Briefspiel:Kaiserjagd/Travia und Rahja I
Travia und Rahja
4. Firun 1046 BF abends, im Schlosshof Mortecervis
Autoren: Gonfaloniere, VivionaYaPirras

Auricanius atmete einmal tief ein – und einen Moment später wieder lang aus. Als er es tat, kondensierte vor ihm sichtbar sein Atem. Der Wintereinbruch hatte an diesem Tag vieles verändert …
An eine Beteiligung an der Jagd hatte er schon nach der frühen Entscheidung, entgegen voriger Pläne an diesem Abend Mortecervi anzusteuern, keinen Gedanken mehr verschwendet. Stattdessen war er schnellstens selbst zum Jagdanwesen seiner Familie geeilt und hatte das Gesinde angeleitet, alle irgendwie sinnvollen und überhaupt noch möglichen Vorbereitungen zu treffen – bevor nach und nach der Tross eintraf und er sich dann mehr und mehr zum Vermittler zwischen den Quartiermeistern des kaiserlichen Hofstaats und aller anderen anwesenden Bediensteten, die glaubten, dass sie selbst von größerer Bedeutung waren, degradiert sah. Allein das Gefeilsche, welcher Hochadlige denn nun welches überhaupt zur Verfügung stehende Schlafgemach bekommen sollte, ließ ihm auch jetzt, Stunden später, noch Schauder des Grauens über den Rücken laufen.
Dass er es trotzdem geschafft hatte, auch sein eigenes 'Salonzelt' wieder aufstellen zu lassen, winterfest zu machen und sogar noch etwas zu vergrößern, mutete ihm fast wie ein Wunder für sich an. Das große Zelt stand zudem in sehr prominenter Lage, direkt rechts der Freitreppe zum Saalflügel im großen Schlosshof Mortecervis. Einen der Säle für sich zu beanspruchen, hatte er nicht gewagt – selbst wenn sie eigentlich allesamt seiner Familie gehörten …
Als er nun genüsslich ein- und wieder ausatmete, stieg die Vorfreude auf den für ihn bedeutendsten – und heute wahrscheinlich auch mehr als sonst noch angenehmsten – Teil des Tages. Aus dem Inneren des Zelts schwappte ihm wohlige Wärme entgegen, die ihn den Schnee drumherum beinahe vergessen ließ. Dazu hörte er bereits mehrere Stimmen von Gästen, die ihm, dem Gastgeber, schon zuvorgekommen waren.
Darunter war die Stimme von Timor d'Antara zu vernehmen, der sich bereits für Travia positionierte – und selbstbewusster auftrat als an den bisherigen Abenden. Bruchstücke der Schilderung eines Vorfalls, die der junge d'Antara vortrug, drangen bis vors Zelt. Die Worte 'Travia' und 'Rettung' stachen daraus hervor.
Ein weiterer großer Schritt ließ Auricanius dann ins Zelt treten – wo ihm eine junge, sich noch orientierende Dame beinahe vor die Brust lief.
Sie war etwa einen halben Spann kleiner als er, trug das schwarze Haar zu einem kunstvollen Zopf geflochten – und sah ihn ob seines plötzlichen Auftauchens etwas erschrocken an.
„Verzeiht, Signora, es war nicht meine Absicht euch über den Haufen zu laufen“, begrüßte der Praios-Geweihte sie. So er sich nicht täuschte, war sie an den vergangenen Abenden noch nicht Teil seiner Gäste gewesen. Er kannte sie nur flüchtig vom Sehen her – meinte sie der Grangorer, vor allem Sewamunder Jagdgesellschaft zuordnen zu können.
„Ihr seht ein wenig nach einer Richtung suchend aus“, fügte er an, „vielleicht kann ich euch helfen. Mein Name ist Auricanius … von Urbet … der Gastgeber des Salons zum Götterpaar Travia und Rahja an diesem Abend.“
Dabei deutete er eine Verbeugung an.

Die junge Dame erwiderte ihrerseits die Verbeugung.
“Es ist mir eine Freude und Ehre Euch als Gastgeber dieser illusteren Gesellschaft kennenzulernen, Euer Hochwürden. Ich bin Orleane ya Pirras, Dottora in Diensten des Ordensritters Dareius Amarinto.”
