Briefspiel:Südwärts!!/Prolog I

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Briefspiel in Sewamund
Datiert auf: beginnt im Herbst 1035 BF, laufend Schauplatz: Sewamund, Meer der Sieben Winde, Südmeer, Uthuria Entstehungszeitraum: ab Juli 2013
Protagonisten: viele Autoren/Beteiligte: van Kacheleen, Luntfeld, Marakain, DiPiastinza, Rondrastein, Vesselbek
Zyklus: Übersicht · Prolog in Ruthor (I) · Prolog in Ruthor (II) · Aufbruch


»Das südliche Ende des befahrbaren Meeres aber sind die Inseln der Risso. Jenseits dieser wird die Hitze des Tages unerträglich, und die Winde hören auf zu wehen, so dass hiervon die dortige See das Feuermeer oder die Kochende See genannt wird, da es von der Sonne unmäßig erhitzt und durch keinerlei Wind gekühlt wird. Auf diese Weise hat es der HErr EFFerd eingerichtet, dass niemand so weit südlich auf dem Meere fahren soll, dass er den Nordstern nicht mehr zu sehen vermag. Allso ist es auch vom Hüter des Zirkels bestimmt, dass des Segens der Kirche des Unergründlichen jeder verlustig gehe, über den der Ifirnstern nicht mehr wacht.« (Unter Seefahrern verbreitete Ansicht zum südlichen Ende der Welt)

Anfang Rondra 1035 BF gelangen auf einem Handelssegler der Montazzis spektakuläre Nachrichten aus dem Süden ins Liebliche Feld: eine alanfanische Expedition soll aus dem sagenumwobenen Südkontinent Uthuria zurückgekehrt sein und angeblich die Rose der Unsterblichkeit mitgebracht haben. Dies löst vielerorts in Aventurien eine Aufbruchstimmung aus, wenngleich niemand wirklich weiß, wie diese Leistung der wahlweise Schwarze Perle oder Pestbeule des Südens genannten Metropole am Rabenfelsen nachzuahmen sei. Auch in Sewamund führt diese Nachricht in mehreren Familien des Patriziats zu emsiger Geschäftigkeit, wenngleich erste Gespräche, zu denen Amaldo di Piastinza seine Geschäftskollegen in den Palazzo Gabellano nach Ruthor lädt, noch unter strikter Geheimhaltung erfolgen.


Prolog in Ruthor

Ruthor, eine der Sieben Seestädte an der Bucht von Grangor, gehörte zu den ruhigeren und beschaulicheren Städten der septimanischen Region. Etwas abseits der König-Khadan-Straße gelegen, die in ihrem Verlauf von Vinsalt nach Grangor statt dessen durch das geschäftige Sewamund verlief, und auch hinsichtlich des Seehandels im Schatten des nicht weit östlich gelegenen Nachbarn stehend, beschränkte sich ihre ökonomische Funktion hauptsächlich darauf, Knotenpunkt für das südlich und südwestlich der Stadt gelegene Hinterland zwischen Arinkelwald und Holdanforst zu sein, welches das mittlere Stück der Baronie Ruthor ausmachte. Ihre Bedeutung als Verwaltungssitz dieses traditionell vom Haus Bellafoldi regierten Territoriums war entsprechend größer als die wirtschaftliche, und dies spiegelte sich auch im Stadtbild wider, in welchem das „bürgerliche“, geschäftsmäßige Viertel nicht im Zentrum lag, sondern östlich desselben, welches wiederum von den großen und repräsentativen Gebäuden rund um den „Forum Retiarium“ genannten Platz dominiert wurde.

