Briefspiel:Kaiserjagd/Rondra und Hesinde
Rondra und Hesinde
2. Firun 1046 BF abends, im zweiten Zeltlager
Autor: Gonfaloniere
„... und so sind es am Ende die Feder und das Schwert, die als Sinnbilder dieser vergleichenden Betrachtung gelten können. Rondra, die Kriegerin, steht ihrer Schwester Hesinde, der Gelehrten, gegenüber. Es sind zwei konträre Lebens-, Glaubens-, ja auch Problemlösungseinstellungen, für die sie stehen … die in der allgemeinen Wahrnehmung dennoch nicht als so gegensätzlich empfunden zu werden scheinen wie andere, deutlichere Dualismen. Nur wie tief greifen sie wirklich? Und sind sie gar ursächlich für Unterschiede, die etwa zwischen einer Kriegeradligen der Gerondrata und einem Studiosus der Universität von Methumis bestehen?“
Auricanius versuchte bei diesen letzten Worten seiner einleitenden Betrachtung den Blick über möglichst alle Anwesenden streifen zu lassen. Er hatte etwa Festo von Schreyen unter ihnen erkannt, der natürlich einem ebenso traditionell rondrianischen Haus entstammte wie er selbst … der jedoch … wie er selbst … auch der Gelehrtenschaft zugerechnet werden konnte, insofern er ihn richtig einschätzte. Überhaupt schien sich der 'Gegensatz', den er heute zu debattieren sich vorgenommen hatte, in manchem Anwesenden widerzuspiegeln.
Um zu verdeutlichen, dass seine Einleitung der philosophischen Betrachtung zu Ende und die Debatte gewissermaßen eröffnet war, griff der Praios-Geweihte dann nach dem Weinglas, das auf dem Tisch vor ihm stand.
Für einen Moment lag eine Aura der Unentschlossenheit über dem großen, halboffenen Zelt, das ihm auch heute wieder als 'Salon' diente.
Dann räusperte sich ein etwas untersetzter Adliger aus dem Süden des Reiches, der ein paar Götterläufe älter war als der gastgebende Geweihte. Es war Cavalliere Rondracor di Catto, den Auricanius – allerdings bisher nur flüchtig – auch schon von der Universität in Methumis her kannte.
Der erneut anwesende Timor d'Antara erhob sich höflich als er den eintretenden Rondracor erkannte. Sein Vater Phelizzio d'Antara war ein glühender Verehrer des Universalgelehrten, so waren mehrere Ausgaben und Kommentare von diesem stets Lesepflicht in dem noch jungen Adelshaus d'Antara gewesen. Doch neben seinen Schriften bewundert Timor besonders den Werdegang des Cavalliere, so war es Timor eine persönliche Freude auf eines seiner Vorbilder zu treffen.
„Wenn ich mich vorstellen darf“, begann Rondracor und tat dann ebendies gegenüber den im Zelt versammelten Jagdteilnehmern, bevor er sich schließlich inhaltlich – und primär an Auricanius gerichtet – äußerte.
„Monsignore, ihr spracht vom Unterschied zwischen der Arivorer Kriegeradligen, die zu Rondra hält, und dem methumischen Studiosus, der wohl die Herrin Hesinde verehrt. Und auch davon, dass dies ein Sinnbild ist … natürlich, denn ihr wart ja selbst Dozent der Universität, wie manchem hier bekannt sein dürfte. Dass die Zwölfgöttliche Schule des Herzogs Eolan nicht nur ein Hort der Hesindejünger ist, muss ich euch als allerletztem erläutern ...“
Auricanius nickte dem Älteren zustimmend zu und Rondracor fuhr fort: „Doch bleiben wir beim Sinnbild. Die Rondrianerin ist das Schwert in eurem Gleichnis, der Hesindejünger die Feder … oder im übertragenen Sinne der Verstand. Dass beide nicht dasselbe sind, ist offensichtlich …“
Weiter kam er nicht. Plötzlich stand er wie erstarrt und blickte auf den offenen, breiten Zugang zum Zelt ihm gegenüber.
Auricanius, der nicht nur den Worten Rondracors gefolgt war, sondern dabei auch seine Gestik und Mimik studiert hatte, folgte unvermittelt seinem Blick.
Vor dem Zelt war eine ganze Gruppe erschienen, zwei Gardisten voran, dahinter eine Hofdame und noch dahinter die grangorische Herzogin Heldora höchstselbst in Begleitung ihrer Tochter, der Prinzessin Larona. Die Herzogin musterte ganz offensichtlich für einen Moment die Anwesenden im Zelt. Auricanius versuchte auch ihrem Blick zu folgen. Er schien schließlich auf einem Gast zu verharren, dessen Anwesenheit Auricanius am Vorabend eine ganze Weile beschäftigt hatte: der kaiserlichen Falconiera Myryan Tharedion, die ihn auch heute höflich begrüßt, sich seither jedoch eher interessiert zuhörend gezeigt hatte.
Heldora betrachtete sie nur kurz, gab sodann der Hofdame vor ihr mit einem Nicken ein Zeichen, auf das diese nur zu warten schien.
„Die Zwölfe zum Gruße“, wandte sich Linara Pirialdo daraufhin an Auricanius, „meiner Herrin kam zu Ohren, dass es möglich sei, sich hier geistig zu ertüchtigen. Ist dem so?“
Auricanius rasten Gedanken durch den Kopf, doch er nickte etwas verunsichert: „Das will ich jedenfalls hoffen, ja.“
„Sehr gut“, nahm Linara die erwartete Antwort zur Kenntnis. „Seht ihr eine Möglichkeit, meiner Herrin … und ihrer Tochter … eine Teilhabe daran in einem ihrem Stande angemessenen Rahmen zu gewähren?“
Auricanius blickte sie für einen Moment ratlos an, sah sich dann aber unter den vorderen an der langen Tafel sitzenden Gästen um.
