Briefspiel:Plötzlich Delegierte/Treffen in Vinsalt VII

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Stadt Urbasi.png Briefspiel in Urbasi Stadt Urbasi.png
Datiert auf: Frühjahr 1046 BF Schauplatz: Urbasi, Cassiena, Vinsalt Entstehungszeitraum: ab Sommer 2025
Protagonisten: Rahjada, Traviane und Rahjalin Solivino, Auricanius von Urbet u.w. Autoren/Beteiligte: Familie Solivino.png Bella, Haus Urbet.png Gonfaloniere
Zyklus: Übersicht · Rahjadas Brief · Besuch im Tempel · Von einem Monsignore zum anderen · In der Villa Ricarda I · II · III · IV · V · Auricanius' Einladung · Treffen in Vinsalt I · II · III · IV · V · VI · VII


Treffen in Vinsalt - Teil VII: Kunst, die verbindet

In anderer Perspektive auch in Vinsalt zu betrachten: die Stadt Urbet mit dem Tafelberg

Auricanius meinte die Spannung zu spüren, die sich zwischen seinen beiden Hauptgästen an diesem Abend aufbaute. Er versuchte sich dies aber nicht anmerken zu lassen, als er die nicht mit seinem Kult assoziierten Gäste – Praialissa und Nepolemo waren schon vorausgeleitet worden – durchs zentrale doppelflüglige Portal am oberen Ende der Galerie führte.
„Mein Vorgänger, Baron Panthino, pflegte dieses Haus immer als 'Palazzetto' zu bezeichnen, was sicherlich nicht falsch war“, setzte er dabei zu einer Erklärung an. „Als kleines Geschlecht aus der fernen Gerondrata war es uns nie gegeben, hier in der Hauptstadt die grandiosesten Erwartungen zu erfüllen. Dennoch freut es mich, euch nun in die ansehnlicheren der uns hier zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten geleiten zu dürfen.“
Der Praios-Geweihte stapelte ersichtlicherweise tief, als sie zunächst ein durchaus geräumiges Empfangszimmer – man mochte es auch einen Audienzsalon nennen – betraten.
„Wie man sieht, diente die Ausstattung ein Stück weit auch der Bekämpfung des Heimwehs.“
Er hielt vor einem weiteren, flächenmäßig kleineren, vom Motiv her jedoch noch weit epischeren Gemälde an, das diesen Raum beherrschte. Vor ihnen breitete sich eine ganze Landschaft aus, eingerahmt von allegorischen Darstellungen, in der Tiefe aber perspektivischen Gesetzen folgend.
„Tatsächlich ließ mein Vorgänger dieses Werk, das glaube ich dem Akademiestil folgt, wie die Meister sagen würden, von Malern anfertigen, die zunächst Skizzen in meiner Heimat machen mussten. In der Bildmitte liegt tatsächlich die sehr gut getroffene Stadt Urbet, als würde man von den Hängen des Silbertals über die Lindwurmfelder hinweg auf sie blicken.“
Vor allem der zentrale Tafelberg mit der trotz der gewählten Perspektive und Entfernung beeindruckenden Festung darauf ließ an dieser Aussage für jeden, der die Heimat der Gastgeberfamilie schon einmal gesehen hatte, kaum einen Zweifel aufkommen.
„Die Festung, die mein Ahn, der Valvassor und Kronrat Rahjadan, erbauen ließ, geht dabei auf einen Vinsalter Architekten zurück, was wenige wissen. Es mutet wie eine grausame Randnotiz der Geschichte an, dass er demselben Geschlecht entstammte, dessen Oberhaupt ich hier in jüngerer Vergangenheit wegen schlimmster Verbrechen anzuklagen gezwungen war …“
Auricanius stockte kurz und räusperte sich dann, als müsse er aufkommende Gedanken abschütteln.
Rondraman Talligon war der Baumeister, den mein Vorfahr wählte“, erklärte er dann mit einem etwas gezwungen wirkenden Lächeln vor allem den beiden Vinsalter Adligen gegenüber.
Abelmir und Elissa zeigten sich ob dieses ihnen bislang wohl nicht bewussten Umstands erstaunt.
„Das Schicksal wirkt bisweilen in sehr unvorhersehbaren Bahnen“, kommentierte Auricanius wohl nicht nur das Staunen. „Wobei Schicksal ohnehin ein sehr treffender Begriff bei der Würdigung dieses Werks ist. Kaum einem Betrachter fällt nämlich beim ersten Mal auf, dass es nicht nur ein Landschaftsbild, sondern auch ein Schlachtgemälde ist.“
Tatsächlich schoben sich bei dieser Bemerkung mehrere Köpfe seiner Gäste mit einem Ausdruck der Überraschung näher ans Bild heran.
„Auch wenn sie davon natürlich keine Skizzen machen konnten, arbeiteten die Maler ins Bild eine Schlachtszene aus dem Krieg der Drachen ein“, führte Auricanius weiter aus. „Dargestellt ist die größte Schlacht des Krieges vor der letzten Entscheidungsschlacht bei Pertakis. Fragt mich nicht, wie die Meister es angestellt haben, aber bei sehr genauer Betrachtung kann man sogar das Banner Fürst Ralmans ausmachen, der hier den Timoristen unterlag. Und dieser helle, goldglänzende Punkt …“ Der Praios-Geweihte wies mit dem Finger auf eine bestimmte Stelle vor der sich schon nur schemenhaft abzeichnenden Stadtmauer. „… soll tatsächlich meinen Bruder darstellen, der eine Flanke des Aldarener-Heers anführte, wie man mir glaubhaft machen wollte.“
Auricanius' einleitende Aussage mit den „grandiosesten Erwartungen“ schien allein ob dieses Details schon als Untertreibung entlarvt zu sein. Die ganze Konzeption des Bildes war wohl darauf ausgelegt, Besucher zu beeindrucken: erst mit der gewaltigen, uneinnehmbar wirkenden Festung, die auf dem Tafelberg über einem weiten Umland thronte, dann mehr noch aber mit der Tatsache, dass sich davor erst auf den zweiten Blick ersichtlich eine der größten Schlachten in der Geschichte des Horasreichs ereignete. Die alles relativierende Pointe – dass die Schlacht damals das Ende der fürstlichen Herrschaft Travianos einleitete – ließ der Praios-Geweihte erstmal unerwähnt … und musterte offenbar zunächst sehr aufmerksam die Gesichtszüge seiner Gäste …