Kurz ließ sie ihre Worte wirken, suchte ein Erkennen in der Mimik ihres Gegenübers.
“Aber zu meiner Schande muss ich gestehen zur falschen Zeit am richtigen Ort zu sein. Travia und Rahja sind wahrlich eine interessante Debatte wert, aber ich war eher an der über Peraine und Boron interessiert. Anscheinend habe ich mich wohl am Tag vertan, wurde mir soeben mitgeteilt.”
Der Praios-Geweihte nickte bei der Vorstellung Orleanes, reagierte jedoch schließlich zuerst auf ihre letzte Feststellung: „In der Tat, Signora, den beiden der Zwölfe, die unter der Heilkundigen Hände um unser aller Leben und Sterben ringen, wollen wir uns am morgigen Abend widmen.“
Er lächelte dabei freundlich.
„Und ich würde mich freuen, euch dann begrüßen zu dürfen, wenn euch dieser Dualismus stärker bewegt. Das Zelt wird dasselbe sein.“
Er machte eine kurze Pause.
„In Diensten der Amarinto …“, sinnierte er dann. „Ich dachte schon, euch als Teil der Sewamunder Jagdgesellschaft gesehen zu haben. Auch wenn euer Familienname ja anderes vermuten ließe. Nun, richtet eurem Herrn gerne die besten Grüße des Hauses Urbet aus, von einem Kriegeradligen zum anderen gewissermaßen. Und auch eine Einladung zur heutigen Götterdebatte, wenn es euch gefällt. Sein Standpunkt dazu könnte ein interessanter sein.“
Mit einem kurzen, für unaufmerksamere Gegenüber leicht zu übersehenden Zwinkern gab er der Efferdierin den Weg frei und deutete dann nochmal eine Verbeugung an.
“Gerne werde ich meinem Herrn Eure Grüße und auch die Einladung ausrichten, sofern ich ihn noch zu Angesicht bekomme, da meine Eltern aus Efferdas mich erwarten. Ich werde Eure Worte anderweitig übermitteln lassen.”
Sie verbeugte sich zum Abschied. “Ich freue mich auf den morgigen Abend, Hochwürden.”
Sie verließ das Zelt und begann über die Worte des Geweihten nachzudenken.
Eine ganze Weile später:
„… aber nein, natürlich kann es kein Primat der Herrin Rahja in dieser Hinsicht geben. Eide, die vor der Herrin Travia geleistet wurden, sind gleichermaßen zu achten, an sich sogar mehr noch. Denn wo der Rahjabund oft eine frivolere Affäre ist, ist der Traviabund der eigentlich feste, zur Treue anhaltende Eheschluss. Ich finde, dass wir, als Patrizier, schon auch eine Verpflichtung haben, solchen Bünden Vorrang einzuräumen. Meinen Töchtern eine Verbindung zu gestatten, die nicht von einem Geweihten der hohen Mutter geschlossen wird, käme mir gar nicht erst in den Sinn ...“
Potulino della Dorradezza, der Cavalliere aus dem methumischen Umland, hatte sich etwas in Rage geredet. Vielleicht deutete er die Unruhe, die sich während seiner Rede vergrößert hatte, auch als Affront gegen seine Person.
Selbst Auricanius wurde nun aber ungeduldig und erhob sich mit einem lauten Räuspern.
„Cavalliere, es dauert mich sehr, euch an dieser Stelle unterbrechen zu müssen. Ihr habt einen durchaus diskussionswürdigen Standpunkt aufgebracht, den ich später gerne weiter zum Thema der Debatte machen würde. Doch das Bankett des Kaisers steht bevor, wie mir soeben noch einmal versichert wurde … und ich denke, dass niemand hier sich dieses entgehen lassen will …“
Zur Überraschung des Praios-Geweihten war es jetzt gerade auch der angesprochene Cavalliere, der seine Anwesenheit an anderem Orte plötzlich für wichtiger befand. Potulino schien den anstehenden Höhepunkt des Abends fast vergessen zu haben – und drehte sich, noch während Auricanius sprach, zum ihm nächsten Ausgang des Zeltes um.

