Briefspiel:Eine ruhige Travienfeier/Vorbereitungen
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Vorbereitungen
Anfang Peraine 1046 BF
Obwohl der Frühling bereits Einzug gehalten hatte, fror Athaon di Asuriol erbärmlich. Seine ledernen Reitstiefel waren nach der Nacht im Biwak noch immer feucht vom Tau. Sein modisch gestepptes und pikiertes Wams war klamm und auch der kurze Kusliker Reitermantel bot kaum Schutz vor dem bissigen Morgenwind. Doch er musste beispielhaft voranreiten. Den Knechten, die mit ihm reisten, setzte die Kälte sicher ähnlich zu, doch sie konnten sich keine weiteren Unterbrechungen mehr leisten. Also stellte Athaon den Pelzkragen auf, zog den Mantel enger und das Tempo etwas an. Sein Pferd, ein ausdauernder, massiger Kohlrappe, schien von dem frischen Frühlingsmorgen gänzlich unbeeindruckt und stemmte sich ins Geschirr. Der Kaltbluthengst lief an vorderster Stelle in einem Gespann von sechs Pferden, das einen Wagen mit Fracht von, zumindest für Athaon, unschätzbarem Wert zog: Krüge mit Öl, Tongefäße mit eingelegtem Obst von den Zyklopeninseln, Säcke mit Gemüse und viele weitere Waren. Kurz: Nichts, wofür ein Brigant, der etwas auf sich hält, Kopf und Kragen riskieren würde. Der Wert der Güter bestand für Athaon vor allem darin, dass Verlust oder Verspätung derselben das Fest anlässlich der Vermählung seiner jüngeren Schwester sehr dürftig ausfallen lassen würden. Und dieses Szenario wollte er aus zweierlei Gründen möglichst vermeiden; primo: aus dem Pflichtgefühl Aurelia gegenüber, secundo: zum Zweck der Selbsterhaltung.
Als die Sonne an Kraft gewonnen hatte und die Kälte des Morgens allmählich aus den Knochen der Reisenden trieb, nahm auch die Stimmung unter den Begleitern des Trosses, insgesamt drei sechsspännige Wagen, langsam Fahrt auf. Ein Großteil des Weges lag mittlerweile hinter ihnen und jeden Moment sollte zwischen den Hügeln, die das Tal des Arinkel säumten, die Villa di Asuriol zum Vorschein kommen. “Seid Ihr immer noch sicher”, fragte eine der knechtischen Begleiterinnen scheinbar beiläufig “dass es einem guten Fourier möglich ist, einen schwer beladenen Tross, gleich bei jedem Wetter, an einem einzigen Tag von Shenilo bis Tederesco zu geleiten?” Für den letzten Halbsatz änderte die Frau die Stimmlage, eine stumpfe Männerstimme nachahmend. Athaon drehte sich im Sattel um, darauf bedacht, das Handpferd im Geschirr neben seinem eigenen Kaltblut nicht aus der Ruhe zu bringen, und erblickte das schelmische Grinsen Fiorina Vastellis. Die junge Frau auf dem Zugpferd hinter ihm war eine gute Handvoll Götterläufe älter als er. Eine Tochter Nuovo Ruthors aus den ärmsten Verhältnissen, selbst für die Maßstäbe des besagten Vorstadt-Viertels. Und gesegnet mit einem furchtbar losen Mundwerk. “Ich habe nie gesagt, dass ich ein solch guter Fourier bin”, antwortete