Städteübergreifendes Briefspiel
Datiert auf: 1.-6. Firun 1046 BF Schauplatz: von Aldyra in den Wald von Persenciello Entstehungszeitraum: ab März 2024
Protagonisten: Khadan II. Firdayon, etliche Hochadlige und weitere Noble des Reiches Autoren/Beteiligte: Amarinto, Atagon, Bella, Carenio, Cassian, Dajin, Dellapena, Erlan, Flaviora, Fürst Federkiel, Gerberstädter, Gonfaloniere, Horasio, Illumnesto, Kacheleen, Luntfeld, Nebelzweig, OrsinoCarson, Princeps, Rondrastein, Salkyo, Savinya Romeroza, Schatzkanzler, Silberwind, Temelon, Tribec, Vairningen, VivionaYaPirras u.w.

Zyklus:
Übersicht · Teilnehmer · Schauplätze · Regeln · Erster Tag · Zweiter Tag · Dritter Tag · Vierter Tag · Fünfter Tag · Sechster Tag · Individuelle Auswertung · Gerüchteküche


Travia und Rahja

4. Firun 1046 BF abends, im Schlosshof Mortecervis

Autoren: Gonfaloniere, VivionaYaPirras

 
Am vierten Jagdtag vielfach gefordert: Auricanius von Urbet

Auricanius atmete einmal tief ein – und einen Moment später wieder lang aus. Als er es tat, kondensierte vor ihm sichtbar sein Atem. Der Wintereinbruch hatte an diesem Tag vieles verändert …
An eine Beteiligung an der Jagd hatte er schon nach der frühen Entscheidung, entgegen voriger Pläne an diesem Abend Mortecervi anzusteuern, keinen Gedanken mehr verschwendet. Stattdessen war er schnellstens selbst zum Jagdanwesen seiner Familie geeilt und hatte das Gesinde angeleitet, alle irgendwie sinnvollen und überhaupt noch möglichen Vorbereitungen zu treffen – bevor nach und nach der Tross eintraf und er sich dann mehr und mehr zum Vermittler zwischen den Quartiermeistern des kaiserlichen Hofstaats und aller anderen anwesenden Bediensteten, die glaubten, dass sie selbst von größerer Bedeutung waren, degradiert sah. Allein das Gefeilsche, welcher Hochadlige denn nun welches überhaupt zur Verfügung stehende Schlafgemach bekommen sollte, ließ ihm auch jetzt, Stunden später, noch Schauder des Grauens über den Rücken laufen.
Dass er es trotzdem geschafft hatte, auch sein eigenes 'Salonzelt' wieder aufstellen zu lassen, winterfest zu machen und sogar noch etwas zu vergrößern, mutete ihm fast wie ein Wunder für sich an. Das große Zelt stand zudem in sehr prominenter Lage, direkt rechts der Freitreppe zum Saalflügel im großen Schlosshof Mortecervis. Einen der Säle für sich zu beanspruchen, hatte er nicht gewagt – selbst wenn sie eigentlich allesamt seiner Familie gehörten …
Als er nun genüsslich ein- und wieder ausatmete, stieg die Vorfreude auf den für ihn bedeutendsten – und heute wahrscheinlich auch mehr als sonst noch angenehmsten – Teil des Tages. Aus dem Inneren des Zelts schwappte ihm wohlige Wärme entgegen, die ihn den Schnee drumherum beinahe vergessen ließ. Dazu hörte er bereits mehrere Stimmen von Gästen, die ihm, dem Gastgeber, schon zuvorgekommen waren.
Ein weiterer großer Schritt ließ ihn selbst ins Zelt treten – wo ihm eine junge, sich noch orientierende Dame beinahe vor die Brust lief.
Sie war etwa einen halben Spann kleiner als er, trug das schwarze Haar zu einem kunstvollen Zopf geflochten – und sah ihn ob seines plötzlichen Auftauchens etwas erschrocken an.
„Verzeiht, Signora, es war nicht meine Absicht euch über den Haufen zu laufen“, begrüßte der Praios-Geweihte sie. So er sich nicht täuschte, war sie an den vergangenen Abenden noch nicht Teil seiner Gäste gewesen. Er kannte sie nur flüchtig vom Sehen her – meinte sie der Grangorer, vor allem Sewamunder Jagdgesellschaft zuordnen zu können.
„Ihr seht ein wenig nach einer Richtung suchend aus“, fügte er an, „vielleicht kann ich euch helfen. Mein Name ist Auricanius … von Urbet … der Gastgeber des Salons zum Götterpaar Travia und Rahja an diesem Abend.“
Dabei deutete er eine Verbeugung an.

