Briefspiel:Plötzlich Delegierte/Treffen in Vinsalt VIII: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Liebliches-Feld.net
Zur Navigation springenZur Suche springen
KKeine Bearbeitungszusammenfassung
Keine Bearbeitungszusammenfassung
 
(Eine dazwischenliegende Version desselben Benutzers wird nicht angezeigt)
Zeile 60: Zeile 60:
Dann sah er aufs inzwischen bis fast an den großen Tisch herangezogene Beistelltischchen, die darauf abgestellte, halbleere Weinkaraffe und danach aufs erschreckend leere Kristallglas Rahjalins … und besann sich der Gastfreundschaft, einer weiteren Tugend, die zu erringen ihm auch im Verlauf des Spiels an diesem Abend schon vergönnt gewesen war.<br>
Dann sah er aufs inzwischen bis fast an den großen Tisch herangezogene Beistelltischchen, die darauf abgestellte, halbleere Weinkaraffe und danach aufs erschreckend leere Kristallglas Rahjalins … und besann sich der Gastfreundschaft, einer weiteren Tugend, die zu erringen ihm auch im Verlauf des Spiels an diesem Abend schon vergönnt gewesen war.<br>
''„Darf ich euch noch nachschenken, Monsignore?“'', fragte er ihn mit einem herzlichen Lächeln.
''„Darf ich euch noch nachschenken, Monsignore?“'', fragte er ihn mit einem herzlichen Lächeln.
''„Ja, danke.“''<br>
Rahjalin lächelte leicht, als Auricanius ihm nachschenkte.<br>
''„In einem Punkt jedoch muss ich Euch widersprechen“'', mischte der Rahjani sich dann zur Verwunderung aller Anwesenden erstmals aktiv ins Gespräch ein. Seine Stimme war ruhig, kontrolliert, irgendwie erhaben und doch gleichzeitig schwer durch das Gewicht des Lebens.<br>
''„Wir wiegen sehr wohl Tugenden gegeneinander auf. Das tun wir jeden Tag. Und es ist auch richtig so, denn nicht alles ist gleichwertig.“''<br>
Jetzt blickte er nicht mehr seinen Nachbarn an, nein, er sah direkt zu seiner Tochter.<br>
''„Und manchmal … da entscheiden wir uns für das Falsche. Viel zu oft. Dann haben wir verloren. Auch wenn wir anderes gewinnen durch unsere Entscheidung, ist dies doch ein bitterer Sieg. Und wir können unserem jüngeren Ich nie verzeihen.“''<br>
Es war still geworden. Rahjalin war an der Reihe, deckte wie nebenbei die nächste Tugend auf. Es war die Königstugend des Boron: Vergebung. Er starrte die Karte mit großen Augen an, unfähig zu sprechen oder auch nur den Blick von diesem einen verschnörkelten Wort zu nehmen. Das war Rahjadas Handschrift, nun, ihre Kalligraphie-Handschrift, aber doch unverkennbar ihre.<br>
Rahjadas heftiges Ausatmen zog die Aufmerksamkeit auf sie. Während ihr Vater noch immer auf die Karte starrte, als wäre ein Alveraniar vom Himmel herabgestiegen und hätte sie ihm persönlich überreicht, erhob sie sich wortlos und verließ den Salon.<br>
Rahjalin brauchte einige Herzschläge, dann nahm er die Karte langsam und ohne zu fragen an sich, stand auf und folgte seiner Tochter.