Athaon nur. Nach der Nacht im Freien, die allein aus seiner Entscheidung, an Sodanyo und kurz darauf auch an Wanka vorbeizuziehen, statt in einem der Gasthäuser entlang der üblichen Route zu übernachten, hatte er wenig Lust, seine Fehler mit den Knechten auszudiskutieren. Er wendete seinen Blick wieder auf die Straße, die vor ihm lag, die er in seinem Leben viele Dutzend Male bereist haben musste. Er wurde erneut aus seinen Gedanken gerissen, dieses Mal von einem Pfiff. Er drehte sich erneut um und konnte gerade noch eine lederne Flasche fangen, bevor diese unter den Hufen der Pferde im Dreck der Straße gelandet wäre. Auf einen fragenden Blick antwortete Fiorina mit einem schiefen Grinsen und einem herausfordernden Nicken. Athaon wog die Flasche in der Hand. Nach dem fachmännischen Urteil des Absolventen der Herzog-Eolan-Universität zu Methumis war bereits ein beträchtlicher Anteil entnommen worden. Der stechende Geruch von Gebranntem stieg Athaon in die Nase, als er den Korken abnahnm. Das Getränk schmeckte zwar unangenehm scharf, spendete aber auch eine feurige, innere Wärme, die Athaon gerade mehr als gut brauchen konnte. “Wisst ihr”, rief ihm Fiorina zu “Die Jungs und ich haben es ausdiskutiert und beschlossen, dass das Maleur von gestern Nacht vergeben und vergessen ist. Was ist schon eine Nacht unter den Sternen unter Freunden?” “Wie gnädig von euch allen. Und wie es scheint”, Athaon hob die Flasche über seine Schulter “hat das hier eure Vergebung beflügelt. Wann habt ihr heute angefangen, dass ihr dem Boden schon so nahe seid?” “Kurz nachdem Ihr den Befehl zum Aufsitzen gegeben hattet. Aber ein Teil vom Inhalt fehlte schon seit gestern Abend.” “Natürlich tut er das…” Athaon hatte sehr wohl mitbekommen, dass die Männer und Frauen im gestrigen Biwak mehrere Flaschen entkorkt hatten. Er hatte sich aber entschieden, ihnen diesen Spaß zu lassen, insbesondere da sie allesamt wegen seiner Sturheit zwischen den Wagen vor dem peitschenden Wind und dem Regen Zuflucht suchen mussten. Er widmete sich wieder seinen eigenen Gedanken, welche nach dem Schluck aus der Schnapsflasche etwas sonniger ausfielen als zuvor. Als er sich gerade wunderte, ob er einen zu familiären Umgang mit denjenigen Knechten pflegte, die ihn regelmäßig auf seinem Weg von Shenilo zum Landgut der di Asuriol begleiteten, tauchte zwischen den Hügeln südwestlich der Straße das Weingut di Asuriol auf. Die Szenerie war einmalig, selbst für den verwöhntesten Liebfelder: eingebettet in die sanften Hügel, über die sich Reihen von Weinstöcken zogen, lag der Stammsitz der Familie di Asuriol. Auf der Ostseite eines Hügels gelegen, durch eine mannshohe Mauer aus Ziegeln umschlossen und in drei Stufen an der Flanke des Hügels erbaut, war das Gut vor allem auf eine effiziente Bewirtschaftung und weniger auf Wehrhaftigkeit ausgelegt.