Das beeindruckendste dieser Gebäude war der an der Nordwestseite gelegene wuchtige Baronspalast, die Residenz des Hauses Bellafoldi, welches seinen Führungsanspruch auch architektonisch geltend machte. An der südwestlichen Seite schloss sich der Palazzo Calveno an, der das Ordenshaus sowie eine Schule der Efferdbrüder beherbergte, ihm gegenüber im Nordosten der Palazzo Selzin, der im Verlauf des Thronfolgekriegs den Besitzer gewechselt hatte und nun dem Sewamunder Haus Amarinto gehörte. Die Amarinto gehörten zusammen mit dem ebenfalls in Sewamund ansässigen Haus Piastinza zu den Verbündeten, die den Anspruch der Bellafoldis auf den Ruthorer Baronsstuhl vor nunmehr bald sechs Jahren, im Jahre 1029 BF, gegen die Partei der Galahanisten verteidigt hatten. Auch die Piastinza waren seither am Forum Retiarium vertreten: sie hatten im vormaligen Palazzo Gabellano Quartier bezogen, der an der Südostseite des Platzes lag und sich diese mit dem Parlament der Ruthorer Patrizier, dem Signorienpalast, teilte.

Ruthor war ein efferdgefälliges Städtchen: nicht nur waren die Efferdbrüder hier vertreten - man sagte ihr auch eine Nähe zu den Meeresbewohnern der Bucht von Grangor nach, und damit waren nicht die Fische gemeint, die von den Fischern des im Westen gelegenen Stadtviertels Sprattora gefangen wurden. Das alte, aus bosparanischer Zeit stammende Zentrum der Stadt war im Verlauf der Jahrhunderte im Meer versunken, aus dem die Reste des so genannten Ozeanidenpalasts noch hervorragten. Aus Ruthor stammt der Legende nach auch der mit Dreizack und Netz kämpfenden Typus des bosparanischen Gladiators, der Retiarius.

Auch im warmen Lieblichen Feld waren die Küstenlandschaften von mildem und ausgeglichenem Klima geprägt. Es wehte im allgemeinen ein beständiger Wind aus westlichen Richtungen, und sowohl Sommerhitze als auch Winterkälte waren weniger stark voneinander unterschieden als in anderen Regionen des Landes. Auch geschah es oft, dass Wolken, die anderswo in geschlossenen Massen auftraten, vom Seewind in einzelne Bänder zerrissen wurden, die dafür zu sorgen vermochten, dass sonnige und bedeckte Tageszeiten sich halbstündlich abwechselten.

Auch der 30. Efferd des Jahres 1035 nach Bosparans Fall war von einem solchen Wetter beherrscht. An diesem Tag wurde an den Küsten des Lieblichen Feldes das Fischerfest begangen, das wichtigste Fest eben der Fischer und Seefahrer, sodass auch in Ruthor eine deutlich höhere Geschäftigkeit als zu den meisten anderen Zeiten herrschte. Auf dem sonst so ruhigen und gelegentlich für Truppenaufmärsche genutzten Platz vor dem Ruthorer Baronspalast wurde heute von den Honoratioren der Stadt und unter Leitung der Efferdbrüder ein öffentliches Bankett ausgerichtet, das ganz im Zeichen der Meeresfrüchte stand. Der Platz selbst war mit Reihen einfacher Tische und Bänke gefüllt, auf denen zahlreiches Volk aus Stadt und Umland, grob nach Ständen und Stadtvierteln gegliedert, Platz fand. An den Seiten des Platzes bereiteten zahlreiche Garküchen unterschiedliche Gerichte zu: die am häufigsten gereichten Speisen waren der unter Beifügung von Birkenasche gewässerte und mit Butter gesottene Stockfisch, der als phecadischer Laugfisch bekannt war und mit Erbsen und Speck serviert wurde, des weiteren gegrillter Tintling und Grangorinen in Knoblauchöl. Aber auch Elidamuscheln in Zwiebelsud, Aal im Weinsud, gebratener Thunfisch, gegrillte Garnelen sowie verschiedene Fischsuppen fanden reichlichen Zuspruch. Dazu gab es reichlich weiße Brote aus Weizenmehl und Gemüseeintöpfe. Feinschmecker, die ihr Misstrauen überwanden, konnten eine ebenso neumodische wie dekadente Zubereitung aus Belhanka kosten: fangfrischer, roher Lachs und Thunfisch im Reiswickel, zusammengehalten von einem Blatt Seetang. Der unvermeidliche Durst konnte mit Bier, insbesondere lokalen Varianten des Bethaner Weizengolds, sowie mit einfachen Weinsorten gestillt werden - wobei letztere mit Wasser gestreckt wurden, damit sich die Gäste in der spätsommerlichen Wärme nicht allzu schnell berauschten.

