Briefspiel:Von altem Bund und neuem Fried'/Vom Ende einer Fehde
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14. Rondra 1046 BF, Palazzo Sathÿara
Das Präludium
Durch geschickte Inszenierung saßen die Familien am 14. RON 1046 BF im Theatro Alverano in Sicht- und Hörweite. Die Darstellung heroischer Kampfesszenen, dramatischer Monologe und der endlosen Sterbeszene der Heldin war dem eher durchschnittlichen Ensemble geschuldet.
Nach aller Vorbereitung kam es nach der Aufführung des Festpiels zu Ehren der Heiligen Lutisana zum persönlichen Treffen der Delegationen zwischen Gylduria sowie Selina und Alvaro Deraccini einerseits, und Azzo d.J., Alessandro und Giulia Silbertaler andererseits.
Das gesamte erste Geschoss des Palazzo Sathÿara war in Beschlag genommen, im Hauptraum ein schwerer Verhandlungstisch, eine Sitzecke hier, ein Tischchen mit Tee, Wein und Gebäck da. Für das beauftragte Nachtmahl zur 1. Praiosstunde war der vierte Raum vorbereitet. In den Nebenräumen waren Rückzugsorte für die Delegationen eingerichtet, jeweils mit zwei Schreiberinnen aus der eigenen Klientel.
Am Treppenaufgang waren, als Geste der Ehrhaftigkeit, die beiden Verteidiger der Familien, der jüngere Vitius Deraccini und der ältere Cavalliere der Fürstlichen Gemeinde Urbasi Ludovigo Silbertaler, versammelt - beide ledig und bangend oder hoffend, drinnen im Interesse der Familien verramscht zu werden.
1. Akt
Gylduria nippte an ihrem Tee und besah sich ihr Gegenüber genauer.
"Geehrter Azzo, ich freue mich, dass wir die Gelegenheit haben uns auszutauschen." Sie ließ ihren Blick über die anwesenden Silbertalers schweifen. "Und wie mir scheint, ist Euch dieses Treffen... wichtig genug, um nur die ehrenhaftesten Mitglieder Eurer Familie mitzubringen." Sie nickte den Anwesenden Alessandro und Giulia zu und nippte ein weiteres Mal an ihrem Kräuteraufguss.
"Was mich allerdings etwas verwundert, ist die Vehemenz, mit der Ihr eine Aussöhnung unserer Familien vorantreiben wollt." In der kurzen Pause war Selinas leises Räuspern zu vernehmen. Mit einem kurzen Seitenblick zu ihrer Tochter fuhr Gylduria fort: "Doch bitte, mein Alter fordert bereits den ein oder anderen Tribut... helft mir auf die Sprünge... worum ging es noch genau bei der Fehde zwischen unseren Familien?" Gylduria schien Azzo mit ihren Blicken zu durchbohren.
‘Es war immer klar, es würde nicht einfach werden’, dachte der hochgewachsene, ewig lächelnde Hotelier. Bei der anfänglichen Etikette noch nickend, wurden sein Herz und sein Gesicht kurz betrübt, als Gylduria so zügig auf den Kern kam.
Er fasste sich sofort und eröffnete. “Bei Praios und Travia, hochverehrte Gylduria, Ihr ehrt unser Treffen mit den ehrenvollsten Signori Eurer Famiglia. Meine Mutter, Praios halte sie selig, hätte nach jedem Winkelzug gesucht, jedes Wort auf die Silberwaage gelegt und nur Falsch´ gefunden.
Und auch heute, ich gestehe es, gilt mir das Hämmern dieser Epoche des Zwiespalts nicht einfach aus dem Sinn, so verwurzelt ist sie in uns Lebenden.
Die Fehde unserer Familien hat diese über mehr als 6 Jahrzwölfte gelähmt. Aus den ehemals machtvollsten, reichsten und einflussreichsten sind, wie von Satinavs Hörnern dahin gemahlen, zwei Familien unter vielen geworden - gemessen an diesen punti. Doch versteht mich nicht falsch, unsere Fehde war stets honorig und schmückt uns immerdar. Kein Tropfen edlen Blutes ist vergossen worden. Doch geblutet haben wir dennoch - economicamente. Selbst dies aber wäre keine motivazione an sich zu beenden, was uns lähmt.”
Er atmete durch und hielt dem durchdringenden Blick mit sanftem Ausdruck stand.
“Stolz hätte kein Mitglied unserer Familien missen lassen und wir hätten aufrecht den Untergang unserer Häuser hingenommen, wenn die tradizione es gebietet.
Ihr fragt nach meinem Beweggrund. So will ich gestehen, es ist die Liebe und die Verantwortung für unsere Heimatstadt, die mich antreibt. Die letzten anderthalb Jahrzwölfte haben den Untergang alter Familien gesehen und den Aufstieg neuer; vor allem aber verrottende Sitten, bis heute brennende Narben inmitten der Stadt, Mord und Totschlag abseits von Ehre, Betrug und Ausverkauf, ein Ungleichgewicht der Mächte zum Schaden von Handel und Wohlstand.
Man meuchelt Götterdiener und hilflose Schutzbefohlene nach Vorbild noch grausamerer Herrscher. Kurzum, man sah die Absenz des Rechtes. Und unsere Familien waren zum Zuschauen verdammt, weil wir unsere Kräfte auf eine Fehde richteten, deren Ursprung auf Mußmaßung steht.
Aber wenn Ihr es wünscht mich zu zwingen oder der Stolz Eurer Famiglia Euch zwingt, dass ich die Schuld eingestehe …”
Ein scharfes Lufteinziehen von Alessandro, eine begütigende Hand von Giulia, von beidem ließ sich Azzo nicht abhalten und sprach ruhig und freundlich weiter.
“... ja, die Schuld eingestehe, dass nach dem gewaltsamen Tode meiner Vorfahrin die Verbitterung übermächtig gewesen sein mag und der Signor, Sohn seiner Mutter, dem Nachnachfolger den Triumph der Alleinherrschaft nicht zugestehen wollte. Ich mag all dies und den Bruch der ewigen Bande, den unsere Familien sich geschworen hatten, eingestehen, die Chronica unserer Famiglia öffnen und die uneindeutigen, rätselhaften Schriftstücke vorlegen. Ich mag es eingestehen, wenn nur endlich wieder Ordnung, Sitte und Ehre, wenn die Tugenden und das Recht in unserer geliebten Bergstadt wieder Richtmaß werden.
Denn dazu darf sich nicht weiterhin die Hälfte Urbasis gegenseitig Verträge und Zugänge, Handel und Beziehungen erschweren und verunmöglichen. Dazu will ich den alten Bund erneuern, glanzvoll dem Wohlstand zugewandt, gleichsam eine Wiedergeburt und Erhöhung unserer Ehre.”
Azzos grüne Augen leuchteten, langsam strich er das kurze blondgraue Haar hinters Ohr zurück. Er streckte die Finger nach dem Silberkelch voll Wein, trank aber noch nicht, sondern betrachtete die Frau ihm gegenüber.
2. Akt
Gylduria ließ das Gesagte einen Moment wirken, bevor sie zu einer Antwort ansetzte.
"Ser Azzo, ich sehe dass Ihr die Vergangenheit gut studiert habt..." Gylduria sah zu Selina und nahm ihr Nicken war. "Lange hat meine Famiglia in Demut mit dem Markel gelebt, den die Stadt und auch Eure Familie uns auferlegt habt. Zum Wohle Urbasis haben wir diese alte Lüge aufrecht gehalten und gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Wir haben dem Wunsche Geweihter entsprochen nicht offenzulegen, wer Eure verehrte Vorfahrin Prajane in Borons Hallen schickte, um Urbasi nicht in noch weitere Instabilität zu werfen."
Gylduria sah an die Decke, trank einen weiteren Schluck Tee.
Azzo begannen die Ohren zu klingeln und mit jedem einsickernden Worte erstarb - Herzschlag für Herzschlag - das Lächeln. Alessandros Augen zuckten zwischen den Anwesenden hin und her, schnell und analytisch, während Giulia sich fragend vorlehnte.
"Es ehrt Euch, dass ausgerechnet Ihr dieses... 'Missverständnis'... aus der Welt räumen wollt. Dennoch bitte ich Euch darüber nachzudenken, ob es nicht im Interesse Urbasis wäre, wenn wir den Status Quo beibehielten. Ihr selbst sagtet, dass in der Fehde unserer Familien niemals Blut floss." #
Sie fuhr mit einer Fingerspitze unter ihrem rechten Auge entlang, als wolle sie eine Träne entfernen. "Stellt Euch vor, unsere Familien würden nun zu alter Nähe finden ... was würde die Stadt denken? Würde es nicht berechtigte Fragen geben, warum wir nun den Streit beilegten? Wie sollten wir darauf antworten? Wisst Ihr, dass eine Offenlegung der Geschehnisse von damals das Urbasi von heute in neuere, noch größere Tumulte stürzen könnte?"
Selina ließ ein leises: "Mutter, haltet Euch an unseren Plan!" vernehmen, was Gylduria mit einer nebensächlich erhobenen Hand abwehrte. "Selina... noch bin ICH das Oberhaupt unserer Famiglia. Es ist Dir gestattet, eigene Fehler zu begehen, wenn Deine Zeit gekommen ist, das Ruder zu übernehmen und die Geschicke der Familie zu leiten."
Sie machte eine weitere, kurze Pause um sich wieder zu fassen und den Anknüpfungspunkt wiederzufinden.
"Ser Azzo, mir scheint, Ihr habt uns in eine delikate Situation versetzt. Wir haben nun drei mögliche Enden unserer gemeinsamen Zusammenkunft vor uns ausgebreitet liegen. Wir können uns im Guten trennen, die Familien wissen, dass der Streit beigelegt ist, für die Stadt und alle anderen wird der Status Quo gehalten." Ein Nippen am Tee folgte.
Ein fast unmerkliches Kopfschütteln des Patriarchen - beinah’ wie in Trance - begleitete diese Worte.
"Wir können unsere Beziehungen langsam, fast unmerklich wieder aufnehmen. In diesem Falle würde ich eine Konvenienzehe vorschlagen... ich habe einen Großneffen, Gabrino, aus Pertakis. Er dürfte etwa im selben Alter wie Eure reizende Hesindetta sein. Sagen wir, mit Gabrino als künftigen Haushaltsvorstand." Ein nochmaliges Nippen leitete die letzte Möglichkeit der Übereinkunft ein.
Giulias Lippen öffneten, die Augen weiteten sich unmerklich. Auf Azzos leicht bleichem Gesicht wirkte das letzte Lächeln wie erstarrt. Doch der Trommelschlag der Deraccini ging weiter.
"Verzeiht mir, wenn ich in diesem Punkte hohe Ziele verfolge, aber jede Famiglia versucht natürlich für sich das beste herauszuholen... ohne natürlich die geschätze Gegenseite zu übervorteilen. Mein Sohn Vitius wird Haushaltsvorstand in einer Ehe mit Simiarea... schaut mich nicht so verwundert an. Simiarea führt natürlich ihre Geschäfte eigenständig und selbstbestimmt weiter. Sie würde auch als Architektin die Ziele der Silbertaler ohne Einschänkungen verfolgen und durchsetzen."
Gylduria belauerte die Reaktionen der Anwesenden. Waren die Silbertalers etwa so erpicht darauf, den Frieden zu schließen?
`Es solle ihr Schaden nicht sein!`, dachte sie sich. "Stellt Euch vor, die Architekten der mächtigsten Familien der Stadt führen in einem Traviabund das schärfste Schwert, welches die Stadt je gesehen hat... eine Information, um alles umzuwälzen, um alles zu stürzen, was im Moment für gesetzt gilt... die Wahrheit, was damals geschah! Wir könnten Familien stürzen, neue entstehen lassen und wahrlich großes Bewirken. Urbasi könnte eine nie gesehene Renascentia erfahren."
´Würden sie so weit gehen? Sind sie so besessen von der Mehrung der Macht? Würde sich eine Gelegenheit ergeben, die ein oder andere Familie auszubooten... wer würde da Nein sagen?`, überlegte Gylduria.
In Giulia zeigte sich beginnende Ergebenheit in das Schicksal ihrer Tochter und damit ihrer gesamten Linie. ‘Was Rahja gibt …’ Doch als die alte Spinne vor ihr die Hand Simiareas forderte, schüttelte sie unbewusst den Kopf. ‘Da könnten sie sich alle Urbasier und Shafir selbst auf den Kopf stellen, bevor Simi einen Mann und dann noch diesen Tropf heiratet.’
Alessandros Körperhaltung mahnte Achtung, aufrecht auf dem altertümlichen Kreuzstuhle mit den Verzierungen von Weinranken. Sein Geist notierte jede Feinheit und irrte doch umher, weil ihm der Anfangsfunken der Ausführungen fehlte.
Dramatische Wendung
Azzo erhob sich - und damit glitt auch Alessandro und einen Herzschlag später auch Giulia, aus ihren Gedanken gerissen, in die Höhe.
“Bei Urischar, ich bitte um Privataudienz - unverzüglich.” Auf unterschiedliche Art warfen der höchste Delegierte Urbasis und die kluge Advocatin ihrem Patriarchen Blicke zu, doch dieser blickte nur Gylduria an, das Lächeln unwirklich erstarrt.
Auf ein Nicken der Matriarchin hin, erhob sich Alvaro und - nach stummem, aber rigoros unterbundenen Protest - auch Selina. Die vier Angehörigen verließen den Raum. Obwohl sich Alessandro noch kurz um ein Gespräch vor der Tür bemühte, zogen sich alle nach kurzen Höflichkeiten in die für die Familien vorbereiteten Räume zurück. Giulia ließ dort, allein mit ihrem Cousin und den treuen Schreiberinnen, alle Haltung fahren und sank auf einer alten Kline zusammen, während jener sich einen Becher Wein hinunter stürzte und einen weiteren der Signora reichte.
Nachdem der letzte den Raum verlassen hatte, schaute Gylduria Azzo lange und eingehend an. "Ser Azzo, ich vermute, dass Ihr nicht über sämtliche... 'Fakten' verfügt. So hört die düstere Wahrheit, über Gedanken, Gefühle und das gesprochene Wort. Wie es sich zutrug, als mein Vorfahr Ferrante Deraccini seinen Ruf für die Stadt hingab..."
Wie ein Teil eines Rituals nahm sie ihre Tasse mit Kräutersud auf und nippte wieder daran. Ihre Ausführungen dauerten eine geraume Weile. Immer wieder gespickt von Pausen, kunstfertiger Wortwahl und verstärkt durch emotionale Gesten. Einem Außenstehenden wäre es wohl wie ein Fragment einer tragischen Oper vorgekommen, nur fehlte es an der musikalischen Untermalung.
Gylduria endete ihren Monolog mit: "Nun, da Ihr wisst was sich zutrug, können wir wohl zu einer ernsthaften Verhandlung übergehen... wollen wir die Familien wieder dazu holen?"
Den Ausführungen lauschend, hier und da gezielte Nachfragen stellend, und mit den Aufzeichnungen seiner Familie abgleichend, verlor sich Azzos Lächeln vollends. Er stellte sicher zu erfahren, wer von diesem Geheimnis Kenntnis habe, und trank seinen Becher.
“Wir können … nach einer Versicherung: Wir müssen bei allem Kommenden sichergehen, dass solch dunkle Machenschaften nie wieder Macht haben über die Geschlechter unserer Stadt. Ich werde die Advokaten meiner Familie darauf ausrichten, in diese bisher unerkannte Richtung zu denken, ohne sie einzuweihen. Bei der Renascentia unserer alleanza stand mir stets das Wohlergehen unserer Stadt im Sinn, sie nun behüten zu müssen vor solch´ Dunkelheit, falls, ja, wenn sie bis heute besteht …” ‘Was, wenn auch Cinzia …?’
“In unserer Famiglia herrscht die tradizione, dass einzig dem Haupte angeraten ist, in die Tiefen der Geschichte hinabzusteigen und die Manuskripte zu studieren. Offenbar taten nicht einmal dies alle. Mögen die Götter uns Klugheit und Weitsicht schenken, umsichtig vorzugehen.”
Sich erhebend, Gylduria Tee und sich Wein nachschenkend, klingelte Azzo nach den Familien. Tief atmete er ein und zwang seine Haltung hinter sein zurückkehrendes Lächeln.
Ausklang
Die Verhandlungen zwischen den Familien liefen noch Stundenkerzen weiter, zuerst zwischen Selina und Alessandro, dann zunehmend geführt von Alvaro auf der einen und Giulia auf der anderen, je genauer man an die letzten Details des Vertrages herantrat.
Sie waren mit allem Zierrat eines ehrenvollen Gefechts gespickt, voran preschende Kavallerie, geordnete Rückzüge in Nebenzimmer, rondragefällige Duelle, empörte Drohgebärden, und nur hin und wieder unterbrachen Feldherrin und -herr, die Überblick darüber bewahrten und lenkten.