Auf der untersten Stufe lagen vor allem die Wirtschaftsgebäude: eine offene Kelterhalle, in der mehrere Weinpressen unterschiedlichster Semester geduldig auf den nächsten Einsatz im Herbst warteten, eine Werkstatt, in der ein Hufschmied das ganze Jahr über beschäftigt war und zuweilen auch Zimmererarbeiten ausgeführt wurden, der Stall, sowie ein einfacher Ziehbrunnen. Im Schatten des Feldsteinmauerwerks, auf dem sich die nächste Ebene abstützte, führte außerdem eine Treppe in das Kellergewölbe, wo die Produkte vieler Menschen und vieler Jahre Arbeit in Eichenfässern reifte. Auf der mittleren Stufe war ein Laufbrunnen, weitaus neuer und aufwändiger verziert als der Ziehbrunnen der unteren Ebene, sowie die Unterkunft der Mägde und Knechte. Dieser schmale, langgezogene Bau begrenzte das Gut gen Firun. Um von der zentralen und am wenigsten bebauten Ebene auf die höchste Stufe steigen zu können, musste man eine der Bogentreppen, die den Laufbrunnen einfassten, erklimmen und fand sich auf der Schwelle der Villa di Asuriol wieder. Das herrschaftliche Haus lag knapp unterhalb der Hügelkuppe und war bereits durch viele Generationen derer di Asuriol erweitert und ausgebaut worden. Unter anderem durch einen Turm, der an guten Tagen den Blick über die Hügelkuppe hinweg bis nach Nevorten an der Mündung der Arinkel und an sehr guten Tagen auch auf das Blau dahinter ermöglichte. Gen Nordosten wurde das Herrenhaus von einem erst kürzlich neu angelegten Obsthain flankiert, wo jetzt, im Peraine, die Bäumchen ihre taubedeckten Blüten wie im Wettstreit der Sonne entgegenreckten und Bienen und Hummeln ein Festmahl bereiteten. Südlich des Hauses war ein Gärtchen angelegt, wo die Bewohner des Hauses und ihre Gäste abseits des geschäftigen Treibens auf den unteren Ebenen des Weinguts erholen konnten. Unter den großen Blättern eines alten, ausladenden Feigenbaums standen Bänke aus erstklassigem Eternenmarmor, selbstverständlich gefertigt von Steinmetzen aus den Reihen der Riesen Shenilos. Diese ermöglichten den Mitgliedern der Familie und ihren Gästen ungestörte Momente inmitten eines Meeres exotischer und heimischer Blüten.
“Jedes Mal, wenn ich hier herreite, bietet sich mir derselbe Anblick. Die Szenerie ist die gleiche, nur die Sonne steht anders.” “Nicht ganz. Manchmal regnet es auch. Oder es hat Wolken.” Fiorinas Antwort überraschte Athaon. Er hatte nicht gemerkt, dass er seinen Gedanken ausgesprochen hatte. “Was soll das heißen? Gefällt dir das Arinkeltal nicht?” Athaon drehte sich um und suchte die übliche Spur von Sarkasmus, das gewohnte Grinsen. Aber beides fehlte. “Doch”, war die entschiedene Antwort. “Die sanften Hügel und der im Schatten des Waldes dahinfließende Arinkel geben einen hübschen Hintergrund für allerlei Unfug ab und beflügeln die Gedanken. Aber im Gegensatz zu Euch, verzeiht, den groben Vergleich, verbinden mich keine rosigen Kindheitserinnerungen mit dieser Landschaft.” Athaon ließ sich von dieser Haltung die Laune nicht verderben. Diese war, als er das Landgut, auf welchem zahlreiche seiner Erinnerungen an einfachere Zeiten spielten, deutlicher Verbesserung unterworfen. Gepaart mit der Sonne auf dem Rücken und der Aussicht auf eine ordentliche Mahlzeit, gab es nichts, das seine Laune verhageln könnte.
