Briefspiel:Kaiserjagd/Im kleinsten Kreis
Im kleinsten Kreis
2. Firun 1046 BF abends, im zweiten Zeltlager
Autoren: Luntfeld und Gonfaloniere
Am Himmel waren bereits die ersten Sterne zu sehen, als Colmar Luntfeld das Zelt Lutrea ya Baltaris betrat. Zwei Kohlebecken sorgten im Zelt für angenehme Wärme, doch das Licht, das das Zelt hell erleuchtete, konnte nicht von ihnen stammen.
Amüsiert betrachtete die Patrizierin den Condottiere, wie er nach einer kurzen Verbeugung zur Begrüssung versuchte, seine Faszination für die magische Laterne zu verbergen, welche das Zelt beinahe taghell ausleuchtete.
"Nichts Besonderes", klärte sie ihn beiläufig auf, während sie an einem Beistelltischchen zwei Pokale Wein einschenkte, "ein kleines Flimmerflamme-Artefakt … ein Lichtzauber, gebunden an die Kerze in der Laterne, soweit ich die Magier verstanden habe."
Mit dem Kinn deutete Lutrea auf zwei Stühle in der Zeltmitte, in jeder Hand einen Pokal voller Wein, von dem sie einen ihrem Gast reichte. Beide setzten sich und prosteten einander zu.
Unmittelbar wurde Lutrea ernst: "Condottiere, man hat euch heute auf der Jagdstrecke vermisst. Stattdessen gehen Gerüchte um, ihr würdet eure eigene Jagd veranstalten. Finstere Magie … der Adlerorden hätte euch sogar vorübergehend in Gewahrsam genommen …"
Sie hielt kurz inne.
"Ich dulde nicht, dass die Reputation der Republik in irgendeiner Weise Schaden nimmt und nehme an, der Baron denkt ebenso. Nicht durch derlei Geschwätz … und schon gar nicht, falls tatsächlich etwas daran sein sollte. Dies gilt für euch wie für eure Leute, ist dies klar?"
Falls Lutreas scharfer Tonfall Colmar beeindruckt haben sollte, dann liess dieser sich nichts anmerken.
"Der Baron …", erwiderte er, "erhielt heute Abend offenbar Besuch von Andara Ollantur und ist seither unpässlich. Da die junge Dame den heutigen Tag an meiner Seite verbrachte, kann ich zu diesen 'Gerüchten' genauso gut euch erzählten, was sie vermutlich ihm erzählt hat."
Mit wenigen Worten fasste er zusammen, was es sich mit diesen 'Gerüchten' aufgrund der Ereignisse der letzten beiden Tage auf sich hatte: Von der unheimlichen öffentlichen Drohung gegen den Horas auf dem Marktplatz von Aldyra, von einem verfolgten Kusliker Gelehrten und einer Kurtisane aus derselben Stadt, von alten Warnungen über einen uralten, fluchbeladenen Hirsch, von mordlüsternden Schaustellern und einem falschen Adlerritter. Von Erkundigungen, Flüchen, echten Adlerrittern, weiteren Erkundigungen und einem toten falschen Adlerritter.
"Hexenmagie und Namenlose Umtriebe, soviel steht für mich fest", beendete Colmar seinen Bericht. "Aber es fehlen überall Zusammenhänge, von stichhaltigen Beweisen gar nicht erst zu reden."
Der Condottiere zuckte mit den Schultern.
"Offengestanden stehe ich vor einem Rätsel und überlege, ob es nicht für die Reputation der Serenissima tatsächlich das Beste ist, alle weiteren Nachforschungen einzustellen und euch morgen einfach zu begleiten um nicht weiter aufzufallen."
Colmar verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln.
"Wird Zeit, dass ich mein erstes Jagdwild erlegen kann."
Lutrea sah ihn einige Augenblicke lang an.
"Ich denke, wenigstens euch selbst sollte man erstmal auch bei der Jagd zu Gesicht bekommen, ja", pflichtete sie ihm schließlich bei. "Aber das muss ja eure Leute nicht davon abhalten, sich weiter umzusehen und die Ohren offen zu haben."
Lutreas zunächst abwägende Haltung bekam bei ihren letzten Worten ein fast schon verschwörerische Note.
"Es kann jedenfalls nicht im Interesse der Republik sein, vor heimlichen Dingen, die hier vor sich gehen, vollends die Augen zu verschließen."
Dabei prostete sie Colmar noch einmal zu.