Briefspiel:Von altem Bund und neuem Fried'/Von zarten Banden I

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Briefspiel in Urbasi
Datiert auf: Ingerimm 1045 BF bis Travia 1047 BF Schauplatz: Urbasi Entstehungszeitraum: ab März 2026
Protagonisten: Azzo Silbertaler d.J., Gylduria Deraccini u.v.w. Autoren/Beteiligte: Rhutkles, Giacobbo, Bella
Zyklus: Übersicht · Vom Rat der Einheit · Renovatio · Von zarten Banden I: Im Palio und Carroccio · II: In den Fluren des Magistrats · III: In den Gassen und Stuben · Das Gesuch · Vom Ende einer Fehde · Der Vertrag · Vom Werben der Familien I: Solivino · II: di Salsavûr · III: Dalidion · IV: ya Malachis · Treffen der Eheleute · Die Verlobung · Palio und Censore-Wahl · Die Vermählung · Die Sikramer Schildwacht berichtet


Von zarten Banden I - Im Palio und Carroccio

Rahja 1045 BF, in der urbasischen Oberstadt Magistralia

Autoren: Rhutkles, Giacobbo

In den folgenden Wochen nutzten die Mitglieder der Familien die sich bietenden Anlässe.

Wo man die Patriziersprößlinge nicht vermutet hätte: das Palio und Carroccio.

Es war eine schwere Rahja-Nacht. Reichlich Wein war geflossen im Palio und Carroccio, hitzige Diskussionen über die enervierenden Streitigkeiten und Unverschämtheiten. Auch die jüngeren Mitglieder der Familien, egal ob alt oder neu, ob Stadt oder Land, konnten die teils jahrhundertealten, teils sehr frischen Rivalitäten nicht einfach ausblenden. Und doch zeigten sich gemeinsame Interessen: wozu doch eine gemeinsame Feindin gut sein konnte.

Simiarea strich mit beiden Händen das gewellte, kurze Haar über die Schläfen zurück und schüttelte es kurz aus. “Uff. Tantan.” Sie spang auf, entschlossen, sich von diesen Albernheiten der Nasenhochträger nicht die Restnacht ruinieren zu lassen. Die Nacht war schließlich noch jung. Ein Hopser unterstrich den Entschluss. Bei jeder anderen Mittdreißigerin hätte das peinlich ausgesehen, aber er gehörte einfach zu dem hübschen Wildfang, der seit Kindesbeinen betonte, was er von der Gravität seiner uralten Familie hielt, nämlich wenig.

Genießt ihr Leben in Urbasi und auf ihren Reisen: Simiarea Silbertaler

Zwei Stufen auf einmal nehmend, lief sie aus dem tiefer gelegenen Wirtsraum hinauf zum Eingang, stibitzte der humorvoll drohenden Wirtsfrau noch ein kleines Stück Sikrami von der Platte, verneigte sich mit einem glockenhellen Lachen auf den Lippen … und prallte vor der Tür in einen kräftigen Mann. “Hey, Bursche, aus dem…” Die Sikrami blieb ihr beinahe im Hals stecken. Sie hustete kräftig aus. “Vit…” Ausgerechnet der Deraccini. Sanjana hatte ihn absichtsvoll ans andere Tischende gesetzt. “Hust. Viti…” Er hatte zwar eine kluge Bemerkung gemacht und sah für einen Kerl auch recht gut aus, aber ach… “Hust.” Da fiel ihr der Auftrag von Azzo ein. Wie hatte er es nur geschafft, sie einzubinden? Verkackte Glaubwürdigkeit. “Signo… Hust.” Während all die Emotionen in ihrem Gesicht abzulesen waren, klopfte sie am Wams des Mannes einen Fettfleck breit, den das dort zwischengelandete Sikramistück hinterlassen hatte. “Signore Vitius. Verzeiht.” Einen zuckersüßen Blick aus den tränenden, meergrünblauen Augen warf sie hinauf.

"Oh, Signora Simiarea!", sagte Vitius, schaute auf das Stück halb gekaute Sikrami zu seinen Füßen und fügte mit einem Lächeln hinzu: "Der überall bekannte Silbertaler-Charme." Er machte ein paar kurze Schritte und griff nach einem Krug mit Wasser. "Hier, bitte schön! Niemand soll sagen können, wir Deraccinis wüssten nicht, was sich gehört." Vitius wartete kurz und fingerte dann nach einem Tuch in seiner Tasche. "Ich denke, das könne gegen die Tränen helfen, die sie meinetwegen vergossen haben."

