Briefspiel:Von altem Bund und neuem Fried'/Von zarten Banden II
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Von zarten Banden II - In den Fluren des Magistrats
Anfang Praios 1046 BF, in der urbasischen Oberstadt Magistralia
Schnelles Laufen in den Fluren des Magistrats hat stets einen gewichtigen Grund - zumeist bei Verspätungen oder bei spontanen Anforderungen korlerischer Priori. Der junge Amtsschreiber, der an diesem Praiosmorgen besonders flott die schmalen Gänge entlanghastete, hatte einen anderen Ansporn: Erstaunen und Loyalität. Er schlitterte um eine Ecke und kam vor der Tür der Amtsstube der Signora Protocollaria, deren Familie er verpflichtet war, zum Halten. Durchatmend trat er ein. “Signora Deraccini, verzeiht mein Eindringen. Der Signor Silbertaler, der Alt…, ich meine der ehemalige Priore iuris, der Iudex maior in quiescenza, bei PRAios, der Danilo Silbertaler ist hier und fragt nach Euch.” Selbstredend war am Tage zuvor ein Kärtchen mit der Bitte um Audienz bei Selina eingetroffen, doch davon ahnte der Jungspund nichts.
Für einige Momente hörte man noch das Kratzen der Feder auf einem Pergament, bevor Selina diese zur Seite legte und aufschaute: "Danke. Ich lasse bitten, Boromeo." Dem Amtsschreiber fuhr es kalt den Rücken herunter. Selina war nicht hässlich, ganz im Gegenteil, aber sie hatte eine verstörend graue Aura. Sich dessen völlig bewusst, aber dennoch unabsichtlich, verströmte sie stetig den Charme eines Sargnagels. Oft schon stand ihr diese Charaktereigenschaft im Wege, aber in manchen Situationen begrüßte sie ihre teils abweisende Art wie ein Geschenk der Götter. Personal wird so niemals nachlässig.
Der silberbeschlagene Gehstock schlug in der langsamen Folge der Schritte auf den Boden. Hie und da ein winziges Nicken gegen sich Verneigende, schritt der Alte voran - ehrwürdig wie ein signum exclamationis, als wäre Satinavs Zahn nur ein Interpunktionsfehler in einer Akte zu einem eher unbedeutenden Fall. So trat er nach geraumer Zeit in die Amtsstube, nahm den Advocatenhut vom weißen Haupt und reichte diesen dem Schreiber.
"Ser Danilo, welch' Freude Euch hier begrüßen zu dürfen", sagte sie kalt, aber nicht unfreundlich und deutete mit der Hand auf den Stuhl. "Setzt Euch doch bitte. Darf ich Euch eine Erfrischung anbieten? Eine Limonata, einen Tee, oder vielleicht einen Kaffee aus Uthuria? Mein Vetter Giacobbo ließ uns eine Kiste davon zukommen, die er von... Freunden aus dem Süden bekam." Selina hob fast unmerkbar einen Finger, als Zeichen für den Amtsschreiber, sich bereit zu halten, das gewünschte Getränk schleunigst zu bringen.
“Praios zum Gruße und meine Hochachtung, Signora Selina. Ein starker Sud von Fenchel goutiert.” Mit diesen Worten nahm er in einem Lehnstuhl Platz, aufrecht und die beiden großen, jedoch nun mageren und altersfleckigen Hände auf den Silberknauf seines Stockes gelegt.
Ein Zucken und Boromeo eilte davon, die Tür hinter sich schließend. In der Arkadenschänke Signorina Malvesia würde er bestimmt fündig, jedenfalls hoffte er dies inständig.
"Aber sagt, was führt Euch zu mir?", fragte Selina und lehnte sich mit einem Lächeln zurück.
“Wer mich zu Euch führt, fragt Ihr. So will ich ohne Verzögerung bekennen: der Fürst und die jüngste der Götter Alverans, auf dass ein unbedeutendes Werkzeug wie ich seinen Teil zu Gerechtigkeit und Frieden tut.”, begann er im Tone eines Eröffnungsplädoyers. Allerdings ahnte Selina nur zu gut, dass der alte Advokat und Redekünstler auf diese Weise wahrscheinlich auch den morgendlichen Getreidebrei bei der Dienerschaft in Auftrag gab. “Doch mag es auch Selbstsucht und Eitelkeit sein, worauf Menschen in einem Alter verfallen, in dem sie auf das Leben zurückzuschauen und zu fragen beginnen, welch´ Legat man relinquieret.”
