Briefspiel:Kaiserjagd/Travia und Rahja I: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Liebliches-Feld.net
Zur Navigation springenZur Suche springen
Keine Bearbeitungszusammenfassung
K Gonfaloniere verschob die Seite Briefspiel:Kaiserjagd/Travia und Rahja nach Briefspiel:Kaiserjagd/Travia und Rahja I, ohne dabei eine Weiterleitung anzulegen
(kein Unterschied)

Version vom 25. April 2026, 09:38 Uhr

Städteübergreifendes Briefspiel
Datiert auf: 1.-6. Firun 1046 BF Schauplatz: von Aldyra in den Wald von Persenciello Entstehungszeitraum: ab März 2024
Protagonisten: Khadan II. Firdayon, etliche Hochadlige und weitere Noble des Reiches Autoren/Beteiligte: Amarinto, Atagon, Bella, Carenio, Cassian, Dajin, Dellapena, Erlan, Flaviora, Fürst Federkiel, Gerberstädter, Gonfaloniere, Horasio, Illumnesto, Kacheleen, Luntfeld, Nebelzweig, OrsinoCarson, Princeps, Rondrastein, Salkyo, Savinya Romeroza, Schatzkanzler, Silberwind, Temelon, Tribec, Vairningen, VivionaYaPirras u.w.

Zyklus:
Übersicht · Teilnehmer · Schauplätze · Regeln · Erster Tag · Zweiter Tag · Dritter Tag · Vierter Tag · Fünfter Tag · Sechster Tag · Individuelle Auswertung · Gerüchteküche


Travia und Rahja

4. Firun 1046 BF abends, im Schlosshof Mortecervis

Autoren: Gonfaloniere, Fürst Federkiel, VivionaYaPirras, Erlan

Am vierten Jagdtag vielfach gefordert: Auricanius von Urbet

Auricanius atmete einmal tief ein – und einen Moment später wieder lang aus. Als er es tat, kondensierte vor ihm sichtbar sein Atem. Der Wintereinbruch hatte an diesem Tag vieles verändert …
An eine Beteiligung an der Jagd hatte er schon nach der frühen Entscheidung, entgegen voriger Pläne an diesem Abend Mortecervi anzusteuern, keinen Gedanken mehr verschwendet. Stattdessen war er schnellstens selbst zum Jagdanwesen seiner Familie geeilt und hatte das Gesinde angeleitet, alle irgendwie sinnvollen und überhaupt noch möglichen Vorbereitungen zu treffen – bevor nach und nach der Tross eintraf und er sich dann mehr und mehr zum Vermittler zwischen den Quartiermeistern des kaiserlichen Hofstaats und aller anderen anwesenden Bediensteten, die glaubten, dass sie selbst von größerer Bedeutung waren, degradiert sah. Allein das Gefeilsche, welcher Hochadlige denn nun welches überhaupt zur Verfügung stehende Schlafgemach bekommen sollte, ließ ihm auch jetzt, Stunden später, noch Schauder des Grauens über den Rücken laufen.
Dass er es trotzdem geschafft hatte, auch sein eigenes 'Salonzelt' wieder aufstellen zu lassen, winterfest zu machen und sogar noch etwas zu vergrößern, mutete ihm fast wie ein Wunder für sich an. Das große Zelt stand zudem in sehr prominenter Lage, direkt rechts der Freitreppe zum Saalflügel im großen Schlosshof Mortecervis. Einen der Säle für sich zu beanspruchen, hatte er nicht gewagt – selbst wenn sie eigentlich allesamt seiner Familie gehörten …
Als er nun genüsslich ein- und wieder ausatmete, stieg die Vorfreude auf den für ihn bedeutendsten – und heute wahrscheinlich auch mehr als sonst noch angenehmsten – Teil des Tages. Aus dem Inneren des Zelts schwappte ihm wohlige Wärme entgegen, die ihn den Schnee drumherum beinahe vergessen ließ. Dazu hörte er bereits mehrere Stimmen von Gästen, die ihm, dem Gastgeber, schon zuvorgekommen waren.

Darunter war die Stimme von Timor d'Antara zu vernehmen, der sich bereits für Travia positionierte – und selbstbewusster auftrat als an den bisherigen Abenden. Bruchstücke der Schilderung eines Vorfalls, die der junge d'Antara vortrug, drangen bis vors Zelt. Die Worte 'Travia' und 'Rettung' stachen daraus hervor.