Auricanius musste sich zunächst zurückhalten, als Rahjalin ihm bezüglich des Aufwiegens von Tugenden widersprach. Im Prinzip vertrat er ja die Ansicht, dass die Tugenden nicht miteinander konkurrieren müssten. Er erkannte dann aber, dass es Rahjalin gerade um etwas anderes ging, und beobachtete aufmerksam, wohin der Vorstoß führte.<br>
Nachdem Tochter und Vater den Salon verlassen hatten, räusperte er sich und fragte trocken in die Runde: ''„Was haltet ihr davon, wenn wir an dieser Stelle eine kurze Pause machen?“''<br>
Die übrigen Anwesenden wirkten unentschlossen.<br>
''„Grazioso“'', wandte er sich direkt an Rohalion, ''„wollt ihr vielleicht noch einen Blick in die kleine Bibliothek werfen, die [[Panthino von Urbet|mein Vetter]] angelegt hat? Und würdet ihr, Signora ...“'' Er sprach dabei Elissa an. ''„… mir die Ehre eurer Gesellschaft erweisen. Womöglich mag euer Kunstverstand in der Galerie uns erneut neue Erkenntnisse eröffnen …“''
----
Sie stützte die Arme auf die Brüstung des Balkons und schaute hinaus auf die nächtliche Stadt. [[Vinsalt]] schlief niemals völlig, es war hier nachts auf dem Boronanger mehr los als in mancher Kleinstadt, wie die Bewohner scherzten. Aus verschiedenen Richtungen drang Musik und Lachen, direkt unter ihr kicherte ein angetrunkenes Pärchen, entferntes Weinen eines Säuglings, splitterndes Glas, gefolgt von einem lautstarken Streit in einem benachbarten Straßenzug. Nahezu still also. Ein kühler Wind blies Rahjada das dunkle Haar aus dem Gesicht, das in der Sonne manchmal diesen Rotstich bekam.<br>
Sanfte Schritte hinter ihr.<br>
''„Sie hatte rote Haare“'', sagte sie, ohne sich umzudrehen. Sie wollte nicht, dass es wie eine Frage klang und doch tat es das.<br>
''„Ja, sie hatte wunderschöne, dunkle rote Haare“'', antwortete Rahjalin. ''„Sie war ebenso schön wie du.“''<br>
Er kam zu ihr an die Brüstung, stützte sich ebenfalls darauf ab. Das heftig knutschende Pärchen unten auf der Straße hatte es eilig, in einem der gegenüberliegenden Hauseingänge zu verschwinden. Er lächelte bei diesem Anblick, wandte dann den Blick zu ihr.<br>
Sie schwieg eine ganze Weile, aber er sagte auch nichts. Dann wandte sie sich ihm zu.<br>
''„Am Morgen, bevor sie … bevor sie … an dem Morgen hat sie über dich gesprochen.“''<br>
''„W– wirklich?“''<br>
''„Sie hat sehr oft von dir gesprochen. Dass du uns lieben würdest. Eines Tages nach uns sehen würdest, weil du von mir wüsstest. Ich wünschte es mir. Sie erzählte, dass du ein Adliger warst, der Sohn einer [[Haus Schreyen|von Schreyen]], aber kein Ritter, sondern ein Geweihter der Rahja. Sie hat dich oft beschrieben. Und oft gesagt, dass du die große Liebe ihres Lebens warst. An dem Morgen hat sie mir einen Kuss gegeben und versprochen, in ein paar Stunden vom Einkaufen zurück zu sein. Aber sie kam nicht zurück. Ich redete mir doch tatsächlich für eine Zeit lang ein, du wärst zurückgekommen und hättest sie getroffen und sie hätte sich deswegen verspätet. Erst am nächsten Morgen hat mir jemand erzählt, dass Boron sie zu sich geholt hat. Ich habe ihn eine Weile gehasst. Boron. Aber noch mehr habe ich dich gehasst, nachdem du kamst und mich holtest. Nachdem mein Wunsch endlich in Erfüllung gegangen war.“''<br>
''„Darum habe ich verloren“'', sagte Rahjalin. Sein Gesicht war geplagt von Schmerz und er sah mit einem Mal alt aus. Er reichte Rahjada die Karte. ''„Es ist deine Handschrift.“''<br>
