Briefspiel:Fünf mal fünf Jahre später - zurück an der Trollpforte
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Die Briefspielgeschichte Fünf mal fünf Jahre später - zurück an der Trollpforte behandelt Ereignisse rund um den Allaventurischen Konvent 2024 und beschreibt aventurisch, was im Vorfeld, im Rahmen des Konvents und auch danach passierte.
Bospers Ball - und ein weiterer Auftrag für das Reich
Autor: Erlan
Der Ball im Firdayon-Palast zu Ehren von St. Bosper, der inzwischen auch in Adelskreisen oft Bospers Ball genannt wurde, war fast pünktlich zur nächtlichen Praiosstunde zu Ende.
Im Gegensatz zu vielen Gästen mussten Comto Erlan Sirensteen und seine Gemahlin Shahane nach dem Ende den Palast nicht verlassen, da ihnen Erlans Schwester bzw. auch vielmehr sein Schwager natürlich Räumlichkeiten im Palast zur Verfügung stellten.
Sie unterhielten sich gerade über den Ball und eine besonders kunstfertige ingerimmgefällige Darbietung, als es an den Gemächern vorsichtig klopfte.
Doch sowohl Erlan als auch Shahane als auch Erlans Page Rafim im Vorraum hatten es gehört.
Rafim stand dann auch kurze Zeit später in der Tür zum Schlafgemach und bevor er das Wort ergreifen konnte, sprach Erlan ihn an.
"Sprich Rafim, was gibt es, wer will noch zu so später Stunde etwas von mir?"
Shahane zog einen leicht entnervten Blick auf und murmelte leise, aber dennoch für Erlan hörbar, in den Raum hinein:
"Na wer wohl? Ralman hat wichtige Dinge, die das Reich betreffen, zu besprechen."
Auf der einen Seite hätte Erlan jetzt laut los lachen wollen, weil vermutlich genau das auch zutraf, dennoch schaute er mit einem ernsten Blick, wo Shahane aber dennoch ein Schmunzeln erkannte, zu seiner Frau. Rafim bestätigte dann die Vermutung - der Fürst von Vinsalt, Ralman von Firdayon-Bethana, oder aber: Erlans Schwager, wollte ihn noch einmal sprechen.
Geführt von einem Diener Ralmans ging es in Richtung der Privatgemächer des Fürsten. Erlan wurde in einen kleinen Salon geführt, während der sie begleitende Diener Rafim bat, hier draußen zu warten. Wenigstens gab es hier vor diesem Salon eine Sitzgelegenheit und ausreichend Licht - es war ja schon recht spät - um die hier ausliegenden Journaillen Aventuriens zu lesen. Neben dem klar zu erwartenden Bosparanischen Blatt war hier aber auch unter anderem der Bosparan-Herold (aufgeschlagen mit den lokalen Immanberichten) zu sehen. Wenigstens sollte die Wartezeit für Rafim nicht langweilig werden, wenn er schon nicht mit durfte, was ansonsten eher selten der Fall war.
Im Salon angekommen sah Erlan wie sein Schwager auf eine große Karte des westlichen Aventuriens schaute.
"Ihr habt Euren eigenen privaten Kartenraum, Ralman?"
Der so Angesprochene drehte sich um und versuchte zu lächeln. "Das gehört wohl zu meinen Privilegien. Jedenfalls aus meiner Sicht. Erlgard sieht das sicherlich anders. Zumindestens jetzt gerade" und mit diesen Worten ging Ralman auf Erlan zu und umarmte seinen Schwager.
Dadurch war es Erlan auch möglich einen Blick auf die Karte zu werfen und er sah die Westküste Aventuriens und markierte Stellen im Meer der Sieben Winde - vor der Küste des Windhags. Da war ihm klar, worum es gehen würde, denn dass einige Handelsschiffe hier aufgebracht wurden, war ihm sehr wohl bewusst. Auch und vor allem von der HPNC - obwohl er deren Geschäfte nur aus einem sehr fernen Blickwinkel beobachte. Da waren andere in der Familie involvierter.
"Nun, mein Schwager. Es hat seine vielfältigen Gründe, warum ich Euch ganz alleine sprechen wollte. Ich bin mir sicher ihr erkennt die Situation hier" und deutete damit auf die Karte.
Er fuhr fort: "Und diese Situation belastet das Verhältnis der beiden Reiche. Aber nicht nur das, sondern auch das Verhältnis der sieben Seestädte zum Herzog Grangoriens, ach ich vergass, hier sollten wir vom Markgrafen des Windhag sprechen. Das ganze belastet daher auch den Besuch seiner imperialen Majestät an der Trollpforte."
Erlan blickte erstaunt seinen Schwager an: "Seine imperiale Majestät wird auch zur Trollpforte reisen? Das klang in dem Schreiben aus dem Sangreal nicht so."
Ralman antwortete ihm: "Vermutlich war das auch zum Zeitpunkt, als dieses Schreiben verfasst wurde, noch gar nicht bekannt. Jedenfalls nicht denen, die dieses Schreiben im Namen seiner imperialen Majestät veranlasst haben. Ich ging davon aus, dass ihr schon erweiterte Informationen erhalten habt. Dann wohl spätestens im Laufe des morgigen Tages."
Mit einem Mal lächelte Erlan: "Aber dann wird ja die Last der Delegationsleitung nicht auf mir liegen, denn das würde ja sonst keinen Sinn ergeben."
Doch Ralman schien nicht auf sein Lächeln entsprechend zu reagieren und schien mit den Worten zu ringen: "Nun, ich will niemanden vorgreifen, aber einerseits stimmt es, was ihr sagt, andererseits stimmt es nicht."
Ralman schaute seinen Schwager zerknirscht an, und bei diesem Blick wusste Erlan, dass er gar nicht nachfragen müsste - er würde keine Antwort erhalten. Was das jedoch bedeutet, das war ihm nicht ganz klar.
Bevor er sich jedoch zuviele Gedanken dazu machen konnte, erhob Ralman wieder das Wort und erklärte ihm, dass zum Großteil ganz besondere Schiffe aufgebracht wurden...
"wir wissen, dass nicht bei allen aufgebrachten Schiffen entsprechende Waren an Bord waren - aber es ist das Meer der sieben Winde, da kann auch mal ein 'normaler Piratenüberfall' geschehen, der jetzt hier das Muster durchbricht."
Der Comto fMarschall setzte an und begann Erlan Sirensteen zu erklären, was die Aufgabe sei und endete mit folgenden Worten:
"[...] ich bin mir sicher, dass Du das schaffst. Du hast den Vertrag zu Mantrash'Mor mitverhandelt, Du warst beim Friede von Oberfels dabei, um nur mal die wichtigsten zu nennen. Ach, wo ich gerade den Vertrag erwähnte... berichtete ich Dir eigentlich, dass nach der Verhandlung durch das Mhaharanyat Aranien eine außerordentliche Danksagung hier einging? Ich bin mir sicher, dass sich diese Adilron ay Oikaldiki, wenn es ein Orden gewesen wäre, an die eigene Brust geheftet hätte, aber wir wissen ja, wer sich da im Passus Peraineis eingesetzt hat." Aber ich schweife ab. Und Shahane ist wahrscheinlich schon eingeschlafen."
Als nach über einer Stunde Erlan den Salon verließ, fand er seinen Pagen gerade die aktuelle Ausgabe des Aventurischen Botens lesend:
"Rafim, ich denke wir sollten los, die Nacht wird sonst für uns alle zu kurz."
So machten die beiden sich wieder auf dem Weg zurück und als Erlan das Schlafgemach von seiner Gemahlin und ihm vorsichtig und vor allem leise betrat, schlief diese schon. Sie lächelte im Schlaf. Ein schöner Anblick für Erlan. Ob sie noch so lächeln würde, wenn sie wüsste, wohin es ihn demnächst verschlagen würde?
Am nächsten Morgen, das gemeinsame Frühstück der Eheleute war gerade beendet, da klopfte der Page Erlans an die Tür und führte nach einem 'Herein' einen imperialen Bote hinein. Dieser verneigte sich vor Erlan:
"Comto Sirensteen, ich habe eine Nachricht aus dem Sangreal für Euch."
"Überreicht sie gerne meinem Pagen" und damit deutete Erlan auf Rafim, doch der Bote schüttelte den Kopf: "Die Nachricht, ist für Euch bestimmt, da ihr zur Trollpforte reist. Und diese Nachricht soll ich Euch mündlich vortragen."
Erlan zog eine Augenbraue hoch - eine mündliche Botschaft aus dem Sangreal hatte er auch noch nicht erhalten. Shahane hatte diesen Hinweis verstanden und verließ den Raum, Rafim und die anderen Diener ihr hinter her, so dass nur der Bote und Erlan jetzt noch im Raum waren.