Ein weiterer großer Schritt ließ Auricanius dann ins Zelt treten – wo ihm eine junge, sich noch orientierende Dame beinahe vor die Brust lief.
Sie war etwa einen halben Spann kleiner als er, trug das schwarze Haar zu einem kunstvollen Zopf geflochten – und sah ihn ob seines plötzlichen Auftauchens etwas erschrocken an.
„Verzeiht, Signora, es war nicht meine Absicht euch über den Haufen zu laufen“, begrüßte der Praios-Geweihte sie. So er sich nicht täuschte, war sie an den vergangenen Abenden noch nicht Teil seiner Gäste gewesen. Er kannte sie nur flüchtig vom Sehen her – meinte sie der Grangorer, vor allem Sewamunder Jagdgesellschaft zuordnen zu können.
„Ihr seht ein wenig nach einer Richtung suchend aus“, fügte er an, „vielleicht kann ich euch helfen. Mein Name ist Auricanius … von Urbet … der Gastgeber des Salons zum Götterpaar Travia und Rahja an diesem Abend.“
Dabei deutete er eine Verbeugung an.

Zur falschen Zeit am richtigen Ort: Dottora Orleane

Die junge Dame erwiderte ihrerseits die Verbeugung.
“Es ist mir eine Freude und Ehre Euch als Gastgeber dieser illusteren Gesellschaft kennenzulernen, Euer Hochwürden. Ich bin Orleane ya Pirras, Dottora in Diensten des Ordensritters Dareius Amarinto.”
Kurz ließ sie ihre Worte wirken, suchte ein Erkennen in der Mimik ihres Gegenübers.
“Aber zu meiner Schande muss ich gestehen zur falschen Zeit am richtigen Ort zu sein. Travia und Rahja sind wahrlich eine interessante Debatte wert, aber ich war eher an der über Peraine und Boron interessiert. Anscheinend habe ich mich wohl am Tag vertan, wurde mir soeben mitgeteilt.”

Der Praios-Geweihte nickte bei der Vorstellung Orleanes, reagierte jedoch schließlich zuerst auf ihre letzte Feststellung: „In der Tat, Signora, den beiden der Zwölfe, die unter der Heilkundigen Hände um unser aller Leben und Sterben ringen, wollen wir uns am morgigen Abend widmen.“
Er lächelte dabei freundlich.
„Und ich würde mich freuen, euch dann begrüßen zu dürfen, wenn euch dieser Dualismus stärker bewegt. Das Zelt wird dasselbe sein.“
Er machte eine kurze Pause.
„In Diensten der Amarinto …“, sinnierte er dann. „Ich dachte schon, euch als Teil der Sewamunder Jagdgesellschaft gesehen zu haben. Auch wenn euer Familienname ja anderes vermuten ließe. Nun, richtet eurem Herrn gerne die besten Grüße des Hauses Urbet aus, von einem Kriegeradligen zum anderen gewissermaßen. Und auch eine Einladung zur heutigen Götterdebatte, wenn es euch gefällt. Sein Standpunkt dazu könnte ein interessanter sein.“
Mit einem kurzen, für unaufmerksamere Gegenüber leicht zu übersehenden Zwinkern gab er der Efferdierin den Weg frei und deutete dann nochmal eine Verbeugung an.

“Gerne werde ich meinem Herrn Eure Grüße und auch die Einladung ausrichten, sofern ich ihn noch zu Angesicht bekomme, da meine Eltern aus Efferdas mich erwarten. Ich werde Eure Worte anderweitig übermitteln lassen.”
Sie verbeugte sich zum Abschied. “Ich freue mich auf den morgigen Abend, Hochwürden.”
Sie verließ das Zelt und begann über die Worte des Geweihten nachzudenken.