Versonnen strich sie mit einem Finger darüber. ''„Ja, und?“''<br>
''„Nicht alle Karten hatten deine Handschrift. Aber diese.“''<br>
''„Ich habe Boron nur eine Weile gehasst, dann fand ich zum Glauben zurück.“''<br>
Sie verfiel erneut in Schweigen. Rohalions Worte kamen ihr in den Sinn. Auricanius, der ihr so viel beigebracht hatte. Besonders im Hinblick auf den Glauben. Sie irrte nicht mehr ziellos durch die Gegend. Sie dachte an die unzähligen Male, in denen ihr Vater versucht hatte, diese Karte von ihr zu bekommen.<br>
''„Wir können ein Portrait von ihr malen lassen. Damit wir sie nicht vergessen. Ich … ich glaube, dass ich nicht mehr genau weiß … ich weiß noch wie ihr Lachen klang.“''<br>
Rahjadas Stimme brach. Ihre Lippe zitterte.<br>
Rahjalin war da, um sie aufzufangen, bevor sie in sich zusammensackte und hemmungslos schluchzte. Ganz fest drückte er sie an sich, als würde er sie nie wieder loslassen. Er sank langsam mit ihr im Arm zu Boden, lehnte sich mit dem Rücken an die Brüstung.<br>
''„Es wird alles gut“'', wisperte er mit erstickter Stimme. ''„Du musst nicht weinen, ich werde immer auf dich aufpassen und für dich da sein.“''<br>
Gänsehaut bildete sich bei diesen fern vertrauten Worten auf ihren Armen. ''„Das … das hast du schonmal …“''<br>
Er küsste ihre Stirn. ''„Wir werden sie zeichnen lassen. Wir werden sie nicht vergessen. Ich schwöre es dir.“''<br>
''„Mhm“'', schniefte sie. So verharrten sie noch eine Zeit lang, sie wussten beide nicht, wie lange, bis Rahjada mit dem Schluchzen aufhören konnte, bis sie nicht länger zitterte.<br>
Auch Rahjalins Gesicht war tränenüberströmt, als er schließlich aufstand und seiner Tochter aufhalf.<br>
Als sie beide standen, blickten sie sich einen unendlichen Moment in die Augen.<br>
''„Nepolemo, der Neffe Auricanius‘ … er hat mir gesagt, dass ich dir ähnlich sehe“'', sagte sie schließlich zögernd. ''„Ich glaube, er hat Recht.“''<br>
''„Lutisana auch. Du siehst ihr sogar sehr ähnlich.“''<br>
Das Ausmaß von Rahjalins Freude über ihre Feststellung ließ sich allerhöchstens erahnen. Es war, als hielt er sich zurück, um sein Glück nicht überzustrapazieren.<br>
Rahjada lächelte zaghaft, unsicher. Er lächelte ebenso unsicher zurück.<br>
Sie hielt ihm die Spielkarte hin.<br>
''„Du solltest die hier Auricanius zurückgeben. Er mag es gar nicht, wenn etwas von seinem Spiel verloren geht.“''


[[Kategorie:Plötzlich Delegierte| ]]
[[Kategorie:Plötzlich Delegierte| ]]

Aktuelle Version vom 29. März 2026, 22:29 Uhr

Briefspiel in Urbasi
Datiert auf: Frühjahr 1046 BF Schauplatz: Urbasi, Cassiena, Vinsalt Entstehungszeitraum: Sommer 2025 bis Frühjahr 2026
Protagonisten: Rahjada, Traviane und Rahjalin Solivino, Auricanius von Urbet u.w. Autoren/Beteiligte: Bella, Gonfaloniere
Zyklus: Übersicht · Rahjadas Brief · Besuch im Tempel · Von einem Monsignore zum anderen · In der Villa Ricarda I · II · III · IV · V · Auricanius' Einladung · Treffen in Vinsalt I · II · III · IV · V · VI · VII · VIII · IX


Treffen in Vinsalt - Teil VIII: Das Spiel der Tugenden (nochmal)

Als Rahjalin den Blick hob, war nur noch Rahjada übrig, der Rest der Gruppe war mit Auricanius schon weitergegangen. Seine Tochter fixierte ihn und biss sich nervös auf ihre Unterlippe. Jetzt, da er aufsah, schaute sie schnell weg, nur um selbst zu bemerken, dass sie alleine waren. Sie zögerte für einen Augenblick und wollte dann den anderen folgen.