Der Bote begann und als er bei seiner mündlichen Botschaft bei den entscheidenden Stellen ankam, glaubte Erlan erst nicht recht zu hören. Doch auch das Bitten um eine Wiederholung änderte den Inhalt der Aussage nicht. Zumindestens verstand er jetzt, warum sein Schwager ihn gestern Nacht bestätigte, als auch nicht bestätigte.
Nachdem der imperiale Bote ihn verlassen hatte, kamen Shahane, ihre Zofe, Erlans Page und weitere Bedienstete aus dem Palast wieder hinein. Shahane setzte sich wieder zu ihrem Gemahl, der ein wenig abwesend erschien, als sie ihn ansprach.
Erst als sie etwas lauter wurde, reagierte er wieder: "Ich glaube die Reise gen Osten wird anders ablaufen als geplant. Vor allem muss ich wohl eher aufbrechen."
Seine Frau schaute ihn etwas entgeistert an, fasste sich aber schnell wieder, denn das war sie gewohnt. Mit ernster Stimme antwortete sie ihm aber: "Aber Du kommst rechtzeitig zurück. Die Corsa della Quartieri wartet nicht auf Diplomaten im Namen seiner imperialen Majestät!"
Erlan nickte und bejahte ausdrücklich, dass er sich sicher sei, dass er zur Corsa wieder in Unterfels wäre. Hier reagierte Shahane dann zufrieden, denn wenn er bei einem der bedeutsamsten Feste von Unterfels nicht zugegen sei, dann wäre das schlecht. Mehr als schlecht.
Jetzt wandte sich Erlan seinem Pagen zu, der in einigen Schritten Entfernung stand: "Rafim, komm her, ich habe Dir etwas mitzuteilen."
Der so herbeizitierte, stand vor Erlan, der ihm dann eine Hand auf eine Schulter legte und ihn ansprach: "Ich wollte es Dir erst in ein paar Tagen mitteilen, wenn alles geklärt ist. Aber Du hast gehört, meine Reise beginnt schon in Kürze. Und ich wollte Dir sagen, dass ich mich freue, dass Du mich begleitest und wir dann dort im Osten Aventuriens niemand geringeren als Deinen Oheim Reto wiedersehen werden!"
Rafims Gesicht erstrahlte und machte der Praiosscheibe Konkurrenz! Er hatte ja gehofft, dass er den Comto auf die Reise begleiten würde und insgeheim hatte er auch gehofft, dass er dabei dann Reto Eorcaïdos von Aimar-Gor, seinen Oheim, nach einigen Jahren wieder sehen würde - aber er wusste auch, welch Sicherheitsbedenken der Comto bei solchen Reisen hatte und anfangs war er als Page zu jung, um ihn als Teil seines Reisetrosses zu begleiten, dann war es zu unsicher und wenn es nicht dies war - irgendeinen anderer Grund fand sich immer.
"Oheim Reto? Seid ihr Euch sicher? Aber natürlich seid ihr Euch sicher! Sonst hättet ihr es nicht gesagt!" - und die Freude war Rafim deutlich anzumerken.
Erlan grinste ein wenig und antwortete ihm: "Natürlich hatte ich vor Dich mal endlich auf einer solchen Reise mitzunehmen. Hier bietet es sich ja an. Aber ich wollte noch im Vorfeld herausfinden, ob Dein Oheim auch zugegen sein wird. Dem imperialen Boten zufolge hat das Dezer...Directorium das jetzt bestätigt. Das habe ich gestern nacht oder fast schon eher heute früh erfahren."
Man sah Rafim die Freude an und er konnte es scheinbar kaum erwarten, dass es los geht. Erlan wandte sich an ihn: "Bereite für Dich alles vor. Sprich mit Bormund, dass es jetzt endlich bestätigt ist. Gut, dass wir von Anfang an großzügig geplant hatten. Dich hatte ich da schon im Sinn, dass uns aus dem Sangreal noch jemand von seiner imperialen Majestät begleiten wird, wissen wir auch erst seit kurzem. Aber das sollte auch kein Problem sein."
Rafim strahlte über das gesamte Gesicht und verließ den Raum um sich zu kümmern.
Shahane: "Ihr reist über Horasia?"
Erlan erwiderte: "Nein, tatsächlich wohl über Kuslik, da warten wir und dann geht es via Grangor vermutlich nach Havena, Gareth etc.pp."
Shahane zuckte bei dem Namen Havena etwas zusammen: "Aber... passt auf Euch auf. Du hörtest von den Piratenüberfällen vor Windhag?"
Erlan nickte und entgegnete: "Am Rande ja. Aber ich glaube mit dem Schiff, mit dem wir anreisen... also die Piraten, die dieses Schiff überfallen wollen, die müssen noch geboren werden!"
Shahane verabschiedete sich dann von ihrem Gemahl um, wie sie sagte, Dinge zu erledigen. Doch noch im Türrahmen drehte sie sich um und fragte: "Wen sollt ihr denn aus dem Sangreal mitnehmen?"
Erlan hatte gehofft, diese Information noch nicht so schnell preisgeben zu müssen, aber sie hatte nun mal gefragt und lügen wollte er nicht: "Horasiella."
Das Gesicht Shahanes erstarrte, sie blieb sprachlos und verließ rückwärts den Raum.
Geänderte Reiseplanungen
Autor: Erlan
Rafim fand nach kurzer Zeit Bormund aus Irendor, den Cancellario seines Herrns. Dieser schrieb gerade etwas in ein Buch und sah etwas missmutig auf. Als er die Freude, die Rafim ins Gesicht geschrieben stand, erblickte, brummte er nur: "Endlich weißt Du es! Es geht mit Dir auf große Reise!"
Rafim nickte und fragte: "Du wusstest es schon?"
Bormund legte sein Buch zur Seite und blickte den jungen Pagen an: "Natürlich! Es war ja schon alles vorzubereiten. Für so etwas braucht man ja auch etwas Vorlauf. Aber..." und mit diesen Worten kam etwas wie ein Lächeln bei dem Cancellario auf, bevor er fortfuhr: "... es freut mich, dass Dich der Herr mitnimmt. Das war jetzt auch an der Zeit. Aber es bietet sich jetzt natürlich auch an, vor allem wo ja Euer Oheim dabei sein wird. Für Dich ist das natürlich gut, für das Reich hingegen... naja, das werden die hohen Herren schon selber regeln müssen." Er schnappte sich wieder sein Buch und eine Feder und während er schrieb sagte er Rafim: "Ich notiere Dich gleich als Teil der hiesigen Delegation."
Rafim strahlte immer noch vor Freude und es sprudelte nur so aus ihm heraus. Er hatte viele Fragen, die Bormund längst nicht alle beantworten konnte. Die letzte aber schon: "Begleitest Du uns auch, Bormund?"
Bormund schüttelte dazu den Kopf und erklärte Rafim, dass er dafür jetzt dann doch zu alt sei. Und irgendwer müsse sich um die Burg kümmern, wenn der Herr nicht da sei.
Als Rafim wieder ging, zeichnete sich kurz ein Lächeln auf dem ansonsten eher grimmigen Gesicht Bormunds ab. Er freute sich über die Entscheidung seines Herrn und ward gespannt, was alles auf dieser Reise passieren würde. Er hatte ja so eine gewisse Vorahnung, insbesondere nachdem er kürzlich ein längeres Gespräch über Rafim hatte.
Mit einer handvoll Lilien den Yaquir hinab
Schon am nächsten Morgen verabschiedete sich Erlan Sirensteen von seiner Familie - zuvörderst von seiner Frau, aber natürlich auch von seiner Schwester und auch seinem Schwager, der auch noch kurz unter vier Augen mit ihm sprach.
Die Nachricht, dass seine imperiale Majestät wünsche, dass seine Hofnärrin, die Schelmin Horasiella von Erlaucht zu Durchlaucht, die horasische Delegation nicht nur begleiten solle - das war ja schon eine Nachricht, mit der Comto Erlan Sirensteen niemals gerechnet hatte. Dass jedoch sein Reisetross nach Devensberg, an der Trollpforte gelegen, die Hofnärrin mitreisen lassen sollte - das war noch eine besondere Spezialität. Sein Schwager versicherte ihm, dass seine imperiale Majestät sich dabei was denken würde und dass das wichtig sei. Nichtsdestotrotz fand er den Gedanken, dass er ab Kuslik mit Horasiella reisen würde, weiterhin eher ... merkwürdig.
In Vinsalt betraten dann Comto Sirensteen mit seiner Begleitung, bestehend aus einem Magus, vier Liliengardisten, seinem Pagen und zwei Dienern einen leichten Flusssegler, der sie bis nach Kuslik bringen sollte. Hier in Kuslik sollten sie dann auf ein Schiff der horaskaiserlichen Flotte wechseln - dann mit der Reisebegleitung aus dem Sangreal.
