. Sie bewegte sich anmutig und flink, dazu war sie charmant und ausgesprochen anziehend. Als sie sich so drehte, dass sie seinen Oberkörper berührte, einen Augenblick länger als der Takt der Musik es erwarten ließ, genoss er die Berührung. Mit einem tiefen Einatemzug sog er den Duft ihres Parfüms ein. Betörend, wirklich rahjanisch, wie die Trägerin. Für einen Augenblick kam er aus dem Takt. Ärgerlich über diesen Lapsus beeilte er sich, wieder den Rhythmus aufzunehmen und führte Terantina in die nächste Drehung. Die Harmonie der beiden auf der Tanzfläche war nicht nur spürbar, sondern sichtbar. Aus dem Augenwinkel heraus konnte Grangorion die bewundernden Blicke der anderen Tanzpaare und der am Rand der Tanzfläche stehenden Zuschauer erkennen.
Leicht amüsiert bemerkte Terantina den kleinen Fehltritt. Sie vollzogen eine weitere Drehung und blickten sich wieder in die Augen. Braune Augen, genau wie die Dartans, aber doch irgendwie anders. Dass ihr das jetzt erst aufgefallen war. Aber nein, sie wollte an ihn jetzt keinen weiteren Gedanken verschwenden, denn ihr Tanzpartner war Grangorion della Carenio und nicht Dartan di Camaro. “Sagt Signor Grangorion, habt ihr vor, an weiteren Wettbewerben teilzunehmen oder seid ihr nach dem Boltan zur moralischen Unterstützung eurer werten Frau Mutter hier?”
Der Sewamunder betrachtete die Bewegung von Terantinas Lippen, wie schön sie ihren Mund formen konnte beim Bilden der Worte. Fast hätte er vergessen, auf den Inhalt zu achten. Eine Frage? Oh, wirklich, sie hatte ihm eine Frage gestellt, Die Gedanken sortieren. Was war gefragt? “Ich…äh ich trete noch bei den roten und weißen Kamelen an. Ansonsten begleite ich tatsächlich mehr meine Mutter, die sich gleich für einige der Spiele eingetragen hat. Und Ihr?”
“Konzentriert euch Signor Grangorion, schließlich führt ihr mich. Oder sollen wir die Rollen tauschen?” Terantina lachte, vollführte zwei Drehungen und war auf einmal in Grangorions Rücken. Sie war etwas kleiner als er, was man bei dieser Figur auch merkte. Bevor dies zu grotesk wirkte, drehte sie sich ein weiteres Mal und stand wieder vor ihm. Auge in Auge. “Ich begleite meine Tante und meine beiden Nichten. Meine Zeit des Spielens ist vorbei. Zumindestens die Spiele in Phexens Sinne.”
Sie schritten wieder würdevoll über das Parkett. “Aber vielleicht spielt ihr gegen meine Tante oder meine Nichte. Wie heißt es noch gleich, Rote und weiße Kamele? Wenn ihr Zeit erübrigen könnt, zwischen den Pflichten bei eurer werten Frau Mutter, vielleicht könnt ihr mir dieses Spiel in einer ruhigen Minute erklären?”
Verflixt! Natürlich hatte sie seinen Lapsus bemerkt und Grangorion bemühte sich nun wieder seine Konzentration auf die Schritte zu lenken. Es war eine wahre Freude mit Terantina über das Parkett zu tanzen. als ihre Äußerung, die Regeln von Rote und weiße Kamele lernen zu wollen, ihm die Gelegenheit bot, vielleicht mit ihr alleine zu sein, stimmte er erfreut zu. “Selbstverständlich kann ich Euch die Regeln erklären. Es ist gar nicht so kompliziert.” Hoffnungsvoll, sie ein wenig für sich haben zu können, vollführte er eine weitere Drehung mit Terantina und blickte ihr schmachtend in die Augen.
Tsabella beobachtete amüsiert das Spiel ihres Ältesten mit der schönen Terantina. Er hatte in jedem Fall einen angenehmen Abend. Wie gut, dass sie ihn mitgenommen hatte zum Spiel der Füchse.
