Briefspiel:Kaiserjagd/Bankett in Mortecervi II
Bankett in Mortecervi II – Berytos und Orleane auf dem Weg zum Bankett
4. Firun 1046 BF abends, im Jagdlager zu Mortecervi
Autoren: Amarinto, VivionaYaPirras
Berytos trat vor das Zelt der beiden Frauen, blieb aber mit mustergültigem Abstand stehen. Seine Stimme, als er sprach, war so bemessen, dass sie durch die Plane drang, ohne aufdringlich zu wirken.
„Signora ya Pirras, Cavalliere Berytos von Malur erbittet die Ehre, sich anzukündigen zu dürfen.“
Im Inneren des Zeltes hob Corvona di Bellafoldi den Blick und sah zu Orleane herüber.
„Er kann jedenfalls reden.“
Orleane schloss für einen Augenblick die Augen und nickte.
Dann sagte Corvona deutlich hörbar: „Er soll eintreten.“
Die Plane wurde geöffnet, und Berytos trat ein, als beträte er keinen provisorischen Raum aus Stoff, sondern einen Saal.
Sein Blick fand zuerst Orleane.
Und für einen winzigen Augenblick veränderte sich etwas in seiner Miene. Nicht genug, um die Form zu verlassen, doch genug, um erkennen zu lassen, dass er tatsächlich beeindruckt war.
Er verneigte sich mit präziser Eleganz.
„Signora ya Pirras. Es wäre gelogen zu sagen, ich hätte keinen ansprechenden Anblick erwartet, aber meine Erwartung wurde dennoch übertroffen.“
Dann wandte er sich Corvona zu und verneigte sich auch vor ihr mit tadelloser Korrektheit.
„Signora di Bellafoldi. Ich habe bereits viel Gutes von Euch gehört, es ist mir eine Ehre Euch nun auch persönlich treffen zu dürfen.“
Corvona hob eine Braue und lächelte dünn. „Cavalliere, Ihr scheint gut vorbereitet.“
„Nur auf die Möglichkeit hin, dass mir zwei kluge Damen gegenübertreten könnten und ich nicht gänzlich unbewaffnet erscheinen möchte.“
Das entlockte ihr ein leises, amüsiertes Ausatmen. Nicht viel, aber genug, um als Erfolg zu gelten.
Berytos wandte sich wieder Orleane zu.
„Ich habe mir erlaubt, Euch eine Kleinigkeit mitzubringen. Nichts, das eine Verpflichtung darstellen soll. Eher … eine kleine unbedeutende Aufmerksamkeit.“
Er zog aus einer kleinen Schatulle, die in seiner Manteltasche verborgen gewesen war, ein feines Medaillon aus Silber hervor. Es war klein genug, um zierlich zu wirken, und kunstvoll gearbeitet in Form einer Purpurschnecke, deren gewundene Schale in zarten Linien graviert war. Das Metall fing das Licht der Kohlebecken auf und glänzte kühl, beinahe mondhell.
„Eine Purpurschnecke“, sagte er. „Ein bescheidenes Tier mit exquisitem Inhalt. In der Heimat meiner Mutter sagt man, manche Dinge verdanken ihre Kostbarkeit nicht dem Offensichtlichen, sondern dem, was sie aus der Tiefe hervorbringen. Das gilt oft auch nicht nur für Schmuckstücke, sondern trifft auch auf viele Menschen zu.“
Er hielt das Medaillon nicht aufdringlich hin, sondern bot es mit einer Sorgfalt dar, die gerade dadurch Wirkung hatte.
„Ich erinnerte mich, dass Ihr eine Vorliebe für Dinge habt, die man erst auf den zweiten Blick ganz versteht.“
“Wenn nicht sogar erst auf den dritten, Cavalliere. Habt Dank für Eure kleine Aufmerksamkeit.” Orleane nahm ihm das Medaillon aus der Hand. “Eine wundervolle filigrane Arbeit, viel zu schade, um in einer Schatulle zu verweilen. Ihr entschuldigt?”
Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sie sich um und verschwand in einem Separee im Zelt. Kurze Zeit später kehrte sie zurück. Das Amulett trug sie nun an einer Kette um den Hals, anstelle des vorherigen Schmuckstücks. An der rechten Hand hatte sie einen Ring mit einem schwarzen Onyx in silberner Fassung angelegt.
“Ein viel besserer Platz als in einer dunklen Schatulle, denkt ihr nicht auch?”, fragte sie mit einem sanften Lächeln in ihrem Gesicht.
Berytos’ Blick folgte für einen kurzen Moment der feinen Bewegung ihrer Hand zu dem kleinen silbernen Schmuckstück an ihrem Hals.
Dann hob sich sein Mundwinkel.
Nicht zu breit, sondern mit jener sichtbaren Genugtuung, dass seine kleine Geste nicht nur verstanden, sondern wertgeschätzt worden war.
„Ich denke sogar“, erwiderte er warm, „dass es dort entschieden besser aufgehoben ist. Ein solches Stück lebt von Licht, Kontur und einer Trägerin, die ihm Bedeutung verleiht. In einer Schatulle wäre es nichts weiter als unbedeutendes Metall.“
Sein Blick glitt für einen Herzschlag zu dem Ring mit dem dunklen Onyx, dann wieder zurück zu ihrem Gesicht.
„Und ich muss gestehen, Signora, Ihr seid großzügiger mit meinem Geschenk umgegangen, als ich zu hoffen gewagt hatte. Das erfreut mich sehr.“
Es war ehrlich gesprochen, jedenfalls so ehrlich, wie ein Mann wie Berytos es sich erlaubte zu sein, ohne seine Haltung zu verlieren. Es war charmant, aber auch berechnende Eleganz. Aber auch unverkennbare Genugtuung. Das Wohlwollen Orleanes, so zurückhaltend es sich auch zeigen mochte, war für ihn offenbar keine Kleinigkeit. Es war ein geöffneter Spalt in einer Tür, von der er wusste, dass man sie nicht mit bloßer Beharrlichkeit aufstieß.
Corvona beobachtete alles mit ausdruckslosem Gesicht.
Berytos wandte sich nun wieder ganz Orleane zu und neigte leicht den Kopf.
„Wenn Ihr also bereit seid, würde ich mich geehrt fühlen, Euch zum Bankett zu geleiten. Es wäre unbefriedigend, den Weg zum Castello allein zurücklegen zu müssen, während ringsum das halbe Reich in Brokat und Pelz auf dem Weg ist, sich dem Kaiser vor die Füße zu werfen.“
Dann bot er ihr den Arm an.
„Darf ich?“
Als sie einwilligte, führte er sie hinaus aus dem Zelt in die beißend kalte Abendluft.
Der Schnee knirschte unter ihren Schritten, frisch und hell, dort wo ihn noch keine Stiefel und Wagenräder in grauen Matsch verwandelt hatten. Zwischen den Zelten flackerten Fackeln im Wind, und weiter oben, dunkel gegen den winterlichen Himmel, erhob sich das Castello Mortecervi wie ein steinerner Jagdhund, der auf einem Hügel kauerte und über das Lager wachte. Aus seinen Fenstern fiel warmes Licht, golden und einladend, während von dort oben bereits gedämpft Musik und Stimmen herabdrangen.
Berytos passte seinen Schritt dem ihren an.
„Ich hoffe, Eure Eltern haben Euch den heutigen Abend nicht allzu bevormundend angekündigt“, begann er mit höflicher Leichtigkeit. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Familiengespräche mitunter die Eigenschaft besitzen, selbst eine Unterhaltung bei Tee wie ein Vorspiel zur Feldschlacht erscheinen zu lassen.“
“Es ist, glaube ich, nicht notwendig, dass meine Eltern mich in irgendeiner Art bevormunden, Cavalliere. Familiengespräche werden anderswo geführt. Der heutige Abend dient ganz allein der Repräsentation und dem Veranschaulichen von Stärke und Einigkeit.”