Im Palazzo Gabellano, den nach seinen jetzigen Besitzern „Palazzo Piastinza“ zu nennen sich vor Ort niemand anzugewöhnen vermochte (oder wollte), wurde ebenfalls ein Bankett vorbereitet, das jedoch für eine geschlossene Gesellschaft zum Teil sehr hochgestellter Gäste bestimmt war. Auch war der Wein hier nicht gestreckt und umfasste edlere, zur Jahreszeit passende weiße Sorten, die von der Weinhandlung Yaquiria Shenilo schon vor zwei Wochen angeliefert und im Keller des Palazzos zu erfrischender Kühle gebracht worden waren: Banquirgold, Yaquirtaler Sandwein, Rahjaträne, Küstenwind und Herbstgewitter. Der Speiseplan war zudem um gehobene Gerichte wie Hummer bethanisch, Efferdsuppe belhancani und Malurer Sternaustern ergänzt worden. Die wohlgeborenen Herren des Palazzos pflegten den Geldbeutel für ihre Bankette nicht jederzeit so weit zu öffnen, doch die Gästeliste dieses Tages machte das unabdingbar. Die heutige, für den von ihren Besitzern nur selten genutzten Palazzo ungewöhnliche Geschäftigkeit fiel jedoch im Trubel der öffentlichen Festivität nicht weiter auf, und wer in die Beweggründe der Gastgeber eingeweiht gewesen wäre, hätte gewusst, dass eben dies beabsichtigt war. Nur einige aufmerksame städtische Abgeordnete, die ihres häufigen Wegs zu dem direkt neben dem Palazzo Piastinza gelegenen Signorienpalast wegen an die unauffällige Ruhe des Nachbargebäudes gewohnt waren, registrierten, dass verglichen mit anderen Zeiten heute geradezu der Ausnahmezustand herrschte.

Anders als sonst waren gleich mehrere der Türen in der Gebäudefront geöffnet, jedoch jeweils von zwei Wachen bedeckt, die präzise instruiert schienen, wem sie Zugang gewähren sollten und wem nicht, denn gelegentlich zu nahe kommende Passanten wurden mit Bestimmtheit auf Distanz gehalten. Es war hauptsächlich Dienstpersonal, das ein- und ausging, insbesondere, um verschiedene Pferde zu versorgen, die hinter einer dieser Türen untergebracht worden waren. Vor dem Hauptportal hatte sich für eine halbe Stunde ein Offizier aufgehalten, der mit einem eher selten anzutreffenden Tuzakmesser bewaffnet war, das er nach maraskanischer Art nicht am Schwertgehänge trug, sondern mit der Krümmung der Scheide nach oben hinter den Gürtel gesteckt hatte, obwohl seine sonstige Kleidung bunt und liebfeldisch war wie die eines Söldnerführers. Er hatte aufmerksam und regungslos das Treiben auf dem belebten Platz beobachtet. Als er sich umdrehte und das Gebäude betrat, wurde das Hauptportal hinter ihm geschlossen.

Das Innere des Palazzo wurde von einem geräumigen Atrium beherrscht, in dem sich zu dem Zeitpunkt, zu dem besagter Offizier das Haupttor hatte schließen lassen, eine nicht geringe Zahl wohlgekleideter Herrschaften aufhielt, während abseits unter den Arkaden ein halbes Dutzend Domestiken zu ihren Diensten bereitstand. Eine große Tafel im Zentrum des Atriums war für eine Mahlzeit eingedeckt, die noch in der Küche fertiggestellt wurde, während die Gäste im Bogengang eine Gruppe bildeten. Auf ein Zeichen des Offiziers hin nickte der Gastgeber, Signor Amaldo di Piastinza, kurz zurück und begann die Anwesenden, von denen sich offensichtlich nicht alle gegenseitig kannten, einander vorzustellen.