Schlagfertig - vor allem mit der Klinge, aber nicht nur: Vitius Deraccini

Dieser kleinkarierte Amtsschreiberabkömmlingsschnösel, gleich drei wohlgesetzte Beleidigungen. Deine hübschen Äuglein kratzte ich Dir gleich heraus. Vermaledeiter Azzo. “Habt Dank”, räusperte sie entgegen ihrer Gedenken hervor und nahm das Tüchlein, um sich kurz, betont geziert, die Augen abzutupfen. Den Krug hingegen lehnte sie ab. “Wasser ist im Bad gut zu gebrauchen..”, wobei sie einen kurzen Blick auf den Fettfleck warf, als wäre dieser längst immerwährender Bestandteil des Signore. “Lasst mich Eure Freundlichkeit, einer Signora in Nöten zu Hilfe geeilt zu sein, mit einer Einladung zu einem vino vergelten.”, und trat auf die Stufen zurück hinunter in den rustikalen Wirtsraum. Was, Phex getrommelt und gepfiffen, tue ich hier? Ein öffentlicher Auftritt mit diesem … diesem … Momento. “Welchen Teil Eurer familiaren Unternehmung führt Ihr doch gleich?”

Im oberen Wirtsraum mit den vielen kleinen Tischen zupfte ein Notar kurz an einer Augenbraue und bot den eintretenden Patriziern seinen Tisch an, einen gut einsehbaren, wie beide zu ihrem Leidwesen feststellten. Die Wirtin brachte eine Karaffe Wein und zwei tönerne, aber reich verzierte Becher. Entweder endet diese Nacht in einem Duell oder im gnädigen Vergessen nach einem Weinrausch.

Vitius setzte sich an den Tisch, reichte Simiarea einen der Becher und sagte: "Ich... leite die hauseigene Garde." Er nahm einen Schluck Wein, nachdem er seinen Becher ihr entgegenhob. "Mein Aufgabenfeld ist weitreichend, vom Schutz des Hauses und der Geschäfte, bis hin zum Wahren der Familienehre..." Er machte eine kurze Pause und fuhr ruhig fort: "...für den Fall, dass Verrat oder Schlimmeres die Famiglia bedrohen sollten." Vitius lehnte sich ein wenig nach hinten und nahm einen weiteren Schluck Wein. "Aber man munkelt, dass dergleichen schon seit fast 100 Jahren nicht mehr vorgekommen sein soll." Er stellte seinen Becher auf den Tisch, veränderte die Tonlage etwas und fuhr mit einem Lachen fort: "Aber genug von solchen trübsinnigen Themen... erzählt, welches Schicksal hat die Familie Silbertal Euch zugeschrieben? Was tut ihr den lieben langen Tag?"

‘Das erklärt den strammen Torso’, dachte sie sich noch, bevor das Thema weniger unterhaltsam wurde. “Seid dankbar. Blutzoll klingt viel heroischer, wenn man nicht vor den Leichen dahingemetzelter Verwandter stehen muss.” Sie nahm einen tiefen Zug, kam aber nicht dazu, die Schatten der Vergangenheit abzuschütteln, denn Vitius bohrte gleich - unbewusst - in die nächste Wunde. “Zugeschrieben?”, seufzte die Signora. “Bis vor Kurzem habe ich ge… wenig von dem gehalten, was meine Famiglia mir z u g e s c h r i e b e n hätte. Ecco, alles war doch ganz fein als rechtmäßig anerkanntes schwarzes Schaf der Famiglia. Mutter bei der Leitung im Spielhaus zu helfen, war doch ausreichend. Nun ja, sie kümmert sich um den Badeteil, den Haarkünstler, den Bartschneider und so fort und ich um den Bereich Spiel und Glück. Daneben ein wenig Tanz, Freundinnen durch Inkonveniertheiten helfen, reisen, avventure … unsere kleine gruppo zum Wohl von Stadt und Urbasiglia unterstützen.” Mit einem frustrierten Laut knallte sie den Becher auf die Platte, zog Mund und Nase - recht niedlich - zusammen und wurde sich dann offenbar bewusst, mit wem sie hier sprach. "Verzeiht, in vino veritas, wie Base Giulia sagen würde."

"Ein rechtmäßig anerkanntes schwarzes Schaf?!" Vitius dachte kurz nach und zuckte mit den Schultern. "Das hört sich für mich nach einem recht guten Titel an... so steht man wenigstens auf allen Familienfesten im Mittelpunkt, ohne viel dafür tun zu müssen." Er lachte und trank seinen Becher leer, verbeugte sich vor Simiarea und sagte: "Mit diesen Worten muss ich mich leider von Euch verabschieden, Signora Simiarea. Es war mir eine Freude... und solltet Ihr nochmals Probleme im Umgang mit einer Sikrami haben, scheut Euch nicht nach Hilfe zu rufen." Er wischte nochmals über den schon angetrockneten Fettfleck auf seiner Jacke.

Worin diese Fehde mit den Deraccini wohl begründet lag? Ob es überhaupt noch jemand wusste? Dieser Vitius jedenfalls ist nicht von schlechten Eltern. Oh, Simi, was denkst Du da nur. Eindeutig zu viel Wein. Mit diesem Gedanken orderte sie noch einen weiteren Kelch.