Kuslik
In Kuslik angekommen, gab es vorab noch einige Gespräche zu führen, bevor es zum eigentlichen Anleger des Schiffes ging. Doch dass sie sich nicht beeilt hatten, war augenscheinlich nicht verkehrt, denn es stellte sich heraus, dass sie noch auf den Gast aus dem Sangreal warten würden müssen. Aber das war jetzt nicht ungewöhnlich: einerseits waren sie sehr früh da, andererseits gehörten Vinsalter Eier jetzt nicht unbedingt zum üblichen Repertoire von Schelmen.
Doch es sollte nicht lange dauern, bis sie erst in der Ferne und dann immer näher kommend jubelnde Geräusche, Lachen und fast schon Kreischen von Kindern hörten, welche immer näher kamen. Und mit einem Mal sahen sie dann eine von grünen und weißen Bändern drapierte Kutsche auf das Hafenbecken zufahren. Im Schlepptau gut drei dutzend Kinder und Jugendliche die begeistert der Kutsche hinterher rannten und dabei lachten und jubelten. Wären diese Jubelgeräusche nicht zu hören gewesen, hätte sich die Kutsche durch das immer lauter werdende Klingeln von Glöckchen angemeldet, die an der ganzen Kutsche angebracht waren.
“Heimlichkeit ist wohl nicht die Sache unseres Gastes?“ richtete ein Liliengardist dann Wort an seinen Herrn. Dieser schaute noch etwas entgeistert in Richtung der Kutsche, die jetzt einige Meter vor ihnen zum Stillstand kam und antwortete ihm:
"Nein, Romin, das nicht. Aber ich frage mich: Was ist die Sache unseres Gastes?"
Jetzt öffnete sich die Tür der Kutsche und sie stieg aus: Horasiella von Erlaucht zu Durchlaucht, Schelmin und Hofnärrin des Horas. Die Kinder, die vor ihr standen lachten und bejubelten sie und die Schelmin freute sich über deren Reaktionen.
"Ich muss jetzt zu den Großen da drüben." - und dabei schaute sie in Richtung des Reisetrosses von Erlan Sirensteen und wandte sich dann wieder den Kindern zu: "Daher muss ich mich jetzt von Euch verabschieden, aber ich freue mich Euch wieder zu sehen und mit Euch zu lachen!" Ein Junge blickte traurig zur Schelmin und sagte, er wolle auch ein Großer sein. Da zeigte Horasiella ein - nun ja - schelmisches Lachen, schaute den Jungen an und erklärte ihm, dass das mit Großsein sich sicherlich machen ließe… und sie ging dann zu ihrer Reisebegleitung. Hinter ihr johlten die Kinder als plötzlich der Junge immer länger, aber dafür auch immer dünner wurde. Horasiella drehte sich zu ihm um: "Glaub mir, Du willst gar nicht so schnell groß sein. Das wirst Du jetzt erleben. Keine Angst, das wird nicht lange dauern. Nur eine Stunde. Oder war es ein Monat? Ein Jahr? Berichtet mir, ich muss nun im Namen des Horas verreisen!"
Als Horasiella bei Erlan ankam, richtete Romin aus Bomed das Wort an sie: "Der Comto …" - doch weiter kam er nicht, denn in dem Moment wich dem Lachen auf dem Gesicht Horasiellas ein Schrecken. Sie drehte sich auf dem Absatz um, rannte fast wie von der Maraske gestochen zurück zur Kutsche und kam einen Augenblick wieder. In der einen Hand trug sie eine bunte Tasche mit Flicken in allen Farben Tsas. Und in der anderen Hand hielt sie eine Art Stab. Fast wie ein Marschallsstab in klein, dachte sich Erlan. Nur dass normalerweise am oberen Ende eines Marschallstabs kein bunter Vogel saß. Erlan bemerkte die Blicke seiner Begleitung und bei allen sah man große Fragezeichen. Nur sein Page Rafim grinste und schien sich zu freuen.
Als Horasiella wieder bei Romin war, tätschelte sie ihm mit der Hand und sagte: "Ich habe gleich gemerkt, dass ihr wer besonderes seid. Aber dass ihr wusstet, dass ich den Comto in der Kutsche vergessen hatte - das zeichnet Euch aus. Jetzt habe ich gar nichts mehr dagegen, mit Euch zu reisen. Wie war nochmal Euer Name? Orlan, der Herr vom Sirenenstein aus dem Irrendorf unter dem Felsen?"
Romin wurde knallrot und wusste nicht, was er sagen sollte - und Erlan Sirensteen konnte sein Lachen nicht mehr halten, in dem die anderen einstiegen.
"Ach das freut mich! Ich weiß zwar nicht genau, warum ihr jetzt lacht. Aber dass ihr lacht ist schön. Ein Tag ohne Lachen ist wie eine Nacht ohne Schlaf. Aber lasst uns jetzt los fahren. Wann sind wir denn endlich da?"
Erlan wies ihr den Weg an Bord, ihm folgten die restlichen Begleiter der illustren Reisegruppe. Eine Reisegruppe die es so in dieser Form wohl noch nicht gegeben hatte - jedenfalls nicht im Auftrage seiner imperialen Majestät Khadan-Horas‘.
Als Letzter verließ der Liliengardist Romin den festen Boden Kusliks und half das Schiff abfahrbereit zu machen. Comto Sirensteen war jetzt etwas zurückgefallen und flüsterte ihm ins Ohr: "Das ist jetzt ein ausdrücklicher Befehl: Ihr sagt ihr nicht, wer ihr seid und wer ich bin. Soll sie doch ruhig glauben, dass Du der Herr vom Sirenenstein bist! Das könnte lustig werden…" - vor allem für ihn selbst dachte sich Erlan Sirensteen.
Grangor
Horasiella hatte natürlich schnell mitbekommen, dass der Gardist nicht der war, für den sie ihn hielt.
„Ihr seid viel zu interessant, als dass ihr Euch für Diplomatie, Politik und all diese Gedankenspiele interessieren würdet“, sagte sie ihm, als sie das ganze bemerkt hatte. Erlan Sirensteen blickte Romin aus Bomed fragend an, dieser zuckte nur mit den Schultern und schon war Horasiella beim Baron des Yaquirbruchs. Dieser hatte, er kam ja kurz vor der Abfahrt von einem Gespräch in hohen Kusliker Kreisen, noch seine Amtskette mit goldenen Lilien um den Hals und schaute die sich genau an und erklärte dann:
„Lilien sind schön, Rosen sind schöner!“ - und mit einem Fingerschnipps verwandelte sich die goldene Lilienkette in eine Rosenkette. Aber nicht aus Gold, sondern aus echten Rosen - inklusive echter Dornen. Das musste Horasiella selber feststellen, als sie vor Freude die Kette anfasste und sich an einem der Dornen stach. “Ich wäre Euch sehr verbunden, wenn ihr die Kette wieder in den alten Zustand bringen würdet. Da sticht man sich auch eher selten“ sagte Erlan Sirensteen recht ruhig zu ihr, auch wenn er innerlich sich fragte, wie er diese ganze Reise überstehen solle.
“Mein Vorschlag wäre es: wir ziehen uns jetzt in unsere Kabinen zurück und nach dem Abendessen werden wir beide uns mit der hohen Kunst der Diplomatie beschäftigen“, sagte Erlan zur Schelmin. Diese fragte dann aber: „Und was machen die anderen?“ Mit dieser Reaktion hatte Erlan jetzt nicht gerechnet, aber auch wenn er die Antwort nicht wusste schnell reagiert: „Nun, ich weiß es nicht, aber vielleicht werden sie mit Karten oder Würfeln spielen?“ Horasiella strahlte auf, klatschte in die Hände und fragte: „Können wir nicht da mit machen? Das klingt viel lustiger!“ Erlan seufzte kurz und machte ihr klar, dass das nicht das Ziel der Reise sei und sie beide sich im Angesicht der heiklen Mission schon ein wenig vorbereiten sollten…
Daraufhin stand Horasiella auf, drückte ihr Rücken gerade und fing an ein Lied zu deklamieren:
“Die Kaiserin zieht von Ort zu Ort,
im Reich brennt’s wild, sie muss fort.
In Elenvina, fern und frei,
regieren Uffizien allerlei.
Der Horas lacht, denn weit und breit
herrscht Ordnung, Kunst und Sparsamkeit.
Effizient, wie’s einem Horas ziemt,
wird regiert, wo Wohlstand blüht und strömt.”