„Ich danke meinen Gästen für die Ehre ihres Besuchs - insbesondere jenen hochgestellten, durch deren Anwesenheit mein Haus und meine Gäste aus Sewamund besonders beehrt werden! Zuvörderst schätze ich mich besonders glücklich, dass eine bedeutende Vertreterin der Kirche des Herrn EFFerd unter uns weilt: Ihro Gnaden Yolande Aralzin vom Tempel zu Bethana!“ Als dieser Name fiel, löste das reihum geflissentliche Ehrbezeugungen aus, was weder auf Galanterie gegenüber dem weiblichen Geschlecht noch auf den priesterlichen Rang der Geweihten zurückzuführen war, sondern auf den Umstand, dass es sich um eine hochrangige Angehörige eines der bedeutendsten Geschlechter des Lieblichen Feldes handelte - um niemand anderen nämlich als um die drittgeborene Tochter der Hesindiane Aralzin, Gräfin von Yaquiria und Bethana. Allein ihre Anwesenheit rechtfertigte bereits die üppige Ausstattung des Banketts.

Die andere hochgestellte Persönlichkeit war ein älterer, feister Mann mit schwarzen Haaren, aber schon grauen Strähnen und notorisch leicht vorgeschobener Unterlippe, der Überlegenheit, Abschätzigkeit, Berechnung und souveräne Gelassenheit zugleich ausstrahlte. „Außerdem begrüße ich den Vertreter unserer hochgeschätzten Stadt- und Landesherrin Oleana, den ehrenwerten Signor Colombino di Bellafoldi. Ich möchte in Anbetracht der Umstände offen und direkt sprechen: sowohl Ihro Gnaden Yolande als auch Signor Colombino sind heute inkognito anwesend, sie sind also in gewissem Sinne nicht zugegen. Sie beehren uns hier, um unser geplantes Unternehmen anhand der heute von uns zu führenden Erörterungen zu bewerten und ihre Einschätzung sodann ihrem jeweiligen Hause vorzutragen. Ich bitte die übrigen Herren, dies zu berücksichtigen.“

„Ihro Gnaden - Signor - ich darf Ihnen die weiteren Sewamunder Mitglieder unseres Konsortiums benennen!“ Amaldo machte jeweils eine Pause, um die jeweilige ehrerbietige Verbeugung der Vorgestellten und das Kopfnicken der Höhergestellten abzuwarten. „Signor Khardan Luntfeld. Signor Aurelio van Kacheleen. Signor Holdur Degano. Signor Leonardo Cortesinio. Diese Herren verkörpern in der geplanten Angelegenheit den Handel und den Schiffbau unserer schönen Heimatstadt. Für mein eigenes Haus sind weiterhin anwesend mein Neffe Rimaldo di Piastinza sowie mein Gardeoffizier Djurjin von Jergan.“

„Gestattet mir, die aktuelle Situation kurz darzulegen: wie wir vermutlich alle wissen, kam die erste Nachricht über eine erfolgreiche Überfahrt der Alanfaner nach Uthuria bereits Anfang Rondra mit einem Schiff der Montazzis aus Belhanka, und sie schien glaubwürdig genug, um schon ganze Stadt in Aufruhr versetzt zu haben. Wenn die später hinzugekommenen Gerüchte zutreffen, dann haben die Terdilions irgendwo im Brabakischen oder in Hôt-Alem einen Seemann aufgegriffen, der dabei gewesen ist, und der Details herumerzählt hat, ehe den Behörden klar wurde, wie brisant diese waren. Wir können nur vermuten, dass er sich mit irgendeinem Beutestück davongemacht hat, noch ehe die Rückkehrer Al’Anfa erreichten. Ohne ein solches Belegstück hätte man ihn vermutlich nur ausgelacht. Auf dem Rabenfelsen war man wohl nur wenig früher informiert als in der Serenissima! Jedenfalls hat man in Belhanka aus Gründen, die überzeugend gewesen sein müssen, nicht an seinen Behauptungen gezweifelt. Die ganze Stadt muss ihm geglaubt haben, und die Küstensegler der Montazzis haben dann den Rest des Reichs aufgescheucht.“