Der 11. Peraine, Abend
Die Geschwister di Asuriol hatten, gerüstet mit einem Krug verdünntem Wein, den Aufstieg ins oberste Stockwerk des Turms gewagt. Oben angekommen stützte sich Aurelia mit beiden Händen auf die Brustwehr. Ihr Blick schweifte über den Waldrand im Nordosten, folgte kurz einer Gruppe von Pilgern auf der Straße nach Tederesco und fand, wie ein rüttelnder Falke sein Beutetier am Boden findet, das rechteckige Festzelt. Dieses schien ihre gesamte Konzentration zu fordern, denn Aurelia fokussierte es für viele Augenblicke ohne zu blinzeln. Athaon hingegen widmete seine Aufmerksamkeit praktischen Sachverhalten. Das Geräusch des leeren Tonbechers, der lautstark auf dem Mauerwerk abgestellt wurde, riss Aurelia aus ihrem Jagdkauern. “Wie schaffst du das?” Sie drehte sich zu ihrem Bruder um und lehnte sich nun mit verschränkten Armen an die Mauer. “Was meinst du mit ‘Wie…?’”Athaon füllte seinen Becher erneut. “So!” Mit einem schiefen Grinsen leerte er diesen ein zweites Mal. Aurelia schüttelte den Kopf. “Dass du bechern kannst weiß ich. Wir waren beide in Methumis, falls du dich errinern kannst. Ich für meinen Teil erinnere mich sogar an etwas mehr als nur einige wenige Bruchstücke von Saufgelagen.” “Mh…” Athaon zuckte mit den Achseln. “Mein Kriegerbrief wurde mir ausgestellt. Und die Erbsenzählerei der Traviaschule hätte kaum ein vernunftbegabter Mensch nicht begreifen können. Das Ziel ist erreicht. Auf nichts anderes kommt es an.” Er ließ seine Schultern wieder sinken. “Davon rede ich!” Aurelia hatte sich geschmeidig wie eine Katze von der Wand abgestoßen und den anderen, noch vollständig gefüllten Becher gegriffen. Diesen umklammerte sie nun mit der Linken, während sie mit ihrer Rechten auf die Brust ihres älteren Bruders deutete. “Wie schaffst du das? Aus deinem Mund klingt es, als hätte es niemals anders kommen können. Dabei hättest du den Brief von der Rondraschule genauso gut nicht erhalten können, um bei deinem Beispiel zu bleiben. Aber hier und heute stehst du: Am Vorabend der Ankunft meines zukünftigen Gemahls, deines zukünftigen Schwagers und trinkst scheinbar sorglos Wein, während du in den Sonnenuntergang starrst…” “Ich weiß. Wobei ich genau genommen noch nicht viel vom Sonnenuntergang gesehen habe.” Kurz, bündig und direkt zu der Sache, über die er selbst reden möchte. Manchmal erschienen Aurelia sinnvolle Konversationen mit ihrem Bruder nahezu unmöglich. Athaon, der Aurelias Augenrollen mit einem genüsslichen Lächeln kommentierte, geruhte jedoch, weiter auszuholen: “Wenn ich meinen Kriegerbrief nicht erhalten hätte, um diese sehr hypothetische Variation der Realität zu erforschen, hätte ich entsprechend reagiert. Ich hätte mich mit einigen engen Freunden, und, wenn sie dieses Glück gehabt hätte, auch mit meiner lieben Schwester, auf Wermut und Tabak getroffen. Doch ich bin nun einmal ein Mitglied des Kriegerstandes geworden, habe statt zum Wermutlikör zu jungem Wein gegriffen und statt mich im Tabakrauch der Melancholie hinzugeben, habe ich mich im Morgengrauen am Gesang der Nachtigallen erfreut.” “Ich verstehe. Für meinen lieben Bruder ist jedes Ereignis der jüngsten Geschichte, egal wie maßgeblich und weltbewegend, nur die Antwort auf die eine Frage, die er sich in seinem Leben stellt: ‘Was wollen wir trinken?’” Athaon gab sich übertrieben entrüstet. “Mitnichten, liebes Schwesterlein, mitnichten. Ich bin lediglich der Auffassung, dass es mir nicht zusteht, mein eigenes Schicksal umschreiben zu wollen; dass manche Tatsachen außerhalb meiner Macht sind. Und, dass manchmal die einzige, wirklich freie Wahl, die ein Mensch im Leben treffen kann, die des Getränks ist. Apropos, Prost!” “Und dabei…” Aurelia trank zum ersten Mal aus ihrem Becher, zurückhaltend im Vergleich