Selina lächelte und entgegnete ihm: "Ser Danilo, Ihr werdet sicherlich allen für Eure Eloquenz in Erinnerung bleiben. Welch größeres Vermächtnis als Eure Erfolge in der Juristerei kann man sich noch wünschen?" Selina seufzte innerlich und dachte: `Wahrscheinlich habt ihr Eure Avversarios zu Tode gelangweilt mit Eurem Geschwafel.´
Boromeo trat nach einem kurzen Klopfen ein und brachte die gewünschten Getränke. "Danke, Boromeo. Du kannst gehen... und sage bitte meinem Bruder, dass unser Treffen ein wenig verschoben werden muss. Er wird sicherlich Verständnis dafür haben, dass ich Ser Danilo so viel meiner Zeit widmen möchte, wie nur irgend möglich."
Boromeo nickte, schloss die Türe von außen und seine Schritte auf dem Marmorboden waren noch eine geraume Weile zu hören. Selina nahm ihr Getränk auf, nippte kurz an dem Kaffee und sagte: "Da nun keine weiteren Störungen zu erwarten sind... worum geht es bei Eurem Besuch? Ihr werdet sicherlich nicht zu mir gekommen sein, damit ich Eure Wortgewandtheit mit offenem Munde bestaune wie ein kleines Mädchen einen Regenbogen."
‘Diese Jugend hat noch nicht die Reife zu erfassen, wie bewahrenswert das kindliche Bestaunen von Tsas Wundern ist’, dachte milde der Alte und schloss an die Worte der Protocollaria an:
“Ihr habt mit scharfem Intellekt aus meinen Worte gefiltert, was Anlass und Sehnsucht, ja gleichsam Wunsche, um Euren Ausdruck zu bemühen, meines Weges zu und - und lasst mich meiner Hoffnung Ausdruck verleihen - mit Euch ist.” Er nippte an dem streng in die Nase steigenden Tee. “Vorzüglich. Habt Dank für Eure venerazione, die allzu gern Erwiderung findet: Ihr seid in den mehr als einem Dutzend Götterläufen in Eurem Amte dem Ruf von großer Ehrhaftigkeit mehr als gerecht und gleichsam Stütze unserer stolzen Heimatstadt geworden. Daher ist es eine Freude zu eröffnen, welche Hoffnung unter dem Regenbogen mich treibt: ecco, als mediatore die condizioni der Anbahnung einer Audienz zwischen der Matriarchin Eurer Familie und dem Patriarchen der meinen zu disputieren.” Danilo nippte erneut am Teebecher. Seine grünen Augen betrachteten die winzigen Dampfschwaden, die daraus hervorstiegen. Er wollte seiner präzisen Gesprächpartnerin nicht mit lesenden Blicken zu nahe treten.
Selina nickte leicht bei der Erwähnung ihrer gepriesenen Ehrenhaftigkeit. "Habt Dank für die schmeichelnden Worte, Ser Danilo. Natürlich sollte eine solche Bitte ohne Frage gewährt und die Zusammenkunft allzu bald arrangiert werden." Sie nippte an ihrem Kaffee, legte ihren Kopf leicht in den Nacken, starrte zur Decke ihres Studiolos und fuhr fort: "Sagt, Ser Danilo. Wäre es zu viel verlangt, wenn ich nach dem Grund des Treffens fragen würde?
Versteht mich nicht falsch, aber ich würde meiner Mutter gerne ein wenig mehr Informationen geben als nur, dass die ehrbaren Mitglieder der Familie Silbertaler zu plaudern wünschen." Sie strich mit einer Hand den schwarzen Brokat ihres Kleides glatt und zupfte einen kleinen Faden ab, drehte ihn zwischen ihren schlanken Fingern und ließ diesen beiläufig auf den Boden fallen. "Stellt Euch vor", sagte sie dann lachend, "Ihr hättet einen hitzköpfigen Bruder wie ich, der hinter jeder Bewegung in den Schatten eine Verschwörung wittert, weil er Zusammenhänge entweder nicht versteht, oder diese schlicht ignoriert. Ich könnte viel leichter sagen, dass Eure Familie sich treffen möchte, um über die Zukunft des Brunnens auf dem Marktplatz zu reden, als dass ich eingestehen müsste, der Grund des Treffens sei mir unbekannt."
Es war fast beängstigend, wie schnell Selina ihre Mimik wechseln konnte. "Aber zu einem anderen Thema, Ser Danilo: wie schmeckt Euch der Tee? Erlaubt mir bitte, Euch einen kleinen Sack davon mitzugeben. Ich lasse dies sofort von Boromeo arrangieren."