Rahjada hatte Auricanius nur am Rande zugehört. Rohalion glich das mit seiner Wissbegierde jedoch doppelt und dreifach aus, so interessiert, wie er alles aufsaugte, was der Praios-Geweihte erzählte. Sie war ihm dankbar für die Rückfragen, die er stellte, so musste sie sich über höflich geheucheltes Interesse nicht auch noch Gedanken machen. Nur der Name Talligon ließ sie aufhorchen. Hatte der Baron nicht einmal erzählt, wie sich ihre Cousine Doriana, seine Nichte, die auch Rahjada hieß, und er einem Angriff dieser Talligons erwehren mussten?
Doriana … sie hatte nichts gegen die Jüngere, die lieber mehr für Prüfungen lernen sollte als mit ihren Freunden betrunken durch die Straßen von Methumis zu ziehen, nein, ganz und gar nicht. Sie hatte ja nichts damit zu tun. Es war bloß … sobald sie dagewesen war, war sie selbst für Traviane nicht mehr das Hauptinteresse gewesen – und sie konnte es ihrer Tante nicht einmal verübeln.
Die Esquiria schielte zu ihrem Vater, während sie so tat, als würde sie Auricanius‘ Erzählungen über die Einrichtung zuhören. Er hatte noch kein Wort mit ihr gewechselt. Wollte er etwa, dass sie anfing, aus Mitleid? Oh nein, da konnte er lange warten. Trotz funkelte in ihren Augen auf, als sich ihre Fingernägel schmerzhaft in ihre Handballen gruben.

