Briefspiel:Spiel der Füchse/Zwischen des Spielen

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Städteübergreifendes Briefspiel
Datiert auf: Travia 1047 BF Schauplatz: Palazzo Alentino in der Herrschaft Alentino, Baronie Aldyra Entstehungszeitraum: ab März 2025
Protagonisten: Jucho von Dallenthin und Persanzig Autoren/Beteiligte: Dajin,
Zyklus: Übersicht · Personae Dramatis · Alles zum Spiel · Ein goldener Morgen · Balkongespräche · Willkommen im Palazzo Alentino · Die neunte Stunde · Maskenball · Fuchsband · Zwischen den Spielen · Boltan-Runde · Nachtschwärmer · Das Plädoyer · Allein der Gedanke · Rote und Weiße Kamele · Kunstversteigerung · Der Fuchsbau · Kleinod Einer aus Neun mal Neun · Pferdewetten · Pferderennen · Regelwerke · Intermezzo · Juchos Memoiren (Das Finale)


Gerbersches Fazit nach dem ersten Spiel

Der Tanz war nach Partitur 5 nun auch für Carolus Gerber dieser erste Wettbewerb vorbei und er gesellte sich zu den anderen drei Damen seiner Familie. Dettmarahja sah noch immer ganz fasziniert dem Treiben auf der Tanzfläche zu, während Yoline sich mit Avedane angeregt unterhielt. Die tulamidische Schönheit hatte ihr heißes Blut inzwischen etwas gekühlt und war wieder in bester Laune. Sie schenkte dem schlanken und sich sehr elegant bewegenden Mann ein freundliches Lächeln und hielt ihm ein Glas Bosperano entgegen. Dieser machte eine formvollendete Pirouette mit leicht abgespreizten rechten Bein und erhobenen Armen, verneigte sich dann übertrieben tief und griff dann nach dem Glas Arangensaft welches die Maga in der anderen Hand hielt. „Meine liebste Base, ihr hattet schon raffiniertere Einfälle, mich in Versuchung zu führen!“ Er erhob das Glas und prostete den beiden Damen zu: „Möge uns bei den folgenden Runden der Herr der Nacht gewogener sein!“
Yoline prostete ihren Verwandten ebenfalls zu, trank einen Schluck und ereiferte sich dann: „Es war nicht anständig, sie zu disqualifizieren, weil sie durch das Unvermögen einer anderen Person aus dem Tritt gekommen war und kurz aus dem Konzept war.“ Carolus schmunzelte: „ Nun meine Liebe, gewöhnt euch besser schnell daran, dass das Leben in seiner Gänze selten dazu neigt, anständig oder gerecht zu sein.“ Entschuldigend blickte er zu Avedane ehe er weitersprach: „Unsere geschätzte Maga, die ich im Übrigen für eine ganz ausgezeichnete Tänzerin halte, hat einen Fehler gemacht und einen Augenblick einen wenig kompetenten Eindruck auf die Richter gemacht. Man könnte auch sinnieren, dass wenn wir etwas mehr Zeit gehabt hätten und uns rechtzeitig gefunden hätten, um gemeinsam als Paar zu tanzen, was ja der ursprüngliche Plan war, wir vielleicht besser abgeschnitten, ja diese Runde gar gewonnen hätten. Aber es ist müßig, denn alles wenn und hätte ändert nichts daran, dass die Realität ist, wie sie nun einmal ist. Es ist wesentlich sinnvoller, und dass lass dir von einem erfahrenen Kartenspieler gesagt sein, sich Gedanken darüber zu machen, was man mit den Karten , die man in der Hand hält, anfangen kann und daraus das Beste machen. Darüber zu sinnieren, was mit anderen Karten alles möglich wäre, ist der schnellste Weg zur Niederlage. Alles andere ist wie Schaukeln, es kostet Kraft, du bist in Bewegung, aber du kommst nicht wirklich von der Stelle.“ Carolus legte die freie Hand auf ihre Schulter und drückte sie sanft: „Wir haben nicht besonders gut abgeschnitten und es ändert sich nicht, wenn wir klagen und hadern. Die Realität ist wie sie ist und wir tun jetzt gut daran, uns auf die nächste Runde zu konzentrieren und die vergangene Runde bestenfalls als Lektion zu sehen und aus den Erfahrungen etwas zu lernen.“ Damit zog er seine Hand zurück und trank einen weiteren Schluck seines Arangensaftes.
Die Maga strich dem einstigen Lebemann sanft mit der flachen Hand über den Rücken und mit einer Mischung aus Spott und Anerkennung in der Stimme sagte sie: „Meinen Respekt, wer hätte gedacht, dass ein begnadeter Zahlenjongleur und ehemaliger Berufsspieler und Trunkenbold auch ein so tiefsinniger Philosoph sein kann!“ Der Angesprochene zuckte mit den Schultern und erwiderte mit einem Zwinkern: „Der viele Weingeist muss wohl seine Spuren hinterlassen haben!“
Interessiert verfolgte man nun ebenfalls den restlichen Verlauf des Spiels und beklatschte mit aufrichtiger Anerkennung die Siegerin Tsabella della Carenio.