zu ihrem älteren Bruder, der gerade Nummer drei hinabstürzte, “...dabei machst du dir keine Gedanken über Alternativen? Darüber, wie die Dinge jetzt hätten sein können? Oder wie sie in der Zukunft werden könnten? Hast du nie das Verlangen, dem Schicksal und der Welt im Allgemeinen einen Schritt voraus zu sein?” “Doch, solche Fragen habe ich mir gestellt. Um sie dann zu verwerfen und zu vergessen. Denn die Fragen danach, was hätte sein können, helfen mir nicht, wenn hinter meinem Rücken die letzten Momente des Tages ungenutzt im Meer versinken.” “Und die Frage, ob du selbst genug getan hast? Ob du selbst mehr für einen glücklichen Verlauf der Zukunft tun kannst?” Athaon, der sich gerade nachgeschenkt hatte, streckte seiner Schwester den Krug entgegen, in dem nur noch ein letzter Rest des verdünnten Weins übrig war. Aurelia hielt ihren Becher darunter. “Wenn ich glaube, nicht genug getan zu haben, insbesondere zum Wohle derer, die mir wichtig sind, zum Wohle der Familie, tue ich mehr dafür. - Das ist alles, was ich dir darauf antworten kann.” “Dann möchte ich es dabei belassen.” Aurelia sah wenig Nutzen in einer Fortführung der Unterhaltung. “Der Krug ist leer, die Praiosscheibe hinter den Horizont gesunken und morgen treffen wichtige Gäste zum Empfang ein.” “Apropos wichtige Gäste -", die junge Patrizierin hielt beim Hinabgehen der Wendeltreppe inne. “Wenn du den Rest der Nacht mit den Trabanten und Knechten würfelst und morgen mit schief geknöpftem Wams und einer Fahne zum Empfang erscheinst, musst du dir nicht einmal Gedanken darum machen, was du trinken willst - weil ich dich dann eigenhändig im Pferdetrog tränken werde, bis du ausgenüchtert bist.” “Die Nacht bringt immer guten Rat. Gute Nacht, Schwester.” “Gute Nacht, Bruder.” Athaon di Asuriol blieb allein auf der Plattform des Turms zurück, um die letzten Augenblicke des Tages mit Wind auf dem Gesicht und einem letzten Schluck Wein verstreichen zu lassen.
Der 12. Peraine, Vormittag
Die Praiosscheibe hatte ihre volle Kraft noch nicht entfaltet. Trotzdem liefen viele der Knechte, die bereits seit Tagesanbruch auf dem Weingut der di Asuriol schufteten, nur im Hemd umher. Der Endspurt der Vorbereitungen für Damosella Aurelias Vermählung war eine schweißtreibende Plackerei. Zumal die eben genannte persönlich die Aufsicht führte. Sie stützte sich mit beiden Händen auf dem Geländer ab, welches gleich einer steinernen Krone den Rand der obersten Stufe des Guts schmückte. Von dort aus hatte sie einen Überblick über das Gelände, wo die Feierlichkeiten stattfinden sollten. Unterhalb seiner Schwester, im Schatten der nördlichen der beiden Treppen, welche die mittlere mit der oberen Ebene verbanden, lehnte Athaon. Mit einer Schulter stützte er sich an die Mauer, in der Hand hielt er eine langstielige Pfeife, aus welcher regelmäßig dünne, manchmal beinahe kreisförmige Rauchschwaden im Wind verflogen. Der Krieger schaute einem Falkenpärchen zu, welches jenseits der Grenzen des Anwesens seine Kreise über den Hügeln und über dem Wald zog. “Athaon!” Der Ruf seines Namens brachte ihn zurück in die Gegenwart. “Kannst du dein Denken kurz unterbrechen?” “Das hast du ja gerade getan. Was gibt es?” “Dein Urteil wird gebraucht.” Der Gerufene klopfte seine Pfeife am Mauerwerk aus und machte sich auf den langen und beschwerlichen Weg, etwa zwei Dutzend Stufen, zu seiner Schwester. Oben angekommen hatte er einen vortrefflichen Überblick: Von der unteren Treppe aus war ein Korridor aus Baldachinen errichtet worden, der auf den Treppenaufgang zum Haus zuführte. Die Treppen lagen nicht auf einer Geraden, sodass der Korridor einen leichten Bogen beschreiben musste, an dessen Enden es vermutlich schwer sein dürfte, nachzuvollziehen, was am jeweils anderen Ende