Briefspiel:Consigliowahl 1047 BF/Unter Zunftpatronen
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Unter Zunftpatronen
Autor: Flaviora
Ende Rahja 1046 BF, in der Schänke Silas-Stube
Die Schänke war mäßig gefüllt. Zwar waren nach dem Travia-Dienst, wie so oft, viele der Gläubigen aus den Nachbarschaften dort eingekehrt – bei strahlendem Sonnenschein zogen die meisten es aber vor, für Getränke und Schwätzchen einen schattigen Platz auf der Piazza Phraiora vor der Silas-Stube zu genießen.
Die beiden Zunftoberhäupter hingegen gingen in die Schänke. Möglicherweise würde nicht alles, was sie heute sagten, für Wissbegierige oder zufällig Mithörende gedacht sein. Die Silas-Stube hatte einen umstrittenen Ruf seit den „dämonokratischen“ Aufständen vor über 15 Jahren. Aber das Gleiche galt auch für die Patronin der Lederzunft. Nichts, was Miguel beunruhigte. Schon vorher hatte sie das vermeintliche Schicksal in Agreppara – auf der falschen Seite des Sikram – zu leben zusammengebracht. Als Färber und Gerberin war es immer einfach, über sie die Nase zu rümpfen. Doch seit der Constitutionara waren sie enge Verbündete – er als finanzielles Schwergewicht und sie als Fürsprecherin des Pöbels und unbewiesene Miturheberin des gefährlichsten Aufstandes seit dem Ende des Fürsten. Viel hatte sich geändert seitdem.
Galea Gastolfi bestellte zwei Most und gesellte sich zum Patron der Wollzunft. Die Fünfzigjährige war wesentlich kräftiger als ihr älterer Tischgenosse. Im Gegensatz zu ihm war sie auch schwerere körperliche Arbeit nicht nur gewohnt, sondern auch stolz darauf, in dieser Hinsicht nicht auf ihre Gesellinnen und Gesellen angewiesen zu sein.
„Und, wie hat er sich geschlagen?“
„Du kommst wie immer gleich zur Sache, Miguel.“
Sie wusste gleich, um wen es ging. Miguels Sohn und designierter Erbe war dieses Jahr erstmalig der Kandidat der Familie Flaviora für das Consiglio della Priori – eine Funktion, die das Familienoberhaupt bisher stets selbst für sich in Anspruch genommen hatte.
„Ich habe gehört, Du hast ihn wegen eines 'Notfalls' von deiner Werkstatt zu den Bottichen bestellt?“
„Nun er hat sich nicht übergeben, das spricht schon einmal für ihn!“
„Galea, es mag Dir nicht so erscheinen, seit er sich mehr in die Regierungsgeschäfte einbringt, aber er ist immer noch ein Flaviora und ein Färber. Ihr seid nicht die einzigen, welche für den markanten Geruch der Nachbarschaften verantwortlich sind. Er steht beim Beizen genauso aufrecht wie in der Signoria.“
„Nun, ich gehe da lieber auf Nummer sicher; aber er hat sich nicht aus der Ruhe bringen lassen.“
„Nun ich vermute, Du wirst ihn nicht auf seine handwerklichen Fähigkeiten prüfen. Aber ich denke den Titel als einer der 'Architekten den neuen Fürstlichen Gemeinde' hat er sich wohl verdient. Die Stellung Agrepparas, und damit unsere Stellungen, finden sich angemessen in der Neuordnung wieder.“
„Das Gerben ist wie das Färben. Erst wenn alles getrocknet ist, sieht man das Ergebnis … noch bin ich zuversichtlich. Auch habe ich gehört, er hätte die Tochter Marvinkos bemüht, sich für Agreppara einzusetzen. Ich habe da eine denkwürdige Versteigerung im Gedächtnis.“
„Nun, Du siehst, er hat gelernt vorauszuplanen und sein Blatt gut gespielt. Er wird Agreppara angemessen vertreten.“
„Ich habe allerdings gehört, dass Du nicht ausschließlich auf Ihn setzt. Was soll ich von dem Bündnis mit den ya Malachis halten? Sie soll die nächste Gonfaloniera werden?“
„Ich sehe, Du bist gut informiert.“
Galea hatte den Eindruck, dass Miguel nicht recht war, dass sie schon informiert war, aber Miguel war nicht der einzige in Agreppara, der wusste, wie man die Dienstboten anderer sich zu Nutzen machte.
„Nun“, und er begann etwas erklärend die Arme und Schultern zu strecken. „Ich habe das ernst gemeint, als ich Dir sagte, dass ich mich mit ganzer Kraft dem Primars-Amt widmen werde. Du stimmst mir doch zu, dass es in Agrepparas Sinne ist, wenn wir gut bei den Priori vertreten sind und mit deiner Stimme wird Niccolo vermutlich einziehen und mit meiner Stimme hat Sanjana gute Chancen. Ein Flaviora als Stadtoberhaupt beider Gemeinden wollen wir unseren lieben Nachbarn auf der anderen Seite des Sikrams doch lieber noch nicht zumuten.“
„Gereizt hätte es mich schon, Miguel. Ich denke Du verstehst, dass auch ich angesichts der neuen Nachbarn meine Hand austrecken sollte. Ich habe noch nicht entschieden, aber ich werde Dir vorher meine Entscheidung mitteilen. Sollte ich diesmal meine Hand jemand anderem reichen, so werde ich mit Dir auch weiterhin Seite an Seite stehen … ach … und noch einmal vielen Dank, dass Du die Lederzunft bei der Prozessionsfahne für Mutter Horanthe mitbedacht hast. Es ist ein gutes Zeichen, wenn die Nachbarschaft zusammensteht.“
Sie trank den Rest ihres Kruges mit einem Zug aus, ein sicheres Zeichen für das Ende des Gesprächs. Nach dem Travia-Dienst war es Aufgabe beider Zunftoberhäupter sich unter ihr Klientel zu mischen und sie hatten sich lange genug zurückgezogen. Galea war sicher, dass Miguel sich ob der offenen Antwort bald wieder melden würde. Manchmal genoss sie es ihm zu zeigen, dass Agreppara ihm nicht alleine gehörte – doch der neue Status und die neuen Nachbarn boten nicht nur Möglichkeiten, sondern auch Unsicherheiten. Es war ihre Aufgabe dafür zu sorgen, dass das Stück des Fells für die Zunft angemessen groß war und seine Aufgabe, das ganze Fell so groß wie möglich zu halten. Insbesondere, wenn die Begehrlichkeiten mehr wurden.
„Travia mit Dir, Galea.“
„Travia mit Dir und mit Deiner Familie.“
Die beiden Zunftoberhäupter schritten auf den Platz und wandten sich ihren ersten Klienten zu. Ein gutes Dutzend Personen erhoben sich – wenige offensichtlich bewaffnet, die meisten weniger offensichtlich. Mit guter Ortskenntnis erkannte man, wie sie sich hälftig auf schlagkräftige Mitglieder der Lederzunft und einige der Geleitwachen der flaviorischen Handelszüge verteilten. Sie verteilten sich unauffällig und sicherten Patronin und Patron, während diese sich „arglos“ und „ungezwungen“ in „ihrem“ Viertel zeigten. Es war Wahl – kein Grund ein unnötiges Risiko einzugehen.