Briefspiel:Reise in die Vergangenheit (7)
Autoren: Galebquell, Amarinto, Atagon
Anfang Travia 1046 BF, Sewamund
Der horasische Offizier und die nordmärker Ritterin
Grimheldis von Unkenau, nordmärkische Ritterin und Schlachtreiterin, stand im frischen Wind neben dem Capitan auf der Aussichtsplattform und schaute weit in die Ferne. Es war...ungewohnt, so weit in die Ferne zu schauen. Kein Gebirge versperrte ihr den Blick, kein Baum stand im Weg. Der Horizont erstreckte sich schier endlos. Unter ihnen lag die Stadt und als Grimheldis hinunter schaute, erschauderte sie kurz, streckte sich und wandte sich wieder an Praiodan ter Braken. "Ah, Capitan, ein Ausblick, wunderbar, er wäre schöner, wenn wir nicht im Krieg wären."
"Ja, nicht wahr? Der Aufstieg ist ein wenig abenteuerlich, weil einige der Querstreben dringend ausgetauscht werden müssten, aber sobald man hier oben ist, ist es die Mühen jedes Mal wert! Ich weiß noch, wie Grangor tagein tagaus nebelverhangen war, nein, Sewamund ist schon die schönere Stadt. Also, dort vorne die Erhebung, das ist bereits der Phecanowald, wenn das Wetter besonders gut ist, sieht man von hier oben tatsächlich über die Bucht bis zum Windhag. Die große Stadt ist natürlich Grangor mit seinen hohen Häuserblöcken und hier drüben könnt ihr die Muschelstadt Ruthor in ihrer ganzen Pracht begutachten. Wenn ich das richtig verstanden habe, seid ihr der Baronin bereits begegnet?"
Grimheldis folgte, wann immer Praiodan in eine Richtung wies, seiner Handbewegung und betrachtete das Beschriebene. Der Phecanowald rührte sie noch nicht sonderlich, die Koschberge, in deren Schatten sie aufgewachsen und ausgebildet worden war, waren höher, drückender, beeindruckender. Aber als ihr Blick gen Westen reichte und dann dem Bogen von Praiodans Hand in Richtung Ruthor, musste sie sich an der Brüstung festhalten. Endlos war das Meer, endlos die Wellen, die an den Hafen und die Küste rauschten. Es war mitnichten so, dass sie das Meer noch nie gesehen hatte. Einmal hatte sie ihr damaliger Knappenvater Riobhan von Leihenhof, der vormalige Baron von Galebquell, mit auf eine Reise nach Harben genommen. Dort hatte sie bereits einmal das Rauschen des Meeres der Sieben Winde vernehmen können. Doch der erneute Anblick des urgewaltigen, schier endlosen Meeres nahm sie erneut gefangen. Der Capitan bemerkte die Ehrfurcht und ließ der Ritterin aus den Nordmarken einige Augenblicke dieser Ruhe.
"Wisst Ihr, Capitan." erklang Grimheldis warme Stimme, deren weicher Honigklang nicht zu einer Frau ihrer Statur, ihrer Kraft passen mochte, nach diesen Augenblicken. "Meine Familie stammt aus einem morastigen Landstrich, fruchtbar zwar mit guten, feuchten Böden, aber eingerahmt vom Großen Fluss auf der einen und von tiefen Wäldern auf der anderen Seite und dazwischen Sumpf und Moor." Sie lächelte. "Aufgewachsen bin ich bei meinen Verwandten, dem Haus Leihenhof, im Schatten der Koschberge, einem hügeligen und dicht bewaldeten Land." Sie straffte sich, ihre breiten Schultern knackten. Praiodan folgte ihrem breitem, nordmärkischen Dialekt, der sich so von dem spielerischen Horathi unterschied.
"Weit sehen konnten wir nicht wirklich, es sei denn wir kraxelten mal in die Berge." Sie gluckste. "Jetzt hier zu stehen und einfach kein Ende sehen zu können, das ist..." Sie brach ab und drehte sich zu Praiodan ter Braken um: "Ihr fahrt zur See?"