Nach der letzten Zeile verneigte sie sich vor Erlan und sagte freudestrahlend: „Seht, ich habe mich vorbereitet und das neueste was in Horasia und Vinsalt so zu den Reichen gesagt wird, mir gemerkt.” Erlan grinste ein wenig, applaudierte Horasiella und sagte dann: „Fürwahr ein interessanter Vers. Im Namen des Horas kann ich Euch nur bitten, diesen Vers nicht gegenüber unseren Freunden aus dem Mittelreich zu wiederholen. Ich glaube nicht, dass sie ihn so witzig finden, wie ihr.“
Horasiella schien das ganze zu bedauern und verließ die Kabine. Erlan setzte sich auf einen Stuhl, schloss die Augen und fragte sich, auf was er sich da eingelassen habe. „Vielleicht hatte Shahane doch recht gehabt?“ dachte er sich dabei.
Nach dem Mahl zum Abend trafen sich die beiden wieder in Erlans Kajüte. Er hatte auf dem großen Tisch diverse Schriftstücke ausgebreitet, Verträge des Horasreiches mit dem Mittelreich aber auch andere. Außerdem augenscheinlich Berichte von horasischen Stellen, die über aktuelle Entwicklungen in beiden Reichen informierten.
Erlan versuchte das komplexe Thema der Diplomatie zwischen dem Horasreich und dem Mittelreich zu besprechen und zu erläutern. Doch er hatte nicht den Eindruck, dass sie sich besonders für die feinen Details, die Erklärungen zu bestehenden Vertragswerken, oder aber die Abläufe, die damals bei den Verhandlungen zu Oberfels (oder auch Weidleth) oder Mantrash‘Mor, stattgefunden hatten.
Zwischendurch befragte er sie immer wieder, ob sie noch Rückfragen habe, ob sie das verstanden hätte und dergleichen. Als sie ihn dann an einer Stelle bat das ganze noch einmal zusammenzufassen, tat er dieses und sie antwortete: „Ach im Grunde geht es doch nur darum, dass nach den Verhandlungen sich wieder alle mögen und gemeinsam mit Bier und Wein darauf anstoßen!“ Erlan nickte müde, bevor er auf sein Vinsalter Ei schaute und sagte: „Ich denke wir sollten uns jetzt zu Bett begeben. Morgen früh werden wir in Grangor ankommen.“
… und so war es dann auch: am nächsten Morgen kam das Schiff in Grangor an. Erlan rief, als man schon vom Meer aus die Stadt der Kanäle erblicken konnte, seinen Pagen zu sich und gab ihm ein paar Instruktionen:
„Wir werden bald in Grangor ankommen. Bei meiner Mission ist unsere Begleitung vermutlich nicht hilfreich. Daher habe ich auch vorgeschlagen, dass ich alleine mit einem Gardisten mich auf dem Weg machen werde. Natürlich können wir ihr nichts vorschreiben. Aber haltet ein wachsames Auge auf sie und sollte sie auf die Idee kommen auch Grangor zu besuchen, begleitet sie. Am besten noch mit … vermutlich Hesindian, denn die Waffengesetze hier gelten auch für unsere Gardisten. Ihr solltet ja nicht mehr Aufmerksamkeit erzeugen als notwendig.“
Wie verabredet verließen dann Erlan Sirensteen und einer seiner Gardisten, der bereits erwähnte Romin aus Bomed, das Schiff. Und kaum waren die beiden nicht mehr zu sehen kam Horasiella auf den Pagen zu und fragte ihn: „Und uns gönnt man nicht den Spaß diese Stadt zu sehen? Hier soll es redende Pfeffersäcke geben! Die will ich unbedingt sehen. Ich werde daher das Schiff verlassen und Du“, und mit diesen Worten schaute sie den Pagen mit blitzenden Augen an, „wirst mich doch nicht dran hindern. Ich bin Horasiella von Erlaucht zu Durchlaucht!“ Doch Rafim grinste nur ein wenig, was sie jetzt irritierte, da sie mit einer anderen Reaktion gerechnet hatte. Erst recht mit einer anderen Antwort: „Dann lasst uns gehen. Ich glaube Hesindian freut sich auch auf Grangor. Die Gardisten lassen wir mal lieber an Bord. Mit den Waffengesetzen hier werden die sich sowieso nicht anfreunden.“
Und so verließen auch Horasiella, Rafim und der Magier Hesindian das Schiff.
Das erste Mal in Grangor
Es war eine - insbesondere für das doch eher konservative Grangor - bunte Truppe mit einem Magier, einem jungen Mann und der Schelmin. Insbesondere letztere fiel natürlich auf und hatte bei der Waffenkontrolle am Hafen auch für den einen oder anderen Scherz auf Kosten der Zweililiengarde gesorgt. Als sie diesen Bereich des Hafens verlassen hatten schlug Hesindian seiner Begleitung etwas vor:
"Wenn ihr noch nie in Grangor wart - dann müssen wir unbedingt das Güldenlandmuseum besuchen", dabei schaute er seine beiden Begleiter an. Während der junge Page anscheinend alleine schon das Wort Museum nicht interessant fand, war Horasiella schon motivierter. "Davor und danach sollten wir auch den Efferd-Tempel aufsuchen. Wir sind ja noch etwas länger auf See und … ahem …" - der sonst so redegewandte Magier kam ein wenig ins Stottern, bevor er sich wieder fasste: "Es wird nicht schaden, wenn wir davor noch zu Efferd beten." Rafim merkte sich und nahm sich vor, seinen Schwertvater zu fragen, ob der Magier mit dem Element Efferds Probleme hat. Denn auf der Fahrt von Kuslik nach Grangor war das jetzt nicht aufgefallen.
Die Familie sucht man sich nicht aus...
Währenddessen machten Erlan und der ihn begleitende Gardist Romin, jetzt aber ohne Waffe, sich auf den Weg, in dem sie eines der Boote bestiegen, welches gegen klingende Münze die Gäste dorthin fuhr, wohin sie wollten. In diesem Fall ging es in Richtung Alt-Grangor.
"Nun, wir also eher ich habe jetzt die Möglichkeit meinen geschätzten Verwandten zu verärgern. Oder ihn zu verärgern. Denn egal, wofür ich mich jetzt entscheide: Er wird sich aufregen. Wenn er erfährt, dass ich in Grangor war und ihm nicht die Aufwartung gemacht habe - dann wird er sich ärgern. Besuche ich ihn, dann wird er sich ärgern, weil ich ihn aufsuche. Egal wie, er wird sich ärgern." - und dabei schmunzelte Erlan überraschend ein wenig.
"Mir scheint die Wahl wurde schon getroffen, oder irre ich mich da?" fragte der Gardist sein Gegenüber im Boot. "Woran hast Du das erkannt?" fragte Erlan und die Antwort kam prompt: "Nun, das Grinsen ist fast schon … ich traue es mich angesichts der derzeitigen Situation kaum zu sagen … fast schon schelmisch!"
Erlan lachte laut los und nickte: "Ja. Ich dachte mir: wenn es sowieso Ärger geben wird, und das ist so sicher, wie der Gong einer Glocke, dann kann und sollte ich die Variante wählen, durch die ich wenigstens noch etwas Spaß haben könnte. Und daher werden wir beide den geschätzten Rinaldo Sirensteen hier aufsuchen und ihm unsere Aufwartung machen."
So sollte es dann aber nicht kommen… denn als die beiden das Haus erreichten, wo Erlans entfernter Verwandter lebt, wenn er in Grangor verweilt, war dieser nicht zugegen. Doch natürlich wusste der Hausdiener, was sich geziemt und ließ die beiden Gäste dennoch herein. Wobei für den Geschmack des Gardisten der Diener das Wort „Comto“ etwas zu spitz formulierte, was jedoch den so Angesprochenen anscheinend nicht das geringste störte.
Er wandte sich an den Hausdiener und erklärte ihm: "Wir sind im Auftrag des Horas unterwegs - und müssen jetzt noch etwas hier in Grangor versuchen herauszufinden. Und da ist es nicht so sinnig, wenn man mich gleich als Comto erkennt." Anhand der besonderen Betonung des Wortes „Comto“ merkte der Gardist, dass sein Herr das doch wahrgenommen hatte. "Wir werden uns jetzt umziehen und etwas anders erscheinen. Wir werden uns nachher durch den Hinterausgang wieder auf den Weg machen und uns natürlich vorher von Euch verabschieden. Sorgt dafür, dass uns nachher stets die Türe offen steht."
"Sehr wohl, Comto Sirensteen" - und wäre nicht die merkwürdige Betonung gewesen, dann hätte man nicht bemerkt, dass diesem Hausdiener das ganze gerade ziemlich unpassend erschien.
