Briefspiel:Kaiserjagd/Im fürstlichen Schatten
Im fürstlichen Schatten
7. Firun 1046 BF vormittags, im Wald von Persenciello nahe des Jagdanwesens Mortecervi
Autor: Gonfaloniere
Rahjada setzte langsam einen Fuß vor den nächsten. Nach sechs Tagen Jagd – und zuletzt mehreren Abenden voller Tanz und Ausschweifung – wohnte ihren Schritten etwas Erschöpftes inne. Die gerade siebzehnjährige Comtessa und Erbin ihres Hauses hatte aufregende Tage hinter sich. Den Abstecher zur Kaiserjagd, für den sie in Kürze in Methumis wohl drei bis vier Wochen der Studien aufzuholen hatte, bereute sie – anfänglichen Zweifeln zum Trotz – jedenfalls nicht.
Wie ihr Onkel sich seine Frische an diesem Tag nach der Jagd bewahrte, fragte sie sich hingegen schon. Gerade sah er sich wieder mit fragendem Blick nach ihr um, nachdem ihn seine ausladenderen Schritte erneut Vorsprung hatten gewinnen lassen.
Ihr Ziel an diesem Vormittag war dabei der Schrein, der ihrem Vater einst am Ort seiner Ermordung ausgangs des Thronfolgekriegs hier im Wald errichtet wurde. Dem Fürsten Urbasis, dessen Erbe ihr ganzes Leben mitbestimmt – und an den sie doch keinerlei Erinnerung hatte. Dass sein Schatten bis heute – unheilvoll? – über dem Haus Urbet hing, war nach Rahjadas Erfahrung noch eine Untertreibung. Die Wunden, die er gerissen hatte, inner- und außerhalb der Familie, waren so enorm gewesen wie der 'Ruhm', den er dabei in kurzer Zeit erlangt hatte.
Rahjada wusste auch, dass ihr Onkel, der jüngere Bruder ihres Vaters, sich bis heute insgeheim eine Mitschuld am Geschehenen gab, selbst wenn sie nicht verstand, warum er es tat. Und sie selbst hatte keine drei Tage zuvor nun diesen Ort, auf den sie zugingen, mit dem ganzen Jagdanwesen und allem Land drumherum verschenkt. Er gehörte ihnen schlicht nicht mehr …
„Dann bist du jetzt die Herrin von Leucano“, hatte Auricanius danach zu ihr gesagt, als sei es eine Strafe für ihre Eigenmächtigkeit, ihr stattdessen einen anderen Titel zu verleihen. Aber er hatte etwa nicht nach den Gründen gefragt, die sie letztlich auch ihr mütterliches Erbe verschenken ließen. Nicht einmal einen finsteren, missbilligenden Blick hatte sie dafür geerntet. Auricanius hatte ihre Entscheidung einfach nur interessiert zur Kenntnis genommen, schien es ihr.
Inzwischen verlangsamte der Praios-Geweihte seine Schritte wieder, denn vor ihnen tauchte im Wald der Totenschrein auf.
Heller Sandstein und Einlassungen aus dunkelgrünem Marmor formten das Memorial des Fürsten am Ort seiner Ermordung. Sein posthum angefertigtes Porträt verblasste bereits, da es natürlich fortwährend der Witterung ausgesetzt war.
Auricanius schwieg für eine ganze Weile, schien in Gedanken versunken zu sein.
Die Comtessa musterte unterdessen das Antlitz des ihr an sich so fremden Mannes – und erinnerte sich an frühere 'Begegnungen' mit ihm in der Tafelbergfestung von Urbet. Denn ihre Mutter Preciosa, die bis heute 'die Altfürstin' genannt wurde, hatte sie – und ihre Schwester Aureliana – mehrfach mit zum Sarkophag Travianos genommen, der in den Katakomben des Tafelbergs lag.
'Altfürstin …', dachte Rahjada unvermittelt, '… welch sonderbare Bezeichnung für eine Witwe, die dies mit gerade einmal zwanzig Götterläufen wurde.' Dann wurde ihr ebenso plötzlich erstmals richtig gewahr, dass ihre Mutter damals nur wenige Jahre älter war als sie selbst nun. Sie schluckte ob dieser Erkenntnis auf und schloss ihre Augen.
Als sie sie wieder öffnete, sah ihr Onkel sie an. Er wirkte selbst blasser als gewöhnlich – und warf ihr doch einen vor allem um sie besorgten Blick zu.
„Es ist nichts“, beeilte sich die Comtessa seiner unvermeidlich erscheinenden Frage zuvorzukommen.
Auricanius verharrte für einige Augenblicke vor ihr, breitete dann aber die Arme aus, ihr wortlos eine Umarmung anbietend. Das tat er selten, doch zuverlässig in den Momenten, in denen seine Angehörigen dies am meisten zu benötigen schienen.
Und seine Nichte verwehrte sich dem nicht.
Nachdem sie sich wieder daraus gelöst hatte, fragte sie plötzlich: „Wie sehr hat es sie damals getroffen?“
Ihr Onkel musterte Rahjada daraufhin kurz und wandte danach für einige weitere Momente seinen Blick ab.
„Deine Mutter hat ihn nicht geliebt“, setzte er schließlich zu einer Antwort an. „Sie hat ihn zeitweilig wahrscheinlich sogar gehasst … für das, was er ihr aufgezwungen hat … und die Demütigungen des letzten halben Jahres …“
Rahjada glaubte zu wissen, was ihr Onkel gerade mit dem letzten Teilsatz meinte: die Affären ihres Vaters in seiner Fürstenzeit. Manchmal fragte sie sich, wie viele Geschwister sie wirklich hatte. Halbgeschwister … wie ihre einzige mit ihr aufgewachsene Schwester Aureliana. Denn dass die wohl auch nicht ihre Vollschwester war, hatte Rahjada sich vor einer Weile schon einmal ausgerechnet. Ob sie es ihr, der diesbezüglich selig unwissenden Magieschülerin, jemals verraten wollte, wusste sie noch nicht.
„Und dich?“
Rahjada erschrak selbst ob der Frage, die sie ihrem Onkel nun gestellt hatte – und nicht mehr zurücknehmen konnte.
Auricanius zeigte sich nicht weniger schockiert, wandte den Blick noch einmal von seiner Nichte ab … und sah sie dann doch wieder an, gezwungenermaßen, während eine erste Träne seine Wange herunterlief.
„Ich glaube, mit mir war es anders.“
Er stockte für einen weiteren Moment.
„Ich konnte ihr Trost spenden … in einer Zeit, in der sie sich nicht befreit fühlte, sondern sie die Welt über sich nur weiter zusammenbrechen sah. Der Hass kam später …“
Der Praios-Geweihte schluchzte, als sich die Fassade seiner unbedingten Selbstbeherrschung auflöste. So hatte Rahjada ihn noch nie erlebt.
„Sie hasst dich nicht“, versuchte sie nun ihm zuzusprechen, auch wenn sie nicht wusste, ob sie sich selbst glauben konnte.
„Es ist …“ Sie suchte nach Worten. „… kompliziert zwischen euch.“
Auricanius lachte auf: „Ich wünschte, du hättest recht.“
„Das mit meinem Bruder bereut sie längst“, fügte Rahjada noch an.
Ihr Onkel erschrak ein zweites Mal, als sie das sagte – wohl über das Ausmaß dessen, was sie von der zwar jüngeren, doch früh in ihrer Kindheit stattgefundenen Familiengeschichte wusste. Dass sie nur aufs Zweite Massaker von Urbet und den durch ihre Mutter ausgelösten Tod Novarizios – der formell Auricanius' Sohn gewesen war – anspielen konnte, musste ihm klar sein.
„Ich glaube, sie hat sich damit abgefunden, dass du sie deshalb nicht mehr lieben kannst.“
Ihr Onkel atmete nach Rahjadas letzten Worten einmal tief ein … und wieder aus.
„Ich wünschte, du hättest recht“, wiederholte er seine letzte Aussage und lächelte diesmal ehrlich. Er fasste sich zusehends. „Auch um Aurelias willen, die es nicht verdient hat, etwas anderes als Liebe von mir zu erfahren. Nicht nur von mir, von allen …“
Rahjada nickte. Die neue Gemahlin ihres Onkels war eine Unbeteiligte an allen anderen familiären Verwicklungen, inzwischen selbst eine Mutter … und eine aufrechte Kriegerin dazu, die mit dem Vergangenen nicht belastet werden musste.
So standen die Comtessa und der praiosgeweihte Baron eine ganze Weile weiter schweigend am Totenschrein Travianos.
„Vielleicht wird sie mich nun hassen“, platzte es irgendwann aus Rahjada heraus.
„Weil du ihre Heimat verschenkt hast?“ Auricanius fragte mit einem geradezu trockenen Unterton nach.
Rahjada nickte.
„Ich glaube, die Niederhöllen frieren eher zu, als dass deine Mutter für ihre Töchter, für dich und für Aureliana, etwas anderes als Liebe empfinden kann!“