Briefspiel:Von altem Bund und neuem Fried'/Vom Rat der Einheit
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Vom Rat der Einheit
Ingerimm 1045 BF, im Palazzo Silbertaler
Autor: Rhutkles

Beinahe zwei Götterläufe war er nun Patriarch. Seiner freundlich-bestimmten Diplomatie, der kreativen Politik seiner Gattin und dem Wohlwollen einiger Freunde war es zu verdanken, dass alle Familienmitglieder, von Irida abgesehen, zum Gedenktag der Familie zusammengekommen waren, die jungen und die alten, die nahen und die fernen. Silbertalers sind nicht bekannt für rauschende Feste, sondern für stilvolle Zusammenkünfte.

Der Palazzo Silbertaler ist kein klassischer Bau, sondern über die Jahrhunderte erwachsen. Nur wenige kennen die Geheimnisse, die bis tief in den Berg und die Historie reichen, und niemand mehr die Beweggründe der Altvorderen. Selbst Gonfaloniere Curano hinterließ in der Chronica Argentalis kaum Aufzeichnungen zu seinen tieferen Beweggründen des Umbaus der Oberstadt.
Jedes Jahrzehnt brachte eine modische Erweiterung hier, einen Abriss da. So sitzt und steht die Familie auf der dem Tal zugewandten Loggia im Privatim des Palazzo beisammen im Licht der glitzernd-warmen INGerimmsonne.
Er ergriff das Wort und zugleich die Hand seiner Base. “Beste Simiarea, mein Dank begleitet Euch stets und Ihr erfreut alle Herzen.” Er entließ die Hand mit einer einladenden Geste. So ganz gelang es der derart Aufgeforderten nicht, ihr bekannt spöttisches Schmunzeln zu unterdrücken, dennoch: eine innere Ernsthaftigkeit trug ihre Worte.
“Patriarch, Maestro, Mutter, Famiglia, ich bekenne Architecta zu sein, weil der Unfriede und die Gewalt der letzten Jahrzehnte unerträglich war. Es ist mir Freude und Ehre zu erkennen, wie nun der Weg gebahnt ist, die Interessen der Civitas, aller stolzen Menschen und Angroschim, die sich als Urbasier sehen, und der Famiglia erneut zu vereinen.”
Zustimmung drang von den verschiedenen Plätzen - von einer knappen Kenntnisnahme der Directora über ein leicht zittriges “Finalmente!” des Altmeisters bis hin zu einem militärisch knappen “Brava!” des Cavalliere. Von irgendwo aus dem Palazzo klang Kinderlachen heran.
Mit einem freundlichen Neigen des Hauptes zu seiner Base hin trat nun Azzo ins Rund der Familie.
“Ich ehre das Andenken meiner Frau Mutter und habe mich entschlossen, ihren Weg nicht fortzuführen, da er unerreicht ist.” Mit dieser klaren Absage an das harte Machtregime Hesindettas d.Ä. hatte wohl kaum jemand der Anwesenden gerechnet. Zwar wurde schon kurz nach dem Tod der vormaligen Matriarchin deutlich, dass Azzo aus anderem Material gefertigt ist, doch so eindeutig war es noch nicht verbalisiert worden.
“Ich habe mit Zustimmung von Schwester und Base als Sachwalterinnen unseres Familienvermögens entschieden, drei Zwölftel eigener mobiler Mittel über einen Zeitraum von sechs Götterläufen in die Sanierung unserer Liegenschaften zu investieren - dem Herren INGerimm zum Wohlgefallen.” Ein leises Raunen ging durch das Rund des guten Dutzends und Blicke gingen zu Giulia und Sofia, die wohlwollend zum Familienoberhaupt schauten, der fortfuhr.
“Zu diesem Zweck habe ich mit der Silberzunft vereinbart, sie stärker am Ertrag unserer letzten Minen zu beteiligen und die Kontrakte zu erweitern.”
“Dies dient dazu, die Pachtverträge zum Wohl unserer Klientel auf die Zeit der Sanierung zu stabilisieren und die Investitionen erst ab dem zweiten Jahr des Abschlusses zu amortisieren”, ergänzte knapp die aufrecht sitzende Sofia.
Mild drehte sich Azzo zu seiner Base um, die im Zweifel gleich noch die Zahlenkolonnen hätte referieren können.
“Habt Dank - auch für Eure Verdienste um die Stabilität von Stadt und Banca.” Beinahe zierte ein Lächeln das weiße Gesicht der so Gelobten.
“Unsere Famiglia hat gar manches Unbill überstanden, stand schon zwei Mal vor dem Aussterben. Die Verheerungen des Drachenkrieges haben gezeigt, wie schnell auch uralte Geschlechter ewiglich in Alveran Einlass finden. Nicht einmal den Respekt vor der Unantastbarkeit des heiligen Kaiserhauses kennt der Krieg. Unsere Chronik, die sich mir nun eröffnet hat, kennt Höh´ und Tief´, doch lastet ein Fleck auf unserer Ehre, den auszuwaschen uns misslang und so ovviamente dem Erfolg unserer geliebten Bergstadt und somit auch unserer Familie entgegensteht, dass ich kein Amt antreten, keinen Verdienst für Urbasi und keinen einzigen Taler Gewinn honorig erringen könnte, bis die Fehde mit der ehrenhaften Familie Deraccini beigelegt ist. So will ich Eid ablegen den hohen Herrschaften meiner Familie: Es soll Friede sein.”

Vollständige Ruhe begleitete diese Worte, nur aus dem Tal rauschte das Wasser herauf. Dann plötzlich dröhnte San Palladio zur zweiten TSA-Stunde.
Der Delegierte im Kronkonvent trat in feines, schwarzes Tuch gehüllt vor, legte erst seine Hand auf die Schulter des Patriarchen und küsste dann dessen einfachsten, uralten Erbring mit dem Siegel der Familie. “Was wir tun können, verlangt, um diesen Fleck zum Wohle der Stadt zu tilgen.”

Der greise Danilo erhob sich mit Hilfe seines Enkels Alrigo und beide traten zum Oberhaupt. “Wohl getan, Azzo … der Jüngere!”
So taten es alle Anwesenden, auch der eingeheiratete Castiglione, den drei Männern gleich.
Nach drei weiteren Stunden Lustbarkeiten löste sich die Familienversammlung langsam auf. Efferdita strich ihrem Mann über den Rücken. “Das war sehr gut.”
Azzo dankte leise der Göttin TRAvia für diese Gemahlin und beglückwünschte sich, damals nicht nach Äußerlichkeiten, sondern nach Klugheit, Warmherzigkeit und Kreativität gewählt zu haben.