"Nicht mehr, aber ich habe es als Kind gelernt, jawohl. Unsere Familie hatte einige, nun, ereignisreiche Dekaden, könnte man sagen. Und angefangen hat es alles mit dem Verlust der 'Thalassea', einer wunderschönen Dreimast-Karavelle." Der sonst eher massige Offizier wirke für einen Moment weich, verletzlich, gebrechlich und alt.
Grimhelds lehnte sich vorsichtig an die Mauer und versuchte sich an einem Lächeln. Sie musste sich daran erinnern, dass der Capitan einige Jahre, vielleicht sogar zwanzig, älter war als sie - und daher über viel mehr Erfahrung verfügte. "Möchtet...möchtet Ihr mir...mir mehr über die Thalassea erzählen? Was war sie für ein Schiff?" Sie zuckte mit den Achseln. "Verzeiht mir, ich kenne mich in der Seefahrt nicht so aus."
"Gern ein anderes Mal, vielleicht bei einem Bier in der Burgschenke." Er zwinkerte, dann fuhr er fort: "Und dieses Gebäude dort vorne auf der Anhöhe ist der Perainetempel, der mir offen gesagt schon immer ein Dorn im Auge war."
Praiodan merkte, dass das missverstanden werden könnte, und ergänzte schnell: "Natürlich nichts gegen Peraine oder ihre derischen Diener, ich meine lediglich aus einer militärstrategischen Perspektive! Ich habe ihnen schon mehrfach vorgeschlagen, wie man dort Mauern errichten könnte, von kleinen Gartenmauern über so schön dunkle mit viel Efeu, aber dazu ließen sie sich partout nicht überreden. Aber so bringen uns all diese dicken Mauern herzlich wenig, wenn die Quartiere der Deicharbeiter als improvisierte Barrikaden herhalten müssen!" etwas halblaut ergänzte Praiodan: "...auch wenn es wirklich schöne Mauern sind."
Neugierig betrachtete die Ritterin den kleinen Tempel mit dem hübschen Garten - soweit sie von hier aus diese Details erkennen konnte. Der Perainetempel lag umgeben von viel Grün und einigen Teichen. Beinahe schon schien er eher einer der zahlreichen Palazzi zu sein, die sich auch hier in der...Septimana, so nannte man diesen Landstrich...überall fanden. Ohne sich von dem Anblick abzuwenden, sprach sie zu Praiodan: "Aber meint Ihr denn, die Bewehrung eines Perainetempels ist in diesen zwölfgöttlichen Landen notwendig? Aus der Mark Greifenfurt und dem Herzogtum Weiden kenne ich Wehrtempel, denn die barbarischen Orks halten sich nicht an die Heiligkeit der Tempel der Zwölfe." Es mochte Praiodan auffallen, dass sie, die ultramontane Ritterin aus dem nordmärkischen Barbaricum, den letzten Halbsatz nicht ausspie. Möglicherweise war sie selbst zu jung, um Erfahrungen mit Feldzügen gegen die Schwarzpelze gemacht zu haben.
"Aber die Söldner und Soldaten hier im Horasreich..." Sie drehte sich nun dem Capitan zu. "...das auch in den Nordmarken als Hochblüte der Zivilisation gilt..." Sie zuckte mit den Achseln. "...ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ausgerechnet ein Perainetempel bewaffnet und bewehrt werden muss."
"Das gesamte Prinzip hinter Sicherheit ist, mit dem schlimmstmöglichen Fall zu rechnen! Und bei uns Menschen ist eine ganze Menge möglich, das könnt ihr mir glauben. Stellt euch einmal vor, wir stellen eine hübsche Schlachtreihe nördlich der Stadt auf, genau 50 Mann breit und nicht weiter, aber dann flankiert Irion uns, nimmt die Stadt im Sturm von verschiedenen Seiten und zwingt uns, mit den eh schon unterlegenen Einheiten, unsere eigene Stadt zu belagern! Was glaubt ihr, würden die Sewamunder Bürger über uns sagen, nämlich dass wir unsere rondrianische Pflicht vernachlässigt hätten!" Die letzten Worte polterte der sonst so geruhsame Offizier förmlich. "Verzeihung, ich habe wohl meine Fassung verloren. Und während es unsere weichste Stelle ist, so gibt es immer noch eine Vielzahl an Dämmen, Gräben und Deichen, die wir im Notfall zerstören können."