Die letzten Töne der Musik erklangen und Terantina löste sich von Grangorion um der Kapelle Applaus zu spenden. Danach bot sie Grangorion wieder ihre Hand an, damit er sie von der Tanzfläche führen konnte. “Nun Signor, der Abend ist schon recht fortgeschritten und ich denke, dass meine Konzentration nicht mehr die Beste ist, um euren Erklärungen des Spiels zu lauschen. Und schließlich habt ihr als Begleiter eurer Mutter eine wichtige Aufgabe. Aber diese werdet ihr morgen im Laufe des Tages ja nicht dauerhaft erfüllen müssen, denn sie wird bestimmt nicht an jedem Spiel teilnehmen. Was denkt ihr?” Wieder ertappte sie Grangorion dabei, dass er seinen Blick nur schwerlich von ihr lösen konnte. Es amüsierte sie sichtlich und fast schlich sich das Gefühl des Bedauerns in ihren Geist, dass sie den jungen Mann nicht schon eher wahrgenommen hatte.
“Sicher!”, stammelte Grangorion, als Terantina ihm nach dem Tanz zu verstehen gab, dass das schöne Spiel mit ihr für diesen Abend zu Ende war. Ein heftiges Zwicken in der Magengrube machte die Enttäuschung körperlich fühlbar. Doch schaffte er es nach einem tiefen Atemzug, seine Cortesia nicht zu vergessen. Der Esquirio verbeugte sich vor Terantina, deutete erneut einen Handkuss an und geleitete sie von der Tanzfläche.
Umso größer wurden seine Augen, als Terantina sich nach der Verabschiedung von ihm und seiner Mutter sogleich in die Gesellschaft eines sehr großen, gutaussehenden Mannes begab. Wie dumm von mir, nicht einen Augenblick daran zu denken, dass Terantina nicht alleine hier ist. Grangorion schalt sich selbst und spürte den Widerstreit der Gefühle, die sich wie lodernde Flammen tief durch seine Organe fraßen. Die zweite Lektion, die ihn die Damenwelt an diesem Abend lehrte. Er beschloss, die Tanzfläche nicht mehr zu betreten, sondern sich erst einmal mit einem Glas Ragazzo ins Freie zu begeben, um sich von der frischen Luft das aufgeheizte Gefühlschaos kühlen zu lassen. “Entschuldigt, Mutter!”, mit diesen Worten ließ Grangorion Tsabella stehen und floh förmlich aus dem Ballsaal.
Im Netz der roten Spinne
Aus einiger Entfernung hatte Dartan den Tanz der Terantina und des jungen Grangorion wahrgenommen. Mit einem dicken Grinsen hatte er sich daraufhin mit dem Rücken gegen eine Säule gelehnt, ein Bein vor das andere geschlagen und nippte entspannt an seinem; er wusste nicht mehr, welches wievielte Glas Wein. Das war ein klassischer Terantina. Er kannte ihr aufreizendes Lächeln oder diese so unüberlegt und zufällig wirkenden, aber exakt geplanten, kurzen Körperberührungen inzwischen nur zu gut. Sie spielte mit ihm, ergötzte sich an der Verlegenheit des armen Sewamunder. Jetzt fehlte nur noch, dass er rote Wangen bekam. Ja, sie brachte ihm Leidenschaft und Gefühl bei, aber ganz uneigennützig war sie dabei auch nicht. Jetzt war also Grangorion im Netz der roten Spinne gefangen. Wahrscheinlich bildeten sich in dessen Kopf nun Phantasien von Glück, Heirat, Kindern, Schmetterlingen und Hundewelpen, die über eine Wiese tollten. Doch er wusste, dass ihr Herz einer ganz anderen Person gehörte. Ihr selbst. Ganz kurz trafen sich seine und Terantinas Blicke. Er prostete ihr mit einem spitzbübischen Lächeln zu.
Kurze Zeit unterhielten sich Terantina und Grangorion noch weiter, dann entschuldigte sie sich für einen kurzen Moment und ging auf ihren Ex-Verlobten zu. “Na? Der Maica Leccare überdrüssig geworden?” Dartan richtete sich wieder auf. “Sie wurde etwas müde, ja. Und du? Ein Wangenkuss für Horakles Kanbassa? Hat der Mann bei euch nicht schon genug Schulden? Oder war das eine Erinnerung, dass ihn die Liebe verlassen wird, wenn er nicht bald die veruntreuten Gelder zurückzahlt?”
“Eifersüchtig?” grinste sie. Dartan lachte auf.