geschah. “Ich sehe, dein Auge für Drama ist schärfer geworden.” Ein schiefes Grinsen schlich sich auf Athaons Gesicht. “Aber wie sollen denn die Leutchen, die du an den Anfang deines Aufgangs setzt, die Zeremonie sehen?” “Die Zeremonie werden alle sehen können, da an den Plätzen mit schlechter Sicht niemand sitzen wird. Dort werden nur Bänke und Tische stehen, die nach der Zeremonie aufgestellt werden. Wenn du dir die Standorte der Zunftwappen betrachten möchtest…?” Tatsächlich waren am ersten Drittel des Bogens nur auf der äußeren Seite die Wappen der Sheniloer Zünfte angebracht. Die innere Seite bestand nur aus einfachen Leinenbahnen, die den Korridor begrenzten. “Und die Patrizier?” Athaon stellte die logisch folgende Frage, denn die Wappen der Familien der Eteria waren nicht zu sehen. “Der Adel darf in unmittelbarer Nähe Platz nehmen. Deren Banner sind aus kostbarem Stoff gewebt und werden daher erst unmittelbar vor Beginn der Feierlichkeiten aufgehängt. Für das, wie du so schön sagtest, Drama.” “Und wofür brauchst du dann mich? Es sieht aus, als hättest du alles durchdacht.” “Alles, bis auf ein paar Kleinigkeiten, steht fest.” Aurelia berührte ihren Bruder an der Schulter und deutete auf einen Tisch, der hinter ihr aufgebaut war. Darauf standen, sauber angeordnet, über ein Dutzend Kannen. “Unser Gespräch gestern Abend hat mich, sagen wir… inspiriert. Ich übertrage dir, lieber Bruder, die ehrenvolle Aufgabe der Auswahl der Weine.” “Du ehrst mich, Schwesterlein. Hast du nun endlich Vernunft angenommen? Hast du Vertrauen in das Schicksal gewonnen? Nur durch meine bescheidenen Worte?” Athaon hielt übertrieben seine Linke vor die Brust und riss seinen Mund auf. Daraufhin grinste Aurelia. Sie grinste schief. Und dreckig. “Ich sehe, du missverstehst. Unser Gespräch hat mich nur noch mehr davon überzeugt, dass mein Glück in meinen eigenen Händen liegt.” Verwirrt ließ Athaon seine Hand langsam zurück an seine Seite sinken. Aurelia erklärte daraufhin: “Ich verlasse mich darauf, dass du, als ein vortrefflicher Weinkenner und -trinker die besten unter den guten Tropfen aus den altehrwürdigen Gewölben unter unseren Füßen auswählst. Entsprechend dem jeweiligen Publikum, versteht sich. Bei der vorhandenen Auswahl und deinem… Vorwissen sollten Fehlentscheidungen hinreichend unwahrscheinlich sein.” “Und was wirst du tun? Wenn ich fragen darf?” Der immer noch verunsicherte Athaon hatte nun die Funktion seines Unterkiefers wiedererlangt. “Ich werde mein Schicksal in die Hand nehmen.” Aurelia zwinkerte. “Worin du mich gestern Abend erfolgreich bestärkt hast.” “Ich reite mit ein paar der Trabanten meinem Verlobten entgegen. Mittlerweile sollte er in einer gemütlichen Kutsche von Shenilo her auf dem Weg zu uns sein . Vielleicht reitet er ja sogar selbst… Auf einem richtigen Pferd.” Sie kicherte. “Jedenfalls werde ich ihm entgegen reiten. Das Bürschchen soll nicht auf den Gedanken kommen, wie ein junger Geron hier einzureiten und der Held sein zu wollen.” “Apropos Reiten: Ich würde mir deinen Rappen borgen,” setzte sie auf der Treppe nach unten innehaltend nach. “Der würde das Ensemble vervollständigen.” Sie blickte mit ausgebreiteten Armen an sich herunter. Athaon fiel nun auf, dass seine Schwester ungewöhnlich verwegen gekleidet war. Statt der üblicherweise in sanften Farben gehaltenen praktischen Kleider, trug sie ein enges, mit großen Perlen besticktes Wams und Reitstiefel aus geschmeidigem Leder. Außerdem trug sie einen krummen Kreuzdegen und ein Waidbesteck am Gürtel, der die vielfach zerhauene Hose aus feinem Wollstoff zierte. “Ich brauche den Brocken ja in nächster Zeit nicht.” entgegnete Athaon, der bereits mit den Kannen beschäftigt war. “Mir sind wichtige Angelegenheiten zugetragen worden.”