Erlans Ankunft

Als Erlan Sirensteen von dem philosophischen Salon zu Travia und Rahja vernommen hatte, war sein Interesse geweckt. Besonders reizte ihn die Sichtweise des Auricanius von Urbet. Und auch die Perspektive der Aldigonenser schien ihm von Gewicht. Vielleicht, so ging es ihm durch den Sinn, sollte er dies bei Gelegenheit im Orden selbst zur Sprache bringen.
'Ein schönes Schloss', dachte er bei sich, als er in den Innenhof zurückkehrte.
Für einen Moment hatte er sich dem Trubel entzogen – ohne Knappen, ohne Verwandte, ohne Verpflichtung. Solche Augenblicke waren selten genug.
Vor ihm erhob sich das Zelt, in welchem der Salon stattfinden sollte. Gedämpfte Stimmen drangen bereits nach außen, vermischt mit leisem Lachen. Als er eintrat, sah er, dass sich die meisten Gäste noch an der Rückseite sammelten, wo Getränke und kleine Speisen gereicht wurden. Einzelne hatten sich bereits in Gespräche vertieft. Noch hatte die eigentliche Veranstaltung nicht begonnen, er war auch etwas zu früh vor Ort.
Erlan suchte sich einen Platz abseits, von dem aus er den noch freien vorderen Bereich des Zeltes überblicken konnte. Er suchte nicht das Gespräch – doch wer ihm begegnete, wurde mit einem höflichen Nicken bedacht.
Ein Diener reichte ihm Wein, den er mit einem leichten Neigen des Kopfes entgegennahm. Rahja war bei solchen Anlässen selten fern.
Langsam öffnete er sein Vinsalter Ei. Zweimal ließ er den Mechanismus einrasten, ehe er es erneut aufklappte. Die kunstvolle Mechanik trat zurück – und machte der Illusion Platz, die eine kundige Magierin in das Werk gebannt hatte.

Erlan Sirensteen im philosophischen Salon beim Blick auf das (magische) Vinsalter Ei

Das Ziffernblatt verschwand.
Stattdessen sah er Shahane. Und sich selbst. Jünger. Unbeschwerter.
Er wusste sofort, wann dies gewesen war. Nicht ihre erste Begegnung – nicht jener vorsichtige Anfang. Nein. Es war die Reise auf die Zyklopeninseln. Ein Augenblick, der mehr gewesen war als bloße Erinnerung.
Ein Lächeln.
Ein Blick.
Und die Entscheidung, diesem nachzugeben.
Was dort begonnen hatte, war nicht aus Kalkül geboren worden. Kein Bündnis, kein wohlüberlegter Schritt im Geflecht von Erwartungen und Verpflichtungen.
Es war gewachsen. Und später – unter den Augen der Götter – besiegelt worden. Rahja hatte den Anfang geschenkt. Travia hatte ihm Bestand verliehen.
Erlan ließ den Blick noch einen Moment auf der kleinen Darstellung ruhen, ehe er das Vinsalter Ei wieder schloss.
Als er sich umwandte, hatten sich weitere Gäste eingefunden. Die Stimmen im Zelt waren zahlreicher geworden, die Gespräche lebhafter.
Während er wartete, verweilte sein Gedanke noch einen Augenblick bei den beiden Göttinnen.
„Rahja mag den Funken schenken. Doch was bleiben soll, gehört Travia.“


Eine Unterbrechung

Eine ganze Weile später:

„… aber nein, natürlich kann es kein Primat der Herrin Rahja in dieser Hinsicht geben. Eide, die vor der Herrin Travia geleistet wurden, sind gleichermaßen zu achten, an sich sogar mehr noch. Denn wo der Rahjabund oft eine frivolere Affäre ist, ist der Traviabund der eigentlich feste, zur Treue anhaltende Eheschluss. Ich finde, dass wir, als Patrizier, schon auch eine Verpflichtung haben, solchen Bünden Vorrang einzuräumen. Meinen Töchtern eine Verbindung zu gestatten, die nicht von einem Geweihten der hohen Mutter geschlossen wird, käme mir gar nicht erst in den Sinn ...“
Potulino della Dorradezza, der Cavalliere aus dem methumischen Umland, hatte sich etwas in Rage geredet. Vielleicht deutete er die Unruhe, die sich während seiner Rede vergrößert hatte, auch als Affront gegen seine Person.
Selbst Auricanius wurde nun aber ungeduldig und erhob sich mit einem lauten Räuspern.
„Cavalliere, es dauert mich sehr, euch an dieser Stelle unterbrechen zu müssen. Ihr habt einen durchaus diskussionswürdigen Standpunkt aufgebracht, den ich später gerne weiter zum Thema der Debatte machen würde. Doch das Bankett des Kaisers steht bevor, wie mir soeben noch einmal versichert wurde … und ich denke, dass niemand hier sich dieses entgehen lassen will …“
Zur Überraschung des Praios-Geweihten war es jetzt gerade auch der angesprochene Cavalliere, der seine Anwesenheit an anderem Orte plötzlich für wichtiger befand. Potulino schien den anstehenden Höhepunkt des Abends fast vergessen zu haben – und drehte sich, noch während Auricanius sprach, zum ihm nächsten Ausgang des Zeltes um.