Nachdem die beiden in ein großzügiges Gästezimmer gebracht wurden, wechselten sie die Kleidung, die etwas bodenständiger wirkten. Während der Gardist sich in einem der Spiegel betrachtete, suchte Erlan Sirensteen in seiner Tasche noch etwas. Dann fand er es endlich und hielt die kleine Phiole triumphierend in die Luft. "Da ist sie ja. Das gute Mittelchen von Schwester Erlgard." Romin schaute Erlan erstaunt an, was jedoch nur einen Augenblick später gesteigert wurde - nachdem Erlan die blass-rosafarbene Flüssigkeit mit einem Zug getrunken hatte und sich daraufhin für Romin merkwürdiges abspielte. "Ach, ihr kennt diese wunderbaren Phiolen noch gar nicht. Nun, sie wirken doch faszinierend, oder?"
Unter falschen Farben
Der Gardist schaute den Comto an und sah plötzlich, wie bei ihm die Haare langsam, aber sicher ein paar Halbfinger länger wurden – und vor allem dunkler. Wo eben noch das fast silbrige Weißblond des Hauses Sirensteen geglänzt hatte, schimmerte nun ein tiefes Kastanienbraun, das von einem dunklen, gepflegten Schnauzbart ergänzt wurde. Der Blick in den Spiegel zeigte keinen ‘‘bekannten Horasier von Rang’’, sondern einen Mann, der ebenso gut ein wohlhabender Kaufmann aus den Binnenlanden hätte sein können.
Romin betrachtete ihn mit offenem Mund. ‘‘Eure Haare?’’ Erlan grinste. ‘‘Ja, der Wiedererkennungswert dürfte jetzt deutlich geringer sein. Aber schau doch – da ist noch ein kleiner Schluck übrig. Probier’s ruhig aus.’’
Der Gardist nahm die Phiole, zögerte einen Augenblick, trank dann und spürte ein seltsames Kribbeln in der Kopfhaut. Als er in den Spiegel blickte, sah er sich mit deutlich längerem, dunklerem Haar – fast schulterlang, ungebändigt, aber nicht ungepflegt. Eine fremde Gestalt blickte ihm entgegen: ein Seemann, wie man ihn in Grangor zu Dutzenden antraf.
‘‘Passt vortrefflich’’, sagte Erlan. ‘‘So – und jetzt sieh zu, dass du nicht mehr so aufrecht stehst. Die Suderstadt liebt keine geraden Rücken.’’
Die beiden verließen das Haus leise durch den Hinterausgang. In den Gassen Alt-Grangors, wo das Wasser der Kanäle im Licht der Laternen schwach glitzerte, war es ruhig. Nur vereinzelt klangen Schritte und Stimmen, das ferne Rufen eines Gondoliere, das Quietschen eines Seils an einem Poller. Sie hielten sich im Schatten, mieden das offene Pflaster, bis die engen Wege breiter wurden, der Gestank nach Fisch, Teer und fauligem Holz zunahm – Zeichen, dass sie die Suderstadt erreicht hatten.
Vor einer niedrigen Tür, über der ein verblichenes Schild hing, blieb Erlan stehen. Der Name war kaum mehr zu lesen, doch der Geruch von Bier und Salz sprach Bände. ‘‘Bisher waren wir zwei Männer mit Hüten, die nicht von hier kamen … jetzt gleich sind wir nur zwei Händler oder Seeleute.’’
Drinnen war es stickig und laut. Der Rauch von Pfeifen und Tranlampen mischte sich mit dem Dunst verschütteten Biers. Zwischen schwankenden Tischen drängten sich Seeleute, Tagelöhner, Mägde und jene, die sich von beidem nur entfernt unterscheiden ließen. Ein Musiker versuchte sich an einer Laute, jedoch hörte man davon kaum etwas. Was nicht verkehrt war, wie sich Erlan dachte, als er direkt daran vorbeikam und doch mehr davon hörte als vorher.
Sie fanden einen freien Tisch in der Nähe der Wand. Als die Wirtin zwei Humpen brachte, schob Erlan Romin ein kleines Tütchen zu. ‘‘Nimm das vor dem ersten Schluck.’’ Romin zog die Brauen hoch, öffnete es aber doch, schob das Pulver unauffällig in den Mund und tat, wie ihm geheißen. ‘‘Widerlich’’, murmelte er. ‘‘Wirkt besser so’’, erwiderte Erlan leise und nahm selbst einen Schluck.
Zunächst schwiegen sie, hörten nur zu. Es dauerte nicht lange, bis die Gespräche an den Nachbartischen lauter wurden. Wortfetzen von Schiffen, Stürmen, verlorenen Ladungen, vom Meer der Sieben Winde – und immer wieder fiel auch die Abkürzung HPNC für die Horaskaiserlich-Privilegierte Nordmeer-Compagnie.
Einer der Matrosen, breitschultrig und mit wettergegerbtem Gesicht, schlug mit der Faust auf den Tisch: ‘‘Ich sag’s euch, die Mittelreicher hätten uns helfen können! Das Schiff neben uns wurde von Piraten überfallen – und sie haben einfach zugesehen, als wär’s ’ne Vorstellung auf dem Jahrmarkt!’’ ‘‘Vielleicht hatten sie selbst Angst’’, brummte einer. ‘‘Oder sie wussten zu viel.’’ ‘‘Zu viel, ja!’’, rief der erste. ‘‘Denn die Piraten wussten genau, welche Kähne die wertvollste Fracht hatten. Zufall? Efferd steh mir bei, das glaub ich nicht!’’
Erlan und Romin tauschten einen raschen Blick. Der Comto tat, als interessiere ihn das Kartenspiel mehr, das sie inzwischen begonnen hatten. Doch seine Ohren waren hellwach.
Im Verlauf des Abends gesellten sich weitere Seeleute zu ihnen. Aus einem beiläufigen Spiel wurde eine gesellige Runde, die Würfel klackerten, Münzen wechselten den Besitzer. Zwischen Scherzen und Flüchen kamen immer wieder Bruchstücke zur Sprache – von Routen, Handelsabsprachen, Gerüchten über Spione und Händler, die angeblich doppelt kassierten. Und immer wieder wurde kritisch über den Windhag, Harben, die Mittelreicher und den dortigen Markgrafen gesprochen. Der aber nun auch ein Herzog des Horasreiches war, was das ganze verkomplizierte. Erlan notierte sich all das in seinen Gedanken.
Eine resolute Offizierin meinte mit gesenkter Stimme: ‘‘Die da drüben im Mittelreich – die wissen anscheinend zu viel über unsere Routen.’’ Erlan nickte scheinbar gedankenlos, doch innerlich vermerkte er auch das.
Was folgte, waren viele Worte, halbe Wahrheiten, Gerüchte und der schwere Dunst von Bier und Rauch. Vor allem Erlan wechselte hier und da ein Wort, stellte beiläufig Fragen, ließ Münzen rollen. Vieles blieb unklar, doch manches ergab sich zu einem Muster, das Erlan im Stillen weiter zusammensetzte. Romin selber war eher still und beobachtete das ganze und versuchte sich in der Gesellschaft möglichst angepasst zu geben, was ihm jedoch schwerfiel.
Als die Nacht weit fortgeschritten war und die letzten Gäste schon mit dem Kopf auf dem Tisch schliefen, erhoben sie sich unauffällig. Draußen schlug ihnen die kalte Luft entgegen, feucht vom Nebel der Kanäle. Sie gingen schweigend, nur das Tappen ihrer Stiefel auf dem Pflaster war zu hören.
Nach der nächsten Ecke hielten sie inne. Eine Bewegung im Augenwinkel ließ Erlan aufhorchen. Rasch zog er Romin in einen dunklen Hauseingang, wo sie still verharrten. Ein Schatten glitt über die nächste Kreuzung, doch es war kein Verfolger, sondern eine Möwe, die trotz später Stunde hier mit ihrer fischigen Beute im Maul umherflog.
Erst nach einigen Herzschlägen lösten sie sich aus ihrem Versteck und setzten ihren Weg fort.
Erst nachdem sie mehrere Brücken und schmale Stege hinter sich gelassen hatten, brach Erlan das Schweigen – leicht lallend: ‘‘Na, da haben wir ja doch schon was erfahren können …’’ Er stockte, räusperte sich, und sein Tonfall wurde wieder kontrollierter. ‘‘Nach den ersten fünf Humpen wurde es ja auch erst interessant – und die anderen redselig. Man muss nur aufpassen, dass man nicht zu nüchtern klingt.’’ - dabei holte er aus einer Tasche ein Tütchen mit dem Pulver heraus, was sie zu Beginn geschluckt hatten. Romin grinste. ‘‘Ihr habt das gut hinbekommen, Herr.’’
Sie gingen weiter, während die ersten Nebelschwaden über die Wasser zogen. ‘‘Und was fangen wir jetzt mit diesen Informationen an?’’, fragte Romin schließlich. Erlan blieb kurz stehen. ‘‘Wir müssen da morgen noch ein paar Gespräche führen. Aber jetzt sollten wir zurück nach Alt-Grangor – ehe der Morgen graut.’’