 
Zur falschen Zeit am richtigen Ort: Dottora Orleane

Die junge Dame erwiderte ihrerseits die Verbeugung.
“Es ist mir eine Freude und Ehre Euch als Gastgeber dieser illusteren Gesellschaft kennenzulernen, Euer Hochwürden. Ich bin Orleane ya Pirras, Dottora in Diensten des Ordensritters Dareius Amarinto.”
Kurz ließ sie ihre Worte wirken, suchte ein Erkennen in der Mimik ihres Gegenübers.
“Aber zu meiner Schande muss ich gestehen zur falschen Zeit am richtigen Ort zu sein. Travia und Rahja sind wahrlich eine interessante Debatte wert, aber ich war eher an der über Peraine und Boron interessiert. Anscheinend habe ich mich wohl am Tag vertan, wurde mir soeben mitgeteilt.”

Der Praios-Geweihte nickte bei der Vorstellung Orleanes, reagierte jedoch schließlich zuerst auf ihre letzte Feststellung: „In der Tat, Signora, den beiden der Zwölfe, die unter der Heilkundigen Hände um unser aller Leben und Sterben ringen, wollen wir uns am morgigen Abend widmen.“
Er lächelte dabei freundlich.
„Und ich würde mich freuen, euch dann begrüßen zu dürfen, wenn euch dieser Dualismus stärker bewegt. Das Zelt wird dasselbe sein.“
Er machte eine kurze Pause.
„In Diensten der Amarinto …“, sinnierte er dann. „Ich dachte schon, euch als Teil der Sewamunder Jagdgesellschaft gesehen zu haben. Auch wenn euer Familienname ja anderes vermuten ließe. Nun, richtet eurem Herrn gerne die besten Grüße des Hauses Urbet aus, von einem Kriegeradligen zum anderen gewissermaßen. Und auch eine Einladung zur heutigen Götterdebatte, wenn es euch gefällt. Sein Standpunkt dazu könnte ein interessanter sein.“
Mit einem kurzen, für unaufmerksamere Gegenüber leicht zu übersehenden Zwinkern gab er der Efferdierin den Weg frei und deutete dann nochmal eine Verbeugung an.

“Gerne werde ich meinem Herrn Eure Grüße und auch die Einladung ausrichten, sofern ich ihn noch zu Angesicht bekomme, da meine Eltern aus Efferdas mich erwarten. Ich werde Eure Worte anderweitig übermitteln lassen.”
Sie verbeugte sich zum Abschied. “Ich freue mich auf den morgigen Abend, Hochwürden.”
Sie verließ das Zelt und begann über die Worte des Geweihten nachzudenken.


Eine ganze Weile später:

