Briefspiel:Von altem Bund und neuem Fried'/Vom Werben der Familien I

Briefspiel in Urbasi
Datiert auf: Ingerimm 1045 BF bis Travia 1047 BF Schauplatz: Urbasi Entstehungszeitraum: ab März 2026
Protagonisten: Azzo Silbertaler d.J., Gylduria Deraccini u.v.w. Autoren/Beteiligte: Rhutkles, Giacobbo, Bella
Zyklus: Übersicht · Vom Rat der Einheit · Renovatio · Von zarten Banden I: Im Palio und Carroccio · II: In den Fluren des Magistrats · III: In den Gassen und Stuben · Das Gesuch · Vom Ende einer Fehde · Der Vertrag · Vom Werben der Familien I: Solivino · II: di Salsavûr · III: Dalidion · IV: ya Malachis · Treffen der Eheleute · Die Verlobung · Palio und Censore-Wahl · Die Vermählung · Die Sikramer Schildwacht berichtet


Vom Werben der Familien I – oder: Und ein guter Wein zur Vermählung

Rondra 1047 BF, in der urbasischen Oberstadt Magistralia

Autoren: Bella, Giacobbo

Gylduria saß in ihrem von Sonnenstrahlen durchfluteten Studiolo. Ihre Schreibfeder kratzte über ein Blatt Pergament, durchsetzt mit einem Wasserzeichen, welches das Wappen der Familie Deraccini zeigte. Hin und wieder setzte sie die Feder ab und starrte aus dem Fenster hinaus. Es war bereits Nachmittag und die Praiosscheibe stand schon tiefer am Horizont.


Geehrter Rahdrigo,

ich hoffe, dieser Brief erreicht Euch bei bester Gesundheit. Nicht erst durch meine Vermählung mit Runo, ist das Haus Deraccini eng mit dem Euren verbunden.
Daher ist es mir nicht nur eine Pflicht und Freude als Oberhaupt der Familie Deraccini, vor allem aber als Eure Freundin, Euch davon in Kenntnis zu setzen, dass die uralte Fehde zwischen den Silbertalers und den Deraccinis beigelegt ist.
Beide Familien kamen zu dem Schluss, dass es sich bei dem Zwist um ein historisches Missverständnis handelte. Dieses dürfe der Prosperität der Familien, in erster Linie jedoch der Urbasis, nicht länger im Wege stehen.
Zum Zeichen der Ehrenhaftigkeit dieses Friedens wird ein Bund zwischen Talagena Silbertaler und Darian Deraccini geschlossen. Selbstverständlich bestehe ich darauf, dass nur die besten Weine zu dieser Gelegenheit gereicht werden, Produkte aus Eurer Santa-Ricarda-Kellerei natürlich.

Ich verbleibe mit den besten Wünschen

Eure treue Freundin Gylduria


Als Gylduria den Brief beendet hatte, entzündete sie eine Kerze, erhitzte das Siegelwachs und presste dann in die auf das Pergament getropfte, dunkelrote Masse ihren Siegelring.
“Bartolomeo!”, rief sie und wartete, bis ihr Hausdiener in ihrem Studiolo erschien. “Bring doch bitte diesen Brief zu meiner Großnichte Imperia und bitte sie, den Brief mit den besten Grüßen der hochgeschätzten Familie Solivino zu überbringen. Es ist nie zu früh, die Jugend in die Familiengeschäfte einzuführen."
Bartolomeo verbeugte sich und verschwand durch die große, mit Gold belegte Türe.


 
Auf ihrer ersten Botenmission in Urbasi: Imperia Deraccini

Kurze Zeit später sah man Imperia Deraccini durch die Straßen Urbasis gehen, wo sie schnell den Beinamen “Räblein” erhalten hatte. Wohl mehr aufgrund ihrer stets schwarzen Kleider; denn fliegen hatte sie noch niemand gesehen.
Mit einem Klopfen an der großen Türe der Stadtresidenz der Familie Solivino im Süden Magistralias kündigte sich Imperia an. Sie zupfte sich noch einmal das schwarze Brokatkleid zurecht und strich sich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr.
“Sei ganz natürlich, hat sie gesagt. Sei höflich und verschrecke nicht die Leute, hat sie gesagt. Pfffft … was denkt Tante Gylduria denn von mir?”, flüsterte Imperia sich selbst zu und schrak zusammen, als die Pforte sich öffnete.
“Mein Name ist Imperia Deraccini und meine Großtante Gylduria sendet Grüße und dieses Schreiben”, sagte sie und zeigte den versiegelten Brief ihrer Großtante vor.