Der Rückweg führte sie schweigend durch die dunklen Gassen. Als sie das Stadthaus erreichten, steckte Erlan den Schlüssel ins Schloss. Noch bevor er ihn ganz herumgedreht hatte, rief eine Stimme aus dem Innern: ‘‘Herr Comto?’’ Erlan hielt inne. ‘‘Ja, wir sind’s’’, antwortete er leise. ‘‘Wir sind wieder hier – und gehen jetzt zu Bett.’’
Romin nickte nur, als sie die Treppe hinaufstiegen. ‘‘Das Schiff würde ohne Euch wohl kaum nach Havena fahren’’, meinte er und verschwand in seinem Gästezimmer.
Erlan nickte, blieb dann noch einen Moment auf dem Flur stehen, lauschte dem leisen Knarren der Dielen – dann schloss er seine Tür von innen und legte sich schlafen.
Ein halber Tag der Gespräche und der Narreteien
Das erste Licht des Morgens drang schmal durch die geschlossenen Läden, als Erlan Sirensteen die Augen öffnete. Für einen Augenblick wusste er nicht, wo er war – dann erinnerte er sich an die vergangene Nacht, an Bier, Rauch und Stimmen, die nach Salz und Misstrauen klangen. Ein Rascheln aus dem Nebenzimmer verriet, dass auch Romin wach geworden war. Wenig später stand der Gardist in der Tür und grinste, während er sich über die Stirn fuhr.
"Herr Comto – Ihr seht wieder aus wie Ihr."
Erlan trat zum Spiegel. Das kastanienbraune Haar war verschwunden, ebenso der dunkle Bart. Das vertraute, weißblonde Haupt blickte ihm entgegen. Er atmete hörbar aus. "Dann war es also keine bleibende Wirkung. Schwester Erlgards Mittel hält Wort."
Romin nickte erleichtert. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal längere Haare tragen würde", meinte er mit einem leichten Schmunzeln, was aber einem melancholischen Blick zum Fenster hinaus wich.
Nach einem kurzen Frühstück im Speisesaal – das Brot war trocken, der Käse zu salzig – kam der Diener herein, der bereits am Vorabend durch seine Missmutigkeit aufgefallen war. Er stellte den Krug mit Wasser auf den Tisch, ohne ein Wort zu sagen. Erlan sah ihn eine Weile schweigend an, dann fragte er beiläufig: "Wisst Ihr, ob der gute Rinaldo heute noch zu sprechen wäre?"
Der Diener zuckte kaum merklich mit den Schultern. "Er weilt weiterhin außer Haus, Herr Comto. Es gab keine Nachricht, wann er zurückkehrt."
Erlan nickte bedauernd. "Das ist schade. Doch wenn Ihr ihn seht, richtet ihm bitte meine Grüße aus – und dass wir uns nun auf den Weg zum Kontor der Nordmeer-Compagnie, der HPNC, machen."
Der Diener nickte wortlos, verbeugte sich leicht und verschwand wieder.
Auf dem Weg zur HPNC
Als sie wenig später das Haus verließen, wandte sich Romin an seinen Herrn. "Verzeiht, aber warum habt Ihr das gesagt? Ich dachte, wir sollten schweigsam in dieser Angelegenheit sein."
Erlan lächelte knapp. "Zum einen: Rinaldo wird es ohnehin erfahren. Zum anderen – und das ist fast noch besser – wird er sich nur umso mehr ärgern. Denn Rinaldo hat geschäftlich ein beträchtliches Interesse an der HPNC. An sich nicht nur er, aber er deutlich mehr. Und jetzt weiß er, dass ich auch dort war – aber nicht, worum es geht. Das ist jetzt sein Pech."
"Ich danke für die Auskunft", murmelte Romin und schwieg einen Moment. Dann sagte er fast unhörbar etwas, das wie "Menschen" klang.
"Wie bitte?" fragte Erlan, der nur ein Wispern vernommen hatte.
"Nichts, Herr – gar nichts", erwiderte Romin rasch und ging weiter.
Im Laufe des Vormittags erreichten sie das große Kontor der HPNC. Der steinerne Bau mit seinen goldgeränderten Fenstern überragte die umliegenden Speicherhäuser. Drinnen roch es nach Öl, Pergament und altem Holz.
Erlan nannte seinen Namen und ließ sich mit Romin direkt zum Direktor führen. Hinter einer schweren Tür empfing sie ein Mann mit wachem, kühlem Blick.
Erlan öffnete eine Ledermappe, zog ein versiegeltes Schreiben hervor und reichte es dem Direktor wortlos. Dieser las aufmerksam, nickte knapp und bedeutete beiden, Platz zu nehmen.
"Also, Comto Sirensteen – der Horas schickt nicht jeden Tag einen Gesandten dieser Rangstufe hierher", begann der Direktor. "Ich nehme an, Ihr wollt über die Zwischenfälle im Meer der Sieben Winde sprechen."
"So ist es", erwiderte Erlan ruhig. "Es geht um Klarheit. Die Berichte widersprechen einander, und der Horas und das Reich haben einen Anspruch auf die Wahrheit."
Der Direktor lehnte sich zurück, trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. "Wahrheit ist ein seltener Gast im Handel, Comto. Aber ich sage Euch offen: Ich persönlich vermute, dass es in irgendeinem unserer Kontore – selbstverständlich nicht hier in Grangor, versteht sich – jemanden gibt, der bestimmte Informationen weitergibt. Zu genau scheinen die Piraten zu wissen, welche Schiffe die wertvollste Fracht führen."
Erlan nickte langsam. "Eine Vermutung, die ich teile. Ich brauche allerdings mehr als nur Andeutungen."
"Dann werdet Ihr sie erhalten", antwortete der Direktor knapp. "Ich lasse Abschriften der letzten Frachtlisten und Routenberichte vorbereiten. Vielleicht findet Ihr, was wir übersehen haben."
Das Gespräch wogte hin und her – Fragen, Andeutungen, Antworten, die mehr verschleierten als erklärten. Schließlich versprach der Direktor, die Unterlagen so schnellstens wie möglich zum Schiff zu bringen. In den Stunden danach sprach Erlan – begleitet von Romin – mit mehreren leitenden Beschäftigten des Kontors: Händlern, Buchhaltern, Schiffsmeistern. Immer wieder tauchten dieselben Worte auf: Piraten, gestohlene Waren, fehlerhafte Routenangaben, Misstrauen in die Mittelreicher.
Anderswo unterwegs
Zur gleichen Zeit, an anderer Stelle der Stadt, zog Horasiella mit Hesindian und Rafim durch die Straßen Alt-Grangors. Wo sie erschien, blieb kein Blick unbemerkt. Ihre farbenfrohe Kleidung schimmerte in der Vormittagssonne, und die Kinder auf den Gassen folgten ihr lachend ein Stück.
"Also wirklich", verkündete sie laut, "ich war jetzt in zwei Kontoren, in denen es Pfeffer gab – aber kein einziger Pfeffersack sprach! Das ist eine Unverschämtheit!"
Einige Passanten kicherten, andere schüttelten verständnislos den Kopf. Hesindian seufzte, während Rafim versuchte, die Situation zu entschärfen. Mit einiger Mühe gelang es ihnen, den kleinen Aufruhr zu glätten und die Schelmin weiterzuführen.
Zurück zum Schiff
Als die Sonne zur Mittagsstunde stand, kehrten beide Gruppen fast gleichzeitig zum Schiff zurück.
Erlan und Romin stiegen über die Planke an Bord, während Horasiella mit verschränkten Armen auf sie wartete.
"Ich habe alle notwendigen Gespräche geführt", erklärte Erlan knapp. "Die Informationen, die wir brauchten, sind gesichert. Und ihr?"
Die Hofnärrin stampfte mit dem Fuß auf. "Hier gibt es gar keine sprechenden Pfeffersäcke. Das ist eine Lüge!"
Erlan musste unwillkürlich grinsen und warf einen Blick zu Hesindian, der an der Reling lehnte. Der Magier versuchte, die Miene zu wahren, doch seine Schultern bebten. "Habt Ihr Rinaldo angetroffen?" fragte er schließlich.
"Nein", antwortete Erlan ruhig. "Und ich bin auch nicht wirklich traurig drum. Aber Verwandtschaft sucht man sich ja nicht aus."
Hesindian nickte spitzbübisch. "Außer die, mit der man reist."
Erlan erwiderte trocken: "Das gilt nur für Verwandtschaft."
Dabei sah er direkt zu Horasiella, die ihn einen Moment lang verwundert ansah – und dann laut lachte, als hätte er einen besonders gelungenen Witz gemacht.
Auf nach Grangorella!
Nachdem der Bote von der HPNC ungefähr eine halbe Stunde nach der Ankunft der beiden Gruppen am Schiff ankam und Erlan unter anderem Dokumente überreichte, machte sich das Schiff ablegebereit.