Timor d'Antara, der ruhig den Ausbruch des Cavalliere verfolgt hatte, erhob sich nun ebenfalls, warf seinen Mantel um die Schultern und nickte dem Gastgeber der Debatte noch einmal schnell zu.
Mit raschen Schritten holte er den Methumier ein.
„Cavalliere!“, rief er gedämpft, doch bestimmt.
Potulino blieb stehen, drehte sich um und zog eine Augenbraue hoch.
Timor neigte respektvoll den Kopf.
„Erlaubt mir, euch nachträglich beizupflichten. Eure Worte eben — sie waren vielleicht etwas … leidenschaftlich vorgetragen, doch im Kern zutreffend.“
Er legte eine Hand auf die Brust, wo unter dem Wintermantel das gestickte Zeichen seiner Familie zu erahnen war.
„Auch das Haus d'Antara hält große Stücke auf die Gebote der Gütigen Mutter Travia. Wir wurden so erzogen, die Wärme des Herdes über die flüchtigen Flammen anderer Leidenschaften zu stellen.“
Ein schwaches Lächeln huschte über seine Lippen, als wolle er damit andeuten, dass er sich der Delikatesse dieses Themas durchaus bewusst war — gerade an einem Abend, der zugleich Rahja geweiht sein sollte.
„Mein Vater pflegt zu sagen: Ein Eid vor Travia bindet nicht nur zwei Menschen, sondern ganze Generationen. Man darf ihn nicht leichtfertig gegen … modischere Auffassungen ausspielen.“
Potulino nickte unvermittelt und beipflichtend, sichtlich erfreut.
„Ihr sprecht wie ein Mann von Verstand, Signor d'Antara.“
Timor ließ den Blick noch einmal kurz zurück in das sich rasch leerende Salonzelt schweifen. Stimmen verklangen, Diener löschten bereits einige der kleineren Lampen, und aus der Ferne wehte Musik herüber — ein deutlicher Hinweis auf das nahende Bankett.
„Dennoch“, fügte er leiser hinzu, „fürchte ich, dass wir mit solchen Ansichten heute nicht überall auf Zustimmung stoßen werden.“
Ein kaum wahrnehmbares Frösteln lief über seinen Rücken — und diesmal hatte es wenig mit der Winterkälte draußen zu tun.
Dann straffte er sich.
„Doch vielleicht ist dies gerade deshalb der richtige Zeitpunkt, Präsenz zu zeigen.“
Mit einer höflichen Geste deutete er Potulino den Weg in Richtung der Freitreppe, vor der Timor stehen blieb. Potulino hingegen setzte noch zwei Schritte weiter, bevor er bemerkte, dass sein Gesprächspartner nicht mehr neben ihm ging. Er drehte sich halb um.
„Nun, Signor d'Antara?“
Timor lächelte höflich — ein wenig zu ruhig vielleicht.
„Ich fürchte, hier trennen sich für diesen Abend unsere Wege, Cavalliere.“
Er neigte leicht den Kopf in Richtung der Treppe.
„Das Bankett des Kaisers ist … nicht für jeden bestimmt. Mein Name steht auf anderen Listen.“
Seine Stimme klang weder bitter noch klagend. Eher sachlich — wie die Feststellung einer Naturgegebenheit, die seit Generationen Bestand hatte.
„Als Nobile meines Standes wäre es vermessen, die Freitreppe hinaufzusteigen. Man erwartet mich in den unteren Sälen — und ehrlich gesagt fühle ich mich dort auch freier zu sprechen.“
Ein leiser Anflug von Selbstironie lag in seinen Worten.
Potulino musterte ihn einen Moment lang, zuckte dann aber mit den Schultern.
„Standesgrenzen sind eine eigene Jagdgesellschaft“, murmelte er. „Manchmal gefährlicher als die im Wald.“
Timor ließ ein kurzes, zustimmendes Lachen hören – obschon er sich nicht sicher war, ob die letzte Bemerkung Potulinos nicht nur eine Floskel darstellte.
„Und doch jagen wir alle im selben Revier, Cavalliere“, antwortete er dennoch überzeugt.