Die Geweihte der Aralzins unterbrach Amaldo: „Es zahlt sich mitunter aus, Signores, die Angelegenheiten des Reiches aus hoher Perspektive betrachten zu können. So ungefähr ist es auch uns zugetragen worden, und Ihr seid nicht die Einzigen, die sich entschlossen haben, praktische Folgerungen daraus zu ziehen! Auch in Belhanka ist man offenbar auf die Idee zu einem solchen Unternehmen verfallen. Eure Konkurrenten - einschlägige Namen der Serenissima, ohne zunächst mehr zu sagen - sind zugleich reicher und mächtiger als Ihr, und es besteht ein entschiedener Wille, dasselbe Ziel zu erreichen. Ein Grund mehr gleichwohl, warum unser Haus, wenngleich im Hintergrund, nicht gänzlich abseits stehen möchte. Fahrt fort!“

Amaldo nahm den Faden wieder auf. „Nun, dies ist im Wesentlichen bereits alles! Uthuria ist offenbar erreichbar, die legendären Gefahren beherrschbar, auch das tiefe Südmeer ist befahrbar. Und ob man nun tatsächlich die Rose der Unsterblichkeit entdeckt hat oder nicht - eine Legende ist Wirklichkeit geworden und wartet darauf, erschlossen zu werden.“

Amaldos Ausführungen gewannen an Schwung, er redete sich in Fahrt: „Wie sicherlich bekannt sein dürfte, hat mein Gardeoffizier“ - Djurjin deutete eine Verneigung an, als die Rede auf ihn kam - „bereits vor vier Jahren das Südmeer bereist, und seine Schilderungen haben in mir die Überzeugung reifen lassen, dass wir die Möglichkeiten dieses ozeanischen Meeres nicht Al’Anfa allein überlassen dürfen. Das Bornland ist zu weit entfernt, um eine nachdrückliche Präsenz aufzubauen - ohne horasische Lotsen können sie kaum ihre bestehenden Kolonien schützen. Es ist meine feste Überzeugung, dass es die Aufgabe Horasiens ist, dem Rabenfelsen dort unten entgegen zu treten. Phrygaios hat hierzu die Voraussetzungen geschaffen. Das eigentliche Problem ist jedoch nicht Al’Anfa - das eigentliche Problem ist hausgemacht! Die Erschließung des Wegs ins Güldenland war nicht nur die Großtat einer fähigen Kapitänin, sondern auch eine Sternstunde unserer Admiralität. Diese Initiative ist im Falle Uthurias nicht gegeben! Es ist die Trägheit und Schläfrigkeit der Südmeerverwaltung, die dem entgegensteht! Eine subalterne Vizekönigin, die am Ende der bekannten Welt in Feuchtigkeit und Hitze dahindämmert und wesentliche Entscheidungen an provinzielle, korrupte Kanzleien delegiert und dafür nicht einmal der Admiralität Rechenschaft schuldet, sondern einem Rat von Pfeffersäcken einer Stadt, die sich selber Republik nennt, als ob nicht auch ihre Geschäfte dem Horas unterstünden!“ Amaldo holte Luft. „Verzeiht die Formulierung, Signor Khardan, Signor Aurelio, Signor Leonardo, Ihr habt ein besseres Verständnis der Notwendigkeiten als die Strozza und Terdilion - Ihr, Signor Holdur, seid ohnehin kein Pfeffersack! Jedenfalls wird die Situation nicht dadurch besser, dass die ya Strozza - ich interpoliere, Euer Gnaden, den Namen, den Ihr diplomatisch auslasst - die ya Strozza nun auf eigene Faust Profit aus der Lage ziehen wollen, anstatt die Angelegenheit ordnungsgemäß vor den Cronconvent zu bringen. Eine solche Gewichtsverschiebung darf den Norden nicht einfach ausschließen, da kann Belhanka nicht einfach vollendete Tatsachen schaffen, ohne dass die juristische Form den Gegebenheiten angepasst wird und die Privilegienvergabe auf den Prüfstand ...“

„Verzeiht, Signor Amaldo!“ unterbrach ihn der Bass Colombino di Bellafoldis. „Ihr seid im Begriff, zu einer staatsrechtlichen Vorlesung überzugehen, die den Grund unserer Anwesenheit bestenfalls am Rande berühren dürfte, wie bedeutsam dieses Thema auch immer sein mag! Wolltet ihr nicht die eigentlich bevorstehende Aufgabe erörtern? Ich jedenfalls bin begierig zu hören, wie Ihr aus diesen zwar hoch interessanten, aber in den Details doch recht spärlichen Informationen einen erfolgversprechenden Plan schmieden wollt!“

