Briefspiel:Von altem Bund und neuem Fried'/Treffen der Eheleute

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Briefspiel in Urbasi
Datiert auf: Ingerimm 1045 BF bis Travia 1047 BF Schauplatz: Urbasi Entstehungszeitraum: ab März 2026
Protagonisten: Azzo Silbertaler d.J., Gylduria Deraccini u.v.w. Autoren/Beteiligte: Rhutkles, Giacobbo, Bella
Zyklus: Übersicht · Vom Rat der Einheit · Renovatio · Von zarten Banden I: Im Palio und Carroccio · II: In den Fluren des Magistrats · III: In den Gassen und Stuben · Das Gesuch · Vom Ende einer Fehde · Der Vertrag · Vom Werben der Familien I: Solivino · II: di Salsavûr · III: Dalidion · IV: ya Malachis · Treffen der Eheleute · Die Verlobung · Palio und Censore-Wahl · Die Vermählung · Die Sikramer Schildwacht berichtet


1. TRA 1046 BF - Fest der eingebrachten Früchte, Palazzo Silbertaler

”HABT IHR ZU LANGE IN PRAIOS´ SCHEIN GESESSEN? IST EUCH DER VINO IN DIE SÄFTE GESCHOSSEN? ICH SOLL WAS? TRAVIABUND? MEIN STUDIUM! MEINE KARRIERE! MEIN TSATAG! ALLES RUNIERT! ICH WOLLTE AN DEN HOF! NUN WOLLT IHR MICH VERSCHACHERN!!! AN EINEN TAUGENICHTS! AN EINEN SCHREIBERLING! AN EINEN DERACCIIIINI!!! WIE KÖNNT IHR MIR DAS ANTUN?”

Entsetzen, Wuttränen, Fassungslosigkeit… Der Gefühlswallungen waren gar zu viele. Talagena sank nach Atem ringend auf das Sitzmöbel. “Ich … ich … Luft.”

Ihre Mutter Sofia betrachtete das Schauspiel, erhob sich von ihrem Stuhl, trat zu ihrer Tochter und löste zwei Schnüre an deren Rücken, ging zu ihrem Platz an dem kleinen, altmodischen Tischchen zurück, nahm den Glasbecher, der einen Sprung hatte und inspizierte die Reste der alten Vase aus der Schreibstube, die vorsorglich nur mit einem hübschen Trockengesteck aus Ähren geschmückt worden war und deren Scherben nun in einer Ecke lagen. Sie kannte ihre Tochter und hatte den erwartbaren Schaden kalkuliert und minimiert. Als nächstes würden wohl die fadenscheinigen Kissen, die sie sich aus den Abstellkammern des Spiel- und Badehauses hatte kommen lassen, den Weg alles Derischen gehen. Ebenso wie der vermeintliche Wandbehang waren sie oberflächlich aufgehübscht worden. Sie warf ihrem Gemahl einen Blick zu. Dieser setzte sich sogleich in Bewegung und nahm neben dem Töchterlein Platz und tätschelte das Händchen. “Na, na, mein Kind. Es ist doch alles halb so wil …” Weiter kam er nicht, die am morgigen Tage ihre Volljährigkeit Erreichende ging in ein Jammern und Wehklagen über. “Ma papà, ich bin noch so jung, das ganze Leben … ich wollte an den Hof … mamà hat so viel investiert … das Studium … Hausfrau? … ich kann doch keine domna werden … Oh, Schreck, nein, und Mutter? Kinder? Jetzt schon? Papà, mein ganzes Leben ist ruiniert …”
Der Angesprochene litt zwar sichtlich mit seinem Lieblingskind, aber konnte nur weiter die Hand der derart vom Schicksal Gestraften tätscheln. Diese hatte wieder genug Atem geschöpft, um sich in die nächste Wutphase zu stürzen. Unter Verwünschungen wurde - ganz wie erwartet - der Tisch umgeworfen, mit dem Schuh einen Glasbecher zertreten, beide Schuhe - aus Mangel an einem Fenster - gegen die Wand geworfen und - Sofia nickte leicht - zwei Kissen zerfetzt.