Tsabella della Carenio

Tsabella della Carenio drehte ihr ausladendes Gewand mit dem Pfauenfederschwanz im Kreis und ließ sich feiern. Sie neigte mit nickender Federkrone das Haupt in jede Richtung, aus der ihr Applaus gespendet wurde. Natürlich wusste sie, dass sie erst ganz zum Schluss mit viel Glück das Spiel für sich entschieden hatte. Doch am Ende zählte schließlich einzig das Ergebnis. Tsabella hatte großen Spaß an der Hatz nach den Bändern gehabt! Was für ein Auftakt, ganz nach ihrem Geschmack! Noch immer außer Atem, aber in bester Laune, ließ sie sich ein Glas Bosparanjer reichen, dessen prickelnde Erfrischung ihr kühlend die Kehle hinabrann. Beflügelt von ihrem Sieg prostete sie ihren Bewunderern zu.

Daria Legari

„Bei Rahja und ihren Geschwistern!“, Daria Legari zog ihren Fächer hervor und begann sich hektisch etwas Luft auf ihr erhitztes Gesicht zu fächeln. Ihr Atem ging schwer. Was für ein Tanz! Sie hatte sich wirklich gut geschlagen, aber die Länge und die Geschwindigkeit waren ein Kaliber für sich. Uff! Da erschien ihre Großnichte neben ihr. Ardara war sich nicht ganz sicher, wie wahrscheinlich es war, dass die doch schon etwas betagte Dame kollabierte. Schließlich hatte sie gerade mit einer Horde Leute, die teilweise nicht einmal halb so alt war wie sie, um die Wette getanzt. „Das war wirklich beeindruckend!“, meinte sie mit einem Strahlen um ihre Sorge zu überspielen und klatschte in die Hände. Daria machte eine wegwerfende Bewegung mit dem Fächer. „Ach was, wenn du jemanden hofieren möchtest, wäre die Pfauendame die Richtige. Sie war richtig gut, aber bei ihrem Ruf wäre ich auch enttäuscht gewesen, wäre es anders.“ Kurz gluckste sie, „ aber vor zwanzig Jahren wäre die Sache anders ausgegangen, meine Liebe. Nun ja, vielleicht habe ich bei einem der anderen Wettbewerbe mehr Glück. Aber jetzt brauche ich erstmal etwas zu trinken und ein paar von diesen Häppchen, die hier bestimmt irgendwo unterwegs sind.“ Mit einem schnellen Griff angelte sie sich ein Glas Bosparanjer von einem vorbei eilenden Kellner. Eine Geste, die Ardara irgendwie an den Diebstahl eines Fuchbandes denken ließ. Dann wandte Daria sich Tsabella zu und als sich ihre Blicke für einen Moment kreuzten, prostete die ältere Dame ihr leicht zu.

