Briefspiel:Kaiserjagd/Umtrunk im Vancahof
Umtrunk im Vancahof
1. Firun 1046 BF nachmittags, im Vancahof bei Vanca
Autor: Amarinto
Der erste Tag der Kaiserjagd hatte die Ebenen vor Aldyra in ein lebendiges Band aus Farben, Stimmen und Bewegung verwandelt. Jagdgesellschaften zogen über die winterbleichen Felder, Banner flatterten im kühlen Wind, und das Klirren von Zaumzeug und Jagdausrüstung mischte sich mit dem Murmeln höfischer Gespräche.
Der Himmel lag neblig, schwer und wolkenverhangen über dem Land. Das Licht war gedämpft, beinahe fahl, und ließ selbst die prächtigsten Gewänder der anwesenden Adligen etwas zurückhaltender erscheinen, als hielte der Tag selbst den Atem an.
Am Nachmittag erreichte ein Teil der Jagdgesellschaft den Vancahof bei Vanca.
Ein stattliches Anwesen, geschäftig und vorbereitet. Diener eilten zwischen Tischen umher, Krüge wurden getragen, und die ersten Stimmen des Umtrunks erfüllten bereits den Hof. Der Vogt Yarum Neroli hatte seine Aufgabe verstanden und Arion Amarinto offenbar unmissverständliche Instruktionen überbracht.
Dareius Amarinto ritt mit seinem Gefolge in sein neues Lehen ein, nahm alles mit einem kurzen, prüfenden Blick auf und stieg dann ab.
Es war sein Gasthof. Sein erster Auftritt als Gastgeber. Und er spielte seine Rolle so gut er konnte.
Er sprach mit Adligen, begrüßte alte Bekannte, knüpfte neue Kontakte, hörte mehr zu, als er selbst sprach. Ein höfisches Spiel, das er beherrschte, auch wenn es ihn nach den Ereignissen der vergangenen Tage mehr Kraft kostete, als man ihm ansah.
Als schließlich Prinz Folnor von Firdayon-Bethana auf ihn zutrat, geschah es mit jener überschäumenden Energie, die ihn auszeichnete.
„Cavalliere Dareius!“, rief er laut, noch bevor er ihn ganz erreicht hatte. „Das ist genau das, was ich sehen wollte!“
Er deutete mit einer ausladenden Bewegung über den Hof.
„Ein Umtrunk, der dem Anlass würdig ist! Euer Lehnsherr ist hocherfreut.“ Er lachte herzlich.
Dareius verneigte sich leicht.
„Ich danke Euch, Comto. Es war mir ein großes Anliegen, Eure Erwartungen nicht zu enttäuschen.“
Folnor lachte laut und schlug ihm auf die Schulter. „Ihr enttäuscht mich ganz und gar nicht! So beginnt man eine Jagd!“
Und ebenso schnell, wie er gekommen war, wandte sich der Prinz wieder anderen zu.
Dareius blieb einen Moment stehen. Dann zog er sich zurück.
Am Rand des Hofes ließ er sich auf einer niedrige Steinmauer nieder. Der Lärm trat ein wenig von ihm zurück, wurde zu einem Hintergrundrauschen. Er hob den Becher, nahm einen Schluck des kräftigen Weins und ließ den Blick über das Treiben schweifen.
Für einen kurzen Moment spürte er wieder die Entbehrungen, die er seinem Körper und seinem Geist zugemutet hatte.
Dann setzte sich jemand neben ihn. Nicht zögerlich, sondern mit einer Selbstverständlichkeit, die fast mehr sagte als jede Ankündigung.
Dareius wandte den Kopf. Comtessa Ricarda ash Manek, die Erbin der Grafschaft Chabab.
Ihre Erscheinung war von jener ruhigen Eleganz, die nicht nach Aufmerksamkeit verlangte und sie gerade deshalb erhielt. Ihr Blick ruhte offen auf ihm, ein feines Lächeln auf ihren Lippen.
„Cavalliere Amarinto“, sagte sie, „ich hoffe, ich störe Euch nicht bei Eurem wohlverdienten Augenblick der Ruhe.“
„Ganz im Gegenteil“, erwiderte er ruhig, wieder ganz der charismatische Ritter. „Ich beginne zu glauben, dass dieser Ort heute nicht für Ruhe gedacht ist.“
Ein leises Lachen entglitt ihr. „Dann habe ich wohl den einzigen passenden Moment gewählt.“ Sie ließ den Blick kurz über den Hof schweifen. „Ihr habt das hier sehr gut organisiert.“
„Ich hatte Hilfe“, sagte Dareius knapp.
„Natürlich“, erwiderte sie. „Aber nicht jeder würde wissen, was von ihm erwartet wird.“ Ein kurzer Seitenblick zu ihm. „Und noch weniger würden es so… würdevoll umsetzen.“
Dareius hob leicht eine Augenbraue. „Ihr beobachtet aufmerksam, Comtessa.“
„Ich beobachte, was mich interessiert.“ Ein Hauch von Wärme lag in diesen Worten. Dann wurde ihr Ton leichter. „Und in Aldyra gab es ebenso einiges, das mein Interesse geweckt hat.“
Dareius schwieg einen Moment. Dann lachte er höflich. „Das Winterturnier.“
„Unter anderem“, sagte sie. Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen. „Ich habe Euch gesehen.“ Sie ließ sich Zeit. „Und ich habe gehofft, dass Ihr gewinnt.“
Dareius wandte den Blick leicht ab, als müsse er diesen Worten erst einen Platz geben. „Das ist … eine ungewöhnlich offene Aussage.“
„Ist es das?“, fragte sie ruhig. „Oder nur eine ehrliche?“
Er sah sie wieder an. Ihr Blick war klar. Unverstellt. Und doch lag etwas darunter. Etwas, das sich nicht sofort greifen ließ.
„Ich bewundere Leidenschaft“, fuhr sie fort. „Und Konsequenz. Die Bereitschaft, sich einer Sache völlig zu verschreiben.“ Ein kurzer Atemzug. „Das ist selten.“
Dareius senkte leicht den Kopf. „Dann danke ich Euch für diese Worte.“
Ein Moment verstrich.
Dann sagte er: „Ich habe gehört, Ihr selbst seid bereits in die Turnierbahn geritten.“ Ein kaum merkliches Lächeln. „Und nicht ohne Talent.“
Ricarda lachte leise und schüttelte den Kopf. „Das klingt mir arg nach Schmeichelei.“
Sie sah kurz auf ihre Hände, dann wieder zu ihm.
„Ich habe Erfahrung gesammelt. Mehr nicht.“ Ein leiser Unterton lag in ihrer Stimme. „Und ich habe gemerkt, wie viel mir noch fehlt.“
Sie ließ diese Worte einen Moment wirken.
Dann fuhr sie fort, langsamer: „Es gibt einen Unterschied zwischen Talent … und wahrer Meisterschaft.“
Ihr Blick hob sich wieder zu ihm. Direkt. „Und ich habe beschlossen, dass ich letztere erlangen möchte.“
Dareius hielt ihrem Blick stand. Ein feiner Spannungsfaden entstand zwischen ihnen. „Das ist ein ehrgeiziges Ziel.“
„Ist es das?“ Ein leichtes Lächeln. „Ich dachte, Ehrgeiz sei in unseren Kreisen nichts Ungewöhnliches.“
„Nicht in dieser Form.“
Sie neigte den Kopf ein wenig. „Und welche Form meint Ihr?“
Dareius antwortete nicht sofort. „Die Form, die … absolute persönliche Hingabe erfordert.“
Ricardas Lächeln vertiefte sich einen Hauch. „Dann habt Ihr recht.“
Ein kurzer Moment Stille. Dann sagte sie, beinahe beiläufig: „Ich habe festgestellt, dass man am besten von denjenigen lernt, die diese Hingabe besitzen.“
Ihre Stimme war ruhig. Aber ihre Worte waren es nicht. Sie ließ den Blick nicht von ihm.
„Von den Besten.“ Ein kaum wahrnehmbarer Nachklang lag in dieser Aussage. Nicht aufdringlich. Nicht fordernd. Aber offen genug, um verstanden zu werden. Und mehrdeutig genug, um nicht darauf festgelegt zu sein.
Dareius spürte, wie sich etwas in ihm regte. Nicht Unruhe. Nicht Ablehnung. Eher ein vorsichtiges Abtasten. Der Jäger in ihm, der eher mit Worten als mit Pfeilen jagte, erwachte langsam aber sicher.
„Das klingt äußerst ambitioniert.“
Ricarda zuckte leicht mit den Schultern. „Ich habe nie behauptet, bescheidene Ziele zu haben.“ Ein leises Lächeln. „Und ich habe gelernt, dass man Chancen erkennen sollte, wenn sie sich bieten.“
Ihr Blick ruhte weiterhin auf ihm. Offen. Aber nicht fordernd. Als läge die Entscheidung allein bei ihm, auch wenn das natürlich eine Illusion war.
Dareius öffnete den Mund, um zu antworten. Zögerte. Nicht aus Unsicherheit. Sondern weil er wusste, dass jede Antwort gravierende Konsequenzen haben würde.
Doch noch bevor er sprechen konnte, zerschnitt eine Stimme die Spannung.
„Da seid ihr ja!“ Prinz Folnor trat heran, voller Energie, mit einem vollmundigen Lachen auf den Lippen. „Genug geredet!“
Er klatschte in die Hände. „Ein kapitaler Rehbock wurde ganz in der Nähe gesichtet! Jetzt wird gejagt, meine Freunde!“
Sein Blick war forsch. „Na los… aufsitzen! Sofort!“ Sein dröhnendes Lachen hallte über den Hof.
Der Moment zerbrach. Ricarda erhob sich. Dareius ebenfalls. Für einen Herzschlag standen sie einander noch gegenüber. Dann begegneten sich ihre Blicke ein letztes Mal. Ein wissendes Lächeln lag darin.
Nicht ausgesprochen. Aber verstanden.
„Später“, sagte sie leise lächelnd. Oder vielleicht sagte sie es auch nicht. Vielleicht lag es nur in ihrem Blick.
Dann wandte sie sich ab. Dareius folgte. Beide gingen schnellen Schrittes zu ihren Pferden.
Der Umtrunk lag hinter ihnen. Und so manch anderes … noch vor ihnen.