„Rahjada… warte, bitte.“
Angespannt blieb sie stehen, ihm den Rücken zugewandt.
„Du siehst ihr sehr ähnlich.“
Rahjada stand scheinbar bewegungslos da. Dann, sehr langsam, drehte sie sich zu ihm um. In ihren Augen glitzerte Verunsicherung, Verletzlichkeit. Sie war wieder das Kind, das in ihrem Versteck entdeckt worden war.
„Sie hat dich geliebt“, flüsterte sie schließlich. „Sie hat dich geliebt. Und du sie nicht. Du hast sie sterben lassen.“
Ihre Worte waren Dolche durch sein Herz.
„Ich habe sie geliebt. Könnte ich mit Satinav verhandeln … ich würde alles geben, einfach alles. Außer dich.“
Er machte einen winzigen Schritt auf sie zu, sie wich einen winzigen Schritt zurück.
„All die anderen. Sie haben mich angeguckt wie ... wie einen Störfaktor. Eine lästige streunende Straßenkatze, an der du aus irgendeinem Grund Gefallen gefunden hast. Ich war nur im Weg. Eine ständige Erinnerung, dass es noch andere außer ihnen in deinem Leben gab. Und manchmal ... manchmal hast sogar du mich so angeguckt. Es war nur dann, wenn ich nächtelang nicht schlafen konnte. Dann hast du es mit der Liturgie versucht. Aber manchmal hat das nicht geklappt. Und dann ... dann warst du so verzweifelt, genervt, ich weiß es nicht, wegen mir …“
"Rahjada ... du bist alles für mich.“ Ihm strömten jetzt offen Tränen über die Wangen. „Warst es seit ... seit diesem Tag in Arivor, seit diesem Tag, als ich dich nach Urbasi geholt habe. Niemals war ich genervt von dir. Wenn es so gewirkt hat ... ich ... ich wollte das nicht, niemals."
Noch ein Schritt, vorsichtig streckte er eine Hand in ihre Richtung aus. Diesmal wich sie nicht zurück. Auch Rahjada weinte. Als er den Abstand noch einmal verringerte und zärtlich über ihre Wange strich, sie zum ersten Mal seit Jahren berührte, war ihr Gesicht tränennass. Immer noch wich sie nicht zurück.
„Ich sollte zu den anderen g- gehen …“, sagte sie mit zitternder Stimme. „Mon- Monsignor Auricanius … er wartet sicher schon.“
Trotzdem wich sie nicht zurück.
„Ich bin so stolz auf dich. So stolz.“ Er ließ die Hand sinken.
„Ich sollte gehen“, wiederholte sie. Und diesmal tat sie es. Rahjalin starrte auf die Hand, mit der er eben noch ihre Wange gestreichelt hatte.
Während sie zu den anderen aufschloss, beobachtete er mit einer erschreckten Faszination, wie sie sich mit dem Ärmel über das Gesicht wischte und ein oberflächlich höfliches Lächeln aufsetzte.

Das Spiel der Tugenden in seiner ausgeklappten, spielbaren Form

Die Gruppe um Auricanius hatte derweil die anderen beiden Turaniter erreicht, die in einem größeren Salon auf den Hausherrn und seine Gäste warteten. In der Mitte stand ein ovaler Tisch aus Mohagoni-Holz, drumherum mit rotem Samt gepolsterte Stühle. An den Wänden gab es weitere Beistelltischchen, Polstersessel und auch einen offenen Kamin, der allerdings – wohl der milden Witterung wegen – an diesem Abend bislang nicht angefeuert worden war.