Kurz löste sie sich aus der Armbeuge und wich elegant einer Pfütze aus, bevor sie sich wieder einhakte und weitersprach. “Die Republik muss sich behaupten, wie ein Schaf unter Wölfen. Daher werde ich heute versuchen, durch interessante Gespräche und Beobachtungen, mir ein Bild über eventuelle Verbündete zu machen, zum Wohle des Hauses. Und mit Euch fange ich an.” Wieder lächelte Orleane Berytos an.
Er nickte respektvoll und als sie durch den Schnee schritten, sprach er weiter, ohne die Unterhaltung in allzu gefährliches Gelände zu lenken.
„Man sagte mir, Ihr seid in Sewamund unentbehrlich geworden. Das ist ein Wort, das man in adeligen Kreisen leichtfertig verwendet und fast nie wirklich meint. Bei einer Heilkundigen wie Euch dagegen scheint es mir glaubhafter.“
Kurz lachte Orleane auf. “Niemand ist unentbehrlich. Momentan habe ich in Sewamund einen guten Ruf und genieße auch eine gewisse Anerkennung, aber wer weiss wohin mein Weg mich noch führen wird. Ich dachte, das Kloster in Corden wäre mein großes Lebensziel, aber dann entwickelte es sich doch anders.”
Sie atmete aus und wirkte auf einmal nachdenklich.
Ein leichtes, beinahe spielerisches Zucken ging durch seine Braue.
„Ich kann mir vorstellen, dass eine Dottora in einer Stadt wie Sewamund mehr über Menschen erfährt als ein halbes Dutzend Richter, Priester und Haushofmeister zusammen.“
Er sah kurz zu ihr hinüber.
„Ist es die Art Eurer Arbeit, die Euch fesselt? Oder eher das Gefühl, dort gebraucht zu werden?“
Sie wirkte wie aus ihren Gedanken gerissen.
“Etwas von beiden. Ja, ich erfahre bestimmt mehr über Menschen als Richter, Priester oder Haushofmeister … aber eine andere Art von Wissen. Persönlicher, intimer, verletzlicher. Tief verborgen im Innersten eines Menschen und nicht dazu bestimmt, um von jedermann ans Licht gezerrt zu werden. Es ist interessant und auch faszinierend, dieses hervorzuholen, aber nicht aus Eigennutz, sondern um zu helfen.” Ein Schauer rannte über ihren Rücken. “Es ist kalt geworden.”
Sie gingen einige Schritte weiter. Der Wind fuhr ihnen kalt über Wangen und Mantelsäume, und Berytos legte die freie Hand für einen Moment fester an seinen Umhang, ohne dabei an Eleganz einzubüßen.
Vor ihnen zog eine kleine Gruppe anderer Gäste über den Weg zum Schloss, ein flimmernder Zug aus Pelz, Samt und Federn. Man grüßte einander im Vorübergehen, knapp, höfisch.
Berytos erwiderte die Grüße mit makelloser Selbstverständlichkeit und wandte sich dann wieder Orleane zu.
„Habt Ihr das eigentlich immer gewollt?“, fragte er. „Heilerin zu werden, meine ich. Oder war es einer jener Wege, auf die man erst gerät und dann zu spät bemerkt, dass man längst beschlossen hat, sie nicht mehr zu verlassen?“
Er lächelte.
„Ich frage aus ehrlichem Interesse. Auch Offiziere behaupten gern, ihre Laufbahn sei von Ehre und Berufung geprägt gewesen. In Wahrheit stolpert man oft über Zufälle, Ehrgeiz, familiäre Erwartungen und eine Handvoll törichter Entscheidungen, bis einem jemand einen Rang anheftet und behauptet, alles sei von Anfang an Absicht gewesen.“
“Bei mir war es anders. Einst war ich auf der Universität in Methumis, um dort zu einer guten Ehefrau erzogen zu werden und die Führung eines Haushalts zu erlernen. Dies war wohl die familiäre Erwartung und ich war bereit dazu. Doch dann ging es mir nicht gut und ich war in einem Tal angekommen, aus dem ich alleine nicht mehr herausfand.”