Das Theater dauerte noch ein wenig an. Sofia und Nando streuten im Verlauf beruhigende Informationen ein. Keinesfalls sei das Studium in Methumis gefährdet, selbstverständlich könne sie für eine kleine Zeit an den Hof von Herzog Eolan, falls es ihr gelänge, oder nach Vinsalt in die Kanzlei des Delegierten, nein, es würden nicht sofort Kinder erwartet, ja, sie würde superior vermählt … und so weiter und so fort.

Letztlich stellte Talagena zwei Fragen: “Wer ist dieser Darian eigentlich?” und “Wie ist die Munt geregelt?”
Spätestens, als sie Punin hörte, sah sich die junge Almadaner Königshof. Die Eltern verschwiegen, dass der Vater Darians noch sehr rüstig war und keinesfalls in den kommenden 10 Jahren abtreten würde.

4. TRA 1046 BF - Im Palazzo Colombana, Urbasi

Gylduria Deraccini faltete die Hände und starrte an die mit vergoldetem Stuck verzierte Decke. "Darian, ich bin mit meiner Geduld wirklich bald am Ende. Es scheint mir, Du willst die Bemühungen der Familie vorsätzlich unterwandern. Ja, Talagena Silbertaler mag eine... recht... eigensinnige Figur besitzen. Aber sie ist immerhin die Tochter deiner künftigen Vorgesetzten. Vergiss nicht, dass Du Onkel Alvaros Werk in der Silbertaler Bank fortführen wirst. Die Familie hat so viel in Deine Ausbildung investiert. Und der, durch die Vermählung einsetzende Friede zwischen den beiden Familien wird auch Dir zugute kommen.", sagte sie und schaute Darian streng an.

Darian wirkte wie ein Fisch auf dem Lande, wie er so stand, schweißgebadet und nach Luft ringend. "Die Verlobung wird in wenigen Tagen von der Barbero vollzogen, die Heirat ist für den Tag der Treue nach Vollendung eines Götterlaufs angesetzt.", Gylduria sah auf einige Dokumente auf ihrem Schreibpult und fügte hinzu "Wunderbar, Du darfst jetzt gehen."

In einer dunklen Ecke des Studiolos stand eine in schwarz gekleidete Gestalt. Als sie aus dem Schatten trat, sah man einen Mann mit einem amüsierten Gesichtsausdruck. "Tante Gylduria, davon wird sich der Arme nie erholen.", sagte Giacobbo. Gylduria schaute ihn streng an, musste dann aber schmunzeln.

Zurück in der Residenz seines Onkels Alvaro saß Darian in Gedanken versunken in seinem Lesezimmer. ´Ausgerechnet an Talagena verschachert. Wenn ich sie nur sehe, wie sie durch die Bank marschiert, wenn sie Ihre Mutter besucht... wahrscheinlich weiß sie nicht einmal, wer ich bin, dieses verzogene Stück.´ Er seufzte und zog ein Buch von einem Beistelltisch. ´Und dann auch noch inferior, so bin ich ihr ja in fast jeder Beziehung unterlegen.´ Er wirkte wie ein tragisches Gemälde eines armen Dichters, der sein Leid beklagte.

10. TRA 1046 BF - Ein erstes Treffen - unter Aufsicht

Man hatte Talagena gar hübsch zurechtgemacht, einen zierlichen Schleier auf das lang frisierte Haar gelegt und ihre Füße in flache Sandalen geschnürt. Sie saß auf einer Bank, einen kleinen Korb an ihrer Seite und saß im Licht des Praiosauges, das aus den Tropfen der Fontana di Fontargenna winzige Regenbögen hervorkitzelte.
Als der in ihren Augen wenig beeindruckende Darian zwischen den Fontänen auftauchte, riss sich die Studentin zusammen und lächelte tapfer. Hatte sie ihn nicht schon mal gesehen? Sie wusste allerdings wenigstens von ihrem Vater, dass er sie aus dem Palazzo Sathÿara beobachtete, wahrscheinlich wären noch mehr versammelt. Daher erhob sie sich und streckte dem etwas kleineren Mann die Hand hin, die eine deutliche, frische Schramme aufwies. Brav knickste sie. ”Signor Darian, es freut mich außerordentlich, Eure Bekanntschaft zu machen.”