Neben Praialissa und Nepolemo warteten bereits zwei Bedienstete des Hauses im Hintergrund auf ihren Einsatz. Auf den kleineren Tischen fanden sich einige Erfrischungen, Getränke, aber etwa auch kandierte Früchte, während auf dem zentralen Tisch nur eine einzelne, sechseckige Pyramide stand.
„Signora“, sprach Auricanius zunächst die bei ihm untergehakte Elissa an, ehe er sich an alle wandte: „Signori, wenn ich vorstellen darf: das Spiel der Tugenden.“
Er wies dabei auf die mittig auf dem Tisch stehende Pyramide … und erntete dafür zumindest von seiner untergehakten Begleiterin einen irritierten Blick.
„In seiner verpackten, geschlossenen Form“, fügte er nach absichtlicher, kurzer Pause dann hinzu. „Wenn ihr erlaubt, Signora, würde ich es öffnen“, sah er nochmals mit einem Lächeln Elissa an und machte dabei den zuletzt gebundenen Arm wieder frei.
Inzwischen waren auch Rahjada und Rahjalin zu ihnen aufgeschlossen. Die junge Delegierte lächelte, doch glaubte Auricanius zu erkennen, dass ihr vor kurzem wenigstens einige Tränen geflossen waren. Wie auch ihrem Vater, den er bei seinen weiteren Handgriffen nun mit fixierte.
„Monsignore, auch euch wollte ich dies natürlich nicht vorenthalten.“
Dann öffnete er die Pyramide und ließ aus ihr einen sechseckigen Stern werden, dessen Zacken jeweils kunstvolle Darstellungen von zweien der Zwölfe aufwiesen.
„Zugegeben, dieses Öffnen des Spiels zu zelebrieren ist eine Vorliebe von mir, für die ich mich nur mit dem Wissen um den Aufwand, den andere in seine äußere Form gesteckt haben, entschuldigen kann.“
Dabei lächelte er fast verlegen, als sei ihm dieses Eingeständnis ein Stück weit selbst peinlich.

Rahjada setzte sich zu ihren Freunden Abelmir und Rohalion, Rahjalin dagegen an Auricanius‘ freie Seite. Elissa hatte kaum mehr als einen missbilligenden Blick für ihn übrig, doch er schenkte dem keine Beachtung.
„Das ist es also“, sagte er mit anfangs eher wackliger Stimme, die aber zunehmend an Sicherheit gewann.
„Dann wollen wir einmal sehen, ob es mich überzeugt, zumindest so sehr, dass ich Lust habe, es den Novizen vorzustellen.“
Für Auricanius, der ihn zwar nicht gut, aber zumindest etwas kannte, besonders auch für Rahjada, klang dieser Ausspruch nicht halb so heiter wie so etwas sonst aus seinem Mund klang. Doch es schien zumindest mehr zu sein, als nur eine Maske der Sorglosigkeit. Vielleicht eine leichte Hoffnung, dass dieser Abend doch noch schön werden konnte, ganz wie es wohl Auricanius‘ Absicht gewesen war.


Der Abend war schon weit fortgeschritten und alle Gäste mehr oder weniger tief ins Spiel eingetaucht.
Wie ein Besessener sammelte Rohalion Phexens und unfreiwilligerweise Firuns Tugenden, nachdem Abelmir ihm bei Hesinde zuvorgekommen war.
„Ahh nein, die gehörte mir!“, jammerte er, als Elissa ihm jetzt auch noch die Gerissenheit vor der Nase wegschnappte.
„Nimm‘s mit Humor“, konterte sie und deutete auf den bereits von ihm erbeuteten Humor.
Rahjada dagegen versuchte sich an Tsa und Praios, eine spannende Kombination, wie Rohalion bemerkte, war jedoch genau wie ihr Vater nicht ganz bei der Sache.
Dass sie noch immer im Rennen für den Sieg war, lag nur daran, dass sie das Spiel mittlerweile im Schlaf spielen könnte, beschwerte sich Abelmir.
