Briefspiel:Kaiserjagd/Travia und Rahja II
Travia und Rahja II – Nach dem Bankett
4. Firun 1046 BF abends, im Schlosshof Mortecervis
Autoren: Fürst Federkiel, Erlan
Der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln, als er zum Zelt zurückkehrte. Stimmen drangen ihm entgegen, gedämpfter als zuvor, doch nicht minder lebendig. Hier sammelten sich jene, die gehört werden wollten — oder lernen mussten, wie man es wurde.
Als er eintrat, ließ er den Blick kurz durch den Raum schweifen. Und blieb hängen. Etwas abseits, nicht isoliert, aber bewusst zurückgenommen, saß ein Mann mit Haltung. Kein Suchender — eher ein Beobachter. Der Wein in seiner Hand war unberührt genug, um nicht bloß Zierde zu sein. Und die Art, wie er den Raum musterte, verriet: Dieser Mann war es gewohnt, sich nicht treiben zu lassen. Timor trat näher.
„Ein ruhiger Platz für einen so lebhaften Abend“, bemerkte er mit höflicher Zurückhaltung.
Der Angesprochene wandte sich ihm zu.
Erlan Sirensteen musterte ihn kurz — nicht prüfend im engeren Sinne, sondern einordnend. Dann neigte er leicht den Kopf.
„Man sieht mehr von hier“, erwiderte er ruhig.
Timor lächelte.
„Und wird selbst weniger gesehen.“
„Es ist doch von Vorteil, wenn man das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden kann“, sagte Erlan.
Ein kurzer Moment entstand — nicht unangenehm, eher … abwägend.
Dann sprach Timor erneut: „Timor d'Antara.“
Erlan nickte.
„Erlan Sirensteen.“
Keine Titel. Kein Zusatz. Doch genug Gewicht in der bloßen Nennung. Zudem reichte man sich zur Begrüßung die Hand, was absolut nicht dem Standesprotokoll entsprach.
Timors Blick wurde einen Hauch aufmerksamer.
„Darf ich mich setzten, wenn Ihr es erlaubt?", fragte der junge Efferdier.
Der Comto wies mit der Hand auf einen freien Sitzplatz hin, auf den sich Timor dann setzte. In dem Moment kam auch gerade ein Diener und auf Erlans Bitte hin, wurde ihm nachgeschenkt und seinem Gast auch Wein gereicht.
Danach sprach dann Erlan: „Nun, alles andere wäre ja nicht wirklich im Sinne Travias. Und gerade das wäre bei diesem philosophischen Salon heute eher merkwürdig, nicht wahr?“
Er nippte noch etwas am Wein.
Während er den kleinen Schluck trank, überlegte sich Erlan, ob sein Gesprächspartner noch mitbekommen hatte, wie er das Vinsalter Ei geöffnet hatte, kam aber zu dem Schluss, dass das wohl nicht der Fall war. Und dann überlegte er sich, ob er diesem Mann bereits mal begegnet war, doch nach allem, was er jetzt so wusste, war das nicht der Fall.
Timor nahm den angebotenen Platz mit einer leichten Verbeugung an, die weder unterwürfig noch beiläufig wirkte — eher so, als sei er sich genau bewusst, wo er stand.
„In der Tat“, erwiderte er ruhig, während er den frisch gereichten Wein kurz musterte, ehe er das Glas anhob.
„Ein Salon zu Travia und Rahja, in dem weder Treue noch Leidenschaft ernst genommen werden …“
Ein schwaches Lächeln.
„… wäre wohl eher eine Farce als eine Debatte.“
Er nahm einen kleinen Schluck, stellte das Glas dann mit Bedacht wieder ab. Sein Blick ruhte nun wieder auf Erlan.
Erlan schmunzelte ob das Kommentars, denn etwas ähnliches hatte er sich auch gedacht. Er hatte sich das Schloss und die Umgebung angeschaut, um etwas Ruhe von dem Trubel rund um die Kaiserjagd zu bekommen. Er hatte manchmal den Eindruck, dass im einen oder anderen Salon, bei dem ein oder anderen Bankett oder sonst einer Festivität ein schriller Ton mehr Leute aufwirbelte, als ein ungeschickter Knacks im Unterholz Wild zur Flucht antrieb. Insofern genoss er es jetzt einfach ruhig hier zu sitzen, natürlich dem Gast im Sinne Travias einen Platz anzubieten, aber er dachte sich auch, dass er jetzt kein Gespräch unbedingt anfangen müsste.