Orleanes Stimme wurde leiser und sie blickte zu Boden.
“Ich war in der Situation, wo man mich heute um Hilfe bittet. Und ich habe sie gefunden. In den Lehren des Gebieters der Nacht fand ich meinen Trost und meine Bestimmung. Ganz anders als vorgesehen.”
Sie bogen um eine Reihe schneebestäubter Wagen und kamen auf den breiteren Weg, der direkt zum Castello führte. Das Licht der Fenster wurde heller, Stimmen klarer, und über allem lag dieser eigentümliche Duft eines großen winterlichen Banketts: Rauch, Wildbraten, Wachs, nasses Leder, Schnee und grotesker Reichtum.
Berytos senkte die Stimme ein wenig.
„Und sagt mir, Signora, was ist schwerer? Eine Wunde zu behandeln, die der Körper geschlagen hat, oder eine, die ein Mensch mit sich herumträgt und vor allen verbirgt?“
Er stellte die Frage ohne Drängen, fast sanft.
Dann hob er den Blick zum erleuchteten Schloss und fügte mit einem kleinen Anflug eleganten Humors hinzu: „Wobei ich für den heutigen Abend inständig hoffe, dass sich meine größten medizinischen Gefahren auf überwürzten Braten, gekränkte Eitelkeiten und womöglich einen zu ehrgeizigen Trinkspruch beschränken.“
Er grinste.
Orleane erwiderte das Lächeln nicht, sondern wirkte ernst.
“Eine äußere Wunde ist zu sehen und kann behandelt werden. Mit Salben, Tinkturen oder Verbänden. Die Wunden des Geistes sind unsichtbar, in den Tiefen der Gedanken verborgen. Und ja, ich sehe diese Wunden als gefährlicher an. Sehr oft bemerken die Menschen ihre inneren Wunden nicht, leben damit, akzeptieren sie, bis es nicht mehr geht. Und dann braucht es Zeit, dieses zu erkennen und zu heilen. Aber genug davon, Cavalliere. Was erwartet ihr von diesem Abend? Ihr habt meine Eltern nicht umsonst darum gebeten, mich hierhin zu begleiten.”
Berytos ließ sich von ihrer Frage nicht überrumpeln. Für einen Moment schwieg er nur, während sie den letzten Anstieg zum Castello hinaufgingen, und in diesem Schweigen lag etwas Ungewöhnliches für einen Mann wie ihn. Keine ausweichende Galanterie. Kein rascher Scherz. Er schien tatsächlich abzuwägen, wie offen er sein wollte.
Dann atmete er langsam durch, und sein Blick glitt kurz zu ihr hinüber.
„Ich denke“, begann er mit ruhiger Stimme, „dass ich Euch darauf keine diplomatische Antwort geben sollte. Alles andere wäre unehrlich. Und Unehrlichkeit, gerade zu Beginn, würde meine Glaubwürdigkeit in Euren Augen untergraben, noch bevor ich überhaupt die Gelegenheit hatte, sie mir zu verdienen. Also will ich offen mit Euch sein, Signora.“
Ein paar Schritte gingen sie schweigend weiter. Der Schnee knirschte unter ihren Sohlen, und von oben wehte ihnen der warme Duft aus den Küchen des Castello entgegen.
„Eure Eltern befinden sich in Verhandlungen mit meinem Vater, Baron Urras von Malur. Es geht um einen möglichen Traviabund zwischen uns beiden.“
Er hob leicht die Schultern.
„Das wird Euch kaum überraschen. Ihr seid klug genug, die Zeichen längst gelesen zu haben.“
Er runzelte ein wenig die Stirn.