Sieht in Potulino einen Gleichgesinnten: Timor d'Antara

Timor d'Antara, der ruhig den Ausbruch des Cavalliere verfolgt hatte, erhob sich nun ebenfalls, warf seinen Mantel um die Schultern und nickte dem Gastgeber der Debatte noch einmal schnell zu.
Mit raschen Schritten holte er den Methumier ein.
„Cavalliere!“, rief er gedämpft, doch bestimmt.
Potulino blieb stehen, drehte sich um und zog eine Augenbraue hoch.
Timor neigte respektvoll den Kopf.
„Erlaubt mir, euch nachträglich beizupflichten. Eure Worte eben — sie waren vielleicht etwas … leidenschaftlich vorgetragen, doch im Kern zutreffend.“
Er legte eine Hand auf die Brust, wo unter dem Wintermantel das gestickte Zeichen seiner Familie zu erahnen war.
„Auch das Haus d'Antara hält große Stücke auf die Gebote der Gütigen Mutter Travia. Wir wurden so erzogen, die Wärme des Herdes über die flüchtigen Flammen anderer Leidenschaften zu stellen.“
Ein schwaches Lächeln huschte über seine Lippen, als wolle er damit andeuten, dass er sich der Delikatesse dieses Themas durchaus bewusst war — gerade an einem Abend, der zugleich Rahja geweiht sein sollte.
„Mein Vater pflegt zu sagen: Ein Eid vor Travia bindet nicht nur zwei Menschen, sondern ganze Generationen. Man darf ihn nicht leichtfertig gegen … modischere Auffassungen ausspielen.“
Potulino nickte unvermittelt und beipflichtend, sichtlich erfreut.
„Ihr sprecht wie ein Mann von Verstand, Signor d'Antara.“
Timor ließ den Blick noch einmal kurz zurück in das sich rasch leerende Salonzelt schweifen. Stimmen verklangen, Diener löschten bereits einige der kleineren Lampen, und aus der Ferne wehte Musik herüber — ein deutlicher Hinweis auf das nahende Bankett.
„Dennoch“, fügte er leiser hinzu, „fürchte ich, dass wir mit solchen Ansichten heute nicht überall auf Zustimmung stoßen werden.“
Ein kaum wahrnehmbares Frösteln lief über seinen Rücken — und diesmal hatte es wenig mit der Winterkälte draußen zu tun.
Dann straffte er sich.
„Doch vielleicht ist dies gerade deshalb der richtige Zeitpunkt, Präsenz zu zeigen.“
Mit einer höflichen Geste deutete er Potulino den Weg in Richtung der Freitreppe, vor der Timor stehen blieb. Potulino hingegen setzte noch zwei Schritte weiter, bevor er bemerkte, dass sein Gesprächspartner nicht mehr neben ihm ging. Er drehte sich halb um.
„Nun, Signor d'Antara?“
Timor lächelte höflich — ein wenig zu ruhig vielleicht.
„Ich fürchte, hier trennen sich für diesen Abend unsere Wege, Cavalliere.“
Er neigte leicht den Kopf in Richtung der Treppe.
„Das Bankett des Kaisers ist … nicht für jeden bestimmt. Mein Name steht auf anderen Listen.“
Seine Stimme klang weder bitter noch klagend. Eher sachlich — wie die Feststellung einer Naturgegebenheit, die seit Generationen Bestand hatte.
„Als Nobile meines Standes wäre es vermessen, die Freitreppe hinaufzusteigen. Man erwartet mich in den unteren Sälen — und ehrlich gesagt fühle ich mich dort auch freier zu sprechen.“
Ein leiser Anflug von Selbstironie lag in seinen Worten.
Potulino musterte ihn einen Moment lang, zuckte dann aber mit den Schultern.
„Standesgrenzen sind eine eigene Jagdgesellschaft“, murmelte er. „Manchmal gefährlicher als die im Wald.“
Timor ließ ein kurzes, zustimmendes Lachen hören – obschon er sich nicht sicher war, ob die letzte Bemerkung Potulinos nicht nur eine Floskel darstellte.
„Und doch jagen wir alle im selben Revier, Cavalliere“, antwortete er dennoch überzeugt.
Er trat einen halben Schritt zurück, ließ Potulino den Vortritt. „Geht nur. Zeigt Flagge für Travia — dort oben wird man euch hören.“
Dann verbeugte er sich knapp.
Während Potulino die Stufen hinaufstieg und bald im Licht der großen Portale verschwand, wandte Timor sich wieder dem Rückweg zu.