Colombino musste nicht einmal besonders süffisant auftreten, damit Amaldo sich wieder daran erinnerte, dass er hier vor Beobachtern sprach, die von der Machbarkeit seines Projekts erst einmal überzeugt werden wollten, bevor sie ihre eigenen Mittel dafür riskierten. „Verzeiht Ihr, Signor Colombino! Ihr habt Recht! Ich greife den Dingen vor!“

Aus einer zwischenzeitlich geöffneten Tür zogen die vielfältigen Gerüche der Küche ins Atrium und orientierten die Erwartungen der Anwesenden auf das leibliche Wohl. „Ich denke, wir sollten uns zunächst an der Tafel einfinden und dem Fest der Fischer huldigen, ehe wir unsere Verhandlungen trocken, hungrig und im Stehen durchführen!“ Während die Gesellschaft umständlich ihre Plätze einnahm, fügte Amaldo noch einige Anmerkungen zur Tagesordnung an: „Mir scheint, verehrte Anwesende, wir sollten uns zunächst frei und offen über unsere Erwartungen an eine solche Unternehmung aussprechen und sodann erörtern, welche Mittel hierfür benötigt werden und von uns mobilisierbar sind. Dies schließt Fragen nach möglichen weiteren Partnern und geeignetem Personal ein. Sodann können wir besprechen, auf welche Weise wir die von uns mobilisierbaren Mittel am erfolgversprechendsten einsetzen können. Schließlich würde ich mir wünschen, dass wir das Resultat unserer Erörterungen in den Entwurf einer Charta umsetzen, welche unsere informellen Verabredungen in ein vertraglich konstituiertes Konsortium umsetzt. Aber ich habe genug Worte gemacht!“ Er klatschte laut in die Hände, und die Bediensteten begannen, Speis’ und Trank aufzutragen. „Das Wort soll nunmehr den Gästen unseres Hauses gehören!“

„Werter Signor Amaldo!“ eröffnete Khardan Luntfeld nach einigen Minuten schweigender, nur von Besteckklappern unterbrochener Stille, die Gespräche. „Habt Dank für Eure feurigen Worte. Ich gehe davon aus, dass wir alle, die wir uns hier zusammengefunden haben, ein Interesse daran haben, den Südkontinent weder den Al'Anfanern noch den Belhankern allein zu überlassen, sondern mindestens einen Teil des Goldes, von dem die Sagen berichten, in Sewamunder Taschen zu sehen. Ein großes und ehrgeiziges Ziel, einer Güldenlandfahrt ebenbürtig, und nicht zuletzt deswegen gilt es besonders bei einer solch tollkühnen Unternehmung, Kosten und Nutzen sorgfältig gegeneinander abzuwägen. Euren Enthusiasmus in Ehren, doch bedenkt, dass viele Truhen in Sewamund und auch im Rest der Septimana nach den kriegerischen Ereignissen der letzten beiden Jahre nahezu leer sind. Und bedenkt, was nach Euren Worten im Großen für Belhanka und den Kronkonvent gilt, kann auch im Kleinen für uns und den Lilienrat gelten … Doch wollt ihr wirklich den Tribêc, Amarinto, Mornicala und Streitebeck über eine solche Unternehmung Rechenschaft ablegen?“

„Ich danke Euch für Eure Wertschätzung, Signor Khardan!“, entgegnete Amaldo. „Und soweit es das Haus Amarinto betrifft, das zu meinen Verbündeten zu zählen ich die Ehre habe, kann ich Euch zusichern, dass es sich nicht um Rechenschaft handelt, die ich schuldig bin, sondern um bloße Konsultationen, die nicht über das Maß dessen hinausgehen, welches das wechselseitige Vertrauen unter Waffenbrüdern gebietet. Konsultationen im Übrigen, die ich präliminarisch auch mit dem Hause della Trezzi gehalten habe, ohne mehr als das Notwendigste zu erwähnen, und ebenfalls unter dem Siegel der Vertraulichkeit. Damit freilich ist der Form Genüge getan, denn beide Häuser werden sich an unserer Unternehmung nicht beteiligen!“