„Beide Häuser sehen in einer solchen Verbindung Vorteile. Für Euer Haus. Für meines. Für die Stellung, die sich daraus ergeben könnte. Mein Vater hat Euren Eltern, soweit ich weiß, ein sehr großzügiges Angebot vorgelegt. So großzügig, dass ich beinahe versucht wäre, mich ein wenig geschmeichelt zu fühlen, obwohl ich weiß, dass solche Dinge nie allein aus Zuneigung verhandelt werden.“
Er sprach das Wort großzügig mit feiner Ironie, als wisse er genau, wie unromantisch es war, wenn Menschen in Mitgiften, Zusicherungen und Einflusssphären den Wert eines künftigen Bundes zu messen begannen.
Dann sah er sie wieder direkter an.
„Ja, es ist Politik.“ Er sagte es klar, ohne Beschönigung.
„Es wäre lächerlich, so zu tun, als ginge es nicht auch darum. Adlige Häuser verbinden sich nicht allein, weil der Abendhimmel hübsch ist und zwei junge Menschen einander angenehm finden.“
Seine Stimme wurde weicher, ohne an Kontur zu verlieren.
„Aber damit ist eben nicht alles gesagt.“ Ein Hauch von Wärme trat in seinen Blick. „Denn persönlich stehe ich dem Gedanken an eine solche Verbindung durchaus positiv gegenüber.“
Er ließ ihr Zeit, diese Worte aufzunehmen.
„Nicht nur, weil Ihr die Tochter Eurer Eltern seid. Nicht nur, weil Euer Name Gewicht hat. Sondern weil Ihr … Ihr seid.“
Er lächelte leicht, fast über sich selbst. „Das klingt unpräzise, ich weiß. Aber ich meine es ernst. Ihr wart nie eine jener Damen, die man nach zwei Komplimenten und einem Tanz vollständig begriffen zu haben glaubte.“
Der Wind fuhr ihnen scharf um die Mäntel, und Berytos hob die freie Hand kurz an, um den Kragen höher zu schlagen, ehe er fortfuhr.
„Ich freue mich aufrichtig darauf, Euch besser kennenzulernen. Und ja, ich habe durchaus die Absicht, Euch im Laufe der Zeit davon zu überzeugen, dass ich ein geeigneter Gemahl sein kann. Mein Interesse an Euch ist also aufrichtig, Orleane.“
Das erste Mal sagte er ihren Namen ohne Titel dazwischen, nicht unhöflich, sondern bewusst gesetzt.
„Ich möchte nicht, dass Ihr mich für einen gehorsamen Sohn haltet, der nur die Wünsche seines Vaters vollstreckt und dabei selbst innerlich abwesend bleibt. Wäre es so, säße ich heute Abend am Tisch Eurer Eltern, lächelte, sagte die richtigen Dinge und überließe alles Weitere den Alten.“
Er schüttelte leicht den Kopf.
„Doch ich bin hier, weil ich es auch selbst will.“
Sie hatten nun fast das Tor erreicht. Diener und Wachen bewegten sich vor den erleuchteten Mauern des Castello wie Schatten in Goldlicht, und das Gemurmel der eintreffenden Gäste schwoll an wie das Rauschen eines nahen Meeres.
Berytos verlangsamte den Schritt nur um einen Hauch und wandte ihr den Kopf zu.
„Ich sage nicht, dass Ihr mir deshalb sofort vertrauen sollt. Oder dass Ihr Euch geschmeichelt fühlen müsst. Misstrauen ist in solchen Dingen oft die gesündeste Reaktion.“ Ein leichtes, beinahe spöttisches Lächeln. „Vermutlich klüger als die meisten Gedichte, die man jungen Damen sonst entgegenwirft.“ Ein feiner Seitenhieb gegenüber Dareius Amarinto?
Dann neigte er den Kopf ein wenig.
„Aber ich bin gerne bereit, mein ernsthaftes Interesse jederzeit unter Beweis zu stellen. Nicht mit großen Schwüren, die im Kerzenlicht gut klingen und bei Tagesanbruch verdampfen. Sondern so, wie man es vernünftigerweise tun sollte: durch Beständigkeit, Offenheit und die Art, wie man sich verhält, wenn niemand einem Applaus dafür spendet.“
Er machte eine kleine, elegante Geste mit der freien Hand in Richtung des hell erleuchteten Schlosses.