"Auf nach Grangorella!" – just diese Worte rief Erlan, als das Schiff den Kai von Grangor verließ.
"Grangorella?" fragte Horasiella verwundert und sah ihn groß an. "Reicht es nicht, wenn eine Horasiella in Grangor ist? Gibt es etwa ein Grangor, das nach mir benannt ist – also Grangorella?"
Erlan atmete tief durch, legte die Hände auf den Rücken und begann innerlich, in mehreren Sprachen bis zehn zu zählen. Dann antwortete er betont ruhig: "Ihr glaubt doch nicht tatsächlich, dass wir mit dieser Schaluppe nach Havena reisen. Wir steigen um – in Grangorella, dem Kriegshafen des Horasreiches hier in Grangor. Ich dachte, wir hätten da schon drüber gesprochen."
"Ach Erlan, Ihr habt so viel gesprochen", entgegnete die Schelmin mit einem übertriebenen Seufzen. "Das kann man sich doch nicht alles merken!"
Erlan schüttelte nur leicht den Kopf, und selbst Romin konnte sich ein leises Grinsen nicht verkneifen.
Als sie schließlich in Grangorella anlegten, lag der schwere Duft von Pech, Salz und Schmiedekohle über den Kais. Zwischen den hohen Masten der horasischen Flotte funkelte das Sonnenlicht auf Metallbeschlägen und den goldenen Insignien des Horasreiches. Auf besonderen Wunsch aus Horasia stiegen sie von ihrem kleinen Flusssegler auf ein schwerbewaffnetes Schiff der horaskaiserlichen Marine um – eine majestätische Königsschivone - die Königin Amene II., in deren glänzenden Intarsieren an Deck die Sonne sich spiegelte.
Allein dieses Schiff, so dachte Erlan, hätte wohl mehr als eines der kleinen Piratenschiffe mühelos abwehren können.
Mit einem kräftigen "Leinen los!" hallte der Befehl über das Deck, und kurz darauf glitt das Schiff hinaus aufs Meer der Sieben Winde. Die Segel blähten sich, das Holz ächzte, und während die Wasserlinie hinter ihnen kleiner wurde, richteten sich alle Blicke gen Norden – dorthin, wo Havena und das Mittelreich warteten.
Auf dem Thalassion
Thalassion – so nannte man in alter Zeit das Meer der Sieben Winde, das sich nun weit und endlos vor ihnen erstreckte. Die Königsschivone Königin Amene II. glitt stolz durch die ruhigen Wellen, ihr Rumpf glänzte dunkel gegen das gleißende Sonnenlicht. Das Meer war weit, beinahe leer, und doch lag eine besondere Ruhe über der Reise.
Auf dem Deck standen Erlan Sirensteen, Romin, Hesindian Sirensteen und Rafim beisammen.
"Ein beachtliches Schiff," meinte Hesindian, während sein Blick über die Takelage wanderte. "Ich hätte nicht gedacht, dass wir auf einer Königsschivone reisen würden – und noch dazu auf hoher See. Das gefällt mir… nur bedingt, wenn ich ehrlich bin."
"Die Königin Amene II. hat sich über Jahre bewährt," erwiderte Romin mit respektvollem Tonfall. "Man sagt, sie habe selbst Stürme überstanden, die andere Schiffe zerrissen hätten."
"Dann hoffe ich, dass sie uns sanft trägt," murmelte Hesindian und hielt sich am Geländer fest, als ein leichter Wellengang das Deck erzittern ließ.
Erlan stand am Bug und sah über das Meer, das sich wie ein endloses Tuch bis zum Horizont spannte. In den letzten Tagen hatte er sich immer wieder mit den Dokumenten beschäftigt, die er in Grangor erhalten hatte. Frachtlisten, Routenbeschreibungen, Notizen – vieles davon war lückenhaft, doch je länger er sie studierte, desto deutlicher zeichnete sich ein Muster ab.
Eines Nachmittags, als die Sonne bereits tiefer stand und der Wind das Wasser kräuselte, trat Rafim neben ihn.
"Glaubt Ihr, dass wir von diesen Piraten auch überfallen werden?"
Erlan schüttelte langsam den Kopf.
"Wenn wir überfallen werden – was ich nicht glaube –, dann von anderen. Die Unterlagen zeigen es deutlich: Wir passen nicht in das Muster."
Romin, der ebenfalls bei ihnen stand, nickte knapp. "Das Meer scheint uns gewogen zu sein."
Und in der Tat – auf der gesamten Fahrt begegneten sie kaum anderen Schiffen. Dass die Handelsroute so still blieb, war kein gutes Zeichen. Der efferd- und phexgefällige Seehandel war spürbar eingeschränkt, die Unsicherheit auf dem Meer deutlich. Noch ein Grund mehr, den rätselhaften Überfällen auf den Grund zu gehen.
Einen der Abende prägte eine Begebenheit, die für einige Unruhe sorgte. Horasiella hatte beschlossen, die Stimmung an Bord mit einer ihrer Darbietungen zu erheitern. Mit bunten Tüchern und schelmischem Eifer wirbelte sie über das Deck – und zog, wie es der Zufall wollte, Hesindian mit in ihr Spiel.
Doch der Magier, der seit der Seeschlacht von Phrygaios eine gewisse Abneigung gegen die hohe See entwickelt hatte, erblasste zusehends. Noch ehe er protestieren konnte, schwankte er, stützte sich ab – und musste sich schließlich hastig über die Reling beugen.
Horasiella wich erschrocken zurück, während die Matrosen lachend und zugleich mitleidig die Szene beobachteten. "Ich wollte das nicht! Ich schwöre, ich wollte das nicht!" rief sie und zog sich kurz darauf schuldbewusst in ihre Kabine zurück.
Erlan sah ihr nach, sagte aber nichts. Nur Romin flüsterte ihm leise zu: "Vielleicht sollten wir uns bei dem Herrn Magister bedanken – so können wir wenigstens ungestört arbeiten."
Erlans Blick verhärtete sich. "Romin." Mehr war nicht nötig, um den Gardisten verstummen zu lassen.
Die Königin Amene II. fuhr weitab der Küste, deren Umrisse kaum auszumachen waren. Doch der erfahrene Kapitän Macrin ya Corrada lenkte das Schiff mit ruhiger Hand. Die Orientierung fiel leicht – auch ohne Land in Sicht.
Und dann, eines Morgens, hallte der Ruf über das Deck: "Land in Sicht!"
Erlan trat an die Reling. Am fernen Horizont, in goldene Schleier getaucht, erhob sich eine grüne Linie über dem Wasser.
"Albernia," sagte er leise, fast feierlich.
Ein neues Ziel, ein neuer Abschnitt – und neue Rätsel, die auf Antworten warteten.
Havena
Die Sonne stand hell über dem Meer, als die Königin Amene II. in ruhigem Fahrwasser Kurs auf den Seehafen von Havena nahm. Das Wasser glitzerte golden, die Möwen zogen weite Kreise, und die Luft roch nach Salz, Harz und Sonne. Die Dienste der örtlichen Seelotsen wurden in Anspruch genommen, und so glitt das horasische Schiff sicher zwischen Pfählen und Molen in den weiten Hafen ein.
Letzte Gespräche an Bord
An Deck trat eine Offizierin der horasischen Marine an Hesindian Sirensteen heran.
"Herr Magister, ich möchte Euch darauf hinweisen, dass hier in Havena nach wie vor das Arcanum Interdictum gilt – wenn auch in gelockerter Form. Ich empfehle Euch, Euch an sämtliche Regelungen zu halten, insbesondere an den Codex Ibericus."
"Selbstverständlich," erwiderte Hesindian knapp.
"Ich bin Gast und handle auch so."
"Das freut mich zu hören. Willkommen in Albernia, Herr Magister."
Währenddessen befand sich Erlan Sirensteen im Gespräch mit Kapitän Macrin ya Corrada.
"Euer Hochwohlgeboren, verzeiht die Offenheit, aber es gibt hier im Hafen und in der Stadt nach wie vor gewisse … Bedenken gegenüber dem Horasreich. Alte Wunden, die noch nicht ganz verheilt sind. Es wäre ratsam, achtsam zu sein, was Worte und Gesten betrifft."
"Ich verstehe," antwortete Erlan ruhig.
"Die Geschichte vergisst nicht so leicht, und manche Menschen noch weniger. Wir werden uns umsichtig verhalten."
"Das freut mich zu hören."
"Ich danke Euch für Eure Umsicht und für die sichere Fahrt," schloss Erlan.
"Euch, Eurer Mannschaft und der Königin Amene II. wünsche ich eine erfolgreiche Weiterfahrt gen Norden."