„Die wissen eben, dass es erst einmal Geld kostet, bevor Gewinne dabei herauskommen!“ warf Leonardo Cortesinio mit einem sarkastischen Lächeln ein. „Einem Rondrianer wie Amarinto kann man so viel kaufmännisches Denken nicht zumuten - wenn er Amortisierung hört, denkt er sogleich an den Gebrauchswert seiner Brabazonen!“

„Die Brabazonen sind schon wieder in Brabak, seit vorigem Jahr!“ schränkte Aurelio van Kacheleen die Aussage seines Tischgenossen ein. „Und die della Trezzi sind wahrscheinlich mit der Unordnung im Yaquirbruch beschäftigt, das sollen ja mittlerweile alles Raubritter sein dort oben!“ Amaldo warf Aurelio einen skeptisch fragenden Blick zu. „Selbstredend nicht die della Trezzi, Signor Amaldo!“

„Es ist der kaufmännische Gedanke, der mich auf Euch verfallen ließ, Cortesinio!“ wandte sich Amaldo wieder dem Sewamunder Reeder zu. „Aber Signor Khardan hat wichtige Punkte benannt: Wie finanzieren wir das Vorhaben, und wem wollen, wem müssen wir dafür Rechenschaft ablegen? Ich denke, Rechenschaft sind wir zunächst uns selbst schuldig, denn sollten wir scheitern, ist es besser, wenn wir zuvor nicht zuviel Aufhebens davon gemacht haben - aber wenn wir mit guten Nachrichten zurückkehren, dann ist nichts überzeugender als der Erfolg! Also bleibt die Frage nach dem Geld, und dazu sollten wir zunächst einmal wissen, wofür genau wir es ausgeben müssen. Das heißt vor allem: wie viele Schiffe, wie viele Seeleute, und Vorräte für welche Reisedauer?“

„Zunächst sollten wir uns über die mutmaßliche Route unterhalten, meint Ihr nicht, Piastinza?“ meldete sich Holdur Degano zu Wort. „Für eine lange Strecke empfehlen sich schnellere Schiffe, für eine stürmische Strecke robustere. Für Küstengewässer Karavellen mit wenig Tiefgang, für den Hochseetransport Karracken mit großem Laderaum. Bei Windstille mag gar eine Galeere in Betracht gezogen werden. Wie kommt Ihr über das Feuermeer, Piastinza? Gesegelt oder gerudert? Mithin: was wissen wir eigentlich über das Südmeer?“

Erneut ergriff Cortesinio das Wort: „Gestattet mir, hierauf zu antworten! Durch die Handelsfahrten meiner Compagnie ist mir das Südmeer soweit bekannt, wie es dem gewöhnlichen Kenntnisstand der brabakischen Navigatoren entspricht. Südlich von Brabak beginnt der große Ozean. Nach Südosten hin liegen noch in Nähe zur Charyptik größere Inseln wie Ghurenia, oder Untiefen wie die keraldischen Sände, aber von Brabak südwärts ist es eine lange Strecke ohne Halt, bis man mit Kurs Südsüdost zu den Inseln der Risso gelangt. Das ist schon fast am hemisphärischen Gleichteiler, und Brabak unterhält einen regelmäßigen Verkehr dorthin - Porto Korisande heißt die Niederlassung - wenngleich von geringem Transportvolumen und in größeren Zeitabständen. Kommt man zu weit nach Westen, stößt man auf die Jaguarinseln, die gefährlich sind, weil dort Eingeborene leben. Die Legende spricht sogar von Katzenmenschen, und wenn man die Brabaker fragt, meinen die das wörtlich!“

Die Tischrunde lachte, aber nicht herzlich, sondern verunsichert, wobei Yolande Aralzin in priesterlicher Würde gänzlich schwieg und Colombino Bellafoldi nur den Mundwinkel zu einem verkniffenen halben Lächeln verzog.

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