„Und falls ich dafür heute Abend den Anfang machen darf, dann betrachte ich das Bankett nicht als Prüfung, sondern als Privileg.“
Dann bot er ihr seinen Arm ein wenig fester an, mit einem Ausdruck, der gleichermaßen charmant und erstaunlich unverstellt war.
„Soll ich Euch hineinbegleiten, Signora ya Pirras? Oder wollt Ihr mir noch eine letzte Gelegenheit geben, mich vor der Tür um Kopf und Kragen zu reden?“
Orleane hatte den jungen Cavaliere während seiner Worte genau gemustert und wie immer versucht, in der Mimik und Gestik ihres Begleiters zu lesen. Sich ein Bild von ihm zu machen und ihn einzuschätzen. Sie erinnerte sich an die Zeit in Methumis, wo sie ihn flüchtig als Kameraden ihres Bruders kennengelernt hatte.
Ein sanftes Lächeln zeigte sich in ihrem Gesicht, als sie sich bei ihm in die angebotene Armbeuge einhakte.
“Lasst uns lieber hineingehen, Cavaliere. Ich habe nicht vor, euch noch mehr in Verlegenheit zu bringen. Ihr habt offene Worte gesprochen und dafür danke ich euch. Ja, wir beide sind Spielsteine bei einer Partie Garadan im Machtspiel unserer Häuser. Aber umso mehr habt ihr meinen Respekt, dass ihr es nicht so einfach hinnehmen, sondern euch ein eigenes Bild machen wollt.”
Sie passierten das Tor und betraten den Hof des Anwesens. Orleane wollte nicht den Hauptweg gehen, sondern zog Berytos mit sanftem Druck rechter Hand vorbei an dem Zwingerhaus und den Stallungen.
“Heute seid ihr mein Tischherr, Cavalliere Berytos von Malur. Lasst euren Worten Taten folgen. Lernen wir uns kennen. Nehmen wir uns die Zeit, die wir dafür brauchen, aber dazu werden diese wenigen Stunden auf der Jagdgesellschaft gewiss nicht reichen.”
Langsam begaben sich die beiden auf den Weg hinauf zum eigentlichen Castello. Vorsichtig setzte Orleane ihre Schritte, um nicht auf dem Schneematsch auszurutschen. Das Stimmengewirr wurde lauter. Immer mehr Gäste erschienen, Bedienstete wirbelten umher. Orleane und Berytos begrüßten bekannte Gesichter mit einem höflichen Nicken. Ihr gemeinsames Erscheinen sorgte für Getuschel in der covernischen Gesandtschaft und auch in der Sewamunder Delegation wurden Köpfe zusammengesteckt.
“Bevor wir uns gleich an den Tisch meiner Eltern setzen, Cavalliere, lasst euch gesagt sein, dass ich nicht vorhabe Sewamund in nächster Zeit zu verlassen. Solltet ihr wahrhaftig Wert auf meine Gesellschaft legen, müsst ihr euch wohl damit abfinden, mir im Palazzo Amarinto die Aufwartung zu machen.” Sie schaute Berytos herausfordernd an.
Berytos hob bei diesen Worten kaum merklich die Braue. Dann neigte er leicht den Kopf.
„Wenn das Eure Bedingung ist, Signora, werde ich ihr gern Folge leisten.“
Ein Hauch von Amüsement trat in seine Stimme.
„Auch wenn ich vermute, dass der Hausherr des Palazzo Amarinto darüber nicht in überschwängliche Freude verfallen wird.“
Er meinte es leicht, aber nicht leichtfertig. Er wusste um die Beziehung Orleanes und ihres Dienstherren, die erkennbar über das übliche Maß hinausging. Doch Berytos ließ keinen Anflug von Unsicherheit erkennen. Im Gegenteil: Gerade die Aussicht, ihr unter den Augen eines Mannes wie Dareius Amarinto die Aufwartung machen zu müssen, schien ihn eher zu reizen als abzuschrecken.