„Du doch auch! Du bist außerdem am Gewinnen“, widersprach sie, kicherte und vergaß für einen Moment, dass die Welt nicht in Ordnung war.
„Apropos Schlaf. Dein Vater scheint mit seiner Boron-Strategie nicht ganz so gut zu fahren, was macht er da eigentlich?“, fragte Abelmir leise.
Doch bevor Rahjada den Tugendenstapel Rahjalins genauer in Augenschein nehmen konnte …
„HAHH! Ich interveniere!“, rief Rohalion. „Und bekomme beim Fest der Freuden die erste Rahja-Tugend!“
„Bringt leider nicht viel. Schaut mal, was Monsignor Auricanius da noch von Travia, Rondra und … ach Peraine … liegen hat.“
Abelmir grinste und nahm sich eine kandierte Frucht.
„Keine Chance, Grazioso. Humor kommt nicht gegen Fleiß, Familie und Ehre an.“

„Aber, aber, Signor Abelmir“, nahm Auricanius gegenüber seinem ehemaligen Studiosus einen freundlich tadelnden Ton an, „wir wiegen Tugenden doch nicht gegeneinander auf.“
Noch versöhnlicher wandte er sich an Rohalion: „Ebensowenig, wie wir sie einander wegschnappen müssen. Wenn euch Signora Elissa bei der Gerissenheit auch zuvorgekommen ist, so aussagekräftig dies sein mag …“
Er zwinkerte der Vinsalterin dabei verschwörerisch zu.
„... hindert es euch doch nicht daran, ihr nachzueifern und aufzuschließen, indem ihr euch ihre schon errungene Tugend ebenso zu eigen macht. Denn Tugenden sind niemals eines Einzelnen Besitz, sondern ein wertvolles Gut, das allen offensteht, auch wenn es manches Mal mit Übung und Aufopferung verbunden ist. Schließlich sind die Tugenden das einzige, was uns vor den Zwölfen in Alveran auszeichnen kann. Kein Mensch nimmt Reichtum oder Titel mit, wenn er vor den letzten Richter tritt.“
Praialissa nickte zustimmend bei den Worten ihres Ordensoberen, während der Novize Nepolemo geradezu fasziniert an ihnen zu hängen schien.
„Für den Zweck des Spiels“, wandte sich der Praios-Geweihte dann an den Rahjani neben ihm, „ist es natürlich notwendig, eine gewisse Wertung vorzunehmen, um überhaupt einen Ersten …“ Den Begriff 'Gewinner' vermied Auricanius ganz bewusst. „… küren zu können. Doch ist dies, wie schon betont, nicht der Hauptzweck dahinter, es überhaupt zu spielen.“
Dann sah er aufs inzwischen bis fast an den großen Tisch herangezogene Beistelltischchen, die darauf abgestellte, halbleere Weinkaraffe und danach aufs erschreckend leere Kristallglas Rahjalins … und besann sich der Gastfreundschaft, einer weiteren Tugend, die zu erringen ihm auch im Verlauf des Spiels an diesem Abend schon vergönnt gewesen war.
„Darf ich euch noch nachschenken, Monsignore?“, fragte er ihn mit einem herzlichen Lächeln.

„Ja, danke.“
Rahjalin lächelte leicht, als Auricanius ihm nachschenkte.
„In einem Punkt jedoch muss ich Euch widersprechen“, mischte der Rahjani sich dann zur Verwunderung aller Anwesenden erstmals aktiv ins Gespräch ein. Seine Stimme war ruhig, kontrolliert, irgendwie erhaben und doch gleichzeitig schwer durch das Gewicht des Lebens.
„Wir wiegen sehr wohl Tugenden gegeneinander auf. Das tun wir jeden Tag. Und es ist auch richtig so, denn nicht alles ist gleichwertig.“
Jetzt blickte er nicht mehr seinen Nachbarn an, nein, er sah direkt zu seiner Tochter.