Darian war heute morgen von Vitius und Giacobbo für dieses Treffen eingängig beraten und vorbereitet worden. Trotz ihrer Anstrengung hatte er nicht umhin gekonnt zu bemerken, dass auch ein wenig Spott in ihren Bemühungen gelegen hatte. Rein freundschaftlicher Natur, wie beide bemerkten, als er sie darauf ansprochen hatte.


"Signora Talagena, die Freude ist ganz auf meiner Seite!", sagte Darian und verbeugte sich tief vor ihr. Eine Hand hinter dem Rücken verriet, dass er ihr eine kleine Aufmerksamkeit mitgebracht hatte.


Gylduria stand etwas abseits mit Giacobbo und Vitius. Sie kniff die Augen zusammen um besser sehen zu können und fragte ihren Sohn: "Was hat er da hinter seinem Rücken?" Vitius schaute auch noch einmal genauer hin, bevor er seiner Mutter antwortete. "Es scheint mir, als sei es ein Blumengesteck für die Holde. Und das andere... ich denke, dass es eine Sikrami ist. Die weiblichen Silbertalers scheinen eine Schwäche zur Sikrami zu haben." Von Giacobbo war ein Prusten zu vernehmen.
"Vitius, sollte die Verbindung wegen Deiner Unreife scheitern, wirst Du bis an Dein Lebensende die Taubenschläge reinigen.", sagte Gylduria und schlug Vitius auf den Hinterkopf, bevor sie sich an Deraccini wandte. "Und Du höre auf zu lachen und ermutige Deinen Vetter nicht auch noch zu solchen Dingen."


Den Zwölfen zum Dank bekamen Talagena und Darian von dem Geschehen in ihrem Rücken nichts mit. "Ich habe hier eine kleine Aufmerksamkeit für Euch...", Darian zog das Blumengesteck und die Sikrami hinter seinem Rücken hervor und reichte es seiner zukünftigen Ehefrau.
Talagena nahm das kleine Gesteck und die kurze, würzige Wurst an. Irgendeine hinreichend gute Wendung, irgendeine. Ah ja., dachte die so Beschenkte und fand etwas Geeignetes. ”Ich sehe eine Verbindung der Gaben der Jungen und der Gütigen. Die Blumen, Eure Verehrung für Eure … Versprochene, und die Sikrami als Zeichen Eurer Verbundenheit für Tradition und Land. Habt Dank! Und lasst mich erwidern, sobald wir uns gesetzt haben.”
Sie nahmen auf der Bank Platz und Talagena öffnete das Körbchen, in der sie die Sikrami verstaute und dem sie vorsichtig erst ein Messerchen, dann einen kleinen Silberbecher und danach eine Art Brottaler entnahm. Beides fand seinen Platz auf dem Deckelchen. Sie überreichte den Taler, auf dessen einer Seite der Kopf Agreppos und auf der anderen Seite eine Taube aus filigranem Teiggeflecht gelegt war. Selbst hob sie das Becherchen, zögerte aber. Dann brach es aus ihr heraus.
”Bitte sagt, Signor, dass dies hier nur Pflicht ist und keine tieferen Gefühle Euer Herz bewegen.” Sie lief fast so rot an wie die zwei Schluck Wein in dem Becherchen.

Darian wurde zugleich heiß und kalt. Wie sollte er jetzt reagieren? Gab er zu, dass er nur wenig Interesse an der Vermählung hat, könnte dies alles für die Familien ruinieren. Stritt er es ab und tat so, als sei es sein tiefster Wunsch Talagena zu heiraten, wäre dies auch nicht sonderlich förderlich, sollte sie nicht mit der Heirat einverstanden sein. "Ich äh... Signora, versteht es nicht falsch. Es sind unsere Familien, die uns die Hochzeit vorbestimmt haben." Krampfhaft versuchte er, in Talagenas Gesicht etwas abzulesen, dass ihm einen Hinweis auf ihre Einstellung zum Ganzen geben würde. "Ich glaube aber, dass ich ebenso... überrascht war, von der Vermählung zu hören, wie Ihr."

Sie drehte sich etwas weiter in Richtung Brunnen, den Rücken zum Palazzo. “Oh, Travia sei Dank. Ich bin froh dies zu vernehmen. Ihr müsst wissen, ich gedenke erst mein Studium zu beenden und nach der Herzogenschule vielleicht an einen Hof zu gehen. Dem Willen meiner Familie werde ich mich fügen, aber … Oh, Signor, lächelt weiter. Und brecht das alberne Brot. Dann trinken wir aus dem Becher. … aber ich mag mir erst das Reich ansehen und Karriere machen. Ihr seid doch schon so alt. Sicher werdet Ihr noch ein paar Götterläufe länger warten können, nicht wahr?"