“Ha. Worauf? Auf diesen jungen Ritter da?” Er musterte Grangorion von Kopf bis Fuß. “Zugegeben, er sieht aus, als würde er sich bereits für dich vor einen Schwarzoger werfen, um sein Leben für deins zu geben. Und als könne er diesen vielleicht sogar besiegen. Ich denke, er hätte die Kondition für ein bis zwei Lanzengänge, bevor ihn die Realität dann mit dem ersten Sonnenstrahl weckt.”
Terantinas Miene verfinsterte sich durch ihre Maske. “Der Herr wird also anmaßend. Du BIST eifersüchtig!” Dartan hob die Hände. “Hey, ich kenne deine Regeln, ich hab nicht vor, dir deinen Spaß zu verderben. Er ist in deinem Netz, nun hol die Beute ein. Wir sind hier zum Spielen und so ist das Spiel. Ich bin mir sicher, dass er dir noch ganz viele Rittergeschichten erzählen will. Das wird großartig. Also los, der Tisch ist gedeckt.” Dartan klang ungewohnt ernst bei diesen Worten. Fast ein wenig bitter. “Ja, ich sollte ihn nicht warten lassen, die Herrin erkennt diejenigen, die ihrem Segen würdig sind.” murrte sie ob dieser Frechheit noch einmal zurück.
Schwungvoll drehte sie sich von Dartan weg, um dann überrascht festzustellen, dass Grangorion nicht mehr im Saal war. Sie ließ sich nichts anmerken, wollte sich vor Dartan keine Blöße geben, sondern schaute sich nach einem neuen Tanzpartner um.
Der letzte Tanz des Abends
Carolus hatte mit diversen Damen getanzt und war nun auf der Suche nach einer neuen Tanzpartnerin, als er eine wundervolle, blonde Schönheit gewahrte, die sich wohl gerade von ihrem vorherigen Tanzpartner abgewandt hatte und nun offenbar ihrerseits auf der Suche nach einem neuen Herrn war. Rasch trat er an sie heran und verneigte sich: “Werte Signora, gewährt mir die Gunst des nächsten Tanzes. Darf ich mich vorstellen, Signor Carolus Gerber, zu ihren Diensten!”
Mit einem Lächeln hielt Terantina ihrem neuen Galan die Hand hin, um sie auf die Tanzfläche zu führen. “Aber natürlich Signor Gerber, meine Gunst sei euch für diesen Tanz gewährt.” Carolus hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken und legte vorsichtig seine Hand auf die ihre. Als sie auf dem Weg zur Tanzfläche waren, ergriff die Geweihte das Wort. “Gerber, sagtet ihr? Nun, dann könnt ihr mir doch sicherlich etwas über den Verbleib von Belisa Gerber sagen. Sagt Signor, seid ihr direkt mit ihr verwandt?”
Der Senator hob etwas überrascht die linke Augenbraue: “Nun, nach meinen letzten Informationen ist Belisa seit etwa fünf Götterläufen im Dienste der Kusliker Flotte, aber tatsächlich hat meine Nichte zweiten Grades schon sehr lange nichts mehr von sich hören lassen. Ich bin erstaunt, dass ihr Belisa kennt. Darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe zu tanzen?” Noch ehe die Schönheit in seinem Arm auch nur Luft geholt hatte, um zu antworten, fügte der Efferdier hinzu: “Vielleicht erfreut es euch zu hören, dass ihre Zwillingsschwester Yoline hier ist?”
“Terantina ya Pirras, Lehrerin der Leidenschaft im Tempel zu Shenilo. Und ja, ich kenne Belisa. Wir hatten, sagen wir es mal so, ein gemeinsames Interesse.” Wieder suchte sie Dartan di Camaro mit ihrem Blick und schwelgte kurz in Erinnerungen. An die Verlobung, an das Gongfest und an Belisa Gerber, die sie als Ablenkungsmanöver nutzen wollte, aber durch deren Naivität diesen Plan durchkreuzte. “Leider bin ich mit ihrer Schwester nicht bekannt. Aber vielleicht ändert sich das ja diesen Abend zu später Stunde.” Die Kapelle begann zu spielen und beide begannen sich im Takt der Musik zu bewegen.