„Und manchmal … da entscheiden wir uns für das Falsche. Viel zu oft. Dann haben wir verloren. Auch wenn wir anderes gewinnen durch unsere Entscheidung, ist dies doch ein bitterer Sieg. Und wir können unserem jüngeren Ich nie verzeihen.“
Es war still geworden. Rahjalin war an der Reihe, deckte wie nebenbei die nächste Tugend auf. Es war die Königstugend des Boron: Vergebung. Er starrte die Karte mit großen Augen an, unfähig zu sprechen oder auch nur den Blick von diesem einen verschnörkelten Wort zu nehmen. Das war Rahjadas Handschrift, nun, ihre Kalligraphie-Handschrift, aber doch unverkennbar ihre.
Rahjadas heftiges Ausatmen zog die Aufmerksamkeit auf sie. Während ihr Vater noch immer auf die Karte starrte, als wäre ein Alveraniar vom Himmel herabgestiegen und hätte sie ihm persönlich überreicht, erhob sie sich wortlos und verließ den Salon.
Rahjalin brauchte einige Herzschläge, dann nahm er die Karte langsam und ohne zu fragen an sich, stand auf und folgte seiner Tochter.

Auricanius musste sich zunächst zurückhalten, als Rahjalin ihm bezüglich des Aufwiegens von Tugenden widersprach. Im Prinzip vertrat er ja die Ansicht, dass die Tugenden nicht miteinander konkurrieren müssten. Er erkannte dann aber, dass es Rahjalin gerade um etwas anderes ging, und beobachtete aufmerksam, wohin der Vorstoß führte.
Nachdem Tochter und Vater den Salon verlassen hatten, räusperte er sich und fragte trocken in die Runde: „Was haltet ihr davon, wenn wir an dieser Stelle eine kurze Pause machen?“
Die übrigen Anwesenden wirkten unentschlossen.
„Grazioso“, wandte er sich direkt an Rohalion, „wollt ihr vielleicht noch einen Blick in die kleine Bibliothek werfen, die mein Vetter angelegt hat? Und würdet ihr, Signora ...“ Er sprach dabei Elissa an. „… mir die Ehre eurer Gesellschaft erweisen. Womöglich mag euer Kunstverstand in der Galerie uns erneut neue Erkenntnisse eröffnen …“


Sie stützte die Arme auf die Brüstung des Balkons und schaute hinaus auf die nächtliche Stadt. Vinsalt schlief niemals völlig, es war hier nachts auf dem Boronanger mehr los als in mancher Kleinstadt, wie die Bewohner scherzten. Aus verschiedenen Richtungen drang Musik und Lachen, direkt unter ihr kicherte ein angetrunkenes Pärchen, entferntes Weinen eines Säuglings, splitterndes Glas, gefolgt von einem lautstarken Streit in einem benachbarten Straßenzug. Nahezu still also. Ein kühler Wind blies Rahjada das dunkle Haar aus dem Gesicht, das in der Sonne manchmal diesen Rotstich bekam.
Sanfte Schritte hinter ihr.
„Sie hatte rote Haare“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. Sie wollte nicht, dass es wie eine Frage klang und doch tat es das.
„Ja, sie hatte wunderschöne, dunkle rote Haare“, antwortete Rahjalin. „Sie war ebenso schön wie du.“
Er kam zu ihr an die Brüstung, stützte sich ebenfalls darauf ab. Das heftig knutschende Pärchen unten auf der Straße hatte es eilig, in einem der gegenüberliegenden Hauseingänge zu verschwinden. Er lächelte bei diesem Anblick, wandte dann den Blick zu ihr.
Sie schwieg eine ganze Weile, aber er sagte auch nichts. Dann wandte sie sich ihm zu.
