Briefspiel:Von altem Bund und neuem Fried'/Renovatio

Briefspiel in Urbasi
Datiert auf: Ingerimm 1045 BF bis Travia 1047 BF Schauplatz: Urbasi Entstehungszeitraum: ab März 2026
Protagonisten: Azzo Silbertaler d.J., Gylduria Deraccini u.v.w. Autoren/Beteiligte: Rhutkles, Giacobbo, Bella
Zyklus: Übersicht · Vom Rat der Einheit · Renovatio · Von zarten Banden I: Im Palio und Carroccio · II: In den Fluren des Magistrats · III: In den Gassen und Stuben · Das Gesuch · Vom Ende einer Fehde · Der Vertrag · Vom Werben der Familien I: Solivino · II: di Salsavûr · III: Dalidion · IV: ya Malachis · Treffen der Eheleute · Die Verlobung · Palio und Censore-Wahl · Die Vermählung · Die Sikramer Schildwacht berichtet


Renovatio

Anfang Rahja 1045 BF, im Palazzo Colombana

Autor: Giacobbo

 
Gylduria ruft ihre Kinder zur Ordnung

"Silenzio!", rief Gylduria Deraccini herrisch und schlug mit flacher Hand auf den Tisch vor ihr. Der schwere Siegelring der Deraccini hinterließ ein langanhaltendes Echo in der zum Resonanzkörper gewordenen Schublade unter der Tischplatte. Sie erhob sich aus dem mit Gold verzierten Stuhl und lief mit kontrolliertem, entschlossenem Schritt auf ihre Kinder zu. Jedem war bewusst, dass nicht Selina, einzig und allein Vitius Deraccini gemeint war.
"Vitius, ich dulde keine weiteren Eskapaden. Ich frage mich manchmal, warum die Zwölfe mich so strafen, dass ich nach Deiner Schwester ausgerechnet Dich aus meinem Unterleib pressen musste. Schlägst Dich auf den Piazzas herum wie ein Bravo und stellst jedem Rock nach wie ein Pfau. Dein Vater hat so viele gute Eigenschaften, und Du übernimmst ausgerechnet die weniger tugendhaften." Gylduria seufzte und drehte sich zum Fenster.

"Uns erreichte ein Gesuch der Silbertaler!", sie machte eine kurze Pause, um das Gesagte zu unterstreichen. "Sie wollen sich mit uns zu einer Unterredung treffen, um den alten Zwist unserer Familien beizulegen."

Vitius deutete mit einem abfälligen Geräusch seinen Unmut aus. "Cazzo, diese Heuchler! Erwarten sie, dass wir den Verrat an Bisnonno Ferrante einfach vergessen?"

 
Der Herr der Hauswache und Verteidiger der Ehre ist skeptisch

Gylduria drehte sich abrupt zu ihm um, ihre Miene duldete kein Widerwort. "Natürlich vergessen wir nichts! Aber selbst in deinen Kopf sollte langsam ein wenig Prudenza eingekehrt sein." Mit einem Blick nach oben fügte sie hinzu: "Oh Hesinde, warum hast Du einzig meine Tochter mit deiner Gabe bedacht?" Sie setzte sich wieder auf ihren Stuhl hinter dem Schreibtisch und fuhr fort. "Ihr stimmt mir sicherlich zu, dass dieser Streit unseren Geschäften im Weg steht. Uns machen die elenden Falken schon genug Scherereien. Wir müssen Ruhe in die Straßen von Urbasi bringen."

"Ich plane eine Umstrukturierung unserer Unternehmungen... Renovatio! Expansio! Wir müssen den Staub von unseren Geschäften blasen, oder wir gehen als Relikte der Vergangenheit unter - überholt von Technik und Fortschritt. Ich denke an eine Ausweitung der Semaphorenlinien und Optimierung der selbigen." Gylduria stützte sich auf ihre Ellenbogen und faltete die Hände vor ihrem Gesicht. "Wir müssen zielgerichtet denken. Ablenkungen ausblenden und ...", sie schaute streng zu Vitius herüber, "wir müssen auch hin und wieder über unsere Schatten springen. Und in deinem Fall, mein lieber Vitius, bedeutet dies, dem Friedensgesuch der Silbertaler offen gegenüber zu sein."

"Aber Mutter! Wir können doch auch die Geschäfte erweitern und weiterhin die Silbertaler verachten." Vitius zuckte mit den Schultern und schaute zu seiner Schwester. Selina fuhr, ungewöhnlich für ihr sonstiges Verhalten, schnell zu ihrem Bruder herum und sagte: "Schau mich bitte nicht so an, Vitius! Ich bin völlig Mutters Meinung. Die Parteigänger der Silbertaler machen uns das Leben nur unnötig schwer." Gylduria deutete einen Applaus an. "Selina, meine Liebe. Ich freue mich, dass auf dich stets Verlass ist. Wenigstens eine Konstante in meinen Leben."

 
Die langjährige Protocollaria Selina Deraccini stimmt ihrer Mutter zu

Sie stand auf und stützt sich auf ihre Arme und beugte sich zu Selina und Vitius vor. "Ich erwarte von Euch vollständige Kooperation zum Wohle der Famiglia. Und wenn dies bedeutet, freundlich zu den Silbertalern zu sein, buono... dann sei es so!" Das Familienoberhaupt drehte sich wieder zum Fenster, verschränkte die Arme hinter ihrem Rücken und sagte knapp: "Ihr könnt gehen!"

Noch lange stand sie so da und schaute aus dem Fenster ihres Studiolos im Palazzo Colombana auf den Ferrante-Platz, in Gedanken versunken und über die neuen Möglichkeiten kontemplierend. Wie lange noch konnte sie die Geschicke der Famiglia lenken? Und was käme nach ihr? Selina, fähig, aber nicht wirklich Willens, die Leitung der Famiglia zu übernehmen. Vitius, ein draufgängerischer Geck ohne jegliche Cortesia. Und ihr unehelicher Sohn Antonius Taubenschwinge? Ein gutherziger, anständiger und ehrlicher Holzklotz, ein Bastard aus einem Kapitel ihres Lebens, über das sie sich ausschwieg.