Darian schaute auf das Brot, brach es, nahm den Wein und sprach "Verzagt nicht, Talagena. Auch mich drängt es nicht zu sehr. Geht in die Welt und bestaunt die Wunder der Götter." Darian hoffte, sich so eine kleine Galgenfrist zu erspielen. Von weitem sah er seine Tante, Vitius und Giacobbo auf der Rechten, die Delegation der Silbertalers zur Linken stehen.

Sie entnahm seiner Hand das Brotstück, biss hinein und hob es sogleich seinem Mund entgegen, damit er abbeiße. Nachdem er darauf einen Schluck Wein genommen hatte, trank sie vom dargereichten Becherchen ebenfalls. Ein uraltes Ritual, das doch beiden nun viel leichter fiel.
”Dann vermählen wir uns auf den Wunsch unserer Familien hin in einem Götterlauf und gehen unserer Wege. Mutter sagte, Ihr wäret auch im Geldgeschäft? Was plant Ihr als freier Gatte?”

Sie entnahm die Sikrami dem Körbchen, klappte den Deckel herunter und nahm das Messer in die verletzte Hand. Als sie ansetzte, für jeden ein Scheibchen abzuschneiden, verzog sie das Gesicht.

"Lasst mich das machen, Signora", sagte Darian und nahm ihr das Messer aus der Hand, schnitt zwei Scheiben ab und reichte ihr eine. "Es stimmt, was Eure Mutter Euch berichtete, ich bin im Geldgeschäft. Ich werde die Aufgaben meines Onkels Alvaro in der Silbertaler Bank übernehmen. Ich war viele Jahre bei ihm in der Lehre. Wir trafen uns diverse Male in der Bank, als Ihr Eure Mutter besuchtet."

Talagena zuckte bei der Berührung etwas zusammen, nahm aber die Scheibe entgegen. Um das Überlegen zu überspielen, aß sie die Sikrami. ”Mit Fenchel. Eine gute Wahl.” Doch ihrem Gesicht war anzusehen, dass es ihr peinlich war, sich nicht an ihn erinnern zu können. ”Das erklärt das Interesse an Euch. Und ich war wohl einfach die einzige junge Frau in heiratsfähigem Alter.” Sie seufzte. ”Ich wünsche Euch wirklich viel Erfolg. War es schon stets Euer Wunsch, sich mit diesen Bankangelegenheiten zu beschäftigen?”

"In der Tat. Ich habe mich schon immer für Zahlen und Finanzen interessiert. Mein Onkel Alvaro bot mir an, mich in seinem Fach zu unterweisen. Daher kam ich aus Punin, um bei ihm eine Ausbildung zu beginnen.", sagte Darian und bemerkte Talagenas Zögern. "Aber sagt, was wollt Ihr an der Herzog-Eolan-Universität studieren?"

”Punin, die Metropole Almadas.” Sie verdrehte träumerisch die Augen. “Mein Studium habe ich schon begonnen und das Trivium abgeschlossen. Das war allerdings knapp. Vater bezahlt mir die Herzogenschule. Mutter wollte natürlich, dass ich Recht und Zinsrechnung studiere, aber papà hat mich errettet. Es ist so wunderbar mit all den anderen Kommilitonen. Wir lernen, wie das Herzogtum, ja das Imperium aufgebaut ist, wie Politik im Inneren funktioniert, man mit anderen Staaten verhandelt und wir haben Debattierclubs. Mit dem Fechten tue ich mich schwer, aber dafür gehen mir Balestra und Balestrina gut von der Hand. Das sind viel zu wenige Stunden. Wirklich empörend." Sie wurde wieder rot - diesmal vor Empörung.

Darian könnte den Eindruck gewinnen, dass Diplomatie für eine Frau mit so wenig Selbstbeherrschung möglicherweise nicht der richtige Weg sein könnte. Doch was sollˋs, vielleicht erkannte er sich selbst wieder, als er in ihrem Alter war.