„Am Morgen, bevor sie … bevor sie … an dem Morgen hat sie über dich gesprochen.“
„W– wirklich?“
„Sie hat sehr oft von dir gesprochen. Dass du uns lieben würdest. Eines Tages nach uns sehen würdest, weil du von mir wüsstest. Ich wünschte es mir. Sie erzählte, dass du ein Adliger warst, der Sohn einer von Schreyen, aber kein Ritter, sondern ein Geweihter der Rahja. Sie hat dich oft beschrieben. Und oft gesagt, dass du die große Liebe ihres Lebens warst. An dem Morgen hat sie mir einen Kuss gegeben und versprochen, in ein paar Stunden vom Einkaufen zurück zu sein. Aber sie kam nicht zurück. Ich redete mir doch tatsächlich für eine Zeit lang ein, du wärst zurückgekommen und hättest sie getroffen und sie hätte sich deswegen verspätet. Erst am nächsten Morgen hat mir jemand erzählt, dass Boron sie zu sich geholt hat. Ich habe ihn eine Weile gehasst. Boron. Aber noch mehr habe ich dich gehasst, nachdem du kamst und mich holtest. Nachdem mein Wunsch endlich in Erfüllung gegangen war.“
„Darum habe ich verloren“, sagte Rahjalin. Sein Gesicht war geplagt von Schmerz und er sah mit einem Mal alt aus. Er reichte Rahjada die Karte. „Es ist deine Handschrift.“
Versonnen strich sie mit einem Finger darüber. „Ja, und?“
„Nicht alle Karten hatten deine Handschrift. Aber diese.“
„Ich habe Boron nur eine Weile gehasst, dann fand ich zum Glauben zurück.“
Sie verfiel erneut in Schweigen. Rohalions Worte kamen ihr in den Sinn. Auricanius, der ihr so viel beigebracht hatte. Besonders im Hinblick auf den Glauben. Sie irrte nicht mehr ziellos durch die Gegend. Sie dachte an die unzähligen Male, in denen ihr Vater versucht hatte, diese Karte von ihr zu bekommen.
„Wir können ein Portrait von ihr malen lassen. Damit wir sie nicht vergessen. Ich … ich glaube, dass ich nicht mehr genau weiß … ich weiß noch wie ihr Lachen klang.“
Rahjadas Stimme brach. Ihre Lippe zitterte.
Rahjalin war da, um sie aufzufangen, bevor sie in sich zusammensackte und hemmungslos schluchzte. Ganz fest drückte er sie an sich, als würde er sie nie wieder loslassen. Er sank langsam mit ihr im Arm zu Boden, lehnte sich mit dem Rücken an die Brüstung.
„Es wird alles gut“, wisperte er mit erstickter Stimme. „Du musst nicht weinen, ich werde immer auf dich aufpassen und für dich da sein.“
Gänsehaut bildete sich bei diesen fern vertrauten Worten auf ihren Armen. „Das … das hast du schonmal …“
Er küsste ihre Stirn. „Wir werden sie zeichnen lassen. Wir werden sie nicht vergessen. Ich schwöre es dir.“
„Mhm“, schniefte sie. So verharrten sie noch eine Zeit lang, sie wussten beide nicht, wie lange, bis Rahjada mit dem Schluchzen aufhören konnte, bis sie nicht länger zitterte.
Auch Rahjalins Gesicht war tränenüberströmt, als er schließlich aufstand und seiner Tochter aufhalf.
Als sie beide standen, blickten sie sich einen unendlichen Moment in die Augen.
„Nepolemo, der Neffe Auricanius‘ … er hat mir gesagt, dass ich dir ähnlich sehe“, sagte sie schließlich zögernd. „Ich glaube, er hat Recht.“
„Lutisana auch. Du siehst ihr sogar sehr ähnlich.“
Das Ausmaß von Rahjalins Freude über ihre Feststellung ließ sich allerhöchstens erahnen. Es war, als hielt er sich zurück, um sein Glück nicht überzustrapazieren.
Rahjada lächelte zaghaft, unsicher. Er lächelte ebenso unsicher zurück.
Sie hielt ihm die Spielkarte hin.
„Du solltest die hier Auricanius zurückgeben. Er mag es gar nicht, wenn etwas von seinem Spiel verloren geht.“