“Äh … Rahja zum Gruße.”
Imperia gegenüber stand ein älteres Mädchen. Sie hatte offene schwarze Locken und grüne Augen, wie sie selbst. Erst musterte sie das jünger aussehende, scheinbar etwas schreckhafte Mädchen mit schiefgelegtem Kopf, dann lächelte sie freundlich.
“Ich bin Alvinia Solivino. Kommt doch rein, Signora.”
Alvinia stieß die Tür ganz auf, trat zur Seite und bat sie mit einer leicht übertrieben galanten Geste einzutreten.

Imperia deutete einen höflichen Knicks an und betrat das Innere.
"Es freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen, Signora Alvinia", sagte sie und deutete ein schiefes Lächeln an, welches in ihrem Gesicht etwas fehl am Platz wirkte. "Ich wurde geschickt um ..." Sie dachte kurz nach und fuhr dann fort: "...ach verdammt, meine Großtante Gylduria hielt es für eine gute Idee, wenn ICH diesen Brief hier abgebe."
Imperia schaute sich zu allen Seiten um und betrachtete das Interieur.
"Schön habt Ihr es hier", sagte sie und nickte, um dem Gesagten mehr Gewicht zu geben.

 
Empfängt die junge Deraccini-Botin: Alvinia Solivino

„Danke. Möchtet ihr den Brief meinem Vater selbst übergeben oder soll ich das machen?“
Alvinia warf ihr noch einen neugierigen Blick zu. Das Gesicht kam ihr bekannt vor, aber das war auch nichts Seltenes. Mit fast allen Adligen ihres Alters in Urbasi hatte sie schon einmal gefeiert oder sich gar so sehr betrunken, dass sie am nächsten Morgen in irgendeiner Kneipe mit ihnen wieder aufwachte.
„Kann es sein, dass wir uns schon einmal auf einer Tsatagsfeier gesehen haben?“, fragte sie.

"Ich glaube meiner Großtante würde es gefallen, wenn ich den Brief selbst abgeben würde." Imperia bedachte ihre Gastgeberin mit einem skeptischen Blick entschied dann aber, dass es wohl wirklich ein ehrlicher Versuch war, eine freundliche Konversation zu beginnen.
Mit einem weiteren Lächeln fügte sie hinzu: "Oh, ich fürchte, dass wir uns noch nicht begegnet sind. Ich könnte mich bestimmt daran erinnern, eine Feierlichkeit besucht zu haben, auf der Ihr zugegen wart. Ich bin erst vor kurzem mit meinem Vater nach Urbasi gezogen. Wir kommen ursprünglich aus Neetha ..." Sie setzte einen verschwörerischen Blick auf. "Um genau zu sein bin ich nur halbe Horasierin, meine ... andere Hälfte kommt noch weiter aus dem Süden."

“Natürlich, ganz wie ihr wünscht. Mein Vater ist im ersten Stock.”
Alvinia ging auf die Treppe zu, aber so, dass sie ihre geheimnisvolle Gesprächspartnerin dabei unverwandt ansehen konnte.
“Eure andere Hälfte, soso. Woher genau kommt eure Mutter denn? Etwa aus …” An der Stelle sog sie dramatisch die Luft ein und senkte sie die Stimme ebenso verschwörerisch zu einem Flüstern “... etwa aus Al'Anfa?”
Ein verspieltes Grinsen huschte über ihr Gesicht.

“Bei den Zwölfen, nein!”, sagte Imperia und lachte. “Wo denkt Ihr hin? Nein, nein … meine Mutter sagt immer, dass spätestens nach dem Rabenkrieg jemand dem Expansionsdrang Al'Anfas einen Riegel vorlegen muss, da wir sonst die nächsten seien, die von ihnen unterworfen werden.”
Als sie die Treppe hinaufgingen, legte Imperia ihre Hand auf Alvinias Arm. “Aber ich muss schon gestehen, das Wort Ex-pan-sion gefällt mir. Wenn ich groß bin, möchte ich auch ex-pan-die-ren. Aber Vater meint, dass man das sehr vorsichtig, höflich und mit Bedacht machen muss. Sonst fällt man ‘unangenehm’ auf, weißt Du? Oh entschuldigt bitte meine Unverschämtheit, Signora Alvinia.” Imperia räusperte sich kurz, als sie das Ende der Treppe erreichten.

Überrascht blickte Alvinia hinunter auf ihre so plötzlich ergriffene Hand und legte dann ihre andere Hand auf Imperias, bevor diese wieder loslassen konnte. Mit einem reizenden Augenaufschlag sah sie wieder auf.
"Die Unverschämten sind mir die liebsten", lächelte sie das jüngere Mädchen verschmitzt an.
"Möchtest du heute Abend mit mir ... und ein paar anderen ins Gasthaus Rahjalieb? Ich würde mich sehr über deine Gesellschaft freuen”, fragte sie wie aus dem Nichts.