Carolus war etwas verwundert, denn Belisa und Yoline waren unzertrennlich gewesen und man traf die Eine eigentlich nie ohne die Andere. Aber vielleicht hatten sich die beiden Frauen, die in etwa das gleiche Alter haben dürften, in Methumis während des Studiums kennengelernt, das würde es erklären. Der schlanke Mann mit dem braunen Haar und den grünen Augen lächelte zufrieden, als endlich die Musiker wieder ihrem Handwerk nachgingen. “Welch eine unerwartete Ehre, ich bin hocherfreut eure Bekanntschaft zu machen, Signora Terantina. Kommt nicht oft vor, dass ya Pirras mit Gerber tanzt”
Welch eine wundervolle Frau, dachte er. Noch vor vier Götterläufen hätte er ihr gnadenlos Komplimente gemacht und ihr Schmuck geschenkt. Zu jener Zeit pflegte er immer Armbänder, Ringe oder Ketten in der Tasche zu haben, genau für solche Momente. Aber das war Vergangenheit. Er hatte Emilias Herz zurückgewonnen und er würde seine Familie kein zweites Mal verlieren. “Was hat euch nach Shenilo verschlagen? Wir haben in Efferdas nun auch wieder einen wundervollen Rahja-Tempel. Schöner als zuvor, wie ich finde. Oder war es die Liebreizende, die euch so fern der Heimat euren Dienst versehen lässt?”
Der Mittvierziger wirkte aufrichtig interessiert.
Wusste Carolus nicht, was seinerzeit vorgefallen war? Dass sie Efferdas wegen der Geschehnisse bei eben jenem Gongfest verlassen hatte und sie Zuflucht in dem verhassten Belhanka fand? Nun ja, sie würde es ihm nicht ins Gedächtnis rufen. “Der Ruf der Göttin und meine dort gefundene Aufgabe als Betreuerin der Zweiflinger Kapelle führten mich an diesen Ort. Ich habe schon von dem neuen Tempel gehört und werde ihm zu gegebener Zeit sicherlich einen Besuch abstatten.” Den Einwand mit den ya Plrras und den Gerber ignorierte sie einfach.
Der versierte Tänzer genoss den Tanz mit der jungen und sich elegant bewegenden Geweihten. Er hatte dem Suff, dem Glücksspiel und der Hurerei abgeschworen, er würde seiner Gemahlin die Treue halten, aber das Vergnügen, mit solch wundervollen Frauen zu tanzen, würde er niemals aufgeben. Nicht solange seine Beine ihn noch vernünftig den Takt halten ließen. Carolus fiel auf, dass seine Tanzpartnerin immer wieder Ausschau nach einer bestimmten Person hielt. Wenn er sich nicht täuschte war es der Mann, der sein dunkles. langes Haar zu einem ordentlichen Pferdezopf zusammengebunden hatte. Bei genauer Betrachtung kam ihm der junge Mann bekannt vor. Mit Unschuldsmiene sah er Terantina an und fragte wie beiläufig: “Sagt, ist das dort nicht Signor Dartan di Camaro? Man sagt, er soll es verstehen, meisterlich das Rapier zu führen.” Und wenn die Gerüchte stimmten, nicht nur das Rapier, das er am Waffengurt trug. Ob die Lehrerin der Leidenschaft seinem Charme bereits erlegen war? Oder vielleicht umgekehrt?
Ein breites Lächeln zeigte sich in Terantinas Gesicht, war es nicht allein das Rapier, welches Dartan zu führen verstand. “Ja, eure Augen täuschen euch nicht, Signor. Dort steht Dartan di Camaro. Lebemann, Charmeur und mein ehemaliger Verlobter.” Gespannt schaute sie Carolus in die Augen, ob sich jetzt ein Erkennen zeigte.
Ihre Antwort überraschte ihn, ehemaliger Verlobter? Damit hatte er nicht gerechnet.