Leder und Farbe trifft auf Samt und Seide

Yoline hatte ihre familiäre Begleitung verlassen und sich unter die glamouröse Schar der geladenen Gesellschaft gemischt. Nach einer Weile des durch die Menschen flanieren entdeckte sie ein Paar. Der Mann hatte sich eine ganze Weile sehr freundlich, angeregt mit einem anderen Gast unterhalten und war nun wieder mit seiner Aufmerksamkeit bei seiner Begleiterin. Zwar hatte Yoline kein Wort verstanden, das da eben gesprochen wurde, aber die Stimme des, mit einem dunklen Seidenmantel gekleideten Herren, hatte sie erkannt. Zwar war sie bislang nur an einem Treffen mit ihm zugegen, aber das war eben eines ihrer Talente, ihr Gedächtnis! Es gab wirklich wenig, dass sie je vergaß, Segen wie Fluch gleichermaßen. Sie ging einen leichten Bogen, um dem Paar auf angemessene Weise entgegenzutreten und nicht wie ein Strauchdieb aus dem Hinterhalt. Mit freundlichem Lächeln begegnete sie dem charismatischen Handelsherren und seiner magischen Begleiterin und verneigte sich leicht.
“Signor Horakles und Signora Salia, welch eine Freude Euch hier zu begegnen.” An das Familienoberhaupt der Kanbassa gewandt fuhr sie fort: “Vielleicht beliebt es euch, sich noch an mich zu erinnern, Yoline Gerber! Ihr traft euch vor knapp einem Götterlauf mit meiner Tante Quenia Gerber, um neue Handelskontrakte abzuschließen und ich durfte sie zu diesem Treffen begleiten.”
Der Fünfzigjährige nickte freundlich, dennoch etwas zurückhaltend. “Aber ja doch, Signora Yoline, ich erinnere mich natürlich! Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Ich hoffe, ihr habt die Reise von Efferdas hierher gut überstanden? Ich meine mich erinnern zu können, dass mir die Lieblingsnichte Dettmar Gerbers erzählte, dass es euch eine große Qual ist zu reisen!”
Die Angesprochene errötete leicht, als ihre große Schwäche angesprochen wurde, ihre enorme Platzangst, die ihr Seereisen gänzlich unmöglich machte und Reisen über Land zur enormen Herausforderung werden ließ. Aber schnell war die kleine Unsicherheit überwunden. “Ihr erinnert euch richtig Signor Horakles, zum Glück bin ich in Begleitung meiner Tante, Maga Avedane saba Festina. Sie versteht es hervorragend, mir Linderung zu verschaffen.” Mit selbstbewusstem Lächeln und einem kurzen Seitenblick auf die Begleiterin gab sie die kleine Spitze zurück: “Ich hoffe doch sehr für euch, dass wir uns diese Schwäche nicht teilen und ihr euch deswegen mit Maga Salia umgebt!” Dann wandte sie sich ganz der Dame zu: “Meine Tante wird sich sicherlich freuen, zu hören, dass ihr zugegen seid!”
Beinahe hätte sie weiter gesprochen und ihr gesagt, dass Avedane ihr erzählt hatte, das Maga Salia und ihr verstorbener Gemahl Magus Rûmar mit ihr seinerzeit oft gemeinsam Bälle besucht und auch gelegentlich auf den diversen arkanen Feldern zusammengearbeitet hatten. Vor allem in Anbetracht, dass der gemeinsam mit seinen Eltern ermordete Rûmar nicht nur der Gemahl der Signora, sondern auch der Halbbruder von Signor Horakles war. Definitiv kein besonders schönes Thema für diesen Anlass.
Signora Salia lächelte freundlich: “Ich würde mich auch sehr freuen, meine langjährige Freundin wiederzusehen. Wir sind uns schon viel zu lange nicht mehr begegnet.”
Wieder an Horakles gewandt erklärte Yoline: “Ich bin den Göttern ja so dankbar, euch hier zu treffen, Signor Horakles! Es spart mir eventuell den Weg nach Westenende im Anschluss an diese Veranstaltung hier, so ihr die Freundlichkeit besitzt euch mit mir, natürlich zu einer geeigneteren Stunde an eimem geeigneteren Ort zu treffen und über einige Möglichkeiten, welche sich jüngst ergeben haben und die für euch sicherlich von großem geschäftlichem Interesse sein könnten zu reden. Meine Tante hat mir freie Hand gelassen mit euch, bei Interesse die Details verbindlich auszuhandeln und vertraglich festzuhalten.”
Nun war doch das Interesse des Handelsherren geweckt. Zählte doch die Patrizierfamilie Gerber, neben den Changbari, zu den wenigen verbliebenen, treuen Geschäftspartner aus den Tagen vor dem wirtschaftlichen Niedergang und dem Wegzug aus Efferdas. “Wir werden sicher einen passenden Termin und Ort finden, ich bin gespannt, was ihr mir zu unterbreiten habt.” Yoline verneigte sich leicht: “Ganz bestimmt, Signor Horakles. Da ich lediglich interessierte Zuschauerin hier bin, sind meine Termine auch sehr überschaubar. Schickt mir einfach eine Nachricht, wenn ihr Zeit und Ort festgelegt habt. Bitte entschuldigt mich nun, ich hatte ursprünglich ein ganz anderes Ziel und es war nur einer phexschen Laune geschuldet, dass ich euch eben gewahr wurde! Noch einen schönen Abend, Signor Herokles! Signora Salia!”
Mit deutlich gehobener Laune machte sie sich nun daran den Ort aufzusuchen, an dem sie dem natürlichen Drang nachgeben und sich Erleichterung verschaffen konnte.