Zum ersten Mal in ihrem noch jungen Leben hatte Imperia das Gefühl, ihr würde der Boden unter den Füßen entrissen.
"Äh... ich... uhm...", stotterte sie und schaute von Alvinias Hand hoch in ihr Gesicht und wieder zurück, "oh... ich meine, es wäre mir eine Freude ... denke ich?!"
Schnell versuchte sie sich zu sammeln und dachte: 'Großtante Gylduria bringt mich um und übergibt meine sterblichen Überreste an Tante Oloranthe für den letzten Segen, wenn sie hiervon erfährt!'
Nach kurzer Zeit versuchte sie schnell ihre Unsicherheit zu übertünchen: "Ah ein Gasthaus ... Gesellschaft ... meine Tante Horathia hatte in Neetha auch immer Gesellschaften. Aber natürlich, ich weiß wie man sich in Gesellschaft verhält und freue mich auf heute Abend. Lass mich nur kurz diese äußerst wichtige Nachricht Deinem Vater übergeben!"
Sie merkte, wie sich kalter Schweiß auf Stirn und Rücken sammelte.

“Natürlich, die Nachricht.” Alvinia lächelte ihr unschuldigstes Lächeln.
“Du musst nicht, Imperia, wenn du dich damit unwohl fühlst oder es irgendwelche anderen Gründe gibt. Um Rahjas Willen, ich wollte dich nicht zu irgendetwas drängen. Ich denke nur, dass es ein lustiger Abend werden könnte.”
Die Mädchen waren oben an der Treppe angekommen und Alvinia führte ihren Gast einen Gang entlang.
“Hier”, sagte sie leise und klopfte zweimal.

"Nein, nein, ich würde mich… freuen. Ich muss mich nur hinaus schleichen… zur zweiten Phexstunde am Brunnen des Renascentia-Platzes?!", fragte Imperia leise mit einem verlegenen Lächeln, bevor sie ihren Körper straffte und sich auf das Treffen mit Rahdrigo Solivino vorbereitete.

“Abgemacht”, flüsterte Alvinia.

Mit geradem Rücken und erhobenem Haupt trat Imperia in das Studiolo ein. Vor einem ihr riesig erscheinenden Schreibtisch blieb sie stehen, machte einen Knicks und sagte mit feierlicher Stimme, “Ser Rahdrigo, mein Name ist Imperia Deraccini di Neetha und meine Großtante Gylduria sendet nur die besten Grüße und dieses Schreiben. Euer reizendes Fräulein Tochter hat mir freundlicherweise gestattet, Ihnen diese Nachricht persönlich zu übergeben”, sagte sie feierlich und machte eine Verbeugung, in der sie verharrte und die Nachricht an ihrem ausgestreckten Arm Rahdrigo entgegen hielt. "Bitteschön, Ser Rahdrigo!”

Rahdrigo hatte die Tür geöffnet und neigte den Kopf vor dem jungen Gast.
“Seid gegrüßt, Signora Imperia. Vielen Dank für das verlässliche Überbringen der Nachricht.” Mit einem freundlichen Lächeln nahm er den Brief, sein Blick verharrte jedoch auf der Adligen, die neu in der Stadt sein musste. “Baronessa Gylduria kann wahrlich stolz darauf sein, so eine gescheite junge Dame ihre Großnichte nennen zu dürfen.”
Alvinia biss sich auf die Lippe, um ein Kichern zu ersticken. Ihr Vater wandte den Blick zu ihr.
“Meine Tochter wird euch selbstverständlich eine Erfrischung anbieten, ganz wie es die Gastfreundschaft und unsere stetig freundschaftliche Nachbarschaft gebietet.”
“Selbstverständlich.” Alvinia knickste leicht, zwinkerte Imperia dabei zu.
“Eure Großtante wird in Kürze meine Antwort erhalten”, sagte Rahdrigo zu Imperia.

Imperia verneigte sich nochmals ausgiebig und richtete sich dann mit hochrotem Kopf wieder auf. Ihr war in diesem Moment nicht klar, ob ihre ungewöhnliche Gesichtsfarbe von der generellen Situation oder der Tatsache herrührte, dass sie zu lange beim Verbeugen den Kopf nach unten hielt.
"Herzlichen Dank, Ser Rahdrigo ..."
Sie machte eine kurze Pause, um einen Gedanken zu fassen.
"... ich nehme natürlich das Angebot der Erfrischung dankend an. Vielleicht darf ich mich bald revanchieren und Euch auch eine Limonata anbieten, solltet Ihr einmal den Palazzo Colombana besuchen?!"
Imperia drehte sich zu Alvinia und bemerkte, dass ihr auch jetzt noch ein Großteil ihres Blutes im Kopf stand.
"Meine Teure, ich bin sehr auf die vielgerühmte Gastfreundschaft der Solivinos gespannt", brachte sie keuchend heraus und betrachtete fasziniert die schwarzen Punkte vor ihren Augen. Mit weichen Knien taperte sie neben Alvinia aus dem Raum.