Einige Zeit später, mit einem Silberbecher in der Hand das Anwesen überblickend, fragte sich Athaon, ob der zukünftige Gemahl seiner Schwester wusste, was ihm bevorstand. Währenddessen jagte letztere in Begleitung eines Fahnenträgers und zwei geharnischten Haudegen zum Südtor des Gutshofs hinaus. Die Scheinärmel ihres Wamses verrieten dabei die Geschwindigkeit, mit der der rabenschwarze Hengst aus der Zucht der di Asuriol über die Hügel donnerte.
Auf dem Weg zu den Feierlichkeiten
Nach einer Übernachtung in Sodanyo, entschied man sich früh aufzubrechen, um noch vor den übrigen Gästen das Landgut der di Asuriol zu erreichen. Zwei Kutschen hatten sich von Shenilo auf den Weg gemacht, war man schließlich in die Familie der Braut eingeheiratet und dementsprechend groß sollte die Delegation der Thergourian sein. In der etwas prunkvolleren saßen das Familienoberhaupt Phorgos ap Thergourian mit seiner Frau Silka Elena und ihren Kindern Nilya und Leandro. Die zweite Kutschte diente Tamino ap Thergourian, seiner Frau Feodora ya Pirras und ihrem Sohn Sansario als Reisegefährt.
In dieser Kutsche wurde ein Vorhang zur Seite geschoben und das etwas aufgedunsene Gesicht eines Mannes mittleren Alters erschien. Seine schon etwas lichter werdenden Haare umrahmten sein Gesicht, in dem die grünen Augen etwas trübe blickten. Neben der Kutsche ritt die aranische Leibwächterin von Feodora ya Pirras. Tamino ap Thergourian schaute die Söldnerin misstrauisch an. Diese spürte den Blick und verzog ihr Gesicht zu einem spöttischen Grinsen. Schnell zog er den Vorgang wieder zu. “Dieses Weib ist mir einfach nur unheimlich.”, schnaufte er. “Das soll sie auch sein.”, entgegnete seine Frau. Tamino wollte seinen Weinschlauch öffnen und gerade ansetzten, als Feodora ihm ins Gewissen redete. “Du hast Deine Schwester schon lange nicht mehr gesehen. Soll sie erst deine Fahne riechen, bevor sie dich erkennt und in die Arme schließt?” Eigentlich war es ihr egal, aber zumindest nach außen sollte man den Schein wahren und sich auch mit den di Asuriol gut stellen. Als Winzer, als Teilhaber einer Bank und zu guter Letzt eingeheiratete Familie. Missmutig legte er den Schlauch zur Seite und grummelte in sich hinein. “Und auch sonst solltest du dich zurückhalten. Es werden einige bedeutende Häuser und Familien zugegen sein. Freunde, Geschäftspartner und auch Konkurrenten. Wir können uns kein Zeichen der Schwäche leisten. Und es ist besser, wenn ich es Dir sage anstelle Deines Vaters. Sieh zu, das Du Dir bei unserem nächsten Halt etwas kaltes Wasser ins Gesicht schüttest und dich deine Kleidung wieder arrangierst. Nur weil Du ein Säufer bist, muss man Dir das nicht auf hundert Schritt ansehen.