Ein lustiger Plan

Krespio war noch tanzen, also saß Tineke nun allein da, halb verborgen von den schweren Vorhängen. Es war nicht sehr elegant, wie sie so auf dem Boden hockte, aber es half gegen die schmerzenden Füße. Die gelackten Schuhe sahen zwar hübsch aus, waren aber eine echte Folter zu tragen. Doch sie war zufrieden mit ihrer Situation. Niemand störte sie und sie hatte mehr als genug Zeit, die Teilnehmer ausführlich in Augenschein zu nehmen. Raffaello hatte nicht gelogen, die Frauen plusterten sich auf wie nervöse Puten, lachten ein Lärchen-Lachen, wenn sie andere Gäste unterhielten und gackerten laut, wenn sie sich ungestört wähnten. Die Männer stolzierten ebenfalls umher wie prächtige Gockel. Dass ihre roten Barette aussahen wie Hahnenkämme, machte es nicht besser. Tineke verschluckte ein leises Kichern. Ein Festschmaus für jeden Fuchs, der es hier hinein schaffen sollte.
Doch sie sah auch andere Gäste. Ein braungebrannter Mann saß mit ausgestreckten Beinen auf einem teuer aussehenden Stuhl, den er geschickt auf den Hinterbeinen balancierte. Stillschweigend polierte er einen Zierdolch, der vielleicht nicht nur zur Zier war, seinem finsteren Blick nach zu urteilen. Und dann war da noch diese Avedane saba Festina. Seit sie beim Tanzen gestolpert war, ganz aus Versehen natürlich, warf sie immer wieder vernichtende Blicke in ihre Richtung. Tineke hielt nicht viel von ihr. Wer so leicht so emotional wurde, war keine besondere Gefahr.
Ganz anders stand es natürlich um die Juroren. Tineke war überrascht, den ‘Volkstribun von Nevorten’ hier zu sehen, aber nach einigem Grübeln schien es ihr nur angemessen, dass auch ein derartiger Glückspilz Teil der Richterschaft über das Programm war. Glück zu haben ist auch eine Kunst und eine phexische obendrein. Auch für sie war es ein Glücksfall, mit jemandem wie Aldo Barbieri konnte sie reden. Gerade stand der breite Hafenarbeiter mit einem ebenfalls septimanisch gekleideten älteren Herren mit teuer aussehendem Hut und einer blonden Schönheit, die ihre Haare über und über mit phecadischen Blumen verziert hatte. Entweder sie hatte sich seit dem Tanz von Bediensteten helfen lassen oder gar nicht erst getanzt? Ein relevantes Detail.
Wieder ließ das Mädchen in Dienstkleidung den Blick schweifen. Fokus, Tineke, du bist nicht zum Spaß hier! Mit schnellen Fingern fischte sie einen gefalteten Zettel aus einem schicken kleinen Beutel. Auf dem Zettel stand eine schnörkelige “1”, ein goldener Faden, nicht weiter als ein Haar, war mit einem winzigen Siegel fixiert. Ein kurzer Blick, ob sie ungestört war, dann brach Tineke vorsichtig das Siegel. Und verstaute den Faden sorgfältig. Das Augenrollen verkniff sie sich. Sie hatte es schon nach dem ersten Mal verstanden, als Raffaello ihr vorwurfsvoll den achtlos beiseite geworfenen Faden unter die Nase hielt. Es war echt nicht nötig, jedes mal einen Faden aus echtem Gold zu nehmen. Auf dem Zettelchen stand innen in derselben schnörkeligen Handschrift geschrieben: “Pflück dem schönsten Pfau eine Feder.” Na toll, ein Rätsel. Dann fiel ihr Blick auf die noch immer überglückliche Gewinnerin mit Pfauenmaske und blau-grünem Kleid. Oder auch nicht…