Ein weiterer Umschwung im Verhalten Selinas brachte die Raumtemperatur von eisig zu angenehm und zurück zu heiter bis wolkig. Sie stellte ihre Arme auf die Tischplatte, stützte ihr Kinn auf die Hände und sagte mit ungewohnt dunkler Stimme: "Ser Danilo, wann soll das Treffen stattfinden? Habt ihr und Eure Familie bereits ein Datum ins Auge gefasst? Bringen wir Parteigänger mit, um...", sie machte ein leicht übertrieben verschwörerisches Gesicht und fuhr mit einem charmanten Lächeln fort: "...zu verhindern, dass sich unsere Familien an die Gurgel gehen? Treffen wir uns auf neutralem Boden? Bei Rondra, das ist alles so aufregend.
Verzeiht, trotz meines nicht mehr ganz jugendlichen Alters bin ich doch noch immer eine große Bewunderin der Talerromane von Thalio Trenti, mit all der Fülle an Verstrickung und Kabale.", sagte sie mit einem verschämten Lächeln und merkbar roten Wangen. Jeder, der einmal dem Schauspiel von Selina beiwohnen durfte, war sich nicht sicher, ob es sich dabei um taktisches Manöver handelte, oder ob sie wirklich für kurze Momente dem Wahnsinn verfiel.
Der alte Advokat und Richter ließ sich von den Sprüngen der Kuslikana nicht aus dem Takt bringen, antwortete nonverbal dankend auf das Teepräsent, lächelte verständnisvoll bei der populär-literarischen Anspielung und stieg an taktisch passender Stelle ein. “Es ist ein Zeichen der Würde unserer Familien, die Fehde 75 Götterläufe geführt zu haben, ohne einen Tropfen edlen oder einfachen Blutes zu vergießen. Geblutet haben wir dennoch, geblutet an Einfluss, geblutet an Bedeutung, geblutet an Mitteln. Zugleich wurde unsere Stadt, von jüngeren Familien dazu erkoren, zu einem Feld des unmittelbaren combattimento - mit Kämpfen in den Straßen und Mord an ehrenwerten Edelleuten.” Er atmete beim Gedanken an seine Schwester tief ein und fuhr bewegter fort. “Um Eurer Frage die Antwort folgen zu lassen: mein Neffe möchte mit Eurer hochverehrten Frau Mutter in kleiner Delegation über die Anknüpfung an gemeinsame Zeiten verhandeln, die gegenseitige Blockade zu beenden und eine Zukunft wirtschaftlichen und politischen Wiederaufstiegs zu gestalten. Ort und Zeit ließen sich finden, wollen sie doch wohl gewählt sein. Ihr trafet also mit dem Regenbogen zielgenau, Signora Selina.” Dieses Mal inspizierten seine grünen Augen sehr genau die Reaktion der Protocollaria.
Selina schwieg für einen Moment, sich den wertenden Blicken des Danilo Silbertalers wohl bewusst. "Ser Danilo, als künftiges Familienoberhaupt der Deraccini hat meine Mutter mir sämtliche Vollmachten erteilt, für selbige zu sprechen und zu verhandeln. Bitte seht den Wunsch Eures geschätzten Neffen als respektiert und so gut wie erfüllt." Nun war sie es, die auf eine Reaktion ihres Gegenübers achtete. "Meine Mutter wird hoch erfreut sein, sich mit Eurer Delegation zu treffen. Sobald ihr einen Termin für die Unterredung ins Auge gefasst habt, lasst es mich bitte wissen."
Sie rief nach Boromeo und erteilte ihm den Auftrag, ein Säckchen des Tees, als Zeichen des guten Willens, vorzubereiten.
Der alte Meister der Iurisprudenz konnte ein kurzes Zeichen der Überraschung, der durchaus freudigen Überraschung, nicht verbergen. Zwar war dies nur ein erster Schritt, die Verhandlungen würden erst folgen, aber er war froh über den Beginn des Weges in eine prosperierende Zukunft beider Familien. Er lächelte Selina kurz zu und neigte das Haupt. “Eure Worte tragen Glück in ein trockenes Herz und ich spüre es vor Freude schlagen. Nichts machte mich stolzer, als Bote dieser Eurer Worte zu sein. Erwartet die angemessene Erwiderung meiner Famiglia auf Eure Großzügigkeit.” Danilo stellte den Becher auf das Beistelltischchen und erhob sich etwas mühsam, schwer auf den Gehstock gestützt. “Meine höchste Verehrung, Signora Selina.”
Von draußen hörte man das Keuchen des hetzenden Boromeo und das schon bekannte Schlittern und Abbremsen.