‚Rahjada, ich…‘ Rahjalin wollte mit ihr sprechen, wollte ihr sagen, wie sehr es ihm leidtat, wie sehr er sie liebte, doch jedes Mal, wenn er den Mund öffnete, versiegte sein Mut. Sie hatte ihm so oft klar gemacht, dass sie nichts mit ihm zu tun haben wollte, hatte seine Versuche mit einer Kälte beantwortet, die so schleichend in sein Herz gekrochen war, dass er es nicht bemerkt hatte, bis … bis er vor dem Praios-Geweihten zusammengebrochen war.
‚Lutisana… es tut mir so leid. Dass ich nicht für dich da war, für uns, für unsere Tochter.‘
‚Lutisana, warte!‘, rief er lachend, als sie ihn am Handgelenk durch die Menschenmenge schleifte. Sie grinste ihn nur an und zog ihn weiter, immer weiter weg von seiner Familie, die auf dem Weg zum Palazzo des Hauses Schreyen war. ‚Wenn meine Mutter das erfährt…‘ Er seufzte theatralisch.
‚Fällt ihr vielleicht mit einem Mal auf, dass ihr Sohn ein Rahja-Geweihter ist.‘
Lutisana zerrte ihn in eine Nebengasse, die von den lautstark feiernden Besuchern des Weinfestes noch verschont blieb. Nach Atem ringend blieben sie stehen. Eine ganz neue Art der Aufregung hatte von Rahjalin Besitz ergriffen. Niemand wusste, wo er war. Das feierliche, langweilige Familientreffen würde er leider, leider verpassen und stattdessen … mit ihr zusammen sein. Mit Lutisana, die fließendes Haar wie abendliches Sonnenlicht, wie flüssiges Gold hatte, Augen wie Bernstein oder das süße Karamell, das in den Straßen an Kinder verkauft wurde. Deren Lächeln zart und lieblich wie eine erblühende Rose und deren Lachen der schönste, reinste Klang Deres war. Lutisana, die sein Herz im Sturm erobert hatte und es jetzt immer höher schlagen ließ.
‚Du bist das beste, was mir hätte passieren können‘, sagte er wahrheitsgemäß, bevor sie ihn mit einem Kuss zum Verstummen brachte. Nur Cerceri bemitleidete er ein bisschen.
Rahjalins Augen glitzerten, er wandte das Gesicht von der jungen Dame ab, die immer noch bei ihm untergehakt war.

Der jungen Vinsalter Signora schien dies nicht zu entgehen. Und noch während Auricanius geduldig jede der aus dem Nandus-Geweihten Rohalion heraussprudelnden Fragen bestmöglich zu beantworten versuchte, vermeinte er Brüskiertheit in den Gesichtszügen Elissas zu erkennen. Dass ihr ein solch allenfalls oberflächliches, hinter der Fassade aber geringes Interesse von einem selbst gewählten Begleiter entgegen gebracht wurde, wie Rahjalin es gerade tat, passierte ihr offensichtlich nicht häufig.
Scheinbar zufällig löste sich nur wenige Augenblicke später ihr Arm vom Rahja-Hochgeweihten, während sie einen weiteren Schritt aufs Landschafts-/Schlachtgemälde zuging.
„Diese Detailverliebtheit“, kam sie einer weiteren Frage Rohalions zuvor, „ist wirklich beachtenswert.“
Ihre Worte schien sie dabei an alle Anwesenden zu richten, forderte jedoch sogleich die Aufmerksamkeit ihres eigentlichen Begleiters an diesem Abend ein, der an der Seite Rahjadas stand: „Abelmir, erinnerst du dich noch an den Meister, der das Bild der Rennbahn im Palazzo meiner Familie malte? Du hattest ihm doch damals so viele Fragen gestellt …“
Der Großneffe der Operndirektorin musste wohl kurz in seiner Erinnerung graben.
„Meister Pennell? Ohja, der hatte einen verblüffend ähnlichen Stil.“
„Pennell?“, fragte daraufhin auch der Nandus-Geweihte aufgeregt … und wies sogleich mit seiner Hand auf die rechte untere Ecke des Gemäldes, wo eine Signatur Auskunft über den Schöpfer des gewaltigen Bildwerks zu geben schien.
Auricanius musste daraufhin selbst einen weiteren Blick darauf werfen, ehe er mit einer Geste der Bewunderung das scharfe Auge Rohalions würdigte.
„Wie habt ihr das so schnell erfassen können, Grazioso? Habt ihr etwa elfische Vorfahren?“ Die Fragen des Barons waren erkennbar rhetorischer Natur, weil er in diesem Fall gar keine Antwort abwartete.
„Wie klein die Welt doch ist … und wie groß auch euer Blick fürs Künstlerische“, wandte er sich gleich darauf an die Signora de Monesta, die ihn dafür anstrahlte.
„Das ist nur eine meiner Qualitäten, Baron“, versicherte ihm Elissa mit wieder deutlich gesteigertem Selbstbewusstsein … und hatte sich, bevor es überhaupt jemand sonst bemerkte, nun bei ihm untergehakt.
„Aber ihr wolltet uns doch eigentlich ein Spiel zeigen, wenn ich mich nicht täusche.“
„Natürlich“, antwortete Auricanius. „Wenn ihr mir dazu folgen wollt …“
Dabei versuchte er noch einmal den aktuellen Gemütszustand seiner beiden eigentlichen Hauptgäste, der Solivinos, aus ihren Gesichtern abzulesen, musste sich aber rasch dem erstaunlich vorwärts strebenden Druck Elissas geschlagen geben und führte die Gruppe weiter in den Palazzetto hinein.