Tineke spürte, wie sich jemand näherte, erkannte am Parfüm aber sofort, dass es ihr neuer Freund war. Dieser hatte sich, mehr oder weniger geschickt, an sie herangepirscht und hielt ihr nun ein Fruchttörtchen hin. Hastig steckte sie den Zettel in ihren Ärmel. “Tja, getanzt habe ich wie ein Dschinn, aber viel gewonnen dabei wohl nicht. Nun denn, hast du uns ein lohnendes Ziel ausgesucht?” Tineke lächelte und deutete auf die Siegerin des Tanzwettbewerbs. “Ah, die Pfauendame. Tsabella della Carenio. Sicherlich eine gute Wahl, wer gewinnt, muss auch verlieren können, so will es der Herr Phex, der große Meister der variierenden Umverteilung. Ich schlage vor, ich lenke sie ab und du tust, was immer du gerade im Sinn hast.”
Sie sahen sich einen Moment in die Augen, dann wandten sie sich zeitgleich in verschiedene Richtungen, Tineke schlug einen leichten Bogen, während Krespio direkt auf Tsabella zuging, eine kristallene Bosparanierflöte in der Hand. “Verehrte Signora della Carenio, was für ein hervorragendes Spiel, das ihr da gespielt habt. Elegantes Tanzen gepaart mit Übersicht und einer pfeilschnellen Hand. Ich bin untröstlich, ich hätte euch vorher um Rat oder gar die ein oder andere Übungseinheit ersuchen sollen, um eine Chance zu haben, das Finale zu erreichen.”
Tsabella lächelte amüsiert. Sie gefiel sich in der Rolle der bewunderten Siegerin. “Mit wem habe ich das Vergnügen?”, fragte sie und lächelte äußerst charmant. Ein Verehrer und noch dazu so galant, die Aufmerksamkeit der Sewamunderin war geweckt. “Krespio Hoste ist mein Name. Ihr habt vermutlich noch nicht von mir gehört, es sei denn, ihr interessiert euch für abenteuerliche Reisen an Orte, von denen es hier am beschaulichen Yaquir selten Menschen geben dürfte, die von dort berichten könnten. Wart ihr schon mal in den Dschungeln Thalusiens?”
Tsabellas Augen wurden groß. Man konnte erkennen, dass ihre Neugier geweckt war. “Nein, leider nicht, aber erzählt mir davon! Es interessiert mich brennend, wie es im Dschungel Thalusiens ist!” Sie hakte sich ein und begann mit ihren interessanten Gesprächspartner zwischen den in Konversation vertieften Gästen des Ballabends hindurch zu flanieren.

Geschickt wieselte Tineke in ihrer dunklen Bedienstetenkleidung durch die Menge, kaum mehr als ein Schatten. Dabei legte sie großen Wert darauf, niemandem auf die Füße zu treten. Das wäre zu peinlich, in dieser Situation. Als sie bei einem echten Bediensteten vorbeikam, angelte sie sich geschickt ein Getränk von seinem Silbertablett und bevor er sie richtig in Augenschein nehmen konnte, eilte sie weiter. Krespio und der Vogel, äh Tsabella, setzten sich langsam in Bewegung.
Als sie die beiden schließlich erreichte, war ihr Gespräch bereits zu irgendeinem Taschenroman abgedriftet, von dem sie noch nie gehört hatte. Offenbar neigte sich die erste Phase der Konversation, das “Abtasten”, langsam ihrem Ende zu. Jetzt musste der Initiator des Gesprächs eine abwechslungsreiche Aktivität vorschlagen.