Der Baron und die Herzogin

Währenddessen im Urbeter Zelt:

Auricanius, der Gastgeber, hatte es nicht so eilig wie seine Gäste und musste schmunzeln. So schnell wie nun hatte sich sein Salonzelt während der ganzen Kaiserjagd noch nie geleert. Er selbst atmete hingegen – überhaupt erst zum zweiten Mal an diesem Tag? – in aller Ruhe einmal ein und wieder aus, bevor er zum noch halbvollen Weinglas des (zuvor von Cavalliere Rahjesco persönlich als Vertreter der rahjagläubigen Familie Solivino) kredenzten Cassieners vor sich griff und auch dieses mit geschlossenen Augen leerte.
Dann rückte er einige der als Dekoration auf dem Tisch vor ihm verteilten Devotionalien zurecht und überlegte, ob er das überhaupt heute zum ersten Mal zusätzlich zur Ausschmückung verwendete Spiel der Tugenden vor einer späteren Gesprächsrunde erstmal wieder zur sechseckigen Pyramide zusammenklappen sollte … als er bemerkte, dass er gar nicht allein im Zelt war, wie er inzwischen angenommen hatte …
„Euer Hoheit, entschuldigt bitte, dass ich in meinen Gedanken versunken war“, sprach er die Herzogin Heldora an und machte dabei eine tiefe Verbeugung.
„Entschuldigt euch nicht, Monsignor“, antwortete Heldora. „Auch für derlei muss einmal Zeit sein.“
Auricanius nahm an, dass sie damit die Gedanken meinte. Ohne den Blick von seinem hochadligen Gegenüber zu nehmen, suchte er aus den Augenwinkeln dabei das Zelt nochmal ab.
Erst als er sich vergewissert hatte, dass außer der Herzogin tatsächlich niemand sonst mehr zugegen war, fuhr er fort: „Entschuld… ähm … Seht mir nach, wenn ich voreilig schließen sollte … aber darf ich eure anhaltende Anwesenheit so deuten, dass ihr ein Gespräch unter vier Augen mit mir führen wollt?“
Es kam ihm so vor, als stammelte er gerade wirr vor sich hin, doch ein Nicken der Herzogin ließ ihn diesmal erleichtert aufatmen.
„Ich glaube euch in den letzten Tagen als auch für Fragen der anderen Zwölfe verständnisvollen Geweihten des Götterfürsten kennengelernt zu haben“, kam Heldora nach anfänglichem Zögern dann einer weiteren Frage Auricanius' zuvor. „Darf ich im Vertrauen mit euch sprechen, Monsignor?“
So überrascht Auricanius von diesem Vorhaben der Herzogin auch war, nickte er ohne zu zögern, bot ihr einen zurecht gerückten Polsterstuhl direkt gegenüber dem eigenen an – ohne Tisch dazwischen … und hörte dann aufmerksam zu …
Ans Bankett des Kaisers dachte er erstmal gar nicht mehr.

