Kultur

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Das Liebliche Feld verfügt über die am meisten bewunderte Kultur und die glorreichste Geschichte Aventuriens. Stets den Zwölfen treu, doch auch eine besondere Humanität pflegend, hat sich der Horasier auf die stürmischen Höhen einer entwickelten Literatur, einer andernorts kaum denkbaren Musik und Schauspielkunst begeben, dass wir sagen möchten - wenigstens mit Blick auf Elitenkultur -, er verständige sich kaum noch mit den rohen und ungearbeiteten Völkern Aventuriens: Gegen Norden herrscht finstere Barbarei, im Osten lauert der Novadi, und im Süden liefern sich die Besten des Volkes der Knechtschaft aus, um zuletzt noch den Brosamen vom Teller unzüchtiger Schurken empfangen zu dürfen.

Und doch ist das Liebliche Feld nicht ganz und gar losgelöst von den Zuständen unter auswärtigen Völkerschaften. Hier jedoch überlagern sich die Nexus vieler Lebensweisen solchermaßen, dass die Zwölfgöttlichkeit, die überkommene Kultur der großen und kleinen Höfe wie auch das Wesen des Kaufmannsstandes sich vereinen, einander ablösen, gegenseitig erneuern und inspirieren. Und dies ist der Grund, weshalb das Liebliche Feld über die am meisten bewunderte Kultur des Kontinents verfügt.

Das letzte prägende Ereignis der Kultur des Lieblichen Feldes war trotz allen Ruhmes, den wir sprechen müssen, der Horasische Thronfolgekrieg.

Elitenkultur

Die Welt, die uns verloren ...

Empfang des Prinzgemahls

Wir wissen nicht, an welchem Ort welches Wetter herrschte am 23. Praios des 1028ten Jahres. Zu Vinsalt aber, wie wir vermuten dürfen, weinten selbst die Götter mit Regenfluten über das Geschick der Menschen: An jenem 23. Praios verstarb Amene-Horas, welche auch "die Große" genannt wird. Ein Rückblick: Unter Amene wurde die unerträgliche, tausendjährige Usurpation der aventurischen Kaiserwürde rückgängig gemacht, indem der Titel des Horas erneuert und das Reich Rauls in schuldige Verdammnis und Unterlegenheit geschickt wurde. Viele nennen dies die Renascentia.
Unter ihr, die Amene hieß - was "die Liebliche" bedeutet -, wurden die Kernlandschaften Yaquiriens zu dem Himmelsstrich der ersten Blüte seit Bosparans Fall, und der Flor des Ruhmes bedeckte ihr Antlitz und das ihrer Trabanten. Das war die Zeit, als eine stolze und zugleich bescheidene Königin ihren Prinzgemahl empfing, um also von den ersten Fürsten des Reiches Geleit zu den schönen Festlichkeiten Vinsalts zu erhalten. Derweil hatte der Kaufmann auf dem Meere und in den Hafenstädten keine Mühe, in aller Zwölfe Frieden seinen Zins zu nehmen, denn die Kriegsmacht war stark, dass keine Macht Aventuriens sie je auf das Rondrengefild zu fordern gewagt hätte. Nur ein wenig corruzione mochte dort gewesen sein, wo Höflinge um die Gunst der großen Amene zu buhlen versuchten und doch von echter Majestät abgewiesen wurden. Ob das so war? Nur zu gern denkt man an die alten Tage zurück, denn was auf den 23. Praios des 1028ten Jahres folgte, ward nicht gesehen seit dem Unabhängigkeitskriege.

Unter Kriegsgeschrei und wiehernder Rosse Getrabe maßen sich im Rondrengefild die bewehrten Scharen von Aldare Firdayon und Prinz Timor. Noch riechen wir in der Nase den Rauch der brennenden Dörfer, wie er über die Wiesen strich oder fern am Horizont aufstieg. Das Schreien der Frauen und das Klagen der Jünglinge und Maiden, die unter Waffen genommen wurden, - das alles war der Thronfolgekrieg. Derweil in den Städten, wo mancher Kaufmann den Adel neidete oder verachtete, seinen Sinn kühn auf den freistädtischen Gedanken heftete, als unter den Hufen des Krieges seine Prosperität in den Schmutz getreten zu werden drohte. Und also gab es Empörungen, dass manche alte Sippe sich nicht versah, und dann wieder ertönten die Trommelwirbel auf den Marktplätzen, wann übles Gesindel und praioswidriger Sinn auf das Schafott oder den Galgen steigen mussten. Das war auch die Zeit, da man an den Wegkreuzungen und Alleen die gehängten Deserteure fand und manch weinende Mutter, die ihr geliebtes Kind von durchziehenden Söldnern und Mordbuben ermordet sah.