Krespio begann zu erzählen, was er in den Dschungeln Thalusiens bei den Rebellen, die dort den finsteren Sultan des Todes bekämpfen und dabei sogar manch romantisches Abenteuer erleben. Seine eigene Rolle ließ er dabei, gerade natürlich bei letzterem, nicht unerwähnt, achtete aber natürlich darauf, sich selbst nicht allzu sehr in den Vordergrund zu rücken. Ganz besonders baute er einen Ritt auf einem Waldelefanten durch den Urwald auf: “... die Wälder dort sind voller atemberaubender Pflanzen und Tiere, die Gerüche und Geräusche, die Farben und der Glanz der feuchten Blätter fesseln alle Sinne. Ich könnte es euch nur auf zweierlei Art vor eure Augen führen: entweder mit getreulicher Illusionsmagie, aber dazu bin ich leider nicht in der Lage, oder indem ich euch ersuche, werte Tsabella, die Augen zu schließen, sodass meine Worte vor euren nicht durch all das um uns herum nicht abgelenkt werden. Ihr werdet sehen, schon bald fühlt ihr euch, als säßet ihr hinter dem tapferen Mahmut Al’Denderijan auf dem Rücken seines treuen Elefanten…” Sanft führte Krespio Tsabellas Hände vor ihre Augen und hielt sie dort mit zartem Griff in Position.

Verwundert beobachtete Tineke die beiden. So hatte sie das aber nicht gelernt. Romantik vor der fünften Stunde nach Mittag war höchst unanständig. Leise versteckte Tineke sich in der Menge und ließ die beiden nicht aus den Augen.

Tsabella hielt den Atem an. Sie war wie in Bann geschlagen von diesem Krespio, der sie so wortgewandt in den Urwald Maraskans entführte. Wie geschickt er sie aus dem Ballsaal auf den Rücken eines Elefanten zauberte. Fasziniert ließ sie es zu, dass Krespio ihre eigenen Hände nahm, sie auf ihre Augen legte und dort festhielt. Ein reizendes Spiel, äußerst erotisierend. Die zwei Gläser Bosparanjer trugen ihr Übriges dazu bei, dass die Sewamunderin alle Vorsicht fahren ließ.

Unauffällig schnappte Tineke sich eines der silbernen Tabletts vom Buffet, dazu einige Sektgläser, hielt allerdings noch einige Zeit genug Abstand, sodass ihr Opfer sie nicht entdecken konnte. Es war wirklich praktisch, das Kostüm, das Raffaello ihr vorbereitet hatte. Nickend und den Gästen ausweichend, tänzelte sie im Kreis um den Fokus ihrer Aufmerksamkeit. Krespio währenddessen tat sein bestes, Tsabella zu unterhalten und die romantische Spannung aufrecht zu erhalten, zunehmend verzweifelt, weil er das Mädchen in der Bedienstetenuniform nirgends sehen konnte. Etwas verlegen beendete er seine abenteuerliche Erzählung, prostete der Dame in seinen Armen zu und nahm noch einen tiefen Schluck.