Als das Zwiegespräch mit Heldora vorüber war und sie sich schließlich doch zum Bankettsaal aufmachten, hatte Auricanius jedes Zeitgefühl verloren. Erst auf dem kurzen Weg vom Zelt zum Saalflügel des Schlosses wagte es dann auch einer seiner Bediensteten an ihn heranzutreten.
Dieser flüsterte in der kalten Winternacht: „Monsignor, eure Nichte … ähm …“
Misstrauisch musternd sah Auricanius ihn an.
„… eure Nichte hat das Schloss verschenkt.“


Nach dem Bankett

Der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln, als er zum Zelt zurückkehrte. Stimmen drangen ihm entgegen, gedämpfter als zuvor, doch nicht minder lebendig. Hier sammelten sich jene, die gehört werden wollten — oder lernen mussten, wie man es wurde.
Als er eintrat, ließ er den Blick kurz durch den Raum schweifen. Und blieb hängen. Etwas abseits, nicht isoliert, aber bewusst zurückgenommen, saß ein Mann mit Haltung. Kein Suchender — eher ein Beobachter. Der Wein in seiner Hand war unberührt genug, um nicht bloß Zierde zu sein. Und die Art, wie er den Raum musterte, verriet: Dieser Mann war es gewohnt, sich nicht treiben zu lassen. Timor trat näher.
„Ein ruhiger Platz für einen so lebhaften Abend“, bemerkte er mit höflicher Zurückhaltung.
Der Angesprochene wandte sich ihm zu.
Erlan musterte ihn kurz — nicht prüfend im engeren Sinne, sondern einordnend. Dann neigte er leicht den Kopf.
„Man sieht mehr von hier“, erwiderte er ruhig.
Timor lächelte.
„Und wird selbst weniger gesehen.“
„Es ist doch von Vorteil, wenn man das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden kann“, sagte Erlan.
Ein kurzer Moment entstand — nicht unangenehm, eher … abwägend.
Dann sprach Timor erneut: „Timor d'Antara.“
Erlan nickte.
„Erlan Sirensteen.“
Keine Titel. Kein Zusatz. Doch genug Gewicht in der bloßen Nennung. Zudem reichte man sich zur Begrüßung die Hand, was absolut nicht dem Standesprotokoll entsprach.
Timors Blick wurde einen Hauch aufmerksamer.
„Darf ich mich setzten, wenn Ihr es erlaubt?", fragte der junge Efferdier.

Der Comto wies mit der Hand auf einen freien Sitzplatz hin, auf den sich Timor dann setzte. In dem Moment kam auch gerade ein Diener und auf Erlans Bitte hin, wurde ihm nachgeschenkt und seinem Gast auch Wein gereicht.
Danach sprach dann Erlan: „Nun, alles andere wäre ja nicht wirklich im Sinne Travias. Und gerade das wäre bei diesem philosophischen Salon heute eher merkwürdig, nicht wahr?“
Er nippte noch etwas am Wein.
Während er den kleinen Schluck trank, überlegte sich Erlan, ob sein Gesprächspartner noch mitbekommen hatte, wie er das Vinsalter Ei geöffnet hatte, kam aber zu dem Schluss, dass das wohl nicht der Fall war. Und dann überlegte er sich, ob er diesem Mann bereits mal begegnet war, doch nach allem, was er jetzt so wusste, war das nicht der Fall.

Timor nahm den angebotenen Platz mit einer leichten Verbeugung an, die weder unterwürfig noch beiläufig wirkte — eher so, als sei er sich genau bewusst, wo er stand.
„In der Tat“, erwiderte er ruhig, während er den frisch gereichten Wein kurz musterte, ehe er das Glas anhob.
„Ein Salon zu Travia und Rahja, in dem weder Treue noch Leidenschaft ernst genommen werden …“
Ein schwaches Lächeln.
„… wäre wohl eher eine Farce als eine Debatte.“
Er nahm einen kleinen Schluck, stellte das Glas dann mit Bedacht wieder ab. Sein Blick ruhte nun wieder auf Erlan.

Erlan schmunzelte ob das Kommentars, denn etwas ähnliches hatte er sich auch gedacht. Er hatte sich das Schloss und die Umgebung angeschaut, um etwas Ruhe von dem Trubel rund um die Kaiserjagd zu bekommen. Er hatte manchmal den Eindruck, dass im einen oder anderen Salon, bei dem ein oder anderen Bankett oder sonst einer Festivität ein schriller Ton mehr Leute aufwirbelte, als ein ungeschickter Knacks im Unterholz Wild zur Flucht antrieb. Insofern genoss er es jetzt einfach ruhig hier zu sitzen, natürlich dem Gast im Sinne Travias einen Platz anzubieten, aber er dachte sich auch, dass er jetzt kein Gespräch unbedingt anfangen müsste.