Grimheldis ließ ihren Blick über die Verteidigungsanlagen Sewamunds schweifen. Es gab nur wenig Städte in den Nordmarken, die vergleichbar befestigt waren. Elenvina natürlich, Gratenfels hatte sich für seine enormen Wehranlagen hoch verschuldet. Die meisten Städte der Nordmarken waren auch viel kleiner, Dörfer aus dem Blickwinkel der Horasier. Die Mauern Sewamunds schienen stark und fest. Einfallstore mochten die Flüsse sein oder die Tore auf dem Festland. Sie drehte sich wieder zum Capitan um: "Sagt, wie schätzt Ihr die Verteidigungsfähigkeit Sewamunds ein? Die Mauern scheinen stark und fest - aber Schwachstellen hat jede Verteidigung. Wo könnte sie in Sewamund liegen und was könnten wir tun, um diese Schwachstelle zu schließen?"
Praiodan rieb sich einen Moment das Kinn. "Also sehr gut gesichert sind wohl die Brücken über den Sewak und hinauf zum Sewaksteig. Mit der Burg im Rücken bräuchte man sicher eine zwanzigfache Übermacht, sowie eine Möglichkeit, sicher das Wasser zu überqueren. Und solange sich auch nur eine Handvoll Milizionäre in der Festung drüben in Trafiume aufhält, braucht es eine ganze Armee, um das einzunehmen - oder wohl eher es mit Rotzen zu Schutt und Asche zu zerschießen, das verspricht mehr Erfolg!" Grinsend pochte der Kastellan auf die Mauern 'seiner' Burg.
"Die Oberstadt ist ebenfalls hervorragend gesichert, wenn man die Türme des Palazzo Amarinto und Palazzo Aurelio dazunimmt, gibt es ein sattes Dutzend Wachtürme, die Verteidigern ermöglichen, ihre Gegner lange zu beschäftigen. Dazu enge, verwinkelte Gassen, das wird kein Vergnügen für Angreifer. Als das Schloss Corello errichtet wurde, hat sich der alte Selchion nicht lumpen lassen und eine ordentliche Stadtmauer vom Meer bis zu den Kanälen spendiert. Hat ihn allerdings ruiniert, sodass Irion Baron werden konnte. Die Neustadt ist zwar nicht so verwinkelt, aber fast genauso gut befestigt wie die Oberstadt, zumal all die Palazzos oft Türme oder große Innenhöfe haben. Und von Seeseite aus haben wir wohl wenig zu befürchten, Sewakia hat in der Hafenfestung reichlich Sewakdrachen und Ruthors Kriegsschiffe haben einige hochmoderne Rotzen an Bord. Nein, wie bereits erwähnt, Sewamund ist gut gewappnet, einzig der Villenstreifen und die Brücke beim Perainetempel sind unsere weichen Stellen. Natürlich können wir versuchen, die Brücke einzureißen, aber vom Tempelhügel aus kann man leicht mit einigen Dielen eine neue Brücke improvisieren, solange man nur genug Deckungsfeuer hat. So würde ich es machen, wenn ich Sewamund angreifen müsste: Im Schutz der Dunkelheit einige erfahrene Soldaten, Schützen und Mechaniker durch die Felder und über die Gräben bringen, die dem Hauptteil der Truppen den Weg bereiten, dann mit dem Tempel als Feldherrenhügel den Kanal überqueren und sobald man einen Brückenkopf etabliert hat, in einem großen Vorstoß die Stadt entzwei teilen."
Grimheldis sah aus, als schwirre ihr der Schädel ob der ganzen Erläuterungen und Erklärungen. Sie ließ noch einmal den Blick über das Umland schweifen. Sie blinzelte. "Oh. Uff. Danke, Hohe...Signor. Das war wirklich sehr umfangreich und erhellend. Sollte vielleicht in ner taktischen und strategischen Besprechung so durchgesprochen werden. Habt Ihr bestimmt aber auch." Lächelte sie, was ihr grobes Gesicht zum Strahlen brachte.
"Aber sagt, mögt ihr Obergäriges? Ich könnte eins vertragen und so langsam knurrt mir auch etwas der Magen, ehrlich gesagt."
Ihr Lächeln wurde breiter. "Ein gutes Bier wäre jetzt nicht schlecht."
Lucrann und Dareius
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