Am Ende ward Khadan II. Firdayon erkoren, dass das Reich nicht mehr ledig noch umkämpft sein würde. Doch ist er sehr jung.

... und doch wiederersteht ...

Und noch immer und anjetzo besonders applaudiert der Adel, wenn in der Typenkomödie der Grangorer auf den Höfling trifft. Da hat er verstanden, denn der Kaufmann hat im Thronfolgekriege sich erstritten, was zuvor dem eitlen Schöps zu Hofe allein ward zuteil. Und daher hat der Krieg auch der Kultur Vorschub gegeben, maßen die zwölfgöttergefällige Variabilität der Denkungsarten und Bräuche endlich hervorgebracht, was obgemeldt als die am mehresten angestaunte Kultur des Kontinents genannt.

In der Stadt lebt der Patrizier unter seinen Rechnungsbüchern, und am Horastage, wie wir uns denken, schreitet er vom Tempeldienste in die Versammlung. Aber er ist nicht allein: Viele der gemeinen Knechte und partigiani, seine Parteileute, werden ihn um Hilfe angehen in den städtischen Affären und ihrem ungleich kärglicheren Dasein. Er hat ein Wort zu führen, sie nicht, daher es kommt, dass er zum Haupt einer Faktion worden, die er führt - und von der er in seinem Ratschluss geführt wird. Und also gibt er ein gutes Wort und das Versprechen, manch konkurrierenden Fürsten der Stadt um eine Einigung anzugehen, - denn das ist seine Aufgabe für die großen und die kleinen partigiani. Ähnlich vereint ist er mit seinen Mannen, wann die Stadt Turniere und Wettkämpfe austrägt, denn unter dem zwölfgöttlichen Patron folgt jede Partei ihrem Paniere, und bald ist es der Stadtteil, bald ist es die Familie, welche den Ruhm erstritt. Sein Dasein, das Dasein des Patriziers, bezeichnet mancher als die Borghesia.

Auch manch Adliger hat längst die Stadt aufgesucht, um alldort für sein Haus und sein Heil zu walten. Dennoch aber lebt in ihm, der die Jagden kennt und die ritterliche Turnei, die alte Cortesia fort. Und doch, - ist der Unterschied so groß? Wo der Kaufmann mit seinem Standesgenossen im Wettstreit steht, da ist nicht weniger der Adlige aufgerufen, in seinem Streben nach Ruhm der erste zu sein in der alten Vetterschaft. Mancher sagt, er strebe dem Kriege zu. Aber nicht vergessen wollen wir, dass auch die Bürgerschaft der großen Städte zuweilen unter den Bannern der Familien und der Zünfte einander die Stirn bietet. Wohl aber ist es ein dem gemeinen Landadligen nicht gewohntes Getümmel, wann er von der Stille des Landes in die Städte kommt und über die Plätze reitet. Hier des Patriziers stolzer Palagio am Platze, dort - ganz leise auf dem Lande - die alte Magione mit dem Mühlbach und den Mücken, dahinter die Weinberge.

Endlich also hat das Wort auf die Gemeinsamkeiten zu kommen. Sie finden, sich, wann der Kaufmann und der Adlige in festlicher Gewandung einander beim Schauspiel begegnen - dem auf der Bühne und gleichwohl dem auf dem Parkett -, über den Staat disputieren vor dem Rat und in dunklen Kellern bei Kerzenschein, gegen Al'Anfa derbe Flüche sprechen oder gemeinsam die Dolche in die Höhe heben und alte Worte sprechen, während im Hintergrund das Laub alter Bäume über einem alten und heiligen Haine rauscht.


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