Haus Gareth
Noch am selben Nachmittag bezog die horasische Delegation im besten Haus der Stadt Quartier – dem traditionsreichen Hotel Haus Gareth in der Neustadt. Die Halle war hell, die Dienerschaft aufmerksam, und das verspätete Mittagsmahl wurde in gepflegter Stille eingenommen.
Bei dieser Gelegenheit wandte sich Erlan an einen der Angestellten.
"Sagt, wisst Ihr, wann die hiesige Immanmannschaft wieder spielt? Und ob man hier Karten organisieren kann – oder wie das in Havena gehandhabt wird?"
"Heute noch, Euer Hochwohlgeboren," antwortete der Mann mit einem zufriedenen Lächeln.
"Die Havena-Bullen empfangen die Honinger Wölfe. Ein bedeutendes Spiel – man spricht in der Stadt von kaum etwas anderem."
Später, beim Tee, brachte Erlan die Sache erneut zur Sprache. Hesindian verdrehte nur die Augen – er kannte Erlans Leidenschaft für den Imman und seine großzügige Unterstützung der Irendorer Immanfreunde.
"Ich fürchte, ich werde passen," sagte er trocken.
"Mich interessiert mehr die Altstadt – die Albstadt wollte ich mir schon immer ansehen."
Horasiella lächelte.
"Dann begleite ich Euch, Herr Magister. Zwischen alten Gassen und Hafengeruch finde ich bestimmt mehr Inspiration als auf einem Spielfeld."
Erlan nickte.
"Wie Ihr wollt. Haltet Euch aber bitte an die Regeln der Stadt."
Er fragte sich insgeheim, wem diese Worte eigentlich galten.
Erlan beschloss, das Spiel zu besuchen. Rafim, Romin und eine weitere Gardistin der Irendorer Liliengarde – in ziviler Kleidung, sodass man ihr den Rang nicht ansah – begleiteten ihn.
Das Spiel der Bullen gegen die Wölfe
Am Abend zog die kleine Gruppe zum Immanstadion am Immanplatz. Die Ränge waren voll, blau-weiße und grün-graue Tücher wehten über den Köpfen, und ein vielstimmiges Raunen lag über dem Feld.
Die erste Halbzeit gehörte den Havena-Bullen:
Sie lagen nahezu durchgängig in Führung, getragen vom geballten Jubel der heimischen Menge. Doch zu Beginn der zweiten Halbzeit wendete sich das Blatt: Die Honinger Wölfe erzielten zunächst den Ausgleich, übernahmen kurz darauf die Führung – und gaben sie bis zum Abpfiff nicht mehr her.
Endstand: Honingen 14 – Havena 10.
"Ein starkes Spiel," kommentierte Erlan, während die Menge lärmend auseinanderströmte.
"Die Bullen haben alles gegeben – aber die Wölfe haben klüger gespielt."
Romin grinste.
"Oder einfach besser gebrüllt."
Rafim schüttelte lachend den Kopf.
"Nein, die haben einfach weniger nachgedacht – und mehr getroffen."
Über dem Hafen glitzerte das Abendlicht, und von fern drang der Klang der Stadt herüber – Musik, Stimmen, Möwen.
Ein Abend in Havena
Noch am selben Abend fand in einer großzügigen Villa nahe des Fürstenpalastes ein Empfang statt, zu dem auch die Horasier geladen waren. Der Garten war weitläufig, mit gepflegten Büschen, Brunnen und von Lampen erleuchteten Wegen, die wie silberne Linien durch das Dunkel zogen. Musiker spielten leise im Hintergrund, und die Stimmen der Gäste vermischten sich zu einem sanften, stetigen Summen.
Am Rande der Gesellschaft fanden sich Erlan Sirensteen, Hesindian Sirensteen, Rafim Eorcaïdos von Aimar-Gor und Romin ein – in eben dieser Reihenfolge, wie sie auch sonst meist auftraten. Begleitet wurden sie von Horasiella, die auch hier durch ihre farbenfrohe Kleidung und ihr unbeschwertes Lachen auffiel.
Das Gespräch drehte sich, wie es bei solchen Anlässen üblich war, um Politik, Handel und den Zustand der Stadt. Eine Dame aus Havena erzählte von neuen Schiffen, die im Hafen fertiggestellt worden seien, und davon, dass es Spannungen mit Al’Anfa gebe, die dem Handel zusetzten. Ein Gelehrter erläuterte mit ausladenden Gesten eine seiner Theorien über die Strömungen des Meeres und deren Einfluss auf die Windrichtungen – kaum jemand verstand ihn, doch alle nickten höflich. Andere sprachen von den jüngsten Vorfällen im Meer der Sieben Winde: von aufgebrachten Schiffen und den wachsenden Sorgen der Kapitäne. Und schließlich meinte jemand, es sei wohl kaum ein Zufall, dass nun Gäste aus dem Horasreich in Havena weilten – ihr Besuch beim Immanspiel wäre gewiss nicht der einzige Grund für ihre Anwesenheit.
"Man munkelt, dass noch jemand Hochadliges erwartet wird," sagte eine junge Frau, die sich mit einem Fächer Luft zufächelte. "Vielleicht sogar aus dem Fürstenhaus – doch Genaueres weiß man nicht."
Ein älterer Mann in silbergrauer Weste schmunzelte. "Nun, das würde mich kaum überraschen. Wir sind in Havena, nahe beim Palast – und wenn jemand aus dem Rat der Kapitäne einlädt, dann kann so etwas schon vorkommen."
Darauf entgegnete eine andere Stimme: "Solange niemand aus den Nordmarken auftaucht, ist doch alles in Ordnung. Ansonsten wäre der Abend gelaufen." Allgemeines Gelächter folgte.
Ein anderer Gast, offenbar gut informiert, fügte beiläufig hinzu: "Man sagt übrigens, ein Gesandter aus Nostria sei angekündigt – angeblich, um wichtige Dinge mit dem Fürstenhaus zu besprechen." Einige nickten, andere tuschelten leise weiter.
Erlan hielt sich zurück. Er führte ein paar belanglose Gespräche, trank einen Becher Wein, hörte höflich zu und nickte an den passenden Stellen.
Später am Abend hatte sich die Gesellschaft auf die Terrassen und in den Garten verlagert. Über den Bäumen hing der Mond, und die Lampions warfen flackernde Lichtkreise auf die Kieswege. In einer der stilleren Ecken des Gartens stand Erlan allein, abseits der Musik und des Gesprächslärms.
Ein Schatten näherte sich. Schritte auf dem Kies. Eine Stimme sprach ihn an – ruhig, mit Nachdruck.
Was auch immer gesagt wurde, es ließ Erlans Miene erstarren. Er antwortete kaum, neigte leicht den Kopf, und als die Gestalt sich entfernte, blieb er einen Moment reglos stehen. Dann wandte er sich um, kehrte zum Gartenweg zurück und verabschiedete sich kurz und knapp von seiner Begleitung.
Er fand Rafim und Hesindian in einem Gespräch mit zwei Händlern und legte ihnen kurz die Hand auf die Schulter. "Die Müdigkeit hat mich übermannt," sagte er schlicht. "Feiert Ihr ruhig noch weiter."
Horasiella unterhielt sich gerade mit einer Gruppe von Hofdamen, Rominwar irgendwo zwischen Terrasse und Tor verschwunden. Erlan verließ die Gesellschaft leise und ohne Aufsehen.
Romin hatte den Abgang schließlich bemerkt. Er zögerte nur einen Atemzug, dann folgte er ihm, hastig, aber ohne Aufsehen zu erregen. Auf den dunklen Straßen Havenas holte er Erlan bald ein.
"Herr Comto?" fragte er leise.
Erlan blieb stehen, sah kurz über die Schulter, ohne wirklich hinzusehen.
"Ich wollte nicht stören. Es ist spät – und morgen wird ein langer Tag."
Romin nickte, aber er ließ ihn nicht allein. "Ich lasse Euch nicht allein gehen, Herr Comto," sagte er mit Nachdruck. Während sie nebeneinander hergingen, versuchte er nachzudenken. Was war geschehen? Und was verband seinen Herrn mit dieser Stadt? Hatte es in der Vergangenheit etwas gegeben – hier, in Havena?
Erlan schwieg. Die Lichter des Hafens spiegelten sich im Wasser, und das ferne Klirren von Gläsern aus der Villa verklang langsam hinter ihnen.
Am nächsten Morgen stand die Delegation früh auf. Der Wagenzug war vorbereitet, die Kutschen beladen. Noch ehe die Sonne über den Nebeln der Hafenstadt aufstieg, verließen sie Havena gen Osten – auf der Straße nach Gareth, dem Herz des Mittelreichs.
… wird noch fortgesetzt …
Gareth
Zu den Geschehnissen ab Gareth sei auf diese Briefspielreihe im Garetien-Wiki verwiesen:
- Briefspielreihe (zum AAK 2024): Horasier in Garetien