Als das Gespräch so nun zum Erliegen kam, trat Tineke mit gesenktem Haupt an die beiden heran, bot wortlos die vollen Gläser auf ihrem Tablett an. Verborgen durch die silberne Scheibe machten sich zunächst ihre Augen ans Werk: Pflück ihr eine Feder, lautete ihr Auftrag. Sie hatte nicht viel Zeit, um herauszufinden, wie genau sie das anstellen sollte. Natürlich könnte sie eine der in der Maske festgesteckten Federn entfernen, vielleicht sogar alle, doch Raffaellos kryptische Aufträge waren selten so oberflächlich. Und solange er kein Prophet war, konnte er unmöglich sicher sein, dass wirklich ein “Pfau” am Spiel der Füchse teilnehmen würde. Also wusste er entweder, dass diese Dame auf jeden Fall teilnehmen würde - oder es handelte sich bloß um ein Sprichwort, eine Mephater, wie ihr Bosparano-Lehrer gerne sagte. Oder so ähnlich.
Ihr Blick glitt über das aufwändig gearbeitete Kleid, Geld hatte die gute Dame jedenfalls. Wie sie trotz dieser Folter von einem Korsett so gut tanzen konnte ohne umzukippen, blieb ihr schleierhaft. Mit einiger Genugtuung konnte Tineke allerdings ein leises Beben unter dem engen Kleid erkennen, als ihre Lungen weiter gierig nach Luft lechzten. Immerhin war auch sie ein Mensch wie andere auch. Und in ihrer Euphorie über den Sieg noch nicht wieder auf der Hut vor ihrer Umgebung. In ihrem seidenen Ärmel, der den Ansatz der Spitzenhandschuhe kaschierte, hatte sie ein kleines Beutelchen versteckt, das allerdings nicht sehr federartig war. Was konnte Raffaello mit so einem Auftrag nur bezwecken? Sie sollte eine Feder pflücken, vermutlich eine Metapher, nicht wörtlich gemeint, eine öffentliche Demütigung etwa? Noch hatte Tineke sie nicht gesehen, aber sie war fest davon überzeugt, dass es hier eine Vielzahl an verborgenen Meistern gab, denen selbst das kleinste Detail nicht entgehen würde. Sollte sie damit womöglich ein Zeichen senden? Die geheimen Spiele hinter dem Vorhang eröffnen? Vielleicht die anderen warnen, dass sie überhaupt gab, die zweite Welt hinter dem Vorhang? Tineke war nicht überzeugt.
Während sie also Tsabella musterte und über ihren Auftrag rätselte, bewegte sich ihr Körper automatisch in einer Dienstmädchenroutine, ein, zwei Schritte hierhin, ein leeres Glas mehr, eine leichte Drehung, gefolgt von einer Verbeugung, es waren nur noch zwei volle Gläser übrig, höchste Zeit, sich zu entscheiden. Lautlos glitt sie zurück zu Krespio und ihrem gemeinsamen Opfer, streckte ihnen wortlos das Tablett entgegen und rutschte prompt auf dem gefiederten Saum von Tsabellas Kleid aus! Krespio, der gerade nach den neuen Getränken greifen wollte, rettete reflexartig die beiden vollen Gläser, doch der Rest ging mit einem lauten Klirren zu Boden. Ebenfalls zu Boden ging Tineke, noch halb in ihrer eiligen Bewegung.
Sie spürte erst, wie ihr Bein zur Seite schnellte, wie ihre Muskeln sich anspannten, wie sie trotzdem ihr Gleichgewicht allmählich verlor, die Gläser auf dem polierten Tablett, wie sie anfingen, sich in Bewegung zu setzen. Panik überkam sie, flutete ihren Körper von oben bis in die äußersten Spitzen, die Welt schien langsam zu werden und Tineke wusste plötzlich genau, was sie tun musste. Sie würde fallen, die Gläser klirrend auf dem Boden zerschellen, das Geräusch würde sämtliche Blicke auf sie lenken und der Schock würde ihr Ziel abrupt ernüchtern. Wie kaltes Wasser erstickte die Panik ihre brennende Aufregung, langsam, nicht zu hektisch, hob sie ihren linken Arm, wie um sich abzufangen, zielte auf Tsabellas schlanke Taille. Das Tablett in ihrer Linken ließ sie sanft in Krespios Richtung gleiten, es würde ohnehin fallen, aber jetzt hatte sie einige Bruchteile mehr Zeit. Zufrieden sah sie, wie Krespio geistesgegenwärtig mit der zweiten Hand nach dem anderen vollen Glas griff. Gut, wenn ein gewisser jemand nass wurde und ihre Gewandung genauer untersuchte, würde ihr nächster Akt womöglich auffallen. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit zurück auf Tsabella, mit einem kleinen Trippelschritt kam sie ihr so nahe, dass sie bequem ihren Arm um Tsabellas Taille wickeln könnte, nicht dass sie das vorhatte. Tineke schloss sorgsam ihre Zähne, entkrampfte ihre Muskulatur und mit einem leichten Fingergriff schnappte sie sich eine der Federn, die hinten an Tsabellas Kleid befestigt waren. Keine der prachtvollen, nur eine der vielen Pfauenfedern, mit denen das Kleid verziert war. Dann ließ sie locker, den Rest erledigte Sumus Kraft für sie.