Sie erreichten den oberen Absatz. Vor ihnen standen bereits die Flügeltüren des Castello offen, und aus dem Inneren quoll ihnen Wärme entgegen, vermischt mit Kerzenduft, gebratenem Wild, Wein, Wachs und jener schwer zu beschreibenden Luft großer höfischer Anlässe, in der Reichtum, Eitelkeit und Erwartung stets miteinander konkurrierten.
Ein Diener verbeugte sich tief, als sie eintraten.
Und dann öffnete sich der Bankettsaal vor ihnen wie ein eigens für diesen Abend inszeniertes Schauspiel.
Die hohe Halle war von unzähligen Kerzen und schweren Armleuchtern erhellt, deren Licht sich in vergoldeten Bechern, Silberplatten und den geschliffenen Flächen kostbarer Gläser brach. Über den langen Tafeln hingen Girlanden, winterliches Grün und rote Bänder, dazwischen die Geweihe mächtiger Hirsche und Wappen zahlreicher Häuser. Die Mauern des Castello Mortecervi wirkten alt und fest, doch an diesem Abend hatte man sie mit Stoffen, Licht und Glanz gezähmt, bis selbst der kalte Stein den Eindruck erweckte, er habe sich den Festlichkeiten ergeben.
An den Tischen saß bereits ein guter Teil der Gesellschaft. Hoch- und Niederadlige in Pelz und Samt, Offiziere in ihren Uniformen, Damen mit hochgestecktem Haar und Edelsteinen um den Hals, Vetreter der Kirchen, kaiserliche Bürokraten, Gefolgsleute und alle jene, die an einem solchen Abend sehen und gesehen werden wollten. Diener glitten wie gut gedrillte Schatten zwischen den Reihen dahin. An einem erhöhten Ende des Saales war der Platz des Horas und der ranghöchsten Gäste hervorgehoben, darunter zogen sich die Tafeln in geordneter Pracht durch den Raum.
Als Berytos und Orleane gemeinsam über die Schwelle traten, glitten ein paar Blicke zu ihnen hinüber.
Sie spürte es sofort.
Berytos Blick glitt mit fast unsichtbarer Kürze über die Reihen der Sewamunder Delegation, wo tatsächlich bereits geflüstert und gemustert wurde. Auch unter den Coverniern und Methumisern hatte man sie bemerkt. Manche Gesichter zeigten bloß höfisches Interesse. Andere kalkulierten bereits die Bedeutung. Dareius Amarinto war noch nicht anwesend, noch nicht.
Vor ihnen war nun der Tisch erreicht, an dem Valerio ya Pirras und seine Gattin Nissara bereits Platz genommen hatten.
Berytos verneigte sich tief und tadellos.
„Baronet ya Pirras. Signora.“ Seine Stimme trug gerade weit genug, um von den Nächsten gehört zu werden, und blieb doch im angemessenen Rahmen. „Habt Dank für die Ehre Eurer Einladung.“
Dann geleitete er Orleane mit ausgesuchter Sorgfalt an ihren Platz, zog ihr den Stuhl zurück, wartete, bis sie saß, und nahm erst dann selbst zu ihrer Linken Platz.
Noch immer spürten sie einige Blicke auf sich ruhen.
Noch immer summte das Gespräch im Saal mit jener eigentümlichen Schärfe, die nur dort entstand, wo Politik, Etikette und Intrige sich gerade sichtbar berührten.
Berytos legte die Handschuhe neben seinen Teller und wandte den Kopf einen kaum merklichen Grad zu Orleane.
„Ihr hattet recht“, sagte er leise, gerade so, dass es nur für sie bestimmt war. „Diese wenigen Stunden werden nicht reichen.“
Ein schmales Lächeln.
„Aber für einen Anfang … scheint mir der Abend durchaus brauchbar.“