„… aber nein, natürlich kann es kein Primat der Herrin Rahja in dieser Hinsicht geben. Eide, die vor der Herrin Travia geleistet wurden, sind gleichermaßen zu achten, an sich sogar mehr noch. Denn wo der Rahjabund oft eine frivolere Affäre ist, ist der Traviabund der eigentlich feste, zur Treue anhaltende Eheschluss. Ich finde, dass wir, als Patrizier, schon auch eine Verpflichtung haben, solchen Bünden Vorrang einzuräumen. Meinen Töchtern eine Verbindung zu gestatten, die nicht von einem Geweihten der hohen Mutter geschlossen wird, käme mir gar nicht erst in den Sinn ...“
Potulino della Dorradezza, der Cavalliere aus dem methumischen Umland, hatte sich etwas in Rage geredet. Vielleicht deutete er die Unruhe, die sich während seiner Rede vergrößert hatte, auch als Affront gegen seine Person.
Selbst Auricanius wurde nun aber ungeduldig und erhob sich mit einem lauten Räuspern.
„Cavalliere, es dauert mich sehr, euch an dieser Stelle unterbrechen zu müssen. Ihr habt einen durchaus diskussionswürdigen Standpunkt aufgebracht, den ich später gerne weiter zum Thema der Debatte machen würde. Doch das Bankett des Kaisers steht bevor, wie mir soeben noch einmal versichert wurde … und ich denke, dass niemand hier sich dieses entgehen lassen will …“
Zur Überraschung des Praios-Geweihten war es jetzt gerade auch der angesprochene Cavalliere, der seine Anwesenheit an anderem Orte plötzlich für wichtiger befand. Potulino schien den anstehenden Höhepunkt des Abends fast vergessen zu haben – und drehte sich, noch während Auricanius sprach, zum ihm nächsten Ausgang des Zeltes um.
Der Gastgeber hatte es nicht so eilig und musste schmunzeln. So schnell wie nun hatte sich sein Salonzelt während der ganzen Kaiserjagd noch nie geleert. Er selbst atmete hingegen – überhaupt erst zum zweiten Mal an diesem Tag? – in aller Ruhe einmal ein und wieder aus, bevor er zum noch halbvollen Weinglas des (zuvor von Cavalliere Rahjesco persönlich als Vertreter der rahjagläubigen Familie Solivino) kredenzten Cassieners vor sich griff und auch dieses mit geschlossenen Augen leerte.
Dann rückte er einige der als Dekoration auf dem Tisch vor ihm verteilten Devotionalien zurecht und überlegte, ob er das überhaupt heute zum ersten Mal zusätzlich zur Ausschmückung verwendete Spiel der Tugenden vor einer späteren Gesprächsrunde erstmal wieder zur sechseckigen Pyramide zusammenklappen sollte … als er bemerkte, dass er gar nicht allein im Zelt war, wie er inzwischen angenommen hatte …
„Euer Hoheit, entschuldigt bitte, dass ich in meinen Gedanken versunken war“, sprach er die Herzogin Heldora an und machte dabei eine tiefe Verbeugung.
„Entschuldigt euch nicht, Monsignor“, antwortete Heldora. „Auch für derlei muss einmal Zeit sein.“
Auricanius nahm an, dass sie damit die Gedanken meinte. Ohne den Blick von seinem hochadligen Gegenüber zu nehmen, suchte er aus den Augenwinkeln dabei das Zelt nochmal ab.
Erst als er sich vergewissert hatte, dass außer der Herzogin tatsächlich niemand sonst mehr zugegen war, fuhr er fort: „Entschuld… ähm … Seht mir nach, wenn ich voreilig schließen sollte … aber darf ich eure anhaltende Anwesenheit so deuten, dass ihr ein Gespräch unter vier Augen mit mir führen wollt?“
Es kam ihm so vor, als stammelte er gerade wirr vor sich hin, doch ein Nicken der Herzogin ließ ihn diesmal erleichtert aufatmen.
„Ich glaube euch in den letzten Tagen als auch für Fragen der anderen Zwölfe verständnisvollen Geweihten des Götterfürsten kennengelernt zu haben“, kam Heldora nach anfänglichem Zögern dann einer weiteren Frage Auricanius' zuvor. „Darf ich im Vertrauen mit euch sprechen, Monsignor?“
So überrascht Auricanius von diesem Vorhaben der Herzogin auch war, nickte er ohne zu zögern, bot ihr einen zurecht gerückten Polsterstuhl direkt gegenüber dem eigenen an – ohne Tisch dazwischen … und hörte dann aufmerksam zu …
Ans Bankett des Kaisers dachte er erstmal gar nicht mehr.

Als das Zwiegespräch mit Heldora vorüber war und sie sich schließlich doch zum Bankettsaal aufmachten, hatte Auricanius jedes Zeitgefühl verloren. Erst auf dem kurzen Weg vom Zelt zum Saalflügel des Schlosses wagte es dann auch einer seiner Bediensteten an ihn heranzutreten.
Dieser flüsterte in der kalten Winternacht: „Monsignor, eure Nichte … ähm …“
Misstrauisch musternd sah Auricanius ihn an.
„… eure Nichte hat das Schloss verschenkt.“