Er trat einen halben Schritt zurück, ließ Potulino den Vortritt. „Geht nur. Zeigt Flagge für Travia — dort oben wird man euch hören.“
Dann verbeugte er sich knapp.
Während Potulino die Stufen hinaufstieg und bald im Licht der großen Portale verschwand, wandte Timor sich wieder dem Rückweg zu. Schnee knirschte unter seinen Stiefeln. Aus einem Zelt drangen Stimmen, Musik und das verheißungsvolle Klirren von Gläsern. Dorthin ging er nun. Nicht auf die große Bühne des höheren Adels — aber in jene Räume, in denen Meinungen entstanden, Bündnisse geknüpft und Gerüchte geboren wurden. Und vielleicht, so dachte er, war gerade dort sein Platz.
Währenddessen im Urbeter Zelt:
Auricanius, der Gastgeber, hatte es nicht so eilig wie seine Gäste und musste schmunzeln. So schnell wie nun hatte sich sein Salonzelt während der ganzen Kaiserjagd noch nie geleert. Er selbst atmete hingegen – überhaupt erst zum zweiten Mal an diesem Tag? – in aller Ruhe einmal ein und wieder aus, bevor er zum noch halbvollen Weinglas des (zuvor von Cavalliere Rahjesco persönlich als Vertreter der rahjagläubigen Familie Solivino) kredenzten Cassieners vor sich griff und auch dieses mit geschlossenen Augen leerte.
Dann rückte er einige der als Dekoration auf dem Tisch vor ihm verteilten Devotionalien zurecht und überlegte, ob er das überhaupt heute zum ersten Mal zusätzlich zur Ausschmückung verwendete Spiel der Tugenden vor einer späteren Gesprächsrunde erstmal wieder zur sechseckigen Pyramide zusammenklappen sollte … als er bemerkte, dass er gar nicht allein im Zelt war, wie er inzwischen angenommen hatte …
„Euer Hoheit, entschuldigt bitte, dass ich in meinen Gedanken versunken war“, sprach er die Herzogin Heldora an und machte dabei eine tiefe Verbeugung.
„Entschuldigt euch nicht, Monsignor“, antwortete Heldora. „Auch für derlei muss einmal Zeit sein.“
Auricanius nahm an, dass sie damit die Gedanken meinte. Ohne den Blick von seinem hochadligen Gegenüber zu nehmen, suchte er aus den Augenwinkeln dabei das Zelt nochmal ab.
Erst als er sich vergewissert hatte, dass außer der Herzogin tatsächlich niemand sonst mehr zugegen war, fuhr er fort: „Entschuld… ähm … Seht mir nach, wenn ich voreilig schließen sollte … aber darf ich eure anhaltende Anwesenheit so deuten, dass ihr ein Gespräch unter vier Augen mit mir führen wollt?“
Es kam ihm so vor, als stammelte er gerade wirr vor sich hin, doch ein Nicken der Herzogin ließ ihn diesmal erleichtert aufatmen.
„Ich glaube euch in den letzten Tagen als auch für Fragen der anderen Zwölfe verständnisvollen Geweihten des Götterfürsten kennengelernt zu haben“, kam Heldora nach anfänglichem Zögern dann einer weiteren Frage Auricanius' zuvor. „Darf ich im Vertrauen mit euch sprechen, Monsignor?“
So überrascht Auricanius von diesem Vorhaben der Herzogin auch war, nickte er ohne zu zögern, bot ihr einen zurecht gerückten Polsterstuhl direkt gegenüber dem eigenen an – ohne Tisch dazwischen … und hörte dann aufmerksam zu …
Ans Bankett des Kaisers dachte er erstmal gar nicht mehr.
Als das Zwiegespräch mit Heldora vorüber war und sie sich schließlich doch zum Bankettsaal aufmachten, hatte Auricanius jedes Zeitgefühl verloren. Erst auf dem kurzen Weg vom Zelt zum Saalflügel des Schlosses wagte es dann auch einer seiner Bediensteten an ihn heranzutreten.
Dieser flüsterte in der kalten Winternacht: „Monsignor, eure Nichte … ähm …“
Misstrauisch musternd sah Auricanius ihn an.
„… eure Nichte hat das Schloss verschenkt.“