„Wenn es euch gefällt, nehmt diesen Stuhl“, kam ihm der junge Calvert ya Malachis zuvor und verbeugte sich vor Herzogin und Prinzessin, nachdem er aufgestanden war. Rasch folgten die neben ihm Sitzenden dem Beispiel.
Die Herzogin nickte ihrer Hofdame zu, die daraufhin zur Seite trat. Calvert selbst bot seinen Stuhl der wenige Jahre jüngeren Prinzessin an, die die Geste mit einem herzlichen Lächeln würdigte und sich von ihm sodann das Sitzmöbel zurechtrücken ließ.
Erst nachdem die hochadligen neuen Gäste zu ihrer Zufriedenheit zu sitzen schienen, getraute sich Auricanius endlich fortzufahren: „Willkommen an dieser Tafel, Hoheit, Comtessa, zum theologischen Disput über die Herrinnen Rondra …“ Er wies dabei auf die Hälfte des Tisches, die von einer halbschrittgroßen Statue der Göttin und weiteren Devotionalien aus überwiegend Arivorer Fertigung eingenommen wurde. „… und Hesinde.“ … deren Symbole die andere Hälfte einnahmen.
„Signor di Catto, wollt ihr mit euren Gedanken dazu fortfahren?“, wandte er sich schließlich an den durch die Ankunft der hochadligen Damen unterbrochenen Vorredner.
Timor d’Antara hatte sich wieder gesetzt, nachdem er – wie so viele andere – beim Eintritt der Herzogin und ihrer Tochter respektvoll aufgestanden war. Noch immer lag ein Hauch gespannter Erwartung über der Runde. Selbst das leise Klirren der Becher schien vorsichtiger geworden zu sein. Als Auricanius Rondracor di Catto das Wort zurückgeben wollte, zögerte dieser jedoch einen Augenblick. Vielleicht sammelte er seine Gedanken. Vielleicht ließ er auch bewusst Raum. Timor bemerkte es. Er wartete zunächst – ganz so, als wolle er sichergehen, dass kein Höhergestellter oder Gelehrter vor ihm sprechen wollte. Dann neigte er leicht den Kopf.
„Wenn es erlaubt ist … Monsignore?“
Seine Stimme war ruhig, doch deutlich zurückhaltender als noch am Vorabend bei seinem Wortbeitrag zu Firun und Tsa. Auricanius nickte ihm mit einem aufmunternden Lächeln zu. Timor verschränkte kurz die Hände auf dem Tisch, bevor er zu sprechen begann.
„Ich wage kaum, dem Cavalliere di Catto ins Wort zu fallen – zumal sein Ruf als Gelehrter bis nach Efferdas gedrungen ist und in meiner Familie den größten Respekt und Bewunderung genießt. Doch vielleicht darf ich einen Gedanken ergänzen.“
Er sah kurz zu der Rondra-Statue, dann zu den fein gearbeiteten hesindianischen Devotionalien.
„Es scheint mir, dass Rondra und Hesinde oft als Gegensatz verstanden werden, weil sie für unterschiedliche Wege stehen, Wahrheit zu suchen.“
Einige Köpfe wandten sich ihm zu.
„Die Rondrianerin sucht Wahrheit im Kampf. Im Ringen mit einem Gegner. In der Entscheidung des Augenblicks.“
Seine Stimme gewann ein wenig an Festigkeit.
„Der Studiosus hingegen sucht sie im Zweifel. Im Nachdenken. Im Abwägen.“
Ein kurzer Blick in Richtung der Prinzessin – nicht aufdringlich, eher prüfend, ob seine Worte Gehör fanden.
„Doch vielleicht“, fuhr er fort, „ist dies weniger ein Gegensatz als eine Frage der Reihenfolge.“
Er lehnte sich leicht vor.
„Denn auch der Krieger muss denken, bevor er zuschlägt. Und auch der Gelehrte braucht Mut, um zu einer Erkenntnis zu stehen.“
Nun sprach er merklich sicherer.
„Eine Feder ohne Entschlossenheit bleibt ein Spielzeug. Ein Schwert ohne Verstand wird zum Werkzeug blinder Zerstörung.“
Ein zustimmendes Murmeln ging durch Teile der Runde. Timor hob leicht die Hand, als wolle er das Bild weiter ausführen.
„Vielleicht sind Rondra und Hesinde daher nicht zwei einander widersprechende Prinzipien, sondern zwei Prüfungen desselben Menschen. Erst fragt Hesinde: Verstehst du, was du tust? Dann fragt Rondra: Wagst du, danach zu handeln?“
Er hielt kurz inne.
„In diesem Sinne wäre die Kriegeradlige von Arivor nicht das Gegenteil des methumischen Studiosus. Sondern vielleicht das, was aus ihm werden könnte – wenn er seine Erkenntnisse einmal im Leben bewähren muss.“
Jetzt erst bemerkte Timor selbst, wie selbstbewusst er gesprochen hatte. Ein leicht verlegenes Lächeln trat auf seine Lippen.
„Doch das ist nur die Betrachtung eines jungen Mannes, der mehr Zeit auf Werften und in Büchern als auf Schlachtfeldern verbracht hat.“
Er senkte respektvoll den Blick.
„Ich bitte den Cavalliere, fortzufahren.“