Timor bemerkte sehr wohl, dass sich das Gespräch nicht von selbst weitertrug. Nicht aus Ablehnung — das hätte er erkannt. Eher aus jener ruhigen Selbstgenügsamkeit, die manchen Männern eigen war, die weder Gesellschaft suchten noch sie mieden. Er ließ den Blick einen Moment durch das Zelt schweifen, als gäbe er dem Gespräch Raum, sich von selbst wiederzufinden. Als dies nicht geschah, nickte er leicht — mehr sich selbst als Erlan gegenüber. Dann wandte er sich wieder ihm zu.
„Ich danke Euch für den Platz — und den Wein“, sein Ton war höflich, unaufdringlich — und vor allem ehrlich gemeint.
Timor erhob sich daraufhin ruhig, ohne Hast. Er hob das Glas ein wenig und stellte es auf den Tisch in der Nähe des Adligen. Eine knappe, respektvolle Verbeugung folgte.
„Möge Travia Euch die Ruhe bewahren.“
Ein letzter Blick — kurz, aber nicht flüchtig. Dann wandte sich Timor ab, ohne Eile, und trat zurück in das Stimmengewirr des Zeltes. Dort blieb sein Schritt für einen Augenblick langsamer. Unwillkürlich musste er an die Worte seines Vaters denken. Wie oft hatte dieser mit ruhiger Gewissheit erklärt, dass der Hochadel selten wirklich das Gespräch suche — sondern vielmehr dessen Spiegelbild. Bestätigung, Haltung, Stand. Austausch nur, sofern er sich in vertrauten Bahnen bewegte. Timor hatte dem nie ganz zustimmen wollen. Und doch. Sein Blick glitt noch einmal zurück zu Erlan Sirensteen. Kein Desinteresse im groben Sinne. Aber auch kein echtes Greifen nach dem Gegenüber. Timor atmete leise aus.
'Vielleicht', dachte er, 'suchen sie nicht das Gespräch … sondern nur die Möglichkeit dazu.'
Ein feiner Unterschied. Und doch einer, der vieles erklärte. Er straffte unmerklich die Schultern. Es lag keine Kränkung in diesem Gedanken. Eher … eine Einordnung. Wer sich unterhalb der großen Namen bewegte, lernte früh, dass das Gespräch nicht gleich Gespräch war — und dass echtes Interesse oft dort entstand, wo es nicht selbstverständlich war. Ein letzter Blick — dann wandte er sich endgültig ab.
Und diesmal suchte er gezielt die Stimmen, die sich überschnitten, widersprachen, lachten. Dort, wo das Gespräch nicht nur Form war — sondern Bewegung.
Ein flüchtiger Schatten von Nachdenklichkeit lag nun doch auf Timors Gesicht, als er sich wieder tiefer ins Zelt hinein bewegte. Doch dann richtete er sich innerlich auf. Die Worte seines Vaters mochten Gewicht haben — doch sie waren kein Maßstab für sein eigenes Handeln. Und ganz gewiss kein Grund, sich zurückzuziehen. Ein leiser, beinahe trotzig anmutender Stolz regte sich in ihm. Der Stolz eines Mannes, der nicht durch Geburt sprach, sondern durch Überzeugung und handwerkliche Leistung. Der wusste, dass Gewicht nicht allein von Titeln kam — sondern von dem, was man bereit war, offen zu vertreten. Er ließ den Blick durch die Runde schweifen, fand rasch Anschluss an eine Gruppe, in der die Diskussion noch nicht verklungen war.
Timor trat näher — nicht drängend, aber bestimmt genug, um wahrgenommen zu werden. Mit Wärme und Selbstbewusstsein konnte der junge Efferdier einige Diskutanten, die sich zerstritten hatten, wieder zusammenführen und der respektvolle Austausch des Abends nahm wieder Form an. Neugierige Blicke erhoben sich, als Timor d'Antara nun gezielter zu den Travia-Anhängern des Zeltes über ein seiner Familie wichtiges Thema sprach: den Herdfeuer-Bund.