Briefspiel:Kaiserjagd/Das Ende des Wildschweins
Das Ende des Wildschweins
1. Firun 1046 BF, nach der Jagd
Autoren: Tribec
Der Keiler war alt gewesen. Das sah Leonora sofort, als sie ihn zum ersten Mal im Unterholz stehen sah: breit, schwer, mit einem borstigen Rücken, der fast grau wirkte, und Hauern, die nicht mehr nur scharf, sondern abgenutzt und splitterig waren. Ein Tier, das lange überlebt hatte.
Sie hatte nicht gezögert. Der Schuss war sauber gewesen, der Treffer tief hinter dem Blatt. Der Keiler war noch ein paar Schritte gegangen, dann im Farn zusammengebrochen. Rieka war erst später nähergekommen, vorsichtig, mit diesem Blick, der immer zwischen Neugier und Respekt schwankte.
„Der hat Geschichten“, hatte sie gesagt. Leonora hatte nur genickt.
Am Abend lag das Tier vor ihrem Zelt, die Luft kühl, das Licht der Laterne ruhig und gleichmäßig. Der Geruch war unvermeidlich warm, metallisch, durchsetzt mit dem feuchten Duft von Erde und Fell. Rieka hatte sich eine Schürze umgebunden, die schon nach wenigen Minuten ihren ursprünglichen Farbton verloren hatte. Leonora arbeitete ohne solche Vorsicht.
„Wir beginnen hier“, sagte sie knapp und setzte das Messer an. Der erste Schnitt war der wichtigste. Nicht zu tief, nicht zu flach. Die Haut spannte sich, gab dann nach. Rieka beobachtete genau, kniete neben ihr, hielt die Läufe des Keilers ruhig, wenn Leonora mit dem Messer arbeitete. Ihre Hände waren bald ebenso verschmiert, auch wenn sie anfangs noch versuchte, sauber zu bleiben. Das hielt nicht lange.
„Langsamer“, murmelte Leonora einmal, als Rieka zu hastig griff. „Wenn du den Darm verletzt, verdirbst du alles.“
Rieka nickte, konzentrierte sich. Ihre Stirn war leicht gerunzelt, ein Ausdruck, den sie sonst eher in der Küche hatte, wenn sie Gewürze abwog oder Saucen abschmeckte. Als die Bauchhöhle geöffnet war, stieg die Wärme des Körpers ihnen entgegen. Dampf im kalten Abend. Rieka verzog kurz das Gesicht, fing sich aber und griff entschlossener zu. Gemeinsam lösten sie die Organe. Mit Ruhe, mit Bedacht. Leonora führte, erklärte, korrigierte, wenn nötig. Rieka hörte zu, stellte wenige, präzise Fragen und setzte um. Ihre Bewegungen wurden sicherer, der Ekel wich Aufmerksamkeit. Zwischendurch fiel das Schaben des Messers, das leise Reißen von Gewebe, das Klirren von Metall, wenn etwas in die Schalen gelegt wurde.
„Die Leber behalten wir“, sagte Rieka irgendwann, fast automatisch. Leonora sah kurz zu ihr hinüber und lächelte kaum merklich.
„Gut. Dann schneid sie sauber heraus.“
Später saßen sie beieinander, der größte Teil war getan. Das Tier lag geöffnet vor ihnen, bereit für das weitere Zerlegen. Ihre Kleidung war schwer von Schmutz und Blut, ihre Hände rau und kalt geworden. Rieka lehnte sich zurück, wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und hinterließ nur eine dunklere Spur.
„In der Küche ist es übersichtlicher“, sagte sie leise. Leonora schnaubte leise. „Das hier ist unsere Küche.“ Rieka sah wieder auf den Keiler. Dann nickte sie langsam. Die Laterne flackerte kurz, als ein Luftzug durch das Zelt ging. Draußen war es still geworden. Kein Vogelruf mehr, kein Rascheln im Unterholz. Nur das leise Atmen zweier Frauen aus Trebesco, die ihre Arbeit getan hatten.