Ihr Blick zeigte ihm, dass sie erwartete, dass er sich an etwas erinnerte. Und mit Sicherheit war damals eine Welle der Empörung durch Efferdas gegangen. Wenn eine Verlobung gelöst wurde, war das meist ein riesen Skandal, gerade und besonders bei Familien wie den ya Pirras und den di Camaro. Gerade bei den Patrizierfamilien aus Handwerk und Handel war dieses Ereignis garantiert mit einer ordentlichen Portion Schadenfreude zur Kenntnis genommen worden, wenn Familien aus dem Altadel solch eine Schmach widerfuhr, konnte man gönnen. Am liebsten hätte er gesagt ‘Schätzchen zu der Zeit, als das passiert ist, lag ich zwischen den Schenkeln einer, meist verheirateten Frau, war besoffen oder saß am Spieltisch. Alles, was außerhalb dessen lag, entzog sich gänzlich meiner Wahrnehmung und meinem Interesse.’ zur Antwort gab er allerdings: “Muss wohl in der Zeit gewesen sein, als ich einige Zeit geschäftlich in Grangor weilte!” Er führte sie in eine Drehung und sprach dann weiter: “Rein vom Gefühl würde ich behaupten, ihr habt die Verlobung platzen lassen, er wäre ein Narr, wenn er euch nicht geehelicht hätte!” Erneut schickte er die dralle Schönheit in eine Drehung und sie bewegte sich mit einer Anmut, die wohl nur Rahjani und herausragende Tänzerinnen eigen war. Ja, Terantina war eine Frau die die Aufmerksamkeit aller Männer auf sich zog und bei der selbst Eunuchen nervös wurden, was die junge ya Pirras aber wirklich gefährlich machte, sie war sich dessen bewusst und setzte diese Waffe gezielt ein. Welch Glück, dass er weder vom Alter noch in sonstiger Weise interessant für sie war.
“Es ist uns beiden anzukreiden, wollten wir beide nicht auf unsere Freiheiten verzichten. Außerdem hatte ich bereits den Ruf der Helteren vernommen und hatte gar schon bei der Wahl zur Geliebten der Göttin teilgenommen. Alles keine gute Voraussetzungen für eine brave Ehefrau.” Kurz lachte Terantina auf. “Ihr wart in Grangor, der Stadt der Kanäle. Davon müsst ihr mir erzählen. Nicht heute, aber in den nächsten Tagen. Wir sind ja noch ein paar Tage hier.”
Das Lied endete und Terantina machte elnen Knicks vor Carolus. “Ich danke euch für diesen Tanz, Signor. Es war mir ein Vergnügen. Für heute soll es mein letzter gewesen sein. Die Zeit ist schon recht fortgeschritten.”
Carolus verneigte sich: “Ihr seid eine überaus ungewöhnliche und interessante Frau.” Und gefährlich fügte er in Gedanken hinzu. Mit ehrlich erfreutem Lächeln fuhr er fort: “Es wäre mir eine Freude, euch bei Gelegenheit über Grangor berichten zu dürfen. Das Vergnügen lag ganz bei mir, verehrte Lehrerin der Leidenschaft Terantina! Ich wünsche euch noch eine angenehme Nacht!” Er geleitete sie noch von der Tanzfläche, verneigte sich erneut und wandte sich einer anderen Signora zu, mit der er wenige Augenblicke später wieder die Tanzfläche betrat.
Ein gefährlicher Plan
Vittoria atmete schwer, als sie endlich an dem kleinen Wareneingang ankam, wo zwei Bedienstete bereits stumm auf sie warteten. Gut, immerhin hatte dieser Luftikus sein Wort gehalten, sie war in keiner Verfassung, jetzt noch über eine Mauer zu klettern.
Sie trug ein cremefarbenes, fast weißes Kleid, das sanft herabfiel, mit tropfenförmigen Ausschnitt und einem Spitzentuch, das locker um die Hüften geschwungen wurde, in aurelianischer Mode. Es war eine Weile her, dass sie so feine Kleidung getragen hatte, aber sie hatte ihr Gespür für die aktuellen Trends noch nicht verloren. Dezent hob sie ihren geöffneten Fächer, ein altmodisches und gewichtiges Stück, das Raffaello ihr mitgegeben hatte, als Erkennungszeichen. Sie hatte sich nichts anmerken lassen, als sie in den Stickereien die rote Rose der ya Strozzas erkannte. Der Alte wirkte garantiert nicht wie jemand aus den südlicheren Regionen und sie hatte nicht den leisesten Schimmer, welche Intrige er hier angedacht hatte, war aber fest entschlossen, den Fächer streng geschlossen zu halten.
Vittoria hatte sich erfolgreich unter die Leute gemischt und hielt nun Ausschau nach ihrer ausgebüchsten Nichte, aber erfolglos, Tineke war seit einigen Monden fast unmöglich zu finden, wenn sie nicht gefunden werden wollte.
Das Boltanturnier war bereits vorbei und gerade spielten die Musiker zu einem leichten Tanz zur Zerstreuung. Weil sie nicht auffallen durfte und überhaupt nicht aus Eitelkeit deutete sie an, dass sie gerne bereit stand, um zum Tanz aufgefordert zu werden.