Timor bemerkte sehr wohl, dass sich das Gespräch nicht von selbst weitertrug. Nicht aus Ablehnung — das hätte er erkannt. Eher aus jener ruhigen Selbstgenügsamkeit, die manchen Männern eigen war, die weder Gesellschaft suchten noch sie mieden. Er ließ den Blick einen Moment durch das Zelt schweifen, als gäbe er dem Gespräch Raum, sich von selbst wiederzufinden. Als dies nicht geschah, nickte er leicht — mehr sich selbst als Erlan gegenüber. Dann wandte er sich wieder ihm zu.
„Ich danke Euch für den Platz — und den Wein“, sein Ton war höflich, unaufdringlich — und vor allem ehrlich gemeint.
Timor erhob sich daraufhin ruhig, ohne Hast. Er hob das Glas ein wenig und stellte es auf den Tisch in der Nähe des Adligen. Eine knappe, respektvolle Verbeugung folgte.
„Möge Travia Euch die Ruhe bewahren.“
Ein letzter Blick — kurz, aber nicht flüchtig. Dann wandte sich Timor ab, ohne Eile, und trat zurück in das Stimmengewirr des Zeltes. Dort blieb sein Schritt für einen Augenblick langsamer. Unwillkürlich musste er an die Worte seines Vaters denken. Wie oft hatte dieser mit ruhiger Gewissheit erklärt, dass der Hochadel selten wirklich das Gespräch suche — sondern vielmehr dessen Spiegelbild. Bestätigung, Haltung, Stand. Austausch nur, sofern er sich in vertrauten Bahnen bewegte. Timor hatte dem nie ganz zustimmen wollen. Und doch. Sein Blick glitt noch einmal zurück zu Erlan Sirensteen. Kein Desinteresse im groben Sinne. Aber auch kein echtes Greifen nach dem Gegenüber. Timor atmete leise aus.
'Vielleicht', dachte er, 'suchen sie nicht das Gespräch … sondern nur die Möglichkeit dazu.'
Ein feiner Unterschied. Und doch einer, der vieles erklärte. Er straffte unmerklich die Schultern. Es lag keine Kränkung in diesem Gedanken. Eher … eine Einordnung. Wer sich unterhalb der großen Namen bewegte, lernte früh, dass das Gespräch nicht gleich Gespräch war — und dass echtes Interesse oft dort entstand, wo es nicht selbstverständlich war. Ein letzter Blick — dann wandte er sich endgültig ab.
Und diesmal suchte er gezielt die Stimmen, die sich überschnitten, widersprachen, lachten. Dort, wo das Gespräch nicht nur Form war — sondern Bewegung.
Ein flüchtiger Schatten von Nachdenklichkeit lag nun doch auf Timors Gesicht, als er sich wieder tiefer ins Zelt hinein bewegte. Doch dann richtete er sich innerlich auf. Die Worte seines Vaters mochten Gewicht haben — doch sie waren kein Maßstab für sein eigenes Handeln. Und ganz gewiss kein Grund, sich zurückzuziehen. Ein leiser, beinahe trotzig anmutender Stolz regte sich in ihm. Der Stolz eines Mannes, der nicht durch Geburt sprach, sondern durch Überzeugung und handwerkliche Leistung. Der wusste, dass Gewicht nicht allein von Titeln kam — sondern von dem, was man bereit war, offen zu vertreten. Er ließ den Blick durch die Runde schweifen, fand rasch Anschluss an eine Gruppe, in der die Diskussion noch nicht verklungen war.
Timor trat näher — nicht drängend, aber bestimmt genug, um wahrgenommen zu werden. Mit Wärme und Selbstbewusstsein konnte der junge Efferdier einige Diskutanten, die sich zerstritten hatten, wieder zusammenführen und der respektvolle Austausch des Abends nahm wieder Form an. Neugierige Blicke erhoben sich, als Timor d'Antara nun gezielter zu den Travia-Anhängern des Zeltes über ein seiner Familie wichtiges Thema sprach: den Herdfeuer-Bund.