“Stürze ich dich etwa in solche Verlegenheit?”, neckte Alvinia die junge Deraccini, kaum dass die Tür ins Schloss gefallen war. “Nun denn, lass uns in den Speisesaal unten gehen, damit ich dir einen Cassianti anbieten kann. Dazu vielleicht ein Käse-Blätterteig-Teilchen? Die Küche hat heute morgen welche gebacken, habe ich gesehen. Sie sind einfach fantastisch.”
Die beiden erreichten wieder die Treppe.
“Eure Einladung in den Palazzo Comlombana nehme ich sehr gerne an.”
Kaum dass sie unten waren, rief Alvinia nach einer Dienerin, die ihnen Wein und Gebäck servieren sollte.

“Danke, aber ich glaube, ich sollte keinen Wein trinken. Wenn Vater davon erfährt, wäre es angenehmer, von einem Bannstrahler durch die Mangel gedreht zu werden”, sagte Imperia sichtlich verlegen. "Aber das Angebot bezüglich des Käse-Blätterteig-Teilchens nehme ich sehr gerne an."
Ihr Magen drehte sich um, wollte sie sich vor der etwas älteren Alvinia schließlich nicht als ein Kind darstellen.
"Ach... ich glaube, dass ein kleiner Wein nicht schaden kann, oder? Außerdem wollte meine Großtante ja, dass ich die Beziehungen zwischen unseren Familien ehre."

“Ist dein Vater so schlimm?”, fragte Alvinia besorgt nach. “Wir haben auch… hm, Traubensaft? Ja, ich glaube, wir sollten etwas dahaben, für Gäste mit Madas Gabe.”
Alvinia wirkte wirklich unsicher.
“Aber vielleicht auch nicht. Und ein kleiner Wein schadet wirklich nicht, das wird dir niemand anmerken, wenn du nach Hause kommst.”

Imperia war sich immer noch nicht wirklich sicher, ob Alvinia nicht versuchen würde, sie bloßzustellen. In Neetha hatte nie jemand versucht, mit ihr auf eine Gesellschaft zu gehen. Im Gegenteil, eigentlich hatte sie jeder gemieden. Selbst ihre Tante versuchte, so wenig Kontakt wie möglich zu ihr zu haben.
"Soll ich heute Abend etwas besonderes anziehen? Ich kenne mich in Urbasi noch nicht wirklich aus und weiß nicht, was hier in der Gesellschaft der letzte Schrei ist. Du musst wissen, in Neetha war das natürlich ganz etwas anderes ... da war ich ... überall im Mittelpunkt des Geschehens und bestens informiert", log Imperia.

“Wenn du willst, kann ich dir ein paar meiner Kleider zeigen, aber sie sind etwas rahjagefälliger als deins hier.”
Die junge Solivino kicherte.
“Spaß beiseite, du kannst einfach in deinen normalen Sachen kommen, sie müssen nicht einmal groß edel sein. Ich weiß nicht, was für eine Gesellschaft du erwartest, es wird kein offizielles Bankett oder so. Wenn du Eindruck bei den Jungs … oder Mädels machen willst, nimm etwas, das ein wenig mehr in Richtung belhankanische Mode geht. Wenn dein Vater dir so etwas nicht erlaubt, kann ich dir auch etwas leihen.”
Wieder kicherte sie.
“Aber du wirst auch so Eindruck machen und wenn jemand einen dummen Kommentar macht, bekommt er es mit mir zu tun.”
Den letzten Satz schien sie vollkommen ernst zu meinen.


Als Imperia nach einer Weile den Heimweg antrat, drehte sich ihr der Kopf. Nicht nur, dass sie ihr erstes Glas Wein getrunken hatte, sie wurde auch noch zu einer Gesellschaft eingeladen ... wie auch immer sie aussehen sollte.
'Urbasi ist die beste Stadt des Kaiserreichs!', dachte sie bei sich.
Kurz vor dem Portal des Palazzo Comlombana prüfte sie ihren Atem und trat ein. Ein Diener führte sie zu Ihrer Großtante, die den Erfolg der ersten Mission ihrer Großnichte mit Wohlwollen aufnahm.
In dem kurzfristig eingerichteten Zimmer im obersten Stock des Palazzos stellte sich Imperia dann vor ihren Reisekoffer und inspizierte ihre Kleider.
"Hmm... alle schwarz! Aber Mutter sagt immer, schwarz sei Farbe genug", sagte sie zu sich selbst und hielt ein Kleid in die Höhe.