Briefspiel:Kaiserjagd/Später ist jetzt
Später ist jetzt
4. Firun 1046 BF tagsüber, im Wald von Persenciello
Autor: Amarinto
Der Alte Bosparan lag unter einer Decke aus Schnee, die jedes Geräusch verschluckte und die uralten Bäume wie stumme Wächter erscheinen ließ. Die Luft war schneidend kalt, jeder Atemzug stand als weißer Hauch vor den Gesichtern der Jäger. Wo zuvor feuchter Boden und Wurzelwerk das Vorankommen erschwert hatten, lag nun eine trügerische Schicht aus Schnee, unter der sich noch immer Steine und tückische Senken verbargen.
Dareius und Cariana Amarinto bewegten sich mit ihrer kleinen Jagdgruppe zu Fuß durch das winterliche Dickicht.
Vor ihnen ging Jagdmeister Esindio van Smeet, dessen Blick unablässig die Umgebung prüfte. Skrayana brai Rahjalina und Methelessa Gerber folgten dicht hinter ihnen, wachsam und trotz der Kälte von einer ungebrochenen Energie erfüllt. Arion Amarinto hielt sich wie gewohnt im Hintergrund, lautlos, beinahe unsichtbar zwischen den dunklen Stämmen.
Dareius selbst ging einige Schritte vor den anderen, den Mantel eng um die Schultern gezogen.
Seine Gedanken jedoch waren nicht bei der Jagd. Zu oft war sein Geist in den vergangenen Tagen abgelenkt durch die sich überschlagenden Ereignisse. Diejenigen, die hinter ihm und solche die noch vor ihm lagen.
Ein leises Knacken ließ ihn innehalten. Esindio hob die Hand. Vor ihnen öffnete sich der Wald ein wenig – und aus dem Halbschatten der Bäume traten Gestalten.
Eine zweite Jagdgesellschaft. Gut gekleidet. Diszipliniert. Mit den feinen, doch unverkennbaren Zeichen chababischer Herkunft. Und an ihrer Spitze Comtessa Ricarda ash Manek.
Sie blieb stehen, als sie Dareius' Gruppe erblickte. Und dann lächelte sie. Ein Lächeln, das kaum mehr als eine Andeutung war. Und doch mehr sagte als jede Begrüßung.
„Cavalliere Amarinto“, sagte sie, als hätten sie sich erst am Morgen getrennt. „Welch glücklicher Zufall.“
Dareius neigte höflich den Kopf. „Comtessa ash Manek.“
Ihre Blicke hielten einen Moment länger aneinander fest, als es notwendig gewesen wäre.
Dann wandte sie sich leicht ihrer eigenen Jagdgesellschaft zu. „Ich schlage vor, wir nutzen diese Gelegenheit für eine kurze Rast“, sagte sie ruhig. „Die Wege sind beschwerlich, und ein Moment der Erholung wird niemandem schaden.“
Einige zustimmende Stimmen erhoben sich.
Dann sah sie wieder zu Dareius. Nur ein flüchtiger Blick. Doch darin lag eine stille Klarheit. Er verstand.
„Ein kluger Vorschlag“, erwiderte er. „Meine Leute werden es ebenso zu schätzen wissen.“
Die Gruppen begannen, sich niederzulassen. Decken wurden ausgebreitet, Wasser gereicht, leise Gespräche aufgenommen. Und ohne dass es ausgesprochen wurde, setzten sich Dareius und Ricarda gleichzeitig in Bewegung. Fort von den anderen. Zwischen den Bäumen hindurch. Bis sich der Wald öffnete und eine kleine Lichtung freigab, auf der der Schnee unberührt lag.
Dort blieben sie stehen. Für einen Moment sagte keiner von ihnen etwas. Der Wind strich leise durch die kahlen Äste.
Dann sprach Ricarda: „Ich hatte mich gefragt, wann wir unser Gespräch fortsetzen würden.“
Ein Hauch von Wärme lag in ihrer Stimme, trotz der Kälte.
Dareius lächelte leicht. „Ich beginne zu glauben, dass Ihr den Zeitpunkt sehr bewusst gewählt habt.“
„Natürlich … später ist jetzt“, erwiderte sie ruhig.
Sie trat ein paar Schritte näher. Nicht hastig.
„Ich lasse Dinge ungern unvollendet.“ Ihr Blick ruhte auf ihm.
Ein kurzer Moment Stille.
Dann fuhr sie fort: „Ich habe über Eure Worte nachgedacht.“
„Und ich über die Euren, Comtessa.“
Ein feines Lächeln. „Dann sind wir ja quitt.“
Sie trat noch einen Schritt näher. Der Abstand zwischen ihnen war nun gering. Zu gering für bloße Höflichkeit.
„Ihr spracht von Hingabe“, sagte sie leise. „Von der Art von Hingabe, die notwendig ist, um wahre Meisterschaft zu erreichen.“ Sie hob leicht das Kinn.
„Ich meinte jedes Wort.“ Dareius musterte sie aufmerksam.
Ein kurzer Atemzug. „Dann will ich offen sein.“ Ihre Stimme wurde ruhiger. Konzentrierter.
„Ich bewundere Eure Meisterschaft, Dareius Amarinto.“ Der Name lag bewusst auf ihren Lippen. „Eure Konsequenz. Eure Leidenschaft. Die Art, wie Ihr Euch dem ritterlichen Turnier verschreibt.“ Ein kaum merkliches Lächeln. „Und ich will es erlernen.“
Dareius blinzelte leicht. Nicht aus Unsicherheit. Sondern aus ehrlicher Überraschung. „Das ist … eine große Ehre, Comtessa.“
Er neigte leicht den Kopf. „Und ich würde Euch selbstverständlich als Lehrer zur Verfügung stehen.“
Sie schüttelte den Kopf. Ein einziger, ruhiger Impuls. Dann trat sie noch näher. Jetzt war kaum noch Raum zwischen ihnen.
„Nein.“ Ihre Stimme war leise. Aber klar. „Ich will nicht, dass Ihr zustimmt, weil ich es verlange.“
Ihr Blick hielt den seinen fest. „Oder weil Euch die Etikette dazu zwingt.“
Ein feiner Nachdruck lag in ihren Worten. „Ich will, dass Ihr es tut, weil Ihr überzeugt seid.“ Ein kurzer Moment. „Von mir.“
Dareius sagte nichts. Er sah sie nur an. Dann nickte er langsam. „Und wie wollt Ihr mich überzeugen?“
Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht. Leicht. Fast verspielt.
„Auf die einzige richtige Weise.“ Sie trat einen halben Schritt zurück. Gerade genug, um wieder Raum zu schaffen. „Nach der Kaiserjagd. Ich fordere Euch zum ritterlichen Kräftemessen in der Turnierbahn. Die Herrin Rondra sei meine Zeugin.“
Der Schnee knirschte leise unter Dareius’ Stiefeln, als er sein Gewicht verlagerte. Dann nickte er. „Das ist eine göttergefällige Forderung.“ Ein kaum merkliches Lächeln. „Und ich nehme sie an.“
Er sah sie fest an. „Wenn Ihr mich überzeugt … werde ich Euch unterrichten.“
Ein kurzer Moment Stille. Dann trat Ricarda wieder vor. Diesmal näher als zuvor. Sehr nah. Ihr Gesicht war nur noch eine Handbreit von seinem entfernt.
Er konnte ihren Atem spüren. Ihre Hand glitt an seinen Nacken. Warm trotz der Kälte. Ihr Gesicht neigte sich nach vorn, nah an sein linkes Ohr.
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Ich kann sehr überzeugend sein … wenn es mir wichtig ist.“ Fest genug, um nicht missverstanden zu werden. Ihre Worte kribbelten in seinem Ohr.
Dann ließ sie ihn los und trat zurück. Als wäre nichts gewesen. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen.
„Wir sollten zurückgehen.“ Sie wandte sich bereits ab. „Die anderen warten.“
Dareius sammelte sich kurz und folgte ihr einen Schritt später.
Gemeinsam kehrten sie durch den verschneiten Wald zurück. Die Lichtung verschwand hinter ihnen.
Als sie sich der Gruppe wieder näherten, verlangsamte Ricarda kurz ihren Schritt. Dann drehte sie sich noch einmal zu ihm um. Ihr Blick war hell und amüsiert. Und vollkommen sicher.
„Ihr werdet mich heute Abend zum Bankett im Schloss Mortecervi begleiten.“
Ein kurzes Lächeln. „Das ist allerdings keine Frage, Cavalliere.“ Ein kaum merklicher Funke in ihren Augen. „Sondern der Wunsch einer Comtessa.“
Dann wandte sie sich endgültig ab und trat zurück zu ihrer Jagdgesellschaft.
Und ließ Dareius im Schnee zurück … mit dem erdrückenden Gefühl, dass sein